Einleitung
In modernen Gesellschaften erscheint das „Wir“ als selbstverständlicher Zielpunkt intimer Beziehungen. Kaum ein Begriff ist derart positiv konnotiert: Er steht für Zugehörigkeit, Sinn, Sicherheit und emotionale Reife. Zugleich fungiert er als normative Chiffre, an der das Gelingen oder Scheitern von Paarbeziehungen gemessen wird.
Gerade diese normative Aufladung macht den Begriff theoretisch problematisch. Denn das „Wir“ suggeriert Einheit dort, wo Differenz, Asymmetrie und Macht strukturell wirksam bleiben. Dieser Beitrag setzt daher nicht beim Scheitern einzelner Beziehungen an, sondern bei der kulturellen Funktion des „Wir“ selbst. Die leitende These lautet: Das „Wir“ ist weniger die Überwindung des Geschlechterkampfes als dessen symbolische Verdichtung. Oder anders gesagt: Die Verwendung des „Wir“ wird zum Symbol für die momenthafte Aufhebung, transparente Erfahrung oder Verschleierung des Geschlechterkampfes.
Der Geschlechterkampf als strukturelle Dialektik
Der Begriff des Geschlechterkampfes wird hier nicht moralisch, sondern analytisch verwendet. Er bezeichnet kein historisch begrenztes Machtmissverhältnis, sondern eine relationale Grundstruktur, die aus drei miteinander verschränkten Asymmetrien des Geschlechterverhältnisses hervorgeht. Diese Asymmetrien existieren in der Regel auch in homosexuellen Beziehunen, weil auch dort die Polarität nicht augehoben, sondern nur anders erlebt wird.
Erstens besteht eine Asymmetrie der Investitionen. Körperlichkeit, Reproduktion, zeitliche Bindung und soziale Risiken sind in Paarbeziehungen ungleich verteilt, auch dort, wo rechtliche Gleichstellung verwirklicht ist. Diese Ungleichverteilung bleibt symbolisch und psychisch wirksam.
Zweitens besteht eine Asymmetrie des Begehrens. Begehren folgt keiner Logik der Gleichverteilung. Es produziert Abhängigkeit beim Begehrenden, Verletzbarkeit und damit Macht, ohne sich normativ regulieren zu lassen.
Drittens besteht eine Asymmetrie der emotionalen Abhängigkeit. Nähe erzeugt Bindung, Bindung erzeugt Verwundbarkeit. Diese Dynamik ist anthropologisch grundlegend und entzieht sich kultureller Aufhebung.
Diese Asymmetrien bilden den stabilen Untergrund des Geschlechterkampfes. Historische und kulturelle Ordnungen verändern nicht dessen Existenz, sondern seine symbolische Artikulation bzw. Ausformung.
Historische Figurationen des „Wir“
Ein kulturhistorischer Vergleich zeigt, dass das „Wir“ stets an spezifische Ordnungsvorstellungen gebunden ist.
In der Antike fungiert das „Wir“ primär als ökonomische und genealogische Einheit des Oikos. Geschlechterdifferenz ist offen hierarchisch strukturiert. Der Geschlechterkampf ist sichtbar und dadurch begrenzbar. Stabilität entsteht nicht trotz, sondern aufgrund der expliziten Asymmetrie.
Im mittelalterlichen Europa wird das „Wir“ sakralisiert. Die Ehe als Sakrament bindet die Geschlechterordnung an eine transzendente Instanz. Unterwerfung erhält religiöse Legitimation. Das „Wir“ stabilisiert, indem es Konflikt metaphysisch überhöht und individuale Aushandlung suspendiert.
Mit der bürgerlichen Moderne verlagert sich das „Wir“ ins Innere der Beziehung. Liebe, Moral und Pflicht ersetzen Recht und Sakrament. Der Geschlechterkampf wird internalisiert. Das „Wir“ gewinnt emotionale Tiefe, wird jedoch zugleich zur moralischen Instanz, die Differenz verdeckt.
Im Kommunismus erscheint das „Wir“ als Kollektivform. Geschlechterdifferenz wird ideologisch nivelliert, ohne zu verschwinden. Der Staat übernimmt die Rolle regulierender Macht. Das Paar wird funktionalisiert.
In der spätmodernen Konsumgesellschaft schließlich wird das „Wir“ zum zeitlich begrenzten Projekt. Beziehung erscheint als reflexive, optimierbare Praxis. Der Geschlechterkampf wird psychologisiert, zum Kampf ums Sorgerecht für die Kinder eingesetzt und kommunikativ-therapeutisch bearbeitet, ohne seine strukturelle Grundlage zu verlieren.
Klassen- und interkulturelle Konstellationen
Besonders deutlich tritt die Dialektik des „Wir“ in klassen- und kulturübergreifenden Paarbeziehungen hervor, da hier unterschiedliche symbolische Ordnungen aufeinandertreffen.
Literarische Konstellationen wie Higgins und Eliza (Pygmalion) oder historische Paare wie Richard und Cosima Wagner zeigen, dass das „Wir“ häufig als Projekt, Mythos oder Legitimation fungiert, während Machtasymmetrien real wirksam bleiben.
In gegenwärtigen interkulturellen Paaren kollidieren unterschiedliche Vergemeinschaftungsmodelle: regelbasierte versus identitätsbasierte, expressive versus durchhaltende „Wir“-Vorstellungen. Das „Wir“ wird selbst zum Austragungsort kultureller Konflikte. Was das „Wir“ einschließen oder gerade nicht einschließen soll, ist abhängig von Zeitgeistvorstellungen, unterschiedlichen kulturellen Kontexten etc. und bleibt damit auf jeden Fall klärungsbedürftig.
Das „Wir“ als notwendige und problematische Formation
Das „Wir“ ist für Paarbeziehungen unverzichtbar. Ohne symbolische Vergemeinschaftung zerfällt Beziehung in bloße Koexistenz. Zugleich wird das „Wir“ problematisch, sobald es Differenz leugnet oder Macht moralisch neutralisiert oder formalisiert.
Ein tragfähiges „Wir“ anerkennt Asymmetrie, ohne sie negieren zu müssen. Es hält Spannung aus, ohne sie aufzulösen. Ein irreführendes „Wir“ hingegen absorbiert Individualität, sanktioniert Abweichung und verschiebt Macht in moralische oder emotionale Register.
Theoretische Gegenpositionen und ihre Grenzen
In dem hier vertreten Ansatz wird der Geschlechterkampf als anthroplogische Konstante gedacht. Im Gegensatz dazu sind die gängigen paartherapeutischen Theorien zu sehen. Aus systemischer Perspektive erscheint der Geschlechterkampf primär als Interaktionsproblem, das sich systemisch-kommunikativ auflösen läßt, aus psychoanalytischer Perspektive als intrapsychische Wiederholung, quasi als Restneurose, aus feministischer Perspektive als historisch überwindbare Ungleichheit. Diese Ansätze leisten jeweils Wesentliches, stoßen jedoch dort an Grenzen, wo sie Macht funktionalisieren, psychologisieren oder normativ aufheben wollen. Die Persistenz ähnlicher Konfliktmuster über kulturelle Kontexte hinweg verweist auf eine tieferliegende Struktur, die sich m.E. weder kommunikativ noch politisch abschaffen lässt, die man im jeweiligen Kontext nur besser verstehbar machen kann.
Die Verwendung des „Wir“ als Austragungsort, nicht als Lösung
Der Geschlechterkampf verschwindet im „Wir“ nicht. Er entscheidet sich an ihm und ander jeweiligen Verwendung des „Wir“. Paarbeziehungen scheitern nicht an der Existenz dieser Dialektik, sondern an dem Versuch, sie zu leugnen oder moralisch zu befrieden, indem er in ein festes Korsett gezwungen wird.
Das „Wir“ ist kein Zielzustand, sondern eine fragile, reversible Formation. Seine kulturelle Würde liegt nicht in der Versöhnung von Differenz, sondern in der Fähigkeit, Spannung tragfähig und emotional aushaltbar zu machen.
Zusammenfassung
Der Beitrag verfolgt die These, dass der Geschlechterkampf keine historisch kontingente Fehlform intimer Beziehungen darstellt, sondern eine strukturelle Dialektik, die sich kultur-, klassen- und epochenübergreifend in wechselnden symbolischen Ordnungen artikuliert. Im Zentrum steht der Begriff des „Wir“ als ambivalente kulturelle Formation: Einerseits fungiert er als notwendiges Integrationsmoment von Paarbeziehungen, andererseits als bevorzugtes Medium zur Verschleierung von Macht, Asymmetrie und Unterwerfung. Anhand historischer, interkultureller und sozialstruktureller Konstellationen sollte gezeigt werden, dass Paarbeziehungen nicht am Fortbestand dieser Dialektik scheitern, sondern an ihrem ideologischen Leugnen. Abschließend wird argumentiert, dass auch therapeutische und politische Diskurse an diese Grenze der Existenz des Gesdchlechterkampfes als gewachsenem Fels gebunden bleiben.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht