Einleitung
Die politische Philosophie steht seit ihren Anfängen vor einem Grundproblem, das sich bis heute nicht endgültig lösen lässt: Wie kann Macht so organisiert werden, dass sie nicht missbraucht wird? Zwei der einflussreichsten Antworten auf diese Frage stammen aus sehr unterschiedlichen Epochen: Platons radikale Kritik der Demokratie in der Antike und Karl Poppers Verteidigung der Demokratie im 20. Jahrhundert. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit scheitern beide Ansätze letztlich am selben Punkt – an der Dynamik der Macht selbst.
Platon: Die Hoffnung auf die unkorrumpierbare Elite
Platons Demokratieskepsis ist biographisch und historisch motiviert. Die attische Demokratie des 5. Jahrhunderts v. Chr. hatte in seinen Augen versagt: Sie führte Athen in den Peloponnesischen Krieg, ließ sich von Demagogen lenken und verurteilte schließlich Sokrates, den Platon als Verkörperung philosophischer Vernunft verstand, zum Tod. Demokratie erschien ihm daher als Herrschaft der Unwissenden über die Wissenden.
Bei Platon findet sich eine fundamentale Kritik der Demokratie. Diese leitet sich zum einen her aus dem Menschenbild und der Erkenntnistheorie Platons. Platon (v. a. in Politeia, Gorgias) geht von einer objektiven Wahrheit und einer hierarchischen Seelenordnung aus: Vernunft soll herrschen, nicht Begierde oder Affekt. Die Mehrheit ist erkenntnistheoretisch nicht kompetent, Wahrheit zu erkennen. Demokratie basiert auf doxa (Meinung), nicht auf epistēmē (Wissen). Sokrates’ Tod durch ein demokratisches Gericht fungiert dabei als biographisch-politisches Trauma und Beleg für die Fehlbarkeit der Masse.
Platons politische Kritikpunkte: Platon kritisiert die Demokratie als: Herrschaft der Unkundigen. Er wählt die Metaphorik eines Schiffs: Die Passagiere wählen den Kapitän, nicht der Fachkundige. Das muss scheitern. Die Gleichsetzung von Ungleichem. Wenn alle Meinungen gleich gelten, so sind diese nicht mehr bezogen auf Kompetenz oder Tugend. Eine große Gefahr sieht er in der Dominanz von Freiheit ohne Maß. Die Demokratie führt deshalb letztlich zur Anarchie, diese wiederum zur Tyrannis. Wichtigsten Argument gegen die Demokratie: Die Massen sind verführbar durch Demagogen. Denn Rhetorik ersetzt tendenziell Wahrheit.
In der Politeia entwickelt Platon als Gegenentwurf den Idealstaat, in dem Philosophen herrschen, weil sie als Einzige das Gute erkennen. Um Korruption zu verhindern, sollen diese Herrscher kein Privateigentum besitzen, keine Familie haben und ihr Leben ganz dem Gemeinwohl widmen. Macht soll dort liegen, wo Wahrheit ist.
Doch gerade hier zeigt sich das strukturelle Scheitern von Platons Modell. Denn absolute Macht bleibt auch dann gefährlich, wenn sie von Gebildeten ausgeübt wird. Platon bietet keine institutionelle Kontrolle über die Philosophenherrscher. Kritik von unten ist ausgeschlossen, Abwahl unmöglich. Die Annahme, Erkenntnis garantiere Tugend, ist philosophisch wie historisch nicht haltbar.
Bereits die Antike selbst liefert Gegenbeispiele. Die kurzzeitige Herrschaft der Dreißig Tyrannen (404–403 v. Chr.), unter denen Platons Verwandter Kritias eine führende Rolle spielte, verstand sich als Regierung einer gebildeten Elite – und entwickelte sich dennoch zu einem gewalttätigen Terrorregime. Auch sie beanspruchte, besser zu wissen, was dem Staat nütze, und entzog sich jeder demokratischen Kontrolle.
Platons Theorie scheitert damit an einem anthropologischen Widerspruch: Er weiß, dass Menschen korrumpierbar sind, vertraut aber ausgerechnet bei den Mächtigsten auf ihre moralische Vollkommenheit. Sein Staat ist nur stabil unter der Voraussetzung idealer Menschen – eine Voraussetzung, die er selbst eigentlich verneint.
Popper: Die Hoffnung auf die Selbstkorrektur der Demokratie
Karl Popper entwickelt seine Demokratietheorie vor dem Hintergrund der totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus erscheinen ihm als direkte Folgen eines politischen Wahrheitsanspruchs, wie er ihn bereits bei Platon angelegt sieht. In Die offene Gesellschaft und ihre Feinde wendet sich Popper deshalb entschieden gegen jede Form von „Herrschaft der Wissenden“. Popper ist ein entschiedener Gegner Platons, weil er den Totalitarismus des 20. Jahrhundert als Foilge eines absoluten Wahrheitsanspruchs in der Tradition Platons versteht.
Popper ersetzt deshalb die klassische Frage „Wer soll herrschen?“ durch eine neue: Wie können wir schlechte Herrscher loswerden, ohne Blutvergießen? Die Antwort lautet: durch demokratische Wahlen. Demokratie ist für Popper keine Garantie guter Politik, sondern ein Verfahren zur friedlichen Korrektur von Fehlern und wie man unfähige Politiker wieder loswird. Ihre Stärke liegt nicht in Weisheit, sondern in der Möglichkeit der Abwahl.
Doch auch dieser Ansatz enthält eine entscheidende Schwäche. Popper setzt stillschweigend voraus, dass die demokratischen Spielregeln selbst stabil bleiben. Er unterschätzt die Möglichkeit, dass demokratisch gewählte Akteure die Demokratie von innen zerstören.
Gerade das 20. Jahrhundert liefert hierfür eindrückliche Beispiele. Adolf Hitler wurde 1933 auf legalem, demokratischem Weg zum Reichskanzler ernannt. Innerhalb kürzester Zeit nutzte er diese Macht, um: Grundrechte außer Kraft zu setzen, das Parlament zu entmachten, oppositionelle Parteien zu verbieten und freie Wahlen faktisch abzuschaffen.
Die Demokratie schaffte sich selbst ab – mit demokratischen Mitteln. Ähnliche Muster finden sich auch außerhalb Deutschlands: nicht nur im Übergang der Weimarer Demokratie in die NS-Diktatur z.B. in späteren autoritären Regimen, in denen Wahlen zwar formal bestehen blieben, aber durch Medienmonopole, Manipulation, Repression und Inhaftierung der Opposition ihren Sinn verloren.
Damit zeigt sich: Die Abwahl, auf die Popper setzt, ist kein gesicherter Mechanismus, sondern selbst abhängig von Machtverhältnissen. Ein einmal gewählter Machthaber kann genau jene Institutionen zerstören, die seine Abwahl garantieren sollten.
Das gemeinsame Scheitern an der Macht ohne letzte Begrenzung
So unterschiedlich Platon und Popper argumentieren, so ähnlich ist der Punkt, an dem beide scheitern. Beide versuchen, Macht zu bändigen – der eine durch Wahrheit, der andere durch Verfahren. Doch beide unterschätzen, dass Macht dazu tendiert, ihre eigenen Kontrollmechanismen zu untergraben. Platon scheitert, weil seine Elite nicht kontrollierbar ist. Popper scheitert, weil seine Demokratie durch populistische Führer sich selbst aufheben kann. Beide setzen letztlich voraus, was sie eigentlich begründen müssten: eine Macht, die sich freiwillig begrenzt.
Zusammenfassung
Der Vergleich zeigt: Es gibt keine politische Ordnung, die sich ein für alle Mal absichern lässt. Weder Wahrheit noch Verfahren garantieren Rechtsstaatlichkeit und eine Absicherung der Demokratie als Balance der Macht. Politische Systeme leben nicht nur von Institutionen, sondern von kulturellen Normen, einem kulturell verankerten Willen zur Machtbalance, Widerstand und Wachsamkeit gegenüber Fehlentwicklungen und Bedrohungen. Es aber sehr die Frage, ob in einer Massenkultur diese Reife jemals wird entstehen können. Insofern ist der Skepsis Platons zu folgen, wenn auch seine Lösung illusorisch erscheint und historisch schon widerlegt wurde.
Platon und Popper markieren daher beide weniger eine Lösung als zwei Grenzpunkte des politischen Denkens. Zwischen ihnen spannt sich ein Problemraum auf, der bis heute aktuell ist: Wie kann man Macht begrenzen, wenn jede Begrenzung selbst wieder Macht erzeugt? Diese Frage bleibt offen – und vielleicht ist genau das die politische Herausforderung.
Jedenfalls zeigt die Auseinandersetzung mit Platon und Popper, dass das Demokratieversprechen nicht haltbar ist: Die Wähler wünschen sich letztlich einen chrismatischen Anführer, der in letzter Konsequenz alle Macht an sich reißt und die Demokratie von innen her zerstören kann. Die Mittel hierzu sind Medienkontrolle, Klientelpolitik, Nepotismus, permanentes Lügen in Form von Propaganda, Relativierung der Macht oberster Gerichte, Willkür, Verhaftung von Oppositionspolitikern, Verfolgung von Südenböcken, Kulturkampf und Wahlmanipulation bzw. Wahlfälschung,
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht