Gedanken zur Dekonstruktion eines romantisierenden Gemeinschaftsgefühls

Einleitung Das Gemeinschaftsgefühl genießt in unserer Kultur einen bemerkenswert guten Ruf. Wer Gemeinschaft sucht, gilt als sozial. Wer sich für Gemeinschaft engagiert, gilt als verantwortungsbewusst. Wer Gemeinschaft fördert, arbeitet scheinbar für das Gemeinwohl. Gemeinschaft erscheint als Gegenmittel gegen Einsamkeit, Entfremdung, Narzissmus und gesellschaftliche Spaltung. Diese positive Bewertung wirkt so selbstverständlich, dass sie kaum noch hinterfragt … weiterlesen ›

Gedanken über die Domestizierung des Triebes und zur Kulturgeschichte der Dressur

Einleitung Der Begriff der Dressur evoziert im Alltagsverständnis meist das Bild von Zirkusarenen, staubigen Reitplätzen oder den konditionierten Abläufen moderner Hundeschulen. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht greift diese rein zoologische Definition jedoch zu kurz. Die Dressur ist kein bloßes Phänomen der Tierhaltung, sondern eine fundamentale Kulturtechnik. Sie fungiert als historischer Ausdruck einer Gesellschaft, die versucht, Natur – … weiterlesen ›

Über die Kritik vermeintlicher Selbstverständlichkeiten des Wahrnehmens, Denkens und Urteilens

Einleitung Was bedeutet eigentlich kritisches Denken? Die meisten Menschen würden vermutlich antworten, dass kritisches Denken bedeutet, Aussagen zu hinterfragen, Argumente zu prüfen oder Fehler in den Überzeugungen anderer Menschen aufzudecken. Kritik richtet sich dann auf politische Positionen, wissenschaftliche Theorien, religiöse Überzeugungen oder gesellschaftliche Institutionen. So wichtig diese Formen der Kritik sind, so selten richten sie … weiterlesen ›

Angebote zur Selbstdeutung am Beispiel von Schiller und Grönemeyer — Die Dialektik von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz im historischen Prozess

Einleitung Kulturen leben nicht allein von Institutionen, Gesetzen oder wirtschaftlichen Strukturen. Sie leben vor allem von Erzählungen. Diese Erzählungen beantworten nicht nur die Frage, wie die Welt beschaffen ist, sondern auch die Frage, wie wir uns selbst verstehen sollen und wollen. Die großen Texte einer Kultur wie die Odyssee oder das Neue Testament sind deshalb … weiterlesen ›

Gibt es wahre Freundschaft? — Über die Dialektik von Utopie und Methode

Einleitung Vor einiger Zeit stellte mir ein Patient eine scheinbar einfache Frage: „Gibt es wahre Freundschaft überhaupt? Oder läuft am Ende nicht jede Beziehung auf gegenseitigen Nutzen, auf Leistung und Gegenleistung hinaus?“ Die Frage war keineswegs neu. In unterschiedlicher Form begleitet sie die Menschheit seit der Antike. Neu war jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der die … weiterlesen ›

Nachfolge – Über die Kunst, bei sich selbst zu bleiben

Einleitung In diesem Beitrag geht es um einige unzeitgemäße Gedanken aus dem Bereich der Religionspsychologie. Auch auf die Gefahr hin, dass sie auf Unverständnis stoßen, möchte ich sie im Rahmen dieses Blogs teilen. Vielleicht besteht eine der größten Herausforderungen des modernen Menschen nicht darin, die Welt zu verändern, sondern bei sich selbst zu bleiben. Noch … weiterlesen ›

Über den Zusammenhang von Säkularisation und fallender Geburtenrate

Einleitung Der dramatische Rückgang der Geburtenraten gehört zu den folgenreichsten gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart. In nahezu allen industrialisierten Gesellschaften liegen die Geburtenzahlen inzwischen deutlich unterhalb des sogenannten Bestandserhaltungsniveaus. Selbst Staaten mit massiven familienpolitischen Förderprogrammen gelingt es kaum noch, diesen Trend dauerhaft umzukehren. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die Ursachen offenbar tiefer reichen als bloße ökonomische … weiterlesen ›

Die Bedeutung der Psychologisierung für die Erosion vertrauensvoller Beziehungen und die Dekonstruktion der Psychotherapie als Profession

Einleitung Die moderne Gesellschaft erlebt gegenwärtig eine eigentümliche Entwicklung. Während psychologische Begriffe, Modelle und Erklärungsmuster eine nie dagewesene Verbreitung erfahren, scheint zugleich das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen, institutionelle Autoritäten und selbst in die Psychotherapie als Profession zu erodieren. Psychologie ist längst nicht mehr auf therapeutische oder wissenschaftliche Kontexte beschränkt. Sie ist Bestandteil populärer Kultur geworden. … weiterlesen ›

Zur Psychologie des Bitcoin — Vom spekulativen Mythos zur infrastrukturellen Nüchternheit

Einleitung Kaum ein Phänomen der modernen Finanzgeschichte wurde so stark von Psychologie geprägt wie Bitcoin. Während klassische Währungen ihre Stabilität aus Staaten, Zentralbanken und militärisch-politischer Ordnung beziehen, entstand Bitcoin zunächst nahezu ausschließlich aus einem psychologischen Raum heraus: aus Misstrauen, Hoffnung, technologischer Faszination und der Sehnsucht nach Unabhängigkeit von bestehenden Institutionen. Gerade deshalb lässt sich Bitcoin … weiterlesen ›

Die Bedeutung des Life Drawings für Formbildung, Handlungskompetenz und Wahrheitsfindung

Einleitung Life Drawing (dt. Aktzeichnen) erscheint auf den ersten Blick als eine klassische Übung der bildenden Kunst: das Zeichnen oder Malen eines lebenden Modells zur Schulung von Wahrnehmung, Proportion und Ausdruck. Historisch galt es lange als Grundlage akademischer Kunstausbildung und wurde von Künstlern unterschiedlichster Richtungen praktiziert – von der Renaissance bis zur Moderne. Doch seine … weiterlesen ›