Film – Körper und Seele

„Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi ist der Gewinner der 67. Berlinale und läuft jetzt in den Kinos. Es ist ein surrealistischer Film, nicht nur wegen der zahlreichen expliziten Traumszenen, sondern weil dieser ganze Film nur als ein einziger Traum oder –  wenn man will – auch  als Märchen aufgefasst werden kann. Es ist der Traum einer erwachsenen autistischen Frau, die immer noch – wie wahrscheinlich schon seit vielen Jahren – zu ihrem ihr vertrauten Kinderpsychologen geht, obwohl sie längst eine promovierte Ernährungswissenschaftlerin ist. Sie träumt sich hinein in eine Szene des nackten Fleisches, dort hinein, wo Tieren das Fell über die Ohren gezogen wird. Wer vor dem Film noch kein Veganer war, wird es wahrscheinlich spätestens jetzt. Dieser Ort des Fleisches ist auch der Ort, wo überwiegend abgestumpfte, gefühllose, triebhafte Menschen arbeiten. Es sind Menschen, die unromantisch vom Ficken träumen, Potenzmittel für Bullen untereinander verticken und auch manchmal einen kleinen Handel damit treiben. In dieser mechanischen Schlachthaus-Welt bevölkert von unsentimentalen, gefühlloser Menschen fühlt sich Mária, die Protagonistin dieses Film und die aktiv Träumende, auf beunruhigende Weise wohl. Dieser Kontrast schockiert: Wie kann ein hochsensibler Menschen in einer solchen Szenerie arbeiten wollen und können? Nach und nach wird deutlich, dass Mária selbst, obwohl sie keiner emotionalen Erfahrung fähig ist, selbst von der Existenz des nackten Fleisches und den damit verbundenen sexuellen Abläufen auf eine für sie selbst beunruhigende Art fasziniert ist. Sie weicht zunächst zwar jeder körperlichen Berührung aus, aber dennoch fühlt sie sich auf magische Weise von der männlichen Sexualität und einem seiner spezifischen animalischen Aspekte, dem Verspritzen von Samen angezogen. Dies kommt im Film zwar nur in metaphorischen Bildern zum Ausdruck wie etwa als sie auf der Wiese liegt und dann plötzlich um sie herum gefühlt sechs Rasensprenger mit voller Kraft ihre Arbeit aufnehmen und sie beglückt nassgespritzt wird oder wenn sie bei Frühstück eine Tomate aufscheiden möchte und der Saft dieser Tomate über den Küchentisch spritzen darf. Die Frage, die sich jetzt stellt: wie kann Mária – so formuliert es zumindest  die hilfreiche Putzfrau – sich unter diesen schwierigen Voraussetzungen ihrer Behinderung „einen Mann angeln“. Denn ihr emotionales Erleben ist wie taub. Sie kann jedoch mit ihren überragenden kognitiven Leistungen vieles kompensieren. So ähnlich wie im Film „Rainman“ gewinnt auch diese Autistin spielend jedes Kartenspiel. Sie kann sich darüberhinaus auch jeden Satz in nummerierter Reihenfolge ihrer Gesprächspartner merken und jederzeit reproduzieren. Auf viele Menschen wirkt sie abstoßen wie ein Roboter in menschlicher Gestalt und auch ihr Kinderpsychologe ist mit seinen Nerven am Ende und gesteht ihr, dass er nicht mehr weiß, wie er ihr helfen kann. Aber sie ist unermüdlich, gibt nicht auf, entlockt ihm zumindest noch ein paar Tipps, dass sie lernen soll, Haut zu streicheln oder sich ein Telefon zuzulegen, weil das doch inzwischen jeder habe. Stoisch geht sie ihren Weg, berührt das Fell eines Tieres, macht taktile Übungen mit Kartoffelbrei, lässt sich eine romantische Musik verkaufen, obwohl sie Musik eigentlich nicht mag, will heißen, mit Musik als unmittelbaren Ausdruck von Emotionen offensichtlich nur wenig anfangen kann. Nichts kann sie aufhalten. Das Objekt ihres Begehrens ist Endre, ein Mann aus dem Schlachthof, ein Chef, mehr oder weniger  eine Vaterfigur. Er ist auch behindert, sein linker Arm hängt schlaff herunter. So wie Mária nicht über emotionales Erleben verfügt, gehorcht Endres linker Arm nicht den Befehlen seines  Nervensystems und muss immer wieder mit der rechten Hand in der Lage verändert werden. Genau in dem Sinne verwendet auch Mária ihre kognitiven Fähigkeiten, um sich Endre anzunähern. Aber wie soll das geschehen? Hier hilft ein Kunstgriff: Wie aus zahlreichen Büchern Castanedas bekannt, können sich Zauberer angeblich durch verabredetes luzides Träumen in imaginären Welten treffen und dort gemeinsam Abenteuer bestehen. Nach diesem Muster begegnen sich dann auch Mária und Endre, das Liebespaar des Films, als Hirsch und Hirschkuh in eisiger Kälte. Nur ihre beiden warmen Leiber trotzen der Kälte ihrer Umgebung. Als jedoch auch Endre – verzweifelnd  an Márias Roboterhaftigkeit – sich von ihr zurückziehen will, mutiert der Film zum Albtraum. Mária sieht jetzt keinen anderen Ausweg mehr als sich zu töten, was auch fast gelingt. Fast zu spät aber kommt Endres erlösender Telefonanruf, der ihr überraschend seine Liebe gesteht. Und dann gibt es noch ein Happy End. Hirsch und Hirschkuh sind dann allerdings, als die Triebe befriedigt sind, aus der eisigen Landschaft verschwunden. Beide haben sich offenbar märchenhaft in Prinz und Prinzessin verwandelt, die jetzt umschlungen im warmen Bett liegen und das animalische mit dem menschlichen vereint genießen, was auch zumindest Mária ein Lächeln abringt. Des böse Bann des Autismus scheint zumindest in diesem Moment gebrochen.

Wolfgang Albrecht