Der disziplinierte Beobachter — Über die Kunst, aus Beobachtungen Fragen statt Gewissheiten abzuleiten

Einleitung Wer im Alltag etwas beobachtet, eine politische Debatte verfolgt, zwei Menschen miteinander sprechen hört oder die Nachrichten liest, wird immer wieder auf dasselbe Phänomen stoßen: Menschen neigen dazu, aus Beobachtungen unmittelbar Schlussfolgerungen abzuleiten. Beobachtungen aus dem Alltag: Steigen Finanzanlagen im Preis, wird daraus die Erwartung weiterer Steigerungen abgeleitet. Berichtet jemand von einer schwierigen Kindheit, … weiterlesen ›

Gedanken über die Domestizierung des Triebes und zur Kulturgeschichte der Dressur

Einleitung Der Begriff der Dressur evoziert im Alltagsverständnis meist das Bild von Zirkusarenen, staubigen Reitplätzen oder den konditionierten Abläufen moderner Hundeschulen. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht greift diese rein zoologische Definition jedoch zu kurz. Die Dressur ist kein bloßes Phänomen der Tierhaltung, sondern eine fundamentale Kulturtechnik. Sie fungiert als historischer Ausdruck einer Gesellschaft, die versucht, Natur – … weiterlesen ›

Die Zukunft einer Illusion — Über Psychoanalyse, Freud, Dostojewskij und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Einleitung Als Sigmund Freud 1927 seine Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ veröffentlichte, richtete sich seine Kritik gegen die Religion. Religiöse Vorstellungen erschienen ihm als psychische Konstruktionen, die weniger aus Erkenntnis als aus menschlichen Wünschen hervorgegangen seien. Der Mensch sehne sich nach Schutz, Orientierung und Gerechtigkeit in einer Welt voller Leid, Zufall und Vergänglichkeit. Die Religion … weiterlesen ›

Über die Kritik vermeintlicher Selbstverständlichkeiten des Wahrnehmens, Denkens und Urteilens

Einleitung Was bedeutet eigentlich kritisches Denken? Die meisten Menschen würden vermutlich antworten, dass kritisches Denken bedeutet, Aussagen zu hinterfragen, Argumente zu prüfen oder Fehler in den Überzeugungen anderer Menschen aufzudecken. Kritik richtet sich dann auf politische Positionen, wissenschaftliche Theorien, religiöse Überzeugungen oder gesellschaftliche Institutionen. So wichtig diese Formen der Kritik sind, so selten richten sie … weiterlesen ›

Über die Frage nach der Indikation zur Psychoanalyse – Eine Zusammenfassung und kritische Einordnung von Freuds Überlegungen zu diesem Thema

Einleitung Die Frage nach der Indikation gehört zu den ältesten und zugleich schwierigsten Fragen der Psychotherapie. Wer soll behandelt werden? Unter welchen Voraussetzungen ist eine Therapie erfolgversprechend? Und woran lässt sich erkennen, ob ein bestimmtes Verfahren für einen bestimmten Menschen geeignet ist? Sigmund Freud hat diese Fragen nie in einem eigenständigen systematischen Werk behandelt. Seine … weiterlesen ›

Freie Assoziation und gleichschwebende Aufmerksamkeit im Lichte der Tugend, sich überraschen zu lassen

Einleitung Zu den bekanntesten methodischen Grundsätzen der Psychoanalyse gehören die freie Assoziation auf Seiten des Patienten und die gleichschwebende Aufmerksamkeit auf Seiten des Analytikers. Beide Begriffe werden häufig als technische Instrumente verstanden, die dazu dienen sollen, unbewusste Konflikte, verdrängte Erinnerungen oder verborgene Bedeutungszusammenhänge aufzudecken. Diese Sichtweise ist nicht falsch, greift jedoch zu kurz. Betrachtet man … weiterlesen ›

Karl Kraus als Herausforderung für die Psychoanalyse — Über Reduktionismus, Heuristiken und die Grenzen psychologischen Verstehens

Einleitung Als Karl Kraus (1874-1936) über die Psychoanalyse spottete, sie sei jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich halte, zielte seine Kritik vermutlich weniger auf einzelne Theorien als auf eine bestimmte geistige Haltung, die er bei den Psychoanalytikern seiner Zeit vermutete. Die Psychoanalyse erschien ihm als Versuch, die Komplexität menschlichen Lebens mit einer gewissen neurotischen … weiterlesen ›

Gedanken über die Verwendung des Begriffs der „Operationalisierung“

Einleitung Der Begriff der Operationalisierung gehört zu den Standardbegriffen wissenschaftlichen Arbeitens. In Lehrbüchern wird er meist definiert als die Übersetzung theoretischer Begriffe in beobachtbare und überprüfbare Merkmale. Oft entsteht dabei der Eindruck, Operationalisierung sei ein Garant für Objektivität und Wissenschaftlichkeit. Diese Vorstellung greift jedoch zu kurz. Denn die Funktion einer Operationalisierung hängt wesentlich davon ab, … weiterlesen ›

Gedanken zu Vergangenheitsorientierung, Gegenwartsorientierung und Zukunftsorientierung in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie

Einleitung Die moderne Psychotherapie beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Kindheitserfahrungen, infantile Konflikte, Symbiose und Individuation, Bindungserfahrungen, Traumata, Prägungen und Beziehungsgeschichten rund um Eifersucht und Rivalität gelten als wichtige Schlüssel zum Verständnis psychischer Probleme. Diese Perspektive ist zweifellos berechtigt. Niemand entwickelt sich im luftleeren Raum. Jeder Mensch trägt die Spuren seiner Geschichte in sich. Dennoch … weiterlesen ›

Angebote zur Selbstdeutung am Beispiel von Schiller und Grönemeyer — Die Dialektik von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz im historischen Prozess

Einleitung Kulturen leben nicht allein von Institutionen, Gesetzen oder wirtschaftlichen Strukturen. Sie leben vor allem von Erzählungen. Diese Erzählungen beantworten nicht nur die Frage, wie die Welt beschaffen ist, sondern auch die Frage, wie wir uns selbst verstehen sollen und wollen. Die großen Texte einer Kultur wie die Odyssee oder das Neue Testament sind deshalb … weiterlesen ›