Versuch über das Böse

Die Bestimmung des Bösen aus psychologischer Sicht ist ein komplexes Unterfangen, weil das Böse vor allem auch ein sozial-psychologisches Phänomen darstellt und vermutlich von keiner Fachdisziplin einseitig positivistisch bestimmt werden kann. Deshalb sind die folgenden Gedanken als ein Versuch zu verstehen, sich an das Verständnis des Bösen interdisziplinär heranzuarbeiten.

Im Rahmen eines ersten Versuchs will ich mich an dieser Stelle nur mit dem bösen Handeln innerhalb von toxischen Beziehungen, von desintegrierten Einzelnen oder radikalisierten Minoritäten wie z.B. Sekten beschäftigen, was mit dem Begriff des identifizierten Bösen bestimmt werden soll. Phänomene und Motive des strukturellen Bösen, wie sie uns in der Geschlechterspannung (dem Hass der Frauen auf die Männer und dem Hass der Männer auf die Frauen), der destruktiv-aggressiven Triebstruktur als conditio humana, der gesellschaftlichen Hackordnung, dem unbedingten Willen, Macht über andere ausüben zu müssen, hasserfüllten politischen Interessenkonflikten und Herrschaftsverhältnissen, existenzbedrohlichen ökonomischen Ausbeutungsverhältnissen, religiös-gesellschaftlichen Opferritualen vom Kannibalismus über Beschneidung bis hin zum Mobbing werden in diesem Text eher ausgeklammert oder bestenfalls gestreift. Ebenso wenig wird der Zusammenhang von gesellschafts-politischem Gestaltungswillen und Destruktivität bzw. Hass beleuchtet oder das Kultivieren von Ressentiments zur Einschüchterung und ideologischen Identitätsstiftung der eigenen sozialen Gruppe.

Wenn wir böse Taten oder Absichten Einzelner betrachten, fällt als erstes ins  Auge, dass es sich um eine Form destruktiver Aggression handelt, die darauf abzielt, anderen Lebewesen/Tieren/Menschen Schaden zuzufügen, nicht selten sie zu quälen oder herabzuwürdigen, letzten Endes ihren Tod anzustreben oder zumindest in Kauf zu nehmen. Beliebte Spielformen des Bösen sind sexueller oder emotionaler Missbrauch, Herabwürdigung nahestehender Menschen in toxischen Beziehungen, Betrug, Verfolgung Andersdenkender, Diskriminierung von Menschen, die als andersartig oder schwach empfunden werden. Phänomene von Einschüchterung von Untergebenen, Mobbing, Bossing etc. sind zwar angrenzend, aber gehören mehr zum Bereich des strukturellen Bösen, weshalb ich an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen möchte.

Der einzelne Täter z.B. als Amok-Läufer – als der „böse Mensch“ par excellence – ist einerseits respektlos und rücksichtslos, andererseits meint er aus seiner subjektiven Perspektive heraus, aufgrund von Ungerechtigkeiten anderer, seine bösen Taten zurecht begehen zu müssen oder zu dürfen. Es kann sein, dass er Opfer einkalkuliert, um das vermeintlich Gute (in seinem Sinne) erzwingen zu können, dass er sich Respekt verschaffen möchte, ebenso dass er aus Ressentiment seine Opfer beseitigen möchte, weil er sie seinerseits als Verkörperung des Bösen ansieht.

Was als böse betrachtet wird, ist also sowohl vom gesellschaftlichen Kontext wie auch von subjektiven Bewertungen nicht unabhängig zu betrachten. Allerdings muss unterstellt werden, dass überwertiges Geltungsstreben, Herrschsucht, Mordlust oder Lust zum Quälen nicht selten rationalisiert werden mit politischen, rassistischen oder sexistischen Begründungen, die zur sekundären Rechtfertigung dienen sollen.

Aus den Biographien von Tätern, die keinen strukturellen Rahmen für ihr böses Tun haben, kann man nachvollziehen, dass es sich um Menschen handelt, die einerseits als Anlagefaktoren über eine gesteigerte Form von Aggressivität, eine unterentwickelte emotionale Intelligenz, verminderte oder nicht vorhandene Empathie, aufgeblähten Narzissmus verfügen und die andererseits bestimmte Kränkungen zu verarbeiten hatten. Sei es, dass sie in sozialen Gruppen Zurückweisung erlebt haben oder ihnen wesentliche Lebensziele (wie z.B. ein eigenes Kind, ein anerkannter Beruf etc.) versagt blieben. Die Kette von Kränkungen in der persönlichen Biographie kann bereits in der Familie beginnen und kann sich später auf soziale peergroups im Jugendalter erstrecken. Aber auch im Rahmen von beruflichen Gruppen, Akademien, Freizeitgruppen wie Sportvereinen können sich kränkende Ausgrenzungen oder biographisches Scheitern manifestieren. Entsprechende Kränkungen können aber auch dadurch ausgelöst werden, dass eine soziale Gruppe, der der Täter einmal voll Stolz angehörte, durch eine gesellschaftliche Veränderung dramatisch an Ansehen verloren hat und er sich jetzt eher rechtfertigen und schämen muss, ein Mitläufer gewesen zu sein. In jedem Fall leitet der böse Mensch aus Kränkungen, Ungerechtigkeiten verschiedenster Art die Berechtigung ab, sich rächen zu dürfen oder sogar rächen zu müssen. Entscheidend dabei ist, dass diese Vorstellungen nicht flüchtig auftreten, sondern dass es vielmehr zu einer Fixierung auf diese Ideen kommt, sodass die Verwirklichung boshafter Ideen letztlich als subjektiv zwingend notwendig angesehen wird. Niederträchtige Menschen haben das Gefühl, dass ihnen mehr Anerkennung zusteht als ihnen zuerkannt wird. Diese Lücke meinen sie durch böse Taten schließen zu dürfen und im Sinne einer festen Überzeugung mit Vorsatz letztendlich schließen zu müssen.

Wenn Aggressionen dazu dienen, den Sozialstatus im Rahmen von gesellschaftlichen Hierarchien zu regulieren, so kann man schlussfolgern, dass Menschen an der Spitze der Pyramide ihre Aggressionen nahezu ungehindert (nicht zuletzt durch die Anwendung struktureller Macht) ausleben wollen/können/dürfen, während Menschen, deren Sozialstatus sehr gering ist, ihre Aggressionen weitgehend unterdrücken müssen.

Abgelehnte Menschen, die frustriert und deshalb aggressiv sind, werden daher ein größeres Konfliktpotential aufbauen. Menschen an der Spitze der sozialen Pyramide werden in der Regel weniger frustriert sein und deshalb weniger Aggressionen aufbauen, zumal sie diese auch noch leichter abreagieren können und im Rahmen struktureller Gewalt ihre Macht verantwortungslos zu boshaftem Tun missbrauchen können.

Nicht zu unterschätzen ist deshalb die wichtige Unterscheidung zwischen dem strukturell Bösen, das durch gesellschaftlich mutwillig angeeignete, verliehene oder aufgrund von Schwäche der Massen zugestandene Macht häufig kaschiert ausgeübt wird und dem identifizierten Bösen, das als Anmaßung einzelner oder einer kleinen Randgruppe von der Mehrheitsgesellschaft als illegitim empfunden und abgelehnt wird. Das strukturell Böse gilt als gesellschaftlich legitimiert. Wer damit nicht zurechtkommt, kassiert gewöhnlich die Diagnose: depressives Erleben. Die Schwächung der Opfer wird nicht als Folge des strukturell Bösen gewürdigt sondern als deren Krankheit. Auf den Unterschied zwischen dem strukturell Bösen und dem identifizierten Bösen möchte ich hier im Rahmen dieses Blog-Beitrags aber nicht weiter eingehen. Deshalb beziehe ich mich im Weiteren nur auf das Phänomen des identifizierten Bösen.

Der Aggressionsstau bei den Unterpriviligierten, den sozial nicht oder schlecht Integrierten, ist deshalb zunächst eine besondere Herausforderung, dem vor allem das Verstehen gelten muss. Dies vor allem auch dann, wenn sich vemeintlich oder auch tatsächlich Unterpriviligierte zusammenrotten und versuchen, ihre Ressentiments durch gemeinsames böses Treiben auszuleben und sich dafür ihre geeigneten schwachen Opfer suchen.

Was macht die hierbeschriebenen Täter zu potentiell bösartigen Menschen? Sicherlich wird ein Mensch, der keine soziale Anerkennung findet, zu Depressionen neigen und dazu tendieren, sich im Extremfall sogar zu suizidieren. Die böse Tat oder die böse Haltung eines Menschen muss deshalb in erster Linie als Auflehnung gegen den drohenden Suizid oder den drohenden psychischen Zusammenbruch verstanden werden. Böse Taten enden in der Regel ja auch manchmal tatsächlich mit dem kalkulierten Suizid der Täter. Eine Sonderform bösen Tuns ist der erweiterte Suizid, bei dem jemand aufgrund von gesellschaftlichem Scheitern sich nicht einfach selbst tötet, sondern den eigenen Tod durch den Mord an vielen unschuldigen Opfern selbst noch einmal zu einem Fanal macht. Böse Taten können auch durch den sozialen Tod enden, indem der Täter kalkuliert, für den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Aber er tut dies mit dem Bewusstsein, dass er sich für die Verwirklichung seiner Ideen märtyrerhaft geopfert hat. In all diesen Fällen findet eine sado-masochistische Selbstaufwertung statt, die vorangegangene Kränkungen kompensieren soll. Im Rahmen eines psycho-dynamischen Konfliktmodells könnte man sagen, dass es sich in diesen Fällen des Bösen um einen Kompromiss handelt zwischen dem Suizid und dem Impuls eines existenziellen Exhibitionismus mit dem Wunsch nach finaler Anerkennung oder zumindest Aufmerksamkeit.

Die Figur des bösen Menschen, der erst durch unverarbeitete soziale Ausgrenzung zum Rächer wird, ist z.B. literarisch von Wolfram von Eschenbach in der Figur des Klingsor paradigmatisch geschrieben worden. Insofern könnte man diese Form des identifizierte Bösen, wenn es beim Einzelnen quasi pathologisch auftritt, auch als Klingsor-Syndrom bezeichnen.

Von der Genese des Bösen durch Ausgrenzung sind aber nicht nur die offensichtlich Unterpriviligierten betroffen. Auch ein tyrannischer Herrscher (oder eine Herrscherkaste) kann sich zurückgewiesen fühlen, nicht zuletzt vom eigenen Volk. Aus dem daraus erwachsenen Aggressisonsstau können Herrscher Machtmittel einsetzen, um Oppositionelle unter Druck zu setzen, sie auszugrenzen zu quälen, einzusperren oder zu beseitigen. Der Machterhalt wird im Rahmen dieses Kalküls zum Motiv, dem dann alle Mittel recht sind.

Noch ein Hinweis auf das böse Handeln von Narzißten. Im Gegensatz zum ausgestoßenen bösen Menschen treffen wir viel häufiger auf Menschen, die eine starke suggestive Wirkung auf andere haben, aber verantwortungslos bzw. gewissenlos damit umgehen. Wer einmal für sich herausgefunden hat, dass er andere beliebig manipulieren kann, ist stark gefährdet, dieser Sucht zu verfallen. Es ist für Narzißten insbesondere unter der Maske des Gutmenschen einfach zu leicht, der Lust zur Manipulation, die sich jede Lüge, Intrige etc. bedient, weiter nachzugehen. Diese Form der Bösartigkeit kommt häufig im Rahmen von sozialen Beziehungen, Institutionen, Sekten etc. vor. Wenn diese Form des Narzißtisch-Bösen sich vermischt mit dem Motiv, sich für vermeintlich mangelhaften Respekt rächen zu müssen oder im Dienste einer höheren Ordnung, Opfer vollziehen zu müssen, haben wir es mit einer sehr gefährlichen Mischung zu tun, weil sich das böse Handeln aus zwei voneinander unabhängigen Quellen speist, die sich gegenseitig verstärken.

Gibt es Mittel zur Gegenwehr? Kann man dem Bösen beim Einzelnen etwas entgegensetzen? Es ist offensichtlich, dass unterentwickelter oder aufgeblähter Narzissmus, Unreflektiertheit, Gewissenlosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Empathiemangel, mangelhafte emotionale Intelligenz, Selbst-Idealisierung, Selbst-Isolierung oder Fremd-Ausgrenzung wesentliche Komponenten zur Entwicklung hin zum Bösen darstellen und Aggressionsstau im Sinne überwertiger destruktiver Aggressivität verstärken. Latenter Ärger oder latente Wut werden vor allem auch deshalb zum Nährboden des Bösen, weil die damit verbundenen Kränkungen, Ungerechtigkeiten, bösartigen Ansichten und Absichten zur vermeintlichen Gegenwehr nicht mehr im offenen Austausch verhandelt werden, sondern nur noch im Rahmen von eigenbrötlerischem Grübeln existieren bzw. innerhalb von geschlossenen Subkulturen zirkulieren. Diese widmen sich dann einseitig der Pflege von Ressentiments, Ausarbeitung von Feindbildern bzw. dienen zur  gegenseitigen Bestärkung der Legitimität von perversen Befriedigungsformen, die letztlich in dem Zwang zur Vernichtung der vermeintlichen Feinde gipfelt.

Symbiotische bzw. sektiererische Sozialstrukturen stellen somit immer einen Nährboden für das Böse dar. Im Gegensatz dazu werden konfrontativ-sozialintegrative Prinzipien einer offenen Gesellschaft, die Ausgrenzung möglichst zu minimieren oder zu vermeiden sucht, ohne Intoleranten zu viel Toleranz zubilligen zu wollen, am ehesten geeignet sein, das Böse beim Einzelnen in Schach zu halten. Was dies so schwierig macht, ist vor allem, dass die Opfer der bösen Menschen meist zu gutgläubig und naiv sind und sich deshalb gar nicht vorstellen können, zu welcher extremen Niedertracht Menschen fähig sind. Leider führt auch an dieser Stelle der unreflektierte Schluss  der naiven Menschen von sich auf andere in die Irre. Zumal Menschen, die Böses in sich tragen, meist in hervorragender Weise dazu in der Lage sind, ihre wahren Beweggründe und Absichten so lange zu verbergen bis ihre Opfer von deren Harmlosigkeit und Gutartigkeit restlos überzeugt sind. Erst dann, wenn es zu spät ist, lassen sie ihre Maske des Gutmenschen fallen.

Nicht zuletzt trägt selbstverständlich auch der von bösen Dämonen heimgesuchte Einzelne wesentlich bei zu möglichen Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden können und sollten. Als Unterprivilegierter, sozial abgelehnter oder Ausgestoßener sollte er sich fragen, ob eine Fixierung auf Ressentiments und Rachephantasien ihm nicht viel mehr selbst schaden als nützen. Als ein Mensch, dem es leicht fällt, andere in seinen Bann zu ziehen, sollte er sich fragen, ob die Chance des Gewissens ihm nicht doch helfen könnte, mit seinen Talenten verantwortungsvoller umzugehen, um nicht in der Sackgasse des Narzißtisch-Bösen verblendet zu enden.