Versuch über das Böse

Die Bestimmung des Bösen ist ein komplexes Unterfangen, weil es vor allem ein sozial-psychologisches Phänomen darstellt und vermutlich von keiner Fachdisziplin einseitig positivistisch bestimmt werden kann. Deshalb sind die folgenden Gedanken als ein Versuch zu verstehen, sich an das Verständnis des Bösen interdisziplinär heranzuarbeiten.

Wenn wir böse Taten oder Absichten betrachten, fällt als erstes ins  Auge, dass es sich um eine Form destruktiver Aggression handelt, die darauf abzielt, anderen Lebewesen/Tieren/Menschen Schaden zuzufügen, nicht selten sie zu quälen oder herabzuwürdigen, letzten Endes ihren Tod anzustreben oder zumindest in Kauf zu nehmen. Beliebte Spielformen des Bösen sind sexueller oder emotionaler Missbrauch, Herabwürdigung nahestehender Menschen in toxischen Beziehungen, Einschüchterung von Untergebenen, Betrug, Verfolgung Andersdenkender, Diskriminierung von Menschen, die als andersartig empfunden werden, Mobbing, Bossing etc.

Der Täter als der „böse Mensch“ ist einerseits respektlos und rücksichtslos, andererseits meint er aus seiner subjektiven Perspektive heraus, aufgrund von Ungerechtigkeiten anderer, seine bösen Taten zurecht begehen zu müssen oder zu dürfen. Es kann sein, dass er seine Opfer zum vermeintlich Guten (in seinem Sinne) zwingen will, dass er sich Respekt verschaffen möchte, ebenso dass er aus Ressentiment seine Opfer beseitigen möchte, weil er sie seinerseits als Verkörperung des Bösen ansieht.

Was als böse betrachtet wird, ist also vom gesellschaftlichen Kontext und subjektiven Bewertungen nicht unabhängig zu betrachten. Allerdings muss unterstellt werden, dass überwertiges Geltungsstreben, Herrschsucht, Mordlust oder Lust zum Quälen nicht selten rationalisiert werden mit politischen, rassistischen oder sexistischen Begründungen, die zur sekundären Rechtfertigung dienen sollen. Wenn man fragt, was zuerst da war, die Lust zu Beherrschen, Morden, Quälen etc. oder die rationalisierende Begründung dieser Neigungen, wird man vermutlich in der Regel die Neigungen zur rücksichtslosen Beseitigung, Beschädigung des Opfers als primärer ansehen dürfen. Aber diese haben gewichtige Gründe und entstehen nicht beliebig.

Denn aus den Biographien von Tätern kann man nachvollziehen, dass es sich um Menschen handelt, die einerseits als Anlagefaktoren über eine gesteigerte Form von Aggressivität, eine unterentwickelte emotionale Intelligenz, verminderte oder nicht vorhandene Empathie, aufgeblähten Narzissmus verfügen und die andererseits bestimmte Kränkungen zu verarbeiten hatten. Sei es, dass sie in sozialen Gruppen Zurückweisung erlebt haben oder ihnen wesentliche Lebensziele (wie z.B. ein eigenes Kind, ein anerkannter Beruf etc.) versagt blieben. Die Kette von Kränkungen in der persönlichen Biographie kann bereits in der Familie beginnen und kann sich später auf soziale peergroups im Jugendalter erstrecken. Aber auch im Rahmen von beruflichen Gruppen, Akademien, Freizeitgruppen wie Sportvereinen können sich kränkende Ausgrenzungen oder biographisches Scheitern manifestieren. Entsprechende Kränkungen können aber auch dadurch ausgelöst werden, dass eine soziale Gruppe, der der Täter einmal voll Stolz angehörte, durch eine gesellschaftliche Veränderung dramatisch an Ansehen verloren hat und er sich jetzt eher rechtfertigen und schämen muss, da mal mitgemacht zu haben. In jedem Fall leitet der böse Mensch aus Kränkungen, Ungerechtigkeiten verschiedenster Art die Berechtigung ab, sich rächen zu dürfen oder sogar rächen zu müssen. Entscheidend dabei ist, dass diese Vorstellungen nicht flüchtig auftreten, sondern dass es vielmehr zu einer Fixierung auf diese Ideen kommt, sodass die Verwirklichung boshafter Ideen letztlich als subjektiv zwingend notwendig angesehen wird. Niederträchtige Menschen haben das Gefühl, dass ihnen mehr Anerkennung zusteht als ihnen zuerkannt wird. Diese Lücke meinen sie durch böse Taten schließen zu dürfen und im Sinne einer festen Überzeugung mit Vorsatz letztendlich schließen zu müssen.

Wenn Aggressionen dazu dienen, den Sozialstatus im Rahmen von gesellschaftlichen Hierarchien zu regulieren, so kann man schlussfolgern, dass Menschen an der Spitze der Pyramide ihre Aggressionen nahezu ungehindert (nicht zuletzt durch die Anwendung struktureller Macht) ausleben wollen/können/dürfen, während Menschen, deren Sozialstatus sehr gering ist, ihre Aggressionen weitgehend unterdrücken müssen.

Abgelehnte Menschen, die frustriert und deshalb aggressiv sind, werden daher ein grösseres Konfliktpotential aufbauen. Menschen an der Spitze der sozialen Pyramide werden in der Regel weniger frustriert sein und deshalb weniger Aggressionen aufbauen, zumal sie diese auch noch leichter abreagieren können.

Hier begegnet uns schon ein wichtiger Unterschied zwischen dem strukturell Bösen, das durch gesellschaftlich verliehene oder zugestandene Macht häufig kaschiert ausgeübt wird und dem identifizierten Bösen, dass als Anmaßung einzelner oder einer kleinen Randgruppe von der Mehrheitsgesellschaft als illegitim empfunden und abgelehnt wird. Das strukturell Böse gilt als gesellschaftlich legitimiert. Wer damit nicht zurechtkommt, kassiert gewöhnlich die Diagnose: depressives Erleben. Die Schwächung der Opfer wird nicht als Folge des strukturell Bösen gewürdigt sondern als deren Krankheit. Auf den Unterschied zwischen dem strukturell Bösen und dem identifizierten Bösen möchte ich hier im Rahmen dieses Blog-Beitrags aber nicht weiter eingehen. Deshalb beziehe ich mich im Weiteren nur auf das Phänomen des identifizierten Bösen.

Der Aggressionsstau bei den Unterpriviligierten, den sozial nicht oder schlecht Integrierten, ist deshalb zunächst eine besondere Herausforderung, dem vor allem das Verstehen gelten muss.

Was macht sie zu potentiell bösartigen Menschen? Sicherlich wird ein Mensch, der keine soziale Anerkennung findet, zu Depressionen neigen und dazu tendieren, sich zu suizidieren. Die böse Tat oder die böse Haltung eines Menschen muss deshalb in erster Linie als Auflehnung gegen den drohenden Suizid oder den drohenden psychischen Zusammenbruch verstanden werden. Böse Taten enden in der Regel ja auch manchmal tatsächlich mit dem kalkulierten Suizid der Täter. Eine Sonderform bösen Tuns ist der erweiterte Suizid, bei dem jemand aufgrund von gesellschaftlichem Scheitern sich nicht einfach selbst tötet, sondern den eigenen Tod durch den Mord an vielen unschuldigen Opfern selbst noch einmal zu einem Fanal macht. Böse Taten können auch durch den sozialen Tod enden, indem der Täter kalkuliert, für den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Aber er tut dies mit dem Bewusstsein, dass er sich für die Verwirklichung seiner Ideen märtyrerhaft geopfert hat. In all diesen Fällen findet eine sado-masochistische Selbstaufwertung statt, die vorangegangene Kränkungen kompensieren soll. Im Rahmen eines psycho-dynamischen Konfliktmodells könnte man sagen, dass es sich in diesen Fällen des Bösen um einen Kompromiss handelt zwischen dem Suizid und dem Impuls eines existenziellen Exhibitionismus mit dem Wunsch nach finaler Anerkennung oder zumindest Aufmerksamkeit.

Von der Genese des Bösen durch Ausgrenzung sind aber nicht nur die offensichtlich Unterpriviligierten betroffen. Auch ein tyrannischer Herrscher (oder eine Herrscherkaste) kann sich zurückgewiesen fühlen, nicht zuletzt vom eigenen Volk. Aus dem daraus erwachsenen Aggressisonsstau können Herrscher Machtmittel einsetzen, um Oppositionelle unter Druck zu setzen, sie auszugrenzen zu quälen, einzusperren oder zu beseitigen. Der Machterhalt wird im Rahmen dieses Kalküls zum Motiv, dem dann alle Mittel recht sind.

Eine besondere Herausforderung in Bezug auf das Verständnis des Bösen stellen Menschen dar, die eine starke suggestive Wirkung auf andere haben, aber verantwortungslos damit umgehen. Wer einmal für sich herausgefunden hat, dass er andere beliebig manipulieren kann, ist stark gefährdet dieser Sucht zu verfallen und jede Bösartigkeit zu begehen, um der Lust zur Manipulation, die sich jede Lüge, Intrige etc. bedient, weiter nachgehen zu können.

Gibt es Mittel zur Gegenwehr? Kann man dem Bösen etwas entgegensetzen? Es ist offensichtlich, dass aufgeblähter Narzissmus, Empathiemangel, Selbst-Idealisierung, Selbst-Isolierung oder Fremd-Ausgrenzung wesentliche Komponenten zur Entwicklung hin zum Bösen darstellen und Aggressionsstau im Sinne überwertiger destruktiver Aggressivität verstärken. Latenter Ärger oder latente Wut werden vor allem auch deshalb zum Nährboden des Bösen, weil die damit verbundenen Kränkungen, Ungerechtigkeiten, bösartigen Ansichten und Absichten zur vermeintlichen Gegenwehr nicht mehr im offenen Austausch verhandelt werden, sondern nur noch im Rahmen von eigenbrötlerischem Grübeln existieren bzw. innerhalb von geschlossenen Subkulturen zirkulieren. Diese widmen sich dann einseitig der Pflege von Ressentiments bzw. dienen zur  gegenseitigen Bestärkung der Legitimität der perversen Befriedigungsformen ihrer Mitglieder.

Symbiotische bzw. sektiererische Sozialstrukturen stellen somit immer einen Nährboden für das Böse dar. Im Gegensatz dazu werden konfrontativ-sozialintegrative Prinzipien einer offenen Gesellschaft, die Ausgrenzung möglichst zu minimieren oder zu vermeiden sucht, ohne Intoleranten zu viel Toleranz zubilligen zu wollen, am ehesten geeignet sein, das Böse in Schach zu halten. Was dies so schwierig macht, ist vor allem, dass die Opfer der bösen Menschen meist zu gutgläubig und naiv sind und sich deshalb gar nicht vorstellen können, zu welcher extremen Niedertracht Menschen fähig sind. Leider führt auch an dieser Stelle der unreflektierte Schluss  von sich auf andere in die Irre. Zumal Menschen, die böses in sich tragen, meist in hervorragender Weise dazu in der Lage sind, ihre wahren Beweggründe und Absichten so lange zu verbergen bis ihre Opfer von deren Harmlosigkeit und Gutartigkeit restlos überzeugt sind. Erst dann, wenn es zu spät ist, lassen sie ihre Maske des Gutmenschen fallen.