Psychotherapie bei Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen (Asperger Syndrom, hochfunktionaler Autismus) in Berlin

Auf dieser Seite erhalten Sie Informationen über Beschwerden bei autistischen Persönlichkeitsanteilen, insbesondere aus dem Formenkreis des Asperger-Syndroms, des hochfunktionalen Autismus bzw. der Autismus Spektrum Störungen im Allgemeinen und über Hilfe, Diagnostik und Beratung in meiner Praxis in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf bei Lebensproblemen, die sich aus autistischen Persönlichkeitsanteilen bei erwachsenen Betroffenen ergeben. Im Artikel wird das generische Maskulinum verwendet. Alle Aussagen im männlichen Geschlecht gelten deshalb für Frauen und Männer, es sei denn, es wird nach biologischem Geschlecht unterschieden.

Hochfunktionaler Autismus oder Asperger-Syndrom als Beschreibungs-Modelle

Das Asperger-Syndrom wird aus historisch-kritischen Gründen neuerdings auch „Hochfunktionaler Autismus“ genannt. Der Begriff dient als Modell zur Beschreibung von Personen mit primär selbstbezüglichen Erlebnisweisen und teilweise unangemessenen Verhaltensweisen, die mehr oder weniger angelernte Kompetenzen im sozial-kommunikativen Bereich aufweisen und in der Regel überdurchschnittlich intelligent sind.

Wichtigstes Merkmal: Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen haben in der Regel Schwierigkeiten, das emotionale Erleben anderer intuitiv zu erfassen und können deshalb nicht gut genug auf deren emotionale Bedürfnisse eingehen, ebenso wie sie Handlungsmotive ihrer Mitmenschen nicht ausreichend verstehen können und zu Fehlinterpretationen neigen. Entsprechend sind sie meist auch nicht hinreichend in der Lage, unlautere Absichten ihrer Mitmenschen rechtzeitig zu erkennen. In beiden Fällen verhalten sie sich häufig inadäquat und verstehen meist erst nur im Nachhinein durch angestrengtes Überlegen, was sich abgespielt haben könnte.

Der Kreis von Menschen mit autistischen Persönlichkeitszügen stellt kein fest umrissenes Krankheitsbild dar. Vielmehr können Aspekte davon bei jedem Menschen eine gewisse Rolle spielen. Die Erscheinungsformen sind sehr vielgestaltig und stärker oder schwächer ausgeprägt. Eine große Anzahl von Betroffene ist häufig eher stur, viele andere aber verhalten sich in ihren selbst erlernten Rollen wie ein menschliches Chamäleon. Ebenso können Einschränkungen bei Betroffenen im privaten oder beruflichen Bereich eine unterschiedliche Bedeutung einnehmen. Jeder Einzelfall ist dabei in seiner Besonderheit zu würdigen. Eine pauschale Zuordnung zum Phänomen „Autismus“ insbesondere auch seinen pathologischen Formen ist in der Regel wenig zielführend und sollte besser vermieden werden. Dennoch kann es für Betroffene eine Hilfe darstellen, wenn sie eigene Besonderheiten im Rahmen des Modells „Asperger-Syndrom“ bzw. „Hochfunktionaler Autismus“ besser verstehen, auch wenn nicht alle Aspekte gleichermaßen zutreffen und einige sogar möglicherweise ganz fehlen.

Die Problematik bei Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen

Menschen mit Störungsanteilen aus dem Bereich des hochfunktionalen Autismus / Asperger-Syndroms haben es in der Regel schwer, Blicke und Mimik anderer Menschen in Bezug auf deren affektiven-kommunikativen Gehalt zu erfassen und haben – davon abgeleitet – meist Probleme, intuitiv die Überzeugungen, Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu verstehen. Vielmehr lernen sie diese erst durch ein intellektuelles Regelsystem für sich zu erschließen. Durch die Anwendung ihrer erkenntnisbasierten Psychologie („Menschenkenntnis“) können Menschen mit autistischen Störungsanteilen zu erstaunlichen analytisch-empathischen Leistungen im sozialen Bereich fähig sein. Allerdings stoßen diese erlernten sozial-kommunikativen Kompetenzen dann an Grenzen, wenn es darum geht, in Mehrpersonenbeziehungen komplexe emotionale Sachverhalte, die vielfältigen Intentionen, Motive der Anwesenden intuitiv zu verstehen und schnell darauf zu reagieren. Insbesondere in engsten sozialen Beziehungen können angelernte Reflexe versagen und die Betroffenen reagieren schroff, verletzend und sozial unangemessen.

Aspekte autistischer Persönlichkeitsanteile

Hinweise auf autistische Störungsanteile können sein: Mitmenschen verursachen eher Stress in Form einer unangenehmen psychischen Übererregtheit, als dass sie ein Gefühl der Entspannung vermitteln; es gibt einen Drang, Wahrheiten auszusprechen und Aversionen gegen diplomatisches Verhalten; es gibt einen Zwang, sich und anderen ständig die Welt erklären zu müssen und mangelnde Gelassenheit gegenüber unübersichtlichen Situationen; es werden in unangemessener Weise die Interessen anderer ignoriert und eigene Spezialinteressen unvermittelt, störend in den Vordergrund gerückt; bei unerwarteten Ereignissen können schnell Wut und heftiger Ärger aufkommen, die Fähigkeit zu Verständnis, Gelassenheit und Humor sind weniger ausgeprägt. Menschen werden vorschnell als gut oder böse, Freund oder Feind eingruppiert, ohne zu Bedenken, dass alle Menschen Stärken und Schwächen haben. Eine einmal gefundene Methode , mit Menschen klarzukommen, wird über viele Jahre unverändert repliziert, ohne dass Hinweise auf organische Weiterentwicklung oder eine innere spontane Läuterung sichtbar würden. Positive Veränderungen sind zwar möglich, sind aber mit enormen Widerständen verbunden.

Hinweise auf autistische Persönlichkeitsanteile im sozial-kommunikativen Bereich

Nicht selten wirken Betroffene im sozialen Umgang manchmal schüchtern, unbeholfen, zu distanziert oder im kindlich-naiven Sinne zu distanzlos. Diese unterschiedlichen Eigenarten von Menschen mit autistischen Persönlichkeitszügen können im negativen Sinne jeweils als gehemmt, aufdringlich, arrogant, unhöflich oder auch unpassend von anderen aufgefasst werden. Betroffene sind meist sehr selbstbezüglich und interessieren sich für Spezialthemen, bei denen sie sich sehr gut auskennen und über die sie sich gerne mit anderen unterhalten möchten, ohne zu bemerken, dass sie die Neigung haben, in einen Monolog zu geraten und andere überfordern. Wenn ihre Sprechweise dann auch noch zu wenig akzentuiert oder sogar monoton-leiernd ist, fangen Zuhörer an, sich zu langweilen und empfinden die ihnen aufgezwungene Unterhaltung zu wenig als Zwiegespräch, zu wenig als menschlichen Austausch von Gefühlen und Gedanken. Betroffene geraten deshalb im Extremfall in soziale Isolation, werden abgelehnt oder werden als merkwürdige Charaktere belächelt. Aber gut kompensierte Betroffene arbeiten sehr an ihrer Stimme und können diese oft effektiv professionalisiert verwenden, so dass es ihnen leicht gelingt, schon allein damit große soziale Wirkung zu erzielen.

Wenn jemand sogenannten „Small-Talk“ ablehnt und immer „tiefer“ und „intensiver“ in seine Themen einsteigen möchte, kann dies auf andere Menschen anstrengend wirken und ihn zum Sonderling machen, der irgendwie anders ist als die anderen. Ebenso haben Betroffen es meist schwerer, Redewendungen, Witze und Ironie intuitiv zu erfassen. Ähnlich wie Menschen mit Hochsensibilität fühlen sich Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen nach komplexen sozialen Interaktionen häufig erschöpft und ruhebedürftig.

Manipulation und Selbstmanipulation

Menschen mit autistischen Anteilen haben Schwierigkeiten, andere intuitiv zu verstehen und mit ihnen in einen wechselseitigen Austausch zu einzutreten; aber sie haben auch Schwierigkeiten damit, sich selbst angemessen zu versehen. Deshalb behelfen sie sich gerne damit, sich von anderen und sich selbst einen Plan zu machen. Aus allem kann ein Projekt von Fremdoptimierung und Selbstoptimierung werden. Wo andere eher versuchen, durch mehr Achtsamkeit zum Ziel zu kommen, versuchen sie mit manipulativen Strategien ihr Ziel zu erreichen. Dies äußert sich meist harmlos in guten Ratschlägen, kann aber auch ausbeuterische Züge im Rahmen von listigeren Strategien annehmen. Wenn andere das Ziel der Manipulation sind, gibt es irgendwann Gegenwehr. Wenn die Betroffene sich selbst zum Objekt der Manipulation machen, z.B. in Form von Selbstcoaching, Einsatz von Drogen, Selbstoptimierungsstrategien aller Art, kann als Folge Burnout auftreten oder es manifestieren sich chronische Formen von psychischer Instabilität, chronische Schmerzen oder andere psychosomatische Störungen.

Wenn Ordnung, Rituale und strukturierte Tagesabläufe eine große Bedeutung haben

Betroffene benötigen meist viel Ordnung, ihre persönlichen Rituale und strukturierte Tagesabläufe im Alltag. Sie neigen überhaupt zum Kategorisieren, systematischen und analytischen Denken. Für einen Wissenschaftler ist eine Beimischung von Anteilen dieses Persönlichkeitsbildes fast ein Geschenk. Probleme entstehen dann, wenn von Routinen abgewichen werden muss. Betroffene können auf unerwartete Veränderung mit Ärger oder sogar Zorn reagieren. Flexibilität ist nicht gerade ihre Stärke. Bei cholerischen Ausbrüchen, kann es sein, dass sie die Angst in den Augen ihrer Mitmenschen nicht adäquat wahrnehmen und deshalb die Situation eskaliert.

Stereotypien und stereotype Verhaltensweisen

Leichtere Fälle von autistischen Persönlichkeitsanteilen erkennt man häufig nur an Stereotypien im Verhalten. Meist ist es hinreichend merkwürdig, wenn zwischen verschieden sozialen Rollen nicht flexibel genug gewechselt werden kann, insbesondere wenn das Rollenhandeln im Beruf bruchlos übertragen wird auf das im Privatleben, wozu sowieso viele Menschen neigen, ohne es zu bemerken. Eine Mutter mit autistischen Anteilen, die vielleicht zufällig Innenarchitektin ist, versteht intuitiv nicht, dass sie sich von ihrer Berufsrolle besser distanzieren sollte, wenn sie die Wohnung ihrer erwachsenen Kinder betritt. Betroffene wollen etwas Gelerntes, das in einem Bereich zum Erfolg führte, immer wieder anwenden, auch wenn es in anderen Bereichen des Lebens eher unpassend und befremdlich wirkt. Insbesondere der Umgang mit erwachsenen Kindern kann zum Problem werden, wenn Eltern an alten Erziehungsgewohnheiten festhalten, auch wenn ihre Kinder schon viele Jahre erwachsen sind und sich aus Kindheitsmustern schon längst gelöst haben. Menschen, die stereotyp alles auf sich beziehen, wirken da noch auffälliger und eher im engeren Sinne „autistisch“ als Menschen mit lediglich stereotypen Rollenmustern.

Denker
Emoji „Denkend“

Von Autisten gerne verwendet: das Emoji „denkendes Gesicht“. Bedeutung: „Ich stelle deine Aussage, deine Intelligenz, deine Idee infrage. Ich denke noch nach und suche nach einer genialen Idee.“

Vergleiche mit den Eigenheiten bei ADS/ADHS und Hochsensibilität

Bei Asperger Autismus findet man Überschneidungsbereiche mit ADS/ADHS und Hochsensibiltiät. Ähnlich wie Menschen mit Störungsanteilen aus dem Bereich Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS/ADHS) zeigen auch Menschen mit Anteilen aus dem Bereich Asperger-Autismus in manchen Fällen eine stärkere Konzentration auf Details und haben Schwierigkeiten, sich auf das Gesamtbild zu fokussieren. Mit hochsensiblen Menschen haben sie mitunter gemeinsam, dass sie unter Reizüberflutung leiden können und sich häufig gegenüber zu starken Außenreizen abschotten müssen. Diese Gemeinsamkeiten können im Einzelfall auch fehlen, sind aber eher zu erwarten. Hierbei ist zu beachten, dass es im Bereich der Erwachsenenpsychologie im Gegensatz zur Kinderpsychologie nicht den typischen ADS/ADHS Betroffenen oder den typischen Hochsensiblen gibt. Jeder Fall ist in seiner Besonderheit zu würdigen und einzuordnen.

Stärken und Schwächen von Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen

In der praktischen Arbeit mit Betroffenen zeigen sich immer wieder auch die Stärken von Menschen mit gut kompensierten autistischen Anteilen. Ein Teil der Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen zeichnen sich meist durch Loyalität und Zuverlässigkeit in sozialen Beziehungen aus; sie haben meist keine Vorurteile, versuchen andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie halten an persönlichen Überzeugungen fest und sind insgesamt sehr willensstark. Sie sind gewissenhaft, streben nach fundiertem faktenbasierten Wissen und sehnen sich nach aufrichtigen Freunden, sie kommen in ihrer Arbeit zu originellen Problemlösungen, sind meist überdurchschnittlich intelligent, verfügen über ein gutes Gedächtnis und haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsdenken. Abgesehen von diesen Stärken eines Teils der Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen sollte allerdings nicht übersehen werden, dass es ebenso Betroffene mit unterschiedlichen Formen von Persönlichkeitsstörungen gibt, die für ihre Umgebung nicht nur eine Bereicherung, sondern auch eine Belastung darstellen können. Eine Variante dieser Möglichkeiten stellt die bei Hochfunktionalen Autisten nicht unübliche Persönlichkeitsstörung der Normopathie dar, d.h. den mit Überzeugung vertretenen Zwang, sich moralisierend absolut zusetzen und in allen anderen das vermeintlich Abartige, Fremde, Pathologische zu sehen. Wenn Menschen mit normopathischen Zügen als Politiker oder in sozialen Berufen tätig werden, kann dies zu Problemen führen. Auch häufiger anzutreffen ist die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung, bei der mit zeitlicher Verzögerung opponiert wird gegen gemeinsam getroffene Absprachen.

Falsche Mythen über Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen

Es ist zwar richtig, dass Synästhesien bei Menschen mit autistischen Zügen häufiger vorkommen, andere Korrelationen wie Begabung für Zahlen, gute Musikalität, bestimmte Ausprägungen von Sexualität, gutes Gedächtnis etc. sind aber nicht vorhanden. Es gibt Betroffene mit sehr gutem wie mit sehr schlechtem Gedächtnisleistungen, überragender musikalischer Begabung neben Totalausfällen. Bei manchen ist die Sexualität sehr gehemmt bis hin zur Asexualität, bei anderen wiederum sehr enthemmt. Auch die Vorstellung, dass alle hochfunktionalen Autisten Mathematikgenies sein müssten, ist unrichtig. Ei anderer falscher Mythos ist, dass man hochfunktionalen Autisten ihre „Beeinträchtigung“ ansehen müsste. Das ist nicht der Fall. Die meisten Menschen mit autistischen Zügen wirken nicht so „behindert“ wie Raymond im Film „Rain Man“ (1988). Eine realistischere Beschreibung bietet eher Ingmar Bergman in seinem Film „Herbstsonate“ (1978), in dem Mutter „Charlotte“ und Tochter „Eva“ beide in unterschiedlicher Weise autistische Züge aufweisen.

Sozialer Rückzug versus soziale Ausgrenzung und Ausbeutung bis hin zur Verehrung als Charismatiker

Es sollte festgehalten werden, dass Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen nicht von sich aus von vornherein zum sozialen Rückzug neigen. In vielen Fällen ist ihre potentielle soziale Isolation eine Folge von Ausgrenzung durch das soziale private oder berufliche Umfeld. Menschen mit autistischen Zügen können diese nur durch enorme Willensanstrengungen überwinden oder zumindest abmildern. Dabei ist zu bedenken, dass ein Mensch mit autistischen Persönlichkeitsanteilen aus der Sicht der anderen als der „Fremde“ angesehen wird. Er wird deshalb als nicht zugehörig betrachtet und dient leicht als Projektionsfläche für alles Andersartige, Merkwürdige. Naheliegend ist deshalb als Gegenstück zur Ausgrenzung ein Missbrauch bzw. eine Ausbeutung durch Psychopathen. Andererseits kann ein Mensch mit autistischen Zügen aber möglicherweise auch als ein Prophet, der im eigenen Lande nichts gilt, idealisiert werden. Dies aber nur insofern, als es ihm gelingt, sich als Charismatiker mit einstudierten Gesten anzubieten.

Emoji Verwundert
Emoji „Verwundert“

Von Autisten gerne verwendet: das Emoji „Verwundert“. Bedeutung: „Bin verwirrt oder mit einer Sache nicht einverstanden. Unsicher und unzufrieden mit einer Situation. Hatte es mir anders vorgestellt.“

Berufsleben und Privatleben von Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen

Trotz diverser Stärken haben Betroffene es mitunter schwer, im Beruf erfolgreich zu sein und leiden stärker unter Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit als vergleichbar andere ähnlich qualifizierte Menschen. In vielen Fällen sind Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen aber durchaus sehr erfolgreich, insbesondere wenn sie ihre Spezialinteressen gut mit dem gesellschaftlichen Bedarf abstimmen können. Im Privatleben haben Betroffene meist nur wenige Freunde oder leben sogar ganz zurückgezogen. Dies ist aber nicht zwangsläufig so. In Einzelfällen findet man immer wieder, dass Menschen mit autistischen Zügen im Rahmen von Vereinen, kinderreichen Familien, Familienunternehmen, Instituten oder sektenähnlichen sozialen Gruppierungen große Freundeskreise oder Bekanntenkreise auf ihre eigene Art sehr erfolgreich „managen“. Sie neigen dabei dann aber meist zu einem eher autokratischen, bestenfalls delegierenden aber weniger kooperativen Führungsstil. Es fehlt dabei tendenziell in der Regel eine emotional förderliche Atmosphäre. Insgesamt findet man neben eher defizitären Entwicklungsverläufen, deshalb immer wieder auch Lebensentwürfe mit starken kompensatorischen Anteilen, in denen Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen durchaus als hyperfokussierte „Kümmerer“ und kundenorientierte Erfolgs-Unternehmer in Erscheinung treten.

Unterschiede bei Frauen und Männern – Autismus und pseudo-hysterisches Verhalten

Bereits in jungen Jahren empfinden viele Betroffene das soziale Miteinander als belastend und ausgrenzend, obwohl einige von ihnen sich durchaus nach sozialer Bindung sehnen. Soziale Beziehungen bedeuten für Menschen mit autistischen Zügen eben vor allem Anspannung, Stress und Enttäuschung. Andere Menschen können für sie eine Art Drogenwirkung haben. Durch bewusste Nachahmung anderer versuchen sie, sozial kompatibler zu werden. Das Ergebnis ist dann bei negativer Entwicklung Mobbing, Unterordnung oder Isolation. Menschen mit autistischen Zügen können aber auch „Kümmerer“ sein und sich für andere aufopfern und anderen – so wie sich selbst – die Welt erklären wollen bzw. müssen.

Während man Männern eher ihre mitunter als schrullig und zwanghaft empfundenen Eigenarten zugesteht, lastet auf Frauen ein deutlich höherer Anpassungsdruck zum Erwerb sozialer Kompetenzen, weil man diese von Frauen mehr erwartet als von Männern. Problematisch daran ist: Wenn Frauen stärker als Männer versuchen, ihre sozialen Defizite defensiv durch Nachahmung anderer Frauen zu kompensieren, leidet darunter möglicherweise zusätzlich ihre Identitätsentwicklung. Je mehr sie versuchen, die zu werden, die andere aus ihr machen möchten, desto weniger finden sie hinreichend genug zu sich selbst. Weil Frauen sich mehr Mühe geben, Defizite im sozial-kommunikativen Bereich zu kompensieren, werden autistische Störungsanteile bei ihnen kaum oder nur spät erkannt. Auffällig ist, dass manche hochfunktional autistische Frauen offensiv zu ausgesprochen hysterisch anmutendem Auftreten neigen, um mit den Qualitäten weiblicher Attraktivität, sozial-kommunikative Defizite meist sehr erfolgreich auszugleichen (Olympia-Syndrom) bzw. über das Nichtvorhandensein von Empathie maskenhaft hinwegzutäuschen (Camouflage).

Das Pendant gibt es auch seltener bei Männern in Form von einstudierten hysterisch anmutenden Posen von Männlichkeit, um damit den Masochismus der Menge oder der Unterhaltung des Publikums zu befriedigen. Wenn ich hier den Ausdruck „hysterisch anmutend“ verwende, so möchte ich damit hervorheben, dass es sich um etwas Gewolltes handelt, was dem Krankheitsbild der Hysterie als Erscheinung eines unbewussten Prozesses nicht entspricht. Man könnte insofern auch von pseudo-hysterischem Verhalten oder Auftreten sprechen, das allerdings nur bei einer kleineren Anzahl von Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen zu beobachten ist.

Arie der Olympia

Angeborene primäre versus erworbene sekundäre autistische Erlebnisverarbeitung

Während das Asperger-Syndrom ursprünglich von seiner Entstehung her so gedeutet wurde, dass die Betroffenen primär eine Wahrnehmungsstörung im Sinne einer defizitären visuellen Dekodierungen in Bezug auf die Mimik anderer Menschen haben, so zeigt doch die psychotherapeutische Praxis, dass es auch Patienten gibt, die autistische Störungsanteile im Laufe ihres Lebens erst sekundär ausgebildet haben, weil ihnen aufgrund der familiären Situation, in der sie aufwachsen mussten, die emotional-kommunikative dialogische Interaktion verweigert wurde. Dies kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn die Eltern aufgrund eigener psychischer Beeinträchtigungen, dazu nicht in der Lage waren, mit ihren Kindern eine emotional-kommunikative dialogische Interaktion einzuüben. Auch wenn Kindern verweigert wurde, die Muttersprache der eigenen Mutter zu erlernen, kann dies zu sekundären Formen von autistischen Störungsanteilen führen. Gerade auch In solchen Fällen kann insbesondere die tiefenpsychologisch orientierte interaktionelle Methode eine Nachentwicklung anstoßen und fördern.

Eine erweiterte Theorie des hochfunktionalen Autismus

Eine erweiterte Theorie des hochfunktionalen Autismus könnte zu dem Ergebnis kommen, dass das bisher bekannte Beschreibungsmodell in seiner Genese bedingt ist durch ein Zusammenspiel von anlagebedingten Defiziten in der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung und emotionalen Erlebnisverarbeitung und sozialisationsbestimmten kompensatorischen Kräften, die in Form von starker Willenskraft, einem Ringen um ein möglichst realistisches Bild von sich selbst und der Umwelt, überdurchschnittlicher Intelligenz und Gedächtnisleistung sowie einer besonderen Fähigkeit zur Hingabe in Erscheinung treten. Durch dieses Wechselspiel von defizitären und kompensatorischen Kräften werden die Voraussetzungen zwar einerseits für ein mehr oder weniger ausgeprägtes selbstbestimmtes Leben geschaffen, das aber nicht zwangsläufig nur egoistische oder selbstbezügliche Ziele verfolgt, sondern sich mehr in vermittelten sozial-förderlichen kreativen künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Dimensionen entfalten möchte als in unmittelbar sozial-kommunikativen Bezügen. Falls diese kompensatorischen Kräfte nicht so stark ausgeprägt sind oder zeitweilig nachlassen, wäre eine Entwicklung hin zu mehr krankhaften Formen des Autismus (nach Bleuler) mit desintegrativen Aspekten und einer mehr paranoiden Erlebnisverarbeitung zu erwarten.

Gründe für eine psychotherapeutische Beratung oder Diagnostik

Betroffene nehmen eine psychotherapeutischen Beratung gerne in Anspruch, wenn sie feststellen, dass ihre kognitiven Intelligenzleistungen weit über ihren emotionalen Kompetenzen liegen. Messerscharfe Analyse fällt ihnen viel leichter als Empathie. Aber es gibt auch krankheitswertige Beschwerden: Menschen mit primären oder sekundären autistischen Störungsanteilen leiden häufig unter sozialen Ängsten und Zwängen, im Falle von Dekompensationen auch abgestuft unter passagerer psychischer Instabilität oder sogar depressiver bis paranoider Erlebnisverarbeitung. Wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen, können sie cholerisch werden. Wenn sie herausgefordert werden, etwas zu verstehen, reagieren sie vielleicht gereizt oder aggressiv. Nicht zuletzt spielen aber auch Beziehungskonflikte eine große Rolle. Zu beachten ist dabei, dass Angehörige (Partner/Partnerinnen) von Menschen mit autistischen Störungsanteilen meist selbst auch gewisse Aspekte von Autismus aufweisen, die in der Regel weniger deutlich ausgeprägt sind und deshalb gerne übersehen werden.

Angebote in meiner Praxis bei autistischen Persönlichkeitsanteilen: Einzeltherapie, Paartherapie, Coaching

In meiner Praxis kann eine Diagnostik zum Thema Autismus-Spektrum-Störung durchgeführt werden. Als Behandlungsmethode bei autistischen Störungsanteilen und deren Auswirkungen kommt meist eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in Betracht, im Einzelfall auch im Rahmen eines tiefenpsychologisch orientierten interaktionellen Ansatzes. Es können aber auch Coaching oder eine psychodynamische tiefenpsychologische Beratung in Anspruch genommen werden. Der psychodynamische Ansatz ist allerdings nicht auf die Ursachen des Störungsbildes selbst anwendbar, sondern nur auf seine Folgen in Bezug auf die Betroffenen selbst oder im Rahmen von sich daraus ergebenden Beziehungskonflikten.

Bei Konflikten in Beziehungen von Betroffenen ist eine Paartherapie ein gangbarer Weg. Vor allem auch, um sie aus ihrer Rolle als identifizierte Patienten entlassen zu können und Angehörige für eigene autistische Anteile zu sensibilisieren und damit gemeinsames Wachstum zu ermöglichen.

Sollten Sie zum Kreis der Menschen mit autistischen Persönlichkeitsanteilen gehören, zögern Sie bitte nicht, ein unverbindliches Beratungsgespräch in meiner Praxis zu vereinbaren.

Das könnte Sie auch interessieren: