Einleitung
Die Frage nach dem Bösen gehört zu den ältesten Fragen der Menschheit. Religionen, Philosophie, Literatur und Psychologie haben immer wieder versucht zu verstehen, warum Menschen anderen Menschen Leid zufügen, sie demütigen, ausbeuten, quälen oder vernichten. Dabei wird das Böse häufig als besondere Eigenschaft bestimmter Menschen verstanden: als Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, Gewissenlosigkeit oder Hass.
Eine psychologische Betrachtungsweise muss jedoch vorsichtig sein. Sobald Menschen als „die Bösen“ bezeichnet werden, entsteht die Gefahr, sie nicht mehr verstehen zu wollen. Das Böse wird dann zu einer moralischen Kategorie, die zwar Empörung ermöglicht, aber wenig zur Erklärung beiträgt.
Dieser Essay verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Er fragt nicht primär danach, welche Menschen böse sind, sondern welche psychologischen Prozesse dazu führen, dass Menschen destruktiv werden. Dabei soll das Böse als eine besondere Form von Negativität verstanden werden, die nicht mehr der Entwicklung, der Kritik oder der Veränderung dient, sondern auf die Zerstörung von Beziehungen, Institutionen, Lebensentwürfen und Sinnzusammenhängen gerichtet ist.
Nicht jede Negation ist destruktiv. Kritik kann Irrtümer korrigieren. Aggression kann Grenzen setzen. Protest kann auf Missstände aufmerksam machen. Selbst die Zerstörung bestehender Verhältnisse kann notwendig sein, wenn sie der Entstehung neuer und besserer Formen dient.
Problematisch wird Negation erst dann, wenn sie sich von jeder Formbildung ablöst. Der Mensch bekämpft dann nicht mehr das Fehlerhafte, um etwas Besseres hervorzubringen, sondern entwickelt eine Fixierung auf die Verneinung selbst. Er definiert sich über Ressentiment, Hass, Demütigung, Entwertung oder Vernichtung. Die Zerstörung wird zum Selbstzweck.
In diesem Sinne könnte man das Böse als eine Radikalisierung des Negativismus verstehen.
Der Begriff des Negativismus bezeichnet dabei nicht bloß eine kritische Haltung, sondern die Tendenz, sich zunehmend von konstruktiven Beziehungen zur Wirklichkeit abzuschneiden. Menschen, die dieser Dynamik verfallen, verlieren die Fähigkeit, zwischen Kritik und Vernichtung, zwischen Widerstand und Hass, zwischen Selbstbehauptung und Rache zu unterscheiden. Die Verneinung beginnt ein Eigenleben zu führen.
Aus psychologischer Sicht tritt diese Entwicklung in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Sie kann aus narzisstischen Kränkungen entstehen, aus Ressentiments, aus sozialer Ausgrenzung, aus Machtphantasien, aus ideologischer Verblendung oder aus dem Versuch, Depression, Ohnmacht und Selbstzweifel durch Hass zu überwinden.
Die folgenden Überlegungen sollen deshalb nicht das Böse definieren, sondern verschiedene Wege beschreiben, auf denen Menschen in die Sackgasse eines destruktiven Negativismus geraten können. Literarische Figuren wie Klingsor oder Macbeth, der Rattenfänger von Hameln, der Amokläufer oder der falsche Helfer dienen dabei nicht als Diagnosen, sondern als idealtypische Verdichtungen menschlicher Möglichkeiten.
Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, warum Menschen negativ denken, sondern warum sie aufhören, neue Formen hervorzubringen.
Denn wo Formbildung endet, beginnt häufig die Herrschaft des Ressentiments. Und wo Ressentiment zur zentralen Quelle der Selbstdefinition wird, erscheint das Böse nicht mehr als Ausnahme, sondern als eine jederzeit mögliche Versuchung menschlicher Existenz.
Zur Abgrenzung des Individuellen Bösen vom strukturellen Bösen
Neben den Erscheinungsformen des individuell motivierten Bösen gibt es Formen der Destruktivität, die nicht primär aus den Motiven einzelner Menschen hervorgehen, sondern aus sozialen, politischen und institutionellen Strukturen. In diesen Fällen steht weniger die Frage nach den Beweggründen einzelner Täter im Vordergrund als vielmehr die Frage, welche Bedingungen destruktives Handeln begünstigen, legitimieren oder sogar belohnen.
Neben den Erscheinungsformen des individuell motivierten Bösen existieren Formen der Destruktivität, die weniger aus den Motiven einzelner Menschen als vielmehr aus sozialen, politischen und institutionellen Strukturen hervorgehen. In diesen Fällen steht nicht die Persönlichkeit des Täters im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie soziale Systeme destruktives Verhalten hervorbringen, fördern oder legitimieren können.
Hierzu zählen beispielsweise ideologisch aufgeladene Feindbilder, politische und religiöse Herrschaftssysteme, Formen ökonomischer Ausbeutung, gruppendynamische Ausgrenzungsprozesse sowie institutionelle Machtverhältnisse, die Menschen dazu verleiten können, Verantwortung an die Struktur zu delegieren. Solche Phänomene lassen sich nur teilweise psychologisch erklären. Sie erfordern zugleich sozialpsychologische, historische und gesellschaftstheoretische Betrachtungen.
Eine wichtige Übergangsform zwischen individuellem und strukturellem Bösen beschrieb Hannah Arendt mit dem Begriff der „Banalität des Bösen“. Gemeint ist damit nicht das spektakuläre Böse des fanatischen Täters, sondern die Gedankenlosigkeit gewöhnlicher Menschen, die sich an destruktiven Handlungen beteiligen, weil diese als normal, notwendig oder beruflich geboten erscheinen. Das Böse tritt hier nicht in Gestalt besonderer Grausamkeit auf, sondern als Mangel an Urteilskraft und persönlicher Verantwortung.
Während das individuell motivierte Böse häufig aus Ressentiment, Hass, Rachebedürfnissen oder Machtphantasien gespeist wird, beruht das strukturelle Böse oft auf Konformitätsdruck, Opportunismus, Autoritätsgläubigkeit und der Bereitschaft, moralische Verantwortung an Institutionen abzugeben.
Menschen, die sich innerhalb destruktiver sozialer Strukturen beteiligen, würden sich unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen möglicherweise anders verhalten. Gerade deshalb darf die Analyse des Bösen nicht bei den Eigenschaften einzelner Personen stehen bleiben, sondern muss auch die Strukturen untersuchen, die destruktives Handeln ermöglichen, belohnen oder unsichtbar machen.
Erscheinungsformen des Bösen aufgrund einer individuellen Motivationslage
Wenn man böse Taten oder Absichten einzelner betrachtet, fällt oberflächlich ins Auge, dass es sich um eine Form indiviudell motivierter destruktiver Aggression handelt, die darauf abzielt, anderen Lebewesen/Tieren/Menschen aus selbstsüchtigen Gründen Schaden zuzufügen, nicht selten sie zu quälen oder herabzuwürdigen, letzten Endes ihren Tod anzustreben oder zumindest in Kauf zu nehmen. Beliebte Spielformen des Bösen sind sexueller oder emotionaler Missbrauch, Herabwürdigung nahestehender Menschen in toxischen Beziehungen, Betrug, Verfolgung Andersdenkender, Diskriminierung von Menschen, die als andersartig oder schwach empfunden werden.
Der einzelne Täter z.B. als Amok-Läufer als einer der hier angesprochenen bösen Mensch ist einerseits respektlos und rücksichtslos, andererseits meint er aus seiner subjektiven Perspektive heraus, aufgrund von Ungerechtigkeiten anderer, seine bösen Taten zurecht begehen zu müssen oder zu dürfen. Es kann sein, dass er Opfer nicht nur einkalkuliert sondern sich sogar möglichst viele Opfer wünscht, um das vermeintlich Gute (in seinem Sinne) erzwingen zu können, dass er sich Respekt verschaffen möchte, ebenso dass er aus Ressentiment seine Opfer beseitigen möchte, weil er sie seinerseits als Verkörperung des Bösen ansieht.
Was als böse betrachtet wird, ist also sowohl vom gesellschaftlichen Kontext wie auch von subjektiven Bewertungen nicht unabhängig zu betrachten. Allerdings muss unterstellt werden, dass überwertiges Geltungsstreben, Rachebedürfnisse, Ressentiments, Herrschsucht, Mordlust oder Lust zum Quälen nicht selten rationalisiert werden mit politischen, rassistischen oder sexistischen Begründungen, die als sekundären Rechtfertigung dienen.
Prototypen des individuell motivierten Bösen
Die hier verwendeten fünf psychologischen Prototypen des Bösen sind der Gutmensch Bob Rusk, der anonyme Amokläufer, der selbsternannte Rächer im Form des verführerischen Rattenfängers, Klingsor und Macbeth
Aus den Biographien von Tätern, die keinen eindueutigen strukturellen Rahmen für ihr böses Tun haben, kann man nachvollziehen, dass es sich um Menschen handelt, die einerseits als Anlagefaktoren über eine gesteigerte Form von Aggressivität, eine unterentwickelte emotionale Intelligenz, verminderte oder nicht vorhandene Empathie, aufgeblähten Narzissmus oder gekränkten Narzissmus verfügen. Kränkungen können daraus resultieren, dass Menschen in sozialen Gruppen Zurückweisung erlebt haben oder ihnen wesentliche Lebensziele (wie z.B. ein eigenes Kind, ein anerkannter Beruf etc.) versagt blieben. Die Kette von Kränkungen in der persönlichen Biographie kann bereits in der Familie beginnen und kann sich später auf soziale peergroups im Jugendalter erstrecken. Aber auch im Rahmen von beruflichen Gruppen, Akademien, Freizeitgruppen wie Sportvereinen können sich kränkende Ausgrenzungen oder biographisches Scheitern subjektiv manifestieren. Entsprechende Kränkungen können aber auch dadurch ausgelöst werden, dass eine soziale Gruppe, der der Täter einmal voller Stolz angehörte, durch eine gesellschaftliche Veränderung dramatisch an Ansehen verloren hat und er sich jetzt eher rechtfertigen und schämen muss, ein Teil dieser Gruppe gewesen zu sein. Eine Kränkung kann aber auch schon darin begründet sein, dass jemand von sich als ein Sieger so vollständig überzeugt ist, dass er jede noch so kleine Niederlage, einen noch so kleinen Misserfolg als grandioses Scheitern erlebt, das auf jeden Fall verhindert oder durch aggressiv aufgeladene Grandiosität kompensiert werden muss.
Das Motiv der Rache bei narzisstischer Kränkung
Ein gefährdeter Mensch kann aus Kränkungen, der Erfahrung von Ungerechtigkeiten verschiedenster Art die Berechtigung ableiten, sich rächen zu dürfen oder sogar rächen zu müssen. Entscheidend dabei ist, dass diese Vorstellungen nicht flüchtig auftreten, sondern dass es vielmehr zu einer Fixierung auf diese Ideen kommt, sodass die Verwirklichung boshafter Ideen letztlich als subjektiv zwingend notwendig angesehen wird. Niederträchtige Menschen haben das Gefühl, dass ihnen mehr Anerkennung zusteht oder zustehen sollte als ihnen zuerkannt wird. Diese Lücke meinen sie durch böse Taten schließen zu dürfen und im Sinne einer festen Überzeugung mit Vorsatz letztendlich schließen zu müssen.
Der Rattenfänger
Die Geschichte des Rattenfängers ist die eines erfolgsverwöhnten Menschen, dem ein wenig bedeutendes Missgeschick zuteil wird. Er wird um seinen Lohn betrogen. Dies ist schlimm genug, kann aber nicht rechtfertigen, dass er sich in unverhältnismäßiger Weise rächt, indem er seine Verführungskünste dazu verwendet, eine ganze Generation in den Untergang zu führen. Entscheidend für seine böse Tat ist aber nicht nur sein Motiv und die Entschlossenheit seiner durch Rache motivierten Handlungen, sondern vor allem auch die Bereitschaft seiner Opfer, sich in einen grandiosen Rausch begeben zu wollen und ihm hingebungsvoll ins Verderben zu folgen. Der Co-Narzissmus seiner Opfer ist der entscheidende Aspekt beim bösen Handeln des Rattenfängers, das im wesentlichen auf seinen Verführungskünsten beruht.
Klingsor
Die Figur des bösen Menschen, der erst durch unverarbeitete soziale Ausgrenzung gewissermaßen durch gekränkten Narzißmus zum Rächer wird, ist z.B. literarisch von Wolfram von Eschenbach in der Figur des Klingsor paradigmatisch geschrieben worden. Insofern könnte man diese Form des identifizierte Bösen, wenn es beim Einzelnen quasi pathologisch auftritt, auch als Klingsor-Syndrom bezeichnen.
Von der Genese des Bösen durch Ausgrenzung sind aber nicht nur die offensichtlich Unterpriviligierten betroffen. Auch ein tyrannischer Herrscher (oder eine Herrscherkaste) kann sich zurückgewiesen fühlen, nicht zuletzt vom eigenen Volk. Aus dem daraus erwachsenen Aggressisonsstau können Herrscher Machtmittel einsetzen, um Oppositionelle unter Druck zu setzen, sie auszugrenzen zu quälen, einzusperren oder zu beseitigen. Der Machterhalt wird im Rahmen dieses Kalküls zum Motiv, dem dann alle Mittel recht sind.
Das Motiv der Abwehr von Depression durch hasserfülltes Handeln
Wenn Aggressionen dazu dienen, den Sozialstatus im Rahmen von gesellschaftlichen Hierarchien zu regulieren, so kann man schlussfolgern, dass Menschen an der Spitze der Pyramide ihre Aggressionen nahezu ungehindert (nicht zuletzt durch die Anwendung struktureller Macht) ausleben wollen/können/dürfen, während Menschen, deren Sozialstatus sehr gering ist, ihre Aggressionen weitgehend unterdrücken müssen.
Abgelehnte Menschen, die frustriert und deshalb aggressiv sind, werden daher ein größeres Konfliktpotential aufbauen. Menschen an der Spitze der sozialen Pyramide werden in der Regel weniger frustriert sein und deshalb weniger Aggressionen aufbauen, zumal sie diese auch noch leichter abreagieren können und im Rahmen struktureller Gewalt ihre Macht leichter auch verantwortungslos zu boshaftem Tun missbrauchen können.
Von besonderer Bedeutung ist deshalb die Unterscheidung zwischen dem strukturell Bösen, das durch gesellschaftlich mutwillig angeeignete, verliehene oder aufgrund von Schwäche der Massen zugestandene Macht häufig kaschiert ausgeübt wird und dem identifizierten Bösen, das als Anmaßung einzelner oder einer kleinen Randgruppe von der Mehrheitsgesellschaft als illegitim empfunden und abgelehnt wird. Das strukturell Böse gilt in den allermeisten Fällen als gesellschaftlich legitimiert. Wer damit als einzelner nicht zurechtkommt, kassiert gewöhnlich die Diagnose „depressives Erleben“ oder gilt schlicht als „Versager“. Die Schwächung der Opfer wird nicht als Folge des strukturell Bösen verstanden sondern als deren Krankheit oder persönliche Schwäche diagnostiziert.
Der Aggressionsstau bei den Unterpriviligierten, den sozial nicht oder schlecht Integrierten, ist deshalb zunächst eine besondere Herausforderung, dem vor allem das Verstehen gelten muss. Dies vor allem auch dann, wenn sich vemeintlich oder auch tatsächlich Unterpriviligierte zusammentun und versuchen, ihre Ressentiments durch gemeinsames böses Handeln auszuleben und sich dafür ihre geeigneten schwachen Opfer suchen.
Der Amokläufer
Was macht die hierbeschriebenen Täter zu potentiell bösartigen Menschen? Sicherlich wird ein Mensch, der keine soziale Anerkennung findet, zu Depressionen neigen und dazu tendieren, sich im Extremfall sogar zu suizidieren. Die böse Tat oder die böse Haltung eines Menschen muss deshalb in erster Linie als Auflehnung gegen den drohenden Suizid oder den drohenden psychischen Zusammenbruch verstanden werden. Böse Taten enden in der Regel ja auch manchmal tatsächlich mit dem kalkulierten Suizid der Täter. Eine Sonderform bösen Tuns ist der erweiterte Suizid, bei dem jemand aufgrund von gesellschaftlichem Scheitern sich nicht einfach selbst tötet, sondern den eigenen Tod durch den Mord an vielen unschuldigen Opfern selbst noch einmal in Form eines Amoklaufs zu einem Fanal macht. Böse Taten können auch durch den sozialen Tod enden, indem der Täter kalkuliert, für den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Aber er tut dies mit dem Bewusstsein, dass er sich für die Verwirklichung seiner Ideen märtyrerhaft geopfert hat. In all diesen Fällen findet eine sado-masochistische Selbstaufwertung statt, die vorangegangene Kränkungen mit einer narzisstisch überhöhten Grandiosität kompensieren soll. Im Rahmen eines psycho-dynamischen Konfliktmodells könnte man sagen, dass es sich in diesen Fällen des Bösen um einen Kompromiss handelt zwischen dem Suizid und dem Impuls eines existenziellen Exhibitionismus mit dem Wunsch nach finaler Anerkennung oder zumindest grandioser Aufmerksamkeit.
Macbeth
Aus dieser Beschreibung wird offensichtlich, dass gerade das böse Handeln Einzelner, die sich an der Spitze einer sozialen Hierarchie befinden, keineswegs aus Kränkungen oder Unterprivilegiertheit heraus entsteht, sondern vielmehr aus dem Gefühl von Stärke und Überlegenheit, gesteigert durch Selbstüberschätzung und Verachtung für ihre Opfer. Im Gegensatz zum sozial verachteten ausgestoßenen treffen wir bei diesem Typus auf Menschen, die ein starkes Überlegenheitsgefühl, eine starke suggestive Wirkung auf andere haben, aber verantwortungslos bzw. gewissenlos damit umgehen. Wer einmal für sich herausgefunden hat, dass er andere beliebig manipulieren und einschüchtern kann, ist stark gefährdet, dieser Sucht zu verfallen, sich von dem Gefühl negativer Grandiosität nicht mehr befreien zu können. Zudem ist es für Menschen mit übersteigertem Narzissmus insbesondere unter der Maske des Gutmenschentums einfach zu leicht, der Lust zur Manipulation, die sich jede Lüge, Intrige etc. bedient, immer weiter zu folgen. Diese Form der Bösartigkeit kommt häufig im Rahmen von sozialen Beziehungen, diktatorischen Institutionen, Sekten etc. vor, wenn Menschen mit übersteigerten Narzissmus, vorhandene soziale Strukturen kapern, sie von innen aushöhlen und sich ihrer ohne echte Legitimation bedienen.
Der literarische Prototyp für diese Spielart des bösen Tyrannen ist die von William Shakespeare geschaffene Figur des schottischen Königsmörders Macbeth, der durch irrationalen Glauben an eine vermeintliche Vorsehung und an das Gesetz des Stärkeren, übersteigerten Ehrgeiz, Selbstüberschätzung, Ausnutzen von Naivität und Schwächen seiner Gegner zum rücksichtlosen paranoiden Massenmörder wird und letztlich nur durch den Zusammenschluss aller seiner Gegner gestoppt werden kann.
Der falsche Helfer, Bob Rusk und das obsessiv Böse
Eine der größten Herausforderungen in der Psychologie besteht darin, das latente Böse bei den vermeintlichen Gutmenschen zu erkennen. Beispielhaft soll für diesen Typus Bezug genommen werden auf die Figur des Bob Rusk im Hitchcock Film Frenzy (1972). Es geht in dieser Romanverfilmung darum, dass ein Unschuldiger verdächtigt wird, ein dringend gesuchter Serienmörder zu sein. Der tatsächliche Mörder – Bob Rusk – bleibt aber lange Zeit im Hintergrund und schafft es sogar, seine bösen Taten, dem vermeintlichen Täter unterzuschieben. In diesem Falle haben wir es mit einem doppelten Motiv zu tun. Einmal geht es um das Begehen böser Taten, andererseits aber aus einer Position, die über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint. Bob Rusk ist der Gutmensch aus dem Bilderbuch. Er hilft wo er nur kann, bezeichnet sich selbst als „guten Onkel“, bietet Unterkunft, gibt Tipps für die Pferdewette etc. Er setzt alles daran, um als unbescholtener Bürger zu erscheinen. Aber gerade diese Camouflage ist sein zweites Motiv. Es reizt ihn, gerade im Schafspelz unerkannt Böses zu tun. die Fiur des Bob Rusk bietet sich an für einen Krimi oder Thriller. Wesentlich schwieriger zu decodieren sind jedoch Erscheinungsformen des latent Bösen, bei denen die Handelnden ihre bösen, destruktiven Motive nicht nur nach Außen hin geheim halten, sondern auch vor ihrem eigenen Gewissen zu verbergen wissen. Die latente Bösartigkeit von Gutmenschen tarnt sich meist im Engagement für eine vermeintlich gute Sache. In einer Konfliktsituation werden sie immer vorgeben, dass ja schließlich der Zweck die Mittel heilige. Damit geben sie sich schließlich die Generalamnestie, für den Fall dass Widersprüche zutage treten sollten. In sozialen Organisationen versteckt sich das latent Bösatige in der Regel in mafiösen Strukturen, informellen Hierarchien, die Hinterzimmerpolitik betreiben und das Wirken der offiziellen Repräsentaten unterlaufen und konterkarieren.
Die kompensierte Schwäche in Form einer Radikalisierung hin zum Bösen – Hass als Instrument von Propaganda und Selbstradikalisierung
Bei dieser Spielart des Bösen findet man in der Regel anfangs introvertierte, im Grund unpolitische Menschen, die eher ein vermindertes Selbstwertgefühl haben. Sie sind meist geplagt von Selbstunsicherheit und sozialen Ängsten. Durch Misserfolge, vermeintliche Kränkungen und Propaganda können sie aber eine sekundäre Aufblähung ihres defizitären und fragilen Selbstwerts erfahren und mittels Fokussierung auf ihre vermeintliche Opferrolle einen abgrundtiefen Hass auf die vermeintliche Bedroher entwickeln. Durch völlige Konzentration auf ihren Hass stabilisieren sie ihr fragiles Selbstwertgefühl. Dieser Hass wirkt wie eine Droge, von der sie nicht mehr lassen können. Hierzu passt ganz gut das bekannte Nietzsche-Zitat üer den Fanatitker: „Der Fanatismus ist die einzige ‚Willensstärke‘, zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden können.“ Selbstradikalisierung oder auch totalitäre Propaganda können an diesem Typus meist mühelos anknüpfen, wenn nur der Hass, an den die Verunsicherten glauben sollen, plausibel genug begründet werden kann.
Mischformen
Wenn diese Form des Bösen im Sinne eines übersteigerten Narzissmus, die darauf abzielt, im Dienste einer höheren Ordnung/Vorsehung und tyrannische Willkür, meint Opfer in kauf nehmen zu müssen, sich vermischt mit dem Motiv der narzisstischen Kränkung, d.h. dem Motiv, sich für vermeintlich mangelhaften Respekt rächen zu müssen, haben wir es mit einer sehr gefährlichen Mischung zu tun, weil sich das böse Handeln aus zwei voneinander unabhängigen Quellen speist, die sich gegenseitig verstärken.
Gibt es Mittel zur Gegenwehr? Formbildung als Gegenprinzip zum Negativismus
Wenn das Böse nicht allein als individuelle Boshaftigkeit verstanden wird, sondern als eine Form destruktiven Negativismus, stellt sich zwangsläufig die Frage nach möglichen Gegenkräften.
Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Bösen entspringen unterschiedlichen Quellen. Narzisstische Kränkungen, Ressentiments, Machtphantasien, ideologische Verblendungen, soziale Isolation, chronische Frustration oder die Unfähigkeit zur Selbstreflexion können jeweils eigene Wege in die Destruktivität eröffnen. Dennoch besitzen viele dieser Entwicklungen eine gemeinsame Struktur: Sie führen zu einer Verengung des Denkens und Erlebens. Die Welt wird zunehmend durch die Perspektive der Kränkung, der Feindschaft oder der Selbstüberhöhung wahrgenommen. Andere Sichtweisen verlieren ihre Bedeutung.
Destruktiver Negativismus entsteht selten dort, wo Konflikte offen verhandelt werden können. Er gedeiht vielmehr in geschlossenen psychischen und sozialen Räumen. Ressentiments werden gepflegt, Feindbilder kultiviert, eigene Überzeugungen ständig bestätigt. Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur geht verloren. Aus dem Zweifel wird Gewissheit, aus der Kränkung ein Anspruch auf Vergeltung, aus der Kritik ein Programm der Vernichtung.
Demgegenüber erscheint Formbildung als das eigentliche Gegenprinzip. Formbildung bedeutet die Fähigkeit, Erfahrungen zu symbolisieren, Konflikte auszuhalten, Beziehungen zu gestalten und der Wirklichkeit immer wieder neu zu begegnen. Wer zur Formbildung fähig bleibt, muss nicht jede Kränkung in Hass verwandeln und nicht jede Enttäuschung durch Schuldzuweisungen beantworten.
Von besonderer Bedeutung ist dabei die Fähigkeit zur Selbstbefragung. Menschen sind nicht nur gefährdet, sich über ihre Schwächen zu täuschen, sondern auch über ihre vermeintlichen Stärken. Der gekränkte Mensch kann sich in Ressentiments verlieren. Der Erfolgreiche kann seine Erfolge als Beweis einer schicksalhaften Überlegenheit missverstehen. In beiden Fällen droht die Wirklichkeit hinter Selbstbildern zu verschwinden.
Eine offene Gesellschaft besitzt deshalb nicht nur die Aufgabe, Gewalt zu begrenzen und Macht zu kontrollieren. Sie muss zugleich Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven miteinander in Austausch treten können. Wo Kritik möglich bleibt, wo Macht legitimiert werden muss und wo Menschen nicht vollständig auf ihre Zugehörigkeit zu geschlossenen Gruppen reduziert werden, entstehen Voraussetzungen für die Begrenzung destruktiver Entwicklungen.
Schließlich gehört auch eine Haltung intellektueller Demut zu den wichtigsten Gegenmitteln. Wer sich seiner Fehlbarkeit bewusst bleibt, wird vorsichtiger mit absoluten Gewissheiten umgehen. Die Einsicht, sich irren zu können, schützt nicht vor dem Bösen. Sie erschwert jedoch jene Verhärtung, aus der Fanatismus, ideologische Verblendung und destruktiver Negativismus häufig hervorgehen.
Die entscheidende Gegenkraft zum Bösen liegt daher vermutlich nicht in der moralischen Perfektion des Menschen, sondern in seiner Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Wo Menschen bereit bleiben, ihre Überzeugungen, ihre Ressentiments und ihre Machtansprüche immer wieder zu hinterfragen, bleibt auch die Möglichkeit erhalten, neue Formen des Zusammenlebens hervorzubringen. Formbildung und Selbstkorrektur sind deshalb nicht nur kulturelle Leistungen, sondern zugleich Voraussetzungen dafür, dass destruktive Negativität nicht zur beherrschenden Kraft des individuellen und gesellschaftlichen Lebens wird.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht