Zur Aufhebung der Ambiguität in den Narrativen von Influencern

Einleitung

Wenn man sich mit Social Media beschäftigt, bekommt man sehr häufig Analysen zu allen möglichen Themen, die mit umwerfendem Durchblick und scheinbarer Klarheit brillieren. Man hat das Gefühl, endlich einem Experten zuhören zu können, der sagt, wie es wirklich ist und keine Lügen oder Halbwahrheiten verbreitet.

Deshalb möchte ich mich hier mal mit einem willkürlich herausgenommenen Beispiel auseinandersetzen und versuchen zu klären, nach welcher Influencer-Logik dieser Text funktioniert und wie er auf das Social Media Publikum wirken soll.

Es gehört zu den eigentümlichen Phänomenen der Gegenwart, dass ausgerechnet dort, wo die Welt unübersichtlicher, widersprüchlicher und prozesshafter wird, Formen der Darstellung Konjunktur haben, die genau das Gegenteil versprechen: Eindeutigkeit, Übersicht und Richtung. Der Influencer ist in diesem Sinne weniger ein Produzent von Information als ein Verdichter von Welt. Er transformiert komplexe, offene Prozesse in geschlossene Erzählungen, die nicht primär durch ihren Wahrheitsgehalt überzeugen, sondern durch ihre Fähigkeit, Unsicherheit in Bedeutung zu verwandeln.

Das Narrative in der Botschaft vom 10. April 2026

„The U.S. military venture in the Middle East has culminated in a total strategic collapse, failing to achieve any core objectives such as regime change or the dismantling of Iran’s nuclear program. Instead, Washington was forced to yield to a 10-point ultimatum that recognizes Iran’s right to nuclear technology and mandates a full withdrawal of American combat forces. This retreat creates a massive power vacuum, effectively handing regional security and the keys to the global economy to Tehran. By securing exclusive control over the Strait of Hormuz, Iran has transformed a global chokepoint into private property, now charging transit fees for every vessel while the U.S. pays an effective annual „tribute“ of $64 billion just to maintain global oil flow.

The domestic fallout for the United States is equally catastrophic, with the conflict already draining $45 billion from the budget. This expenditure has fueled an economic „perfect storm,“ pushing inflation to 2.7% and causing GDP growth to stall at 2.2%, with a looming contraction on the horizon. To avoid the political suicide of high casualty counts before the elections, leadership is shifting focus away from this shameful retreat. Expect intensified pressure on a vulnerable Ukraine instead of the dictator Putin, using distractions like renewed talk of Greenland as smoke and mirrors to mask the end of „Pax Americana“ and the rise of a new Eastern-dominated global order.“

Analyse des Narratives

Am Beispiel dieses geopolitischen Beitrags, wie er etwa auf Plattformen wie Instagram kursiert, lässt sich diese Grundstruktur von Influencer-Logik besonders klar beobachten. Ein Geflecht aus militärischen, ökonomischen und politischen Dynamiken wird auf eine einzige Linie reduziert: Aufstieg und Fall, Sieg und Niederlage, Täter und Opfer. Die Vieldeutigkeit realer Prozesse verschwindet zugunsten einer Dramaturgie, die eher an ein Drehbuch erinnert als an Analyse. Gerade diese Form der Geschlossenheit ist es jedoch, die den Text anschlussfähig macht. Denn sie entlastet den Leser von der Zumutung, Widersprüche auszuhalten.

Auffällig ist dabei die eigentümliche Kombination aus Konkretheit und Vagheit. Zahlen, Summen, Prozentwerte treten mit großer Selbstverständlichkeit auf und erzeugen den Eindruck empirischer Fundierung. Zugleich bleiben ihre Herkunft und Einbettung unbestimmt. Es ist diese Mischung, die man als simulierte Expertise bezeichnen könnte: Die Form wissenschaftlicher Präzision ist präsent, während ihr methodischer Unterbau unsichtbar bleibt. Für den Rezipienten entsteht so der Eindruck, es handle sich um gesichertes Wissen, obwohl tatsächlich eine Deutung angeboten wird, die sich der Überprüfung weitgehend entzieht.

In psychologischer Hinsicht erfüllen solche Narrative eine klare Funktion. Sie reduzieren Ambiguität. Wo reale Prozesse sich durch Ungewissheit, Gegenläufigkeit und offene Zeitlichkeit auszeichnen, wird eine eindeutige Geschichte angeboten, die Anfang, Mitte und Ende kennt. Diese Struktur ist nicht zufällig, sondern entspricht einem grundlegenden Bedürfnis: dem Wunsch, Unbestimmtheit in verstehbare Zusammenhänge zu überführen. Der Influencer wird damit zu einer Instanz, die nicht nur informiert, sondern affektiv reguliert.

Besonders deutlich wird dies in jenen Momenten, in denen die Darstellung von der Beschreibung zur Enthüllung übergeht. Wenn von Ablenkung, Täuschung oder verborgenen Agenden die Rede ist, verschiebt sich der Text in eine zweite Ebene: Er beansprucht nun nicht nur, die Welt zu erklären, sondern sie zu entlarven. Für den Leser entsteht daraus ein spezifischer Gewinn. Er fühlt sich nicht mehr als passiver Beobachter, sondern als jemand, der „hinter die Dinge blickt“. Diese Form der Teilhabe an vermeintlich verborgenem Wissen besitzt eine nicht zu unterschätzende narzisstische Qualität.

In gewisser Weise lässt sich diese Dynamik auch als Analogie zu jener Erfahrung verstehen, die in der psychotherapeutischen Praxis immer wieder gemacht wird: dass psychische Wirklichkeit sich gerade nicht in eindeutigen Geschichten erschöpft, sondern im Spannungsfeld divergierender Kräfte entsteht. Während therapeutisches Arbeiten darauf zielt, diese Spannungen wahrnehmbar und bearbeitbar zu machen, bietet das Influencer-Narrativ ihre vorschnelle Auflösung an. Es ersetzt den Prozess durch das Ergebnis, die Bewegung durch das Bild.

Im Bereich der Psychotherapie würde das einer Reduktion eines emotionalen Erlebens auf ein einfaches psychogenetisches Erklärungsschema entsprechen: „Sie haben jetzt Schuldgefühle in Bezug auf ihr Verhalten gegenüber ihrer Freundin, weil sich Ihre Mutter damals in der Kindheit Ihnen gegenüber falsch verhalten hat.“ Der Strukturaspekt für das Auftreten der Schuldgefühle (Es vs. Überich Psychodynamik) wird übersprungen und vorschnell eine pseudo-plausible Erklärung für das aktuelle Erleben und damit Entlastung angeboten. Die anderen sind schuld, denn: in der Kindheit etwas falsch gelernt, deshalb jetzt irrationales Verhalten. Wenn das umgelernt wird, ist alles in Ordnung. Motto: Fertig ist die Laube. Oder wie man auf Englisch sagen würde: „Bob’s your Uncle.“ Die verkürzte psychotherapeutische Methode trägt bei zur falschen Gewissheit, die im wesentlichen entlastend wirkt, weil sie Ambiguität vermeiden hilft.

Gerade in dieser Verkürzung liegt jedoch auch die Fragilität dieser Logik. Denn wo Komplexität nicht wirklich integriert, sondern nur überdeckt wird, bleibt die Stabilität der gewonnenen Gewissheit prekär. Ähnlich wie ein biographisches Narrativ, das ohne tragfähige Struktur in eine Richtung ausschlägt: z.B. „Ich wurde traumatisiert.“, kann auch ein solches verkürztes Narrativ rasch an Überzeugungskraft verlieren, sobald widersprechende Erfahrungen auftreten. Die scheinbare Klarheit erweist sich dann als Momentaufnahme, nicht als tragfähige Orientierung.

Zusammenfassung

Der analytische Blick auf diese Formen der Darstellung eröffnet somit eine doppelte Perspektive. Einerseits wird sichtbar, wie Bedeutung unter den Bedingungen der digitalen Öffentlichkeit erzeugt wird. Andererseits zeigt sich, wie eng diese Prozesse mit grundlegenden psychischen Bedürfnissen verbunden sind. Der Influencer erscheint so weniger als manipulativer Akteur im engeren Sinne, sondern als Symptom einer kulturellen Lage. Wenn die die Fähigkeit, Ungewissheit und Unübersichtlichkeit auszuhalten, zunehmend unter Druck gerät und aufgrund der Komplexität der Ereignisse und Widersprüchlichkeit von Informationen als unaushaltbar erscheint, bieten solche vereinheitlichenden Narrative von Influencern (so wie früher die Formeln von Horoskopen) entlastende Übersichtlichkeit und einen Ersatz für fehlende Gewissheiten.

Weiterlesen: Wolfgang Albrecht, Psychotherapiepraxis in Berlin