Die Zukunft einer Illusion — Über Psychoanalyse, Freud, Dostojewskij und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Einleitung Als Sigmund Freud 1927 seine Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ veröffentlichte, richtete sich seine Kritik gegen die Religion. Religiöse Vorstellungen erschienen ihm als psychische Konstruktionen, die weniger aus Erkenntnis als aus menschlichen Wünschen hervorgegangen seien. Der Mensch sehne sich nach Schutz, Orientierung und Gerechtigkeit in einer Welt voller Leid, Zufall und Vergänglichkeit. Die Religion … weiterlesen ›

Überlegungen zu Kompensationsformen bei der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit — Eine phänomenologische Annäherung

Einleitung Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gehört zu den grundlegenden Spannungsverhältnissen menschlicher Existenz. Sie zeigt sich in individuellen Lebensentwürfen ebenso wie in beruflichen Entwicklungen, in Beziehungen ebenso wie in gesellschaftlichen und kulturellen Selbstbildern. Diese Diskrepanz entsteht nicht allein aus innerpsychischen Idealen, sondern wesentlich im sozialen Raum. Ansprüche werden sowohl vertikal vermittelt – etwa durch … weiterlesen ›

Zur zeitlichen Struktur der Wahrnehmung: Wenn Muster der Wirklichkeit hinterherhinken oder ihr vorauseilen.

Einleitung Psychotherapie ist in hohem Maße auf Mustererkennung angewiesen. Symptome werden als Ausdruck bestimmter Dynamiken verstanden, Verhaltensweisen in bekannte Kategorien eingeordnet, und aus der Wiedererkennbarkeit solcher Muster entstehen diagnostische Sicherheit und therapeutische Orientierung. Diese Fähigkeit zur Musterbildung ist eine grundlegende Voraussetzung professionellen Handelns – und zugleich eine potenzielle Quelle von Fehlwahrnehmung. Denn Muster verändern sich … weiterlesen ›

Himmel und Hölle im Forschungslabor — Kafkas und Calhouns Arbeiten über die Notwendigkeit von Spannung und Vermittlung

Einleitung In diesem Beitrag geht es um die Fragen: Was geschieht mit einem System, wenn ihm jede Herausforderung genommen wird? Und: Was geschieht mit einem Individuum, wenn es keiner Herausforderung mehr trauen kann? Dies soll anhand der Arbeiten von Franz Kafka und John Calhoun näher untersucht werden. Auf den ersten Blick verbindet den Schriftsteller Franz … weiterlesen ›

Spaltungsmechanismen in der Massenpsychologie

Einleitung In diesem Beitrag über Massenpsychologie möchte ich mich vor allem mit dem Mechanismus der Spaltung beschäftigen. Um dies besser einordnen zu können, möchte ich zunächst auf die wesentlichen -Autoren auf dem Gebeit der Massenpsychologie eingehen. Die Massenpsychologie entwickelt sich im 19. und 20. Jahrhundert an der Schnittstelle von Philosophie, Soziologie, Psychologie und politischer Theorie. … weiterlesen ›

„Instant-Experten“ – Social Media als moderner Goldrausch zur Vermittlung von illusionären Kompetenzen

Einleitung In den letzten Jahren hat Social Media die Art und Weise, wie Menschen lernen und Wissen konsumieren, grundlegend verändert. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube versprechen in Minuten, ja in Sekunden, Fähigkeiten zu vermitteln, für die früher Jahre intensiver Übung nötig waren: „Spiele Klavier in einem Wochenende“, „Lerne Spanisch in 10 Minuten täglich“, „Zeichne … weiterlesen ›

Georg Heym — latente Todessehnsucht und der Zeitgeist der Dekadenz

Einleitung Jede historische Epoche prägt nicht nur das öffentliche Leben, die Kunst und die Politik, sondern wirkt tief in das individuelle Bewusstsein ihrer Zeitgenossen hinein. Oft geschieht dies unbewusst: Dichter, Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle übernehmen Strömungen, Stimmungen und Sehnsüchte ihrer Epoche, ohne sich deren volle Wirkung bewusst zu sein. In der Rückschau ist es vergleichsweise … weiterlesen ›

Zur Mensch-Maschine-Kommunikation: paranoide Phantasien und medienkritische Einwände

Abstract Die Begegnung mit Künstlicher Intelligenz löst nicht nur technische oder ethische Fragen aus – sie aktiviert auch tief verwurzelte psychische Muster. Menschen erleben KI häufig wie einen distanzierten, korrekt-agierenden, aber emotional schwer lesbaren Beziehungspartner. Dieses Erleben ähnelt schizoiden Beziehungsstilen: präzise, zuverlässig, aber ohne Affektresonanz. Solche Begegnungen erzeugen Unsicherheit und interpretativen Druck – und führen … weiterlesen ›

Narrative als anthropologisches Erbe

Einleitung Religiöser Glaube bindet sich selten an abstrakte Ideen, sondern fast immer an Inhalte, Bilder und Geschichten: Exodus, Passion, Auferstehung, Schöpfungsmythen etc. Der Mensch glaubt nicht primär an Dogmen, sondern an Narrative, die Sinn, Trost, Hoffnung, Orientierung und Identität stiften. Dieser Beitrag knüpft an den Beitrag über religiösen Glauben an und fragt implizit, ob es … weiterlesen ›

Versuch über Bescheidenheit als vergessener Kardinaltugend unserer Zeit

Einleitung Die Gegenwart steht im Zeichen der Steigerung. Konflikte eskalieren, Diskurse verhärten sich, Lebensweisen überfordern Körper und Psyche, politische Debatten zerfallen in Schlagworte, und selbst Wahrheit scheint zur Verfügungsmasse konkurrierender Narrative geworden zu sein. Inmitten dieser Dynamiken wirkt ein Begriff beinahe anachronistisch: Bescheidenheit. Und doch könnte gerade sie jene vergessene Kardinaltugend sein, die einen Ausweg … weiterlesen ›