Zur zeitlichen Struktur der Wahrnehmung: Wenn Muster der Wirklichkeit hinterherhinken oder ihr vorauseilen.

Einleitung

Psychotherapie ist in hohem Maße auf Mustererkennung angewiesen. Symptome werden als Ausdruck bestimmter Dynamiken verstanden, Verhaltensweisen in bekannte Kategorien eingeordnet, und aus der Wiedererkennbarkeit solcher Muster entstehen diagnostische Sicherheit und therapeutische Orientierung. Diese Fähigkeit zur Musterbildung ist eine grundlegende Voraussetzung professionellen Handelns – und zugleich eine potenzielle Quelle von Fehlwahrnehmung. Denn Muster verändern sich fortwährend im Prozess, und es ist für Menschen nicht ohne Weiteres möglich, ihre Mustererkennung mit dieser Dynamik in Einklang zu bringen.

Dies hängt damit zusammen, dass wahrgenommene Muster entweder noch einer früheren Phase eines Prozesses entsprechen oder aber als Ausdruck eines vorauseilenden Prozesses interpretiert werden, der in Teilen erst antizipiert wird. So entstehen entweder Gleichgültigkeit gegenüber markanten Veränderungen oder Katastrophisierungen, indem Entwicklungen als bedrohlicher erlebt werden, als sie tatsächlich sind. In beiden Fällen sind die kognitiven Verzerrungen mit emotionalen Besetzungen verbunden.

Zum Phänomen der hinterherhinkenden Muster: Was in der klinischen Situation als vertraut erscheint, kann bereits Teil eines veränderten Zusammenhangs sein. Insbesondere in Zeiten beschleunigten Wandels – sei es auf gesellschaftlicher, kultureller oder individueller Ebene – geraten eingeübte Deutungsformen leicht in Verzug gegenüber den Prozessen, die sie eigentlich erfassen sollen.

Zum Phänomen der vorauseilenden Muster: Was ehemals als vertraut erschien, wird nicht nur als verändert, sondern als bereits grundlegend transformiert erlebt – obwohl der zugrunde liegende Prozess diesen Zustand möglicherweise noch gar nicht erreicht hat. Es entsteht der Eindruck, als seien die bisherigen methodischen Verfahren mit ihren bekannten Mustern überhaupt nicht mehr anwendbar.

Muster sind unverzichtbar für Orientierung, da sie vergangene Erfahrungen zu wiedererkennbaren Formen verdichten. Prozesse hingegen beschreiben die fortlaufende Dynamik von Veränderung, die sich oft erst im Nachhinein erschließt. Das zentrale Problem besteht in einer zeitlichen Fehlpassung zwischen beiden: Muster können Entwicklungen hinterherhinken und dadurch Veränderungen verkennen, oder ihnen vorauseilen und dadurch überzeichnen. Erkenntnis und praktische Klugheit bestehen daher nicht im Verzicht auf Muster, sondern in der Fähigkeit, ihre zeitliche Angemessenheit im Verhältnis zu den zugrunde liegenden Prozessen zu beurteilen.

Der vorliegende Beitrag geht daher von der Annahme aus, dass die Herausforderungen der Mustererkennung in der Psychotherapie nur vor dem Hintergrund eines allgemeineren Problems verstanden werden können: dem Spannungsverhältnis zwischen hinterherhinkenden oder vorauseilenden statischen Mustern und dynamischen Prozessen. Ziel ist es, dieses Verhältnis theoretisch zu klären und seine Konsequenzen für den Umgang mit unterschiedlichen psychotherapeutischen Paradigmen sichtbar zu machen.

Wahrnehmung ist Mustererkennung

Eine der zentralen Schwierigkeiten im Umgang mit gesellschaftlichem und individuellem Wandel besteht darin, dass unser Denken primär an Mustern orientiert ist, während sich die Wirklichkeit in Prozessen vollzieht. Muster geben Halt, Prozesse erzeugen Veränderung – und genau in dieser Differenz liegt ein grundlegendes Erkenntnisproblem.

Muster entstehen aus Erfahrung. Sie verdichten Vergangenes zu wiedererkennbaren Formen und ermöglichen Orientierung in komplexen Situationen. Gerade deshalb sind sie unverzichtbar: Ohne Muster gäbe es keine schnelle Einschätzung, keine Intuition, keine praktische Klugheit und keine intellektuelle Treffsicherheit. Doch diese Stärke ist zugleich ihre Schwäche. Muster sind häufig hinterherhinkend und vergangenheitsgebunden. Sie tragen die Logik einer Welt in sich, die so möglicherweise nicht mehr besteht. Dies führt dazu, dass neue Entwicklungen als Bruch mit der Vergangenheit erlebt und deshalb abgelehnt werden. So kommt es zu Aussagen wie: „Die Jugend von heute!“, „Früher war alles besser“ oder „Der Untergang des Abendlandes!“.

Muster können jedoch nicht nur hinterherhinken, sondern auch vorauseilen und dabei als besonders modern oder zukunftsweisend erscheinen. So sah bekanntlich Karl Marx in jeder kapitalistischen Rezessionskrise den Beginn der Weltrevolution.

Hinterherhinkende Muster orientieren sich an der Vergangenheit und sind oft mit Trägheit, Bagatellisierung oder falscher Selbstgewissheit verbunden. Vorauseilende Muster hingegen beziehen sich auf eine antizipierte Zukunft und gehen häufig mit Angst, Dramatisierung oder Euphorie einher.

Wahrnehmung ist daher nie unmittelbarer Zugriff auf Wirklichkeit, sondern immer bereits durch Muster vermittelt – und damit anfällig für zeitliche Fehlpassungen.

Im Strukturwandel verändern sich Muster

Im Strukturwandel zeigt sich dieses Problem besonders deutlich. Menschen neigen dazu, in neuen Situationen alte Muster zu erkennen – nicht, weil diese noch zutreffen, sondern weil sie vertraut sind. So entsteht eine Art Wahrnehmungsträgheit: Man sieht, was man kennt, und nimmt das Neue oft erst wahr, wenn es unübersehbar geworden ist.

Ein anschauliches Beispiel liefert die Mode. Bereits in Buddenbrooks beschreibt Thomas Mann ältere Herrschaften, deren Kleidung einer längst vergangenen Epoche entspricht – ein sichtbares Festhalten an einem früher gültigen Muster. Mode ist hier nicht nur eine ästhetische Entscheidung, sondern Ausdruck eines zeitlichen Versatzes zwischen Individuum und Umwelt. Während jüngere Menschen sensibel auf neue Impulse reagieren, verharren ältere oft in den Mustern ihrer Jugend. Das Muster bleibt stabil, obwohl sich der gesellschaftliche Prozess längst weiterbewegt hat.

Ähnliches lässt sich für Berufe beobachten. Der klassische Schuhmacher steht für ein Muster von Handwerk, das in einer Ökonomie der Reparatur sinnvoll war. In einer Wegwerf- und Konsumgesellschaft verliert dieses Muster jedoch seine Grundlage. Dennoch existiert es als Vorstellung weiter – kulturell, nostalgisch oder identitätsstiftend –, auch wenn die zugrunde liegenden Prozesse sich längst verändert haben, auch wenn die zugrunde liegenden Prozesse sich längst verändert haben und das ursprüngliche Funktionsgefüge, auf das sich das Muster bezog, nicht mehr besteht.

Paradigmenwechsel als Marker im Wandel

In der Wissenschaft wird die Veränderung grundlegender Muster als Paradigmenwechsel beschrieben. Ein Paradigma ist ein besonders mächtiges Muster: Es strukturiert, was überhaupt als relevante Frage gilt, welche Methoden angewendet werden und wie Ergebnisse interpretiert werden. Solange ein Paradigma stabil ist, erscheint es selbstverständlich. Verändern sich jedoch die zugrunde liegenden Prozesse, gerät es in eine Krise. Das Alte wird weiterhin angewendet, obwohl es das Neue nicht mehr angemessen erfassen kann.

Historisch lässt sich dies gut nachvollziehen. In der Antike war die Philosophie die Leitwissenschaft; sie lieferte das grundlegende Denkschema für andere Disziplinen. Entsprechend orientierte sich etwa Augustinus an neuplatonischen Konzepten, um die Theologie an das intellektuelle Niveau seiner Zeit anschlussfähig zu machen. Später übernahm die Physik diese Leitfunktion, bevor in jüngerer Zeit biologische Denkmodelle – etwa Evolution, Selbstorganisation oder Systemtheorie – zunehmend prägend wurden. Jeder dieser Übergänge markiert nicht nur einen inhaltlichen Wandel, sondern eine Verschiebung der grundlegenden Muster, mit denen Wirklichkeit verstanden wird.

Paradigmenwechsel erscheinen dabei oft als plötzliche Brüche, sind jedoch in der Regel das Ergebnis länger andauernder Prozesse, die sich erst im Nachhinein als solche erkennen lassen.

Die Unanschaulichkeit von Prozessen

Das eigentliche Problem besteht darin, dass Prozesse selbst schwer zu veranschaulichen sind. Sie entziehen sich der unmittelbaren Wahrnehmung, weil sie keine klar abgegrenzten Gestalten besitzen. Man erlebt nicht „den Prozess“, sondern nur einzelne Zustände. Erst im Nachhinein werden diese als zusammenhängende Entwicklung rekonstruiert.

Um Prozesse überhaupt erkennen zu können, benötigt man Marker – Verdichtungspunkte, an denen ein Umschlag sichtbar wird. Die klassische Formel „Quantität schlägt in Qualität um“ beschreibt genau diesen Moment, in dem sich ein Prozess in der Mustererkennung als Veränderung manifestiert. Prozesse werden daher nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern nur über ihre Effekte erschlossen, die in Mustern Gestalt gewinnen.

Marker helfen bei der Unterscheidung von Sprüngen im Prozess

Hier kommt die Metapher des Rubikon ins Spiel: ein Punkt, an dem ein schleichender Prozess plötzlich als unumkehrbare Entscheidung erscheint. Solche Schwellenmomente machen Prozesse überhaupt erst greifbar. Ohne sie bliebe Veränderung diffus und schwer fassbar.

Vor diesem Hintergrund lässt sich ein grundlegendes Spannungsverhältnis formulieren. Muster sind anschaulich, erscheinen jedoch häufig entweder als Wahrnehmungsrelikte oder als Katastrophisierungen. Diese beiden Fehlformen lassen sich als hinterherhinkende bzw. vorauseilende Mustererkennung beschreiben. Prozesse hingegen beschreiben die Wirklichkeit zeitnah in theoretischer Sprache, bleiben aber meist unanschaulich.

Der Paradigmenwechsel kann als Vermittlungsform zwischen beiden verstanden werden. Er markiert den Moment, in dem ein neues Muster entsteht, das einen bereits vollzogenen – oder zumindest weit fortgeschrittenen – Prozess nachträglich strukturiert. Oft wirkt dieser Wechsel abrupt, fast sprunghaft, obwohl ihm längere Entwicklungen vorausgehen. Allerdings ist ein Paradigmenwechsel kein objektiv gültiger Marker, sondern selbst emotional aufgeladen und daher potenziell irreführend.

Beispiele aus dem Kulturleben verdeutlichen diese Dynamik. Phänomene wie die Beatmusik oder der Minirock erscheinen rückblickend als plötzliche Brüche, sind jedoch in Wirklichkeit Verdichtungen längerer Transformationsprozesse.

Auch in der Gegenwart lassen sich solche Entwicklungen beobachten. Der Aufstieg des SUVs kann als neues Muster im Automobilbereich verstanden werden, das veränderte Bedürfnisse, Sicherheitsvorstellungen und Statuscodes bündelt. Gleichzeitig verschwinden andere Muster – etwa das Cabrio als Symbol individueller Freiheit – nicht sofort, sondern bestehen als kulturelle Formen fort, obwohl ihre strukturelle Grundlage zunehmend erodiert.

Zur Herausforderung einer Kritik der Musterabhängigkeit im Erkenntnisprozess

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die eigene Abhängigkeit von hinterherhinkenden und vorauseilenden Mustern zu reflektieren, ohne sich in der theoretischen Unanschaulichkeit reiner Prozessbeschreibungen zu verlieren. Praktische Klugheit besteht gerade darin, sensibel für Übergänge zu werden: zu erkennen, wann ein vertrautes Muster noch trägt und wann es bereits zu einer Fehlwahrnehmung führt.

Strukturwandel bedeutet somit nicht nur eine Veränderung der äußeren Welt, sondern auch eine permanente Irritation unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Wer sich ausschließlich auf Muster verlässt, kommt zu spät oder antizipiert Entwicklungen auf unrealistische Weise. Wer hingegen nur auf Prozesse blickt, verliert die kommunikative Anschlussfähigkeit. Entscheidend ist die Fähigkeit, beides in Beziehung zu setzen – und insbesondere jene Momente zu erkennen, in denen ein Prozess beginnt, ein neues Muster hervorzubringen, das den aktuellen Zustand angemessen beschreibt.

Erkenntnis besteht somit nicht im Besitz richtiger Muster, sondern in der Fähigkeit, ihre zeitliche Angemessenheit situativ zu beurteilen.

Psychotherapie im Spannungsfeld konkurrierender Paradigmen

Die Problematik der Mustererkennung im Strukturwandel zeigt sich in der Psychotherapie in besonders zugespitzter Form. Denn hier fungieren nicht nur alltägliche Wahrnehmungsgewohnheiten als Deutungsmuster, sondern theoretische Paradigmen selbst. Sie bestimmen, was überhaupt als relevante Beobachtung gilt, wie Phänomene verstanden werden und welche Formen der Intervention als sinnvoll erscheinen. Paradigmen strukturieren somit nicht nur das Denken, sondern auch das Handeln.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch in der Psychotherapie hinterherhinkende und vorauseilende Formen der Mustererkennung beobachten. Vorauseilende Muster äußern sich etwa in vorschneller Pathologisierung, in Überinterpretationen oder in methodischer Übergriffigkeit, wenn vorschnell „tiefer gegangen“ wird, obwohl die strukturellen Voraussetzungen dafür noch nicht gegeben sind. Hinterherhinkende Muster zeigen sich demgegenüber in beruhigenden, aber verkürzenden Deutungen wie: „Das kennen wir doch, nichts Besonderes“ oder „Das ist nur ein Widerstand.“ In beiden Fällen wird die gegenwärtige Situation nicht in ihrer Eigenart erfasst, sondern einem unpassenden Deutungsmuster untergeordnet.

Psychotherapeutische Paradigmen entstehen jedoch nicht willkürlich. Sie entwickeln sich in spezifischen historischen Kontexten und im Umgang mit bestimmten Patientengruppen. Das Konfliktmodell etwa ist eng mit neurotischen Störungen verbunden, bei denen innere Widersprüche zwischen Wünschen, Normen und Ängsten im Zentrum stehen. Strukturorientierte Ansätze hingegen haben ihre Wurzeln in der Behandlung früher Störungen, bei denen die Integration psychischer Funktionen nur unzureichend ausgebildet ist. Traumatherapeutische Verfahren schließlich reagieren auf Erfahrungen massiver Überwältigung, die nicht symbolisch verarbeitet werden konnten.

Jedes dieser Paradigmen stellt zunächst eine angemessene Antwort auf einen bestimmten Erfahrungsbereich dar. Problematisch wird es erst dann, wenn aus dieser begrenzten Gültigkeit ein universeller Anspruch abgeleitet wird. In diesem Moment verwandelt sich das Paradigma in ein starres Muster, das unabhängig von seinem ursprünglichen Kontext angewendet wird. Dadurch kann es geschehen, dass etablierte Ansätze vorschnell als überholt gelten, während neue als grundsätzlich überlegen erscheinen – unabhängig davon, ob sie für die jeweilige Situation tatsächlich angemessen sind.

Hier liegt eine zentrale Quelle des sogenannten Schulenstreits in der Psychotherapie. Unterschiedliche Ansätze werden nicht als komplementäre Perspektiven verstanden, sondern als konkurrierende Wahrheiten. Die jeweilige Theorie erscheint dann nicht mehr als historisch gewachsenes Werkzeug, sondern als umfassende Beschreibung der Wirklichkeit. Dadurch wird verdeckt, dass unterschiedliche Modelle auf unterschiedliche strukturelle Voraussetzungen reagieren.

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Umgang mit störendem Verhalten. In einem verhaltenstherapeutischen Paradigma kann es sinnvoll sein, die Bedeutung eines Symptoms zunächst auszublenden und stattdessen seine funktionale Einbettung zu betrachten. Störendes Verhalten wird dann etwa durch Ignorieren oder gezielte Löschungsstrategien verändert – nicht, weil es verstanden wurde, sondern weil seine aufrechterhaltenden Bedingungen modifiziert werden.

Demgegenüber setzt ein bedeutungsanalytischer Zugang genau an der Frage nach dem Sinn des Verhaltens an: Was drückt sich darin aus? Geht es um den Versuch, Aufmerksamkeit zu erhalten, um Protest, um Negativismus oder um die Inszenierung eines inneren Konflikts? Mitunter kann störendes Verhalten auch als Versuch verstanden werden, die Reaktionen des Gegenübers zu testen und damit eine Beziehungssituation zu strukturieren.

Beide Perspektiven sind für sich genommen plausibel – und beide können wirksam sein. Sie sind jedoch nicht beliebig austauschbar, da sie unterschiedliche strukturelle Voraussetzungen voraussetzen. Ein Patient mit stabiler Ich-Struktur und konfliktbedingten Symptomen kann von einer Bedeutungsanalyse profitieren. Ein Patient mit massiven Regulationsdefiziten hingegen benötigt möglicherweise zunächst äußere Strukturierung, bevor eine solche Analyse überhaupt möglich wird.

Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, dass diese Unterschiede im klinischen Alltag häufig nicht explizit reflektiert werden. Paradigmen werden implizit vorausgesetzt und wirken wie unsichtbare Raster, durch die das Verhalten des Patienten interpretiert wird. Dadurch entsteht die Gefahr systematischer Fehldeutungen: Ein und dasselbe Verhalten kann je nach theoretischem Hintergrund völlig unterschiedlich verstanden werden – als Ausdruck eines Konflikts, einer strukturellen Schwäche, einer Traumafolge oder als erlerntes Verhalten.

In diesem Sinne sind psychotherapeutische Paradigmen selbst als Muster zu begreifen – und unterliegen damit denselben Problemen wie alle Muster im Strukturwandel. Sie tendieren dazu, sich zu verallgemeinern und ihre eigene Entstehungsgeschichte zu vergessen. Gerade deshalb ist eine historisch-kritische Reflexion ihrer Reichweite notwendig.

Ein integrativer Ansatz müsste daher weniger darauf abzielen, ein „richtiges“ Paradigma zu etablieren, als vielmehr die Bedingungen zu klären, unter denen ein bestimmtes Paradigma sinnvoll angewendet werden kann. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: Welche Theorie ist richtig?, sondern: Für wen, in welchem Kontext und auf welchem Strukturniveau ist diese Perspektive angemessen?

Damit verschiebt sich der Fokus von der Verteidigung theoretischer Positionen hin zu einer metatheoretischen Kompetenz. Diese besteht in der Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Paradigmen zu wechseln, ohne sie zu vermischen, und ihre jeweilige Reichweite sowie ihre Grenzen zu erkennen.

Gerade hier zeigt sich erneut das Grundproblem von Muster und Prozess: Paradigmen sind notwendige Orientierungsmuster, geraten jedoch leicht in Verzug gegenüber den dynamischen Prozessen psychischer und gesellschaftlicher Entwicklung – oder sie eilen ihnen voraus und antizipieren eine Zukunft, die so noch gar nicht eingetreten ist. Eine reflektierte therapeutische Praxis muss daher beides leisten: Sie muss sich auf tragfähige Muster stützen und zugleich sensibel bleiben für die Prozesse, die diese Muster möglicherweise bereits eingeholt oder überholt haben.

Zusammenfassung

Der Ausgangspunkt des Textes ist die grundlegende Unterscheidung zwischen Mustern und Prozessen. Muster dienen der Orientierung, indem sie vergangene Erfahrungen zu wiedererkennbaren Formen verdichten. Prozesse hingegen beschreiben die tatsächliche Dynamik von Veränderung, die sich oft nur schwer unmittelbar erfassen lässt. Aus dieser Differenz ergibt sich ein zentrales Problem: Während Muster anschaulich und handlungsleitend sind, neigen sie dazu, der aktuellen Entwicklung hinterherzuhinken oder ihr vorauszueilen; Prozesse hingegen sind zwar näher an der Realität, bleiben jedoch häufig abstrakt und schwer greifbar.

Im Kontext von Strukturwandel zeigt sich, dass Menschen dazu tendieren, an vertrauten Mustern festzuhalten, auch wenn sich die zugrunde liegenden Bedingungen bereits verändert haben. Ebenso können vermeintlich neue Muster vorschnell übernommen und überbewertet werden, ohne ihre Angemessenheit hinreichend zu prüfen. Dies führt zu systematischen Fehlwahrnehmungen: Neue Situationen werden mit alten Deutungsmustern interpretiert, während bekannte Situationen mit neuen Mustern überformt werden. Paradigmenwechsel markieren dabei jene Schwellen, an denen sich ein neuer Zusammenhang von Mustern herausbildet, der einen bereits vollzogenen Prozess nachträglich ordnet und verständlich macht.

Diese allgemeine Problematik spiegelt sich in der Psychotherapie in spezifischer Weise wider. Theoretische Paradigmen – etwa konfliktorientierte, strukturorientierte oder traumatherapeutische Ansätze – fungieren als Deutungsmuster für psychisches Geschehen. Sie sind historisch in bestimmten klinischen Kontexten entstanden und jeweils an spezifische Störungsbilder gebunden. Problematisch wird ihre Anwendung dann, wenn sie ihren ursprünglichen Geltungsbereich überschreiten und als universelle Erklärungsmodelle verstanden werden.

Der daraus resultierende Schulenstreit verdeckt häufig die eigentliche Aufgabe: nicht die Entscheidung für ein „richtiges“ Paradigma, sondern die angemessene Zuordnung von Paradigma, Patient, Kontext und Strukturniveau. Ein und dasselbe Verhalten kann je nach theoretischer Perspektive unterschiedlich interpretiert und behandelt werden – sinnvoll wird eine Intervention jedoch erst dann, wenn sie den strukturellen Voraussetzungen des Patienten entspricht.

Die zentrale Kompetenz in diesem Zusammenhang ist daher eine metatheoretische Reflexionsfähigkeit: die Fähigkeit, Paradigmen als notwendige, aber begrenzte Muster zu erkennen, ihre Entstehungsbedingungen zu berücksichtigen und ihre Anwendung kontextsensibel zu variieren.

Insgesamt zeigt sich, dass weder eine ausschließliche Orientierung an Mustern noch eine rein prozessuale Sichtweise ausreicht. Erst im Zusammenspiel beider Perspektiven – vermittelt durch ein Bewusstsein für die Reichweite und die Grenzen von Paradigmen – wird ein angemessener Umgang mit komplexen Veränderungsprozessen möglich. Dies gilt sowohl für gesellschaftliche Entwicklungen als auch für die psychotherapeutische Praxis.

Fehlwahrnehmungen im Strukturwandel beruhen weniger auf falscher Darstellung von lnhalten als auf einer zeitlichen Fehlpassung zwischen Mustern und Prozessen. Muster können Entwicklungen verkennen, weil sie ihnen entweder hinterherhinken oder vorauseilen. Die Konsequenzen dieser Fehlpassung variieren je nach Kontext: In Bereichen wie der Kapitalallokation werden Fehlwahrnehmungen meist zeitnah ökonomisch sanktioniert. In anderen Feldern, etwa in der Psychotherapie oder im gesellschaftlichen Diskurs, bleiben sie häufig länger bestehen oder werden durch theoretische Überzeugungen stabilisiert und so gegen Korrekturen abgeschirmt. Dies erschwert ihre Revision und erhöht die Gefahr, dass unangemessene Muster weiterverwendet werden, obwohl sie die zugrunde liegenden Prozesse nicht mehr oder noch nicht adäquat erfassen.

In diesem Zusammenhang ist ein Gedanke von Claude Debussy aufschlussreich, wonach sich aus einer gelungenen Komposition zwar ein Regelwerk ableiten lässt, dieses jedoch nicht umgekehrt zur Hervorbringung neuer Kompositionen taugt. Übertragen auf die hier diskutierte Problematik bedeutet dies: Muster können Prozesse nachträglich beschreiben, aber sie können deren Verlauf nicht selbst hervorbringen. Psychotherapeutische Handlungskompetenz besteht daher nicht in der Anwendung von Regeln, sondern in der Fähigkeit, sich im Prozess selbst zu orientieren und ihn situationsbezogen gestaltend zu beeinflussen.

Weiterlesen: Wolfgang Albrecht, Psychotherapiepraxis in Berlin

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