Einleitung
Wenn man psychotherapeutische Prozesse z.B. im Rahmen der Supervision durchgeht. Stößt man immer wieder auf die im Titel angesprochenen Begriffe des Wissens, Verstehens, der Erfahrung und des Handelns. Dies betrift selbstverständlich zunächst die Seite des Therapeten aber letzt auch die des Patienten. Auch er muss Wisssen ansammeln, sich selbst und seine soziale Umgebung besser verstehen und schließlich in der Therapie Erfahrungen machen, die sein zukünftiges und gegenwärtiges Handeln auf eine neue Grundlage stellen.
Das Wissen
Das Wissen im Sinne von Faktenwissen ist gekennzeichnet durch Distanz und Objektivierung. Psychologisch entspricht dies dem zwanghaft-schizoiden Modus: Der Andere wird weniger als lebendiges Gegenüber, sondern als Objekt von Analyse und Kategorisierung wahrgenommen.
Die dominierenden Abwehrmechanismen: Isolierung des Affekts, Rationalisierung und Intellektualisierung . Gefühle werden von den Inhalten ferngehalten, sodass Wissen ohne persönlichen Bezug „rein“ objektiv erscheint und meist cholerische oder entwertende Reaktionen provoziert, wenn man wagt zu widersprechen.
Die dazu passendenObjektbeziehungen: Beziehungen werden auf Distanz gehalten; der Andere erscheint als Informationsquelle oder Prüfstein für die eigene Kompetenz, nicht als Resonanzpartner.
Die dazu gehörenden Persönlichkeitsstile: Der Zwanghafte sucht Sicherheit im Faktischen. Das Wissen dient der Kontrolle unberechenbarer innerer wie äußerer Prozesse. Stolz auf Wissen oder das Bedürfnis, damit zu beeindrucken, spiegelt den Versuch, Selbstwert über Ordnung und Leistung abzusichern.
Fazit: So wirkt Wissen als Schutz: gegen Affekte, gegen Chaos, gegen das Ungewisse. Doch zugleich trennt es vom lebendigen Kontakt. Der allwissende Welterklärer ist in diesem Modell eher weltfremd.
Das Verstehen
Das Verstehen ist ein Prozess der Bedeutungsgenerierung, in dem Fakten und Erlebnisse und deren Bedeutung mit eigener Lebenserfahrung verknüpft werden. Es verweist auf einen empathischen Modus, in dem das Subjekt in Resonanz mit sich selbst und den anderen tritt.
Die dominierenden Abwehrmechanismen: Introjektion und Identifikation spielen hier eine Rolle – Inhalte werden aufgenommen, aber nicht nur äußerlich gespeichert, sondern innerlich „nachgefühlt“. Abwehr tritt in den Hintergrund oder ist sogart eher zu schwach, im optimalen Sinne zugunsten von Integration und Mimesis.
Die dazu passenden Objektbeziehungen: Der Andere wird als Subjekt mit eigener Innenwelt anerkannt. Verstehen heißt, die Perspektive des Anderen nachzuvollziehen, ohne den eigenen Bezug zu verlieren.
Die dazu gehörenden Persönlichkeitsstile: Nähe, Dialog und ein flexibles Selbst stehen im Vordergrund. Doch die Gefahr besteht darin, dass die Identifikation mit dem anderen zu absolut wird, die Integration in das eigene Selbsterleben misslingt. Oder aber: die eigene Deutung des anderen oder der Welt wird egozentrisch verabsolutiert: Der Satz„Ich habe es jetzt aufgrund meiner Möglichkeiten und bisherigen Lebenserfahrung so verstanden“ kann leicht ins Absolute gesteigert werden, dass nur noch die eigene Position gelten soll.
Fazit: Verstehen macht das Wissen lebendig, aber es verlangt nach Ambiguitätstoleranz, die Interpretationen anderer auch gelten zu lassen. Wo diese fehlt, wird das Verstehen dogmatisch und sentimental.
Vom Wissen und Verstehen zur Erfahrung und zum Handeln im therapeutischen Prozess
Die psychodynamischen Grundannahmen: In tiefenpsychologischer Perspektive ist psychisches Leiden häufig nicht primär ein Mangel an Wissen oder Einsicht, sondern eine Fixierung auf bestimmte Funktionsmodi des Erlebens und Handelns. Subjekt und Objektbeziehungen organisieren sich bevorzugt entweder über Kontrolle (Wissen), über Beziehung und Bedeutung (Verstehen) oder über implizite Erfahrung. Symptome entstehen dort, wo Übergänge blockiert sind.
Therapie kann verstanden werden als ein Prozess der Reintegration dieser Modi: Affekte dürfen wieder gespürt werden, wo sie zuvor isoliert waren. Bedeutungen dürfen sich verändern, wo sie dogmatisch fixiert sind. Neue Erfahrungen dürfen entstehen, wo bislang nur Regeln oder Deutungen existierten.
Handeln im therapeutischen Sinne bedeutet dabei nicht nur äußere Verhaltensänderung, sondern auch inneres Handeln: Affektregulation, Beziehungsgestaltung, Selbststeuerung, Symbolisierung.
Fallvignette: Der „kompetente“ Patient
Anamnese und Präsentation: Herr M., 42 Jahre, Ingenieur, meldet sich wegen zunehmender Erschöpfung, Beziehungskonflikten und innerer Leere. Er beschreibt sich als leistungsorientiert, zuverlässig, rational. Gefühle bezeichnet er als „Störfaktoren“. In der Partnerschaft wird ihm emotionale Kälte und Unzugänglichkeit vorgeworfen.
Im Erstgespräch präsentiert er umfangreiche Selbstanalysen: Stressmodelle, Schlafhygiene, neurobiologische Erklärungen. Er kann Symptome präzise benennen, bleibt dabei aber affektiv weitgehend unbeteiligt. Emotionale Nachfragen beantwortet er mit weiteren Erklärungen.
Psychodynamische Einordnung: Herr M. operiert überwiegend im Wissensmodus: Affekte sind isoliert und intellektualisiert. Beziehung wird funktional organisiert (Information, Effizienz). Kontrolle dient der Abwehr von Unsicherheit, Abhängigkeit und innerer Fragmentierung.
Handeln ist bei ihm regelgeleitet und korrekt, aber innerlich leer. Er weiß sehr viel über sich – versteht sich jedoch kaum im emotionalen Sinn und verfügt über wenig korrigierende Beziehungserfahrung. Sein implizites Arbeitsmodell lautet: „Wenn ich alles richtig mache und verstehe, verliere ich nicht die Kontrolle.“
Therapeutischer Prozess: Vom Wissen zum Verstehen
Entlastung der Wissensdominanz: Zu Beginn besteht die therapeutische Aufgabe nicht darin, weiteres Wissen zu vermitteln, sondern den Wissensmodus zu relativieren, ohne ihn zu entwerten. Der Therapeut würdigt die Kompetenz und Präzision, lädt aber immer wieder zur affektiven Differenzierung ein: „Was löst diese Situation emotional in Ihnen aus – jenseits der Erklärung?“ „Wie fühlt sich das im Körper an, wenn Sie das erzählen?“
Zunächst reagiert Herr M. irritiert, teilweise defensiv. Er liefert weiter Erklärungen. Allmählich entsteht jedoch eine erste Irritation der gewohnten Abwehrorganisation.
Therapeutischer Prozess: Ermöglichung von Verstehen
Über die therapeutische Beziehung beginnt Herr M., Resonanz zu erleben: Missverständnisse, kleine Kränkungen, Momente von Nähe und Unsicherheit werden gemeinsam reflektiert. Er entdeckt, dass seine Rationalität auch Distanz erzeugt.
Hier entsteht Verstehen im empathischen Sinn: Er beginnt, eigene emotionale Muster zu erkennen. Er kann die Perspektive seiner Partnerin emotional nachvollziehen. Bedeutungen werden nicht nur erklärt, sondern erlebt.
Gleichzeitig zeigt sich die Gefahr des neuen Modus: Herr M. neigt dazu, seine neuen Einsichten zu verabsolutieren („Jetzt habe ich es verstanden, so bin ich halt“). Auch diese Tendenz wird therapeutisch bearbeitet.
Therapeutischer Prozess: Der Schritt vom Verstehen zur Erfahrung
Die eigentliche Veränderung: Der entscheidende therapeutische Schritt erfolgt nicht durch weitere Einsicht, sondern durch neue Beziehungserfahrungen: Herr M. wagt, im therapeutischen Kontakt Unsicherheit zu zeigen. Er erlebt, dass dies nicht zu Kontrollverlust oder Abwertung führt. Er kann Affekte regulieren, ohne sie sofort zu intellektualisieren. Er macht im Alltag kleine Experimente: weniger Perfektion, mehr Kontakt.
Diese Erfahrungen sind nicht primär kognitiv repräsentiert, sondern implizit-leiblich gespeichert. Sie verändern sein Handlungsmuster nachhaltig. Sein Handeln wird weniger mechanisch und zunehmend situationssensibel. Erfahrung entsteht hier aus der wiederholten Integration von: emotionaler Resonanz, relationaler Sicherheit, reflektiertem Verstehen, begrenztem Wissen. Dieser Integrationsporzess beschreibt Selbsterfahrung in der Psychotherapie als komplexen Prozess, der nicht abgekürzt zu haben ist.
Tiefenpsychologische Wirkfaktoren
Im Modell lassen sich mehrere Wirkebenen unterscheiden:
a) Abbau defensiver Dominanzen: Reduktion von Isolierung des Affekts und Intellektualisierung. Erhöhung affektiver Toleranz und Selbstwahrnehmung.
b) Transformation der Objektbeziehungen: Der Therapeut wird vom Funktionsobjekt zum dialogfähigen Menschen. Neue Beziehungserfahrungen korrigieren alte innere Arbeitsmodelle und Fixierungen.
c) Symbolisierung und Integration: Emotionen können zunehmend verbalisiert werden und bildet die Grundlage für das Erzählen der eigenen inneren Befindllichkeit.
d) Erfahrungsbildung: Wiederholte Erfahrungen mit dem Wechselspiel von Erwartungen und Enttäuschungen etc führen zu impliziter Kompetenz. Handeln wird flexibler und weniger kontrollgetrieben.
e) Inneres Erleben kann durch die Beschäftigung mit den eigenen Träumen auf eine neue Stufe von Symbolbildung und Erlebnisverarbeitung gehoben werden.
Therapeutische Implikationen
Therapie darf nicht primär wissensbasiert operieren: Psychoedukation kann stabilisieren, ersetzt aber keine Erfahrung. Zu viel Erklärung kann die Abwehr sogar verstärken. Dies ist nur solvoll bei Patienten mit nierigem bis schwachem Strukturniveau. Weiterlesen über Strukturniveau.
Verstehen ist ein Übergangsraum, kein Ziel an sich: Einsicht allein verändert selten nachhaltig. Sie muss sich in Beziehung und Handlung verkörpern. Erfahrung ist der eigentliche Transformationsfaktor: Neue emotionale und relationale Erfahrungen reorganisieren implizite Muster nachhaltiger als kognitive Einsicht.
Der Therapeut nimmt durch seine Interventionen regulierenden Einfluss auf die Modi. Dabei orientiert er sich am Widerstand / der fixierung des Patienten: Je nach Patient kann es notwendig sein: Wissen zu begrenzen, Verstehen zu vertiefen, Erfahrung zu ermöglichen.
Pathologie kann als einseitige Fixierung auf einen Modus entweder des Wissens oder des Verstehens beschrieben werden
Aus dem zuvor gesagten sollte hervorgehen, dass es in der Psychotherapie vor allem um die Integration von Wissen und Verstehen geht. Dieser Integrationsprozess ist ohne Erfahrungsbildung und Probehandeln, Ausprobieren etc. nicht mögllich: Was man immer im Auge gehalten sollte: Bei Zwanghafte Strukturen handeelt sich meist um ein Übergewicht von Wissen das Verstehen spielt eine untergeordnete Rolle.
Bei Histrionisch / abhängigen Patienten geht es meist um ein Übergewicht von Verstehen auf dere Basis von Identifikationen in Beziehungen ohne ausreichende Abgrenzung.
Bei Traumatisierten Patienten geht es hauptsächlich um ein Leiden unter fragmentierten Erlebnisse ohne erlebnisverarbeitende Symbolisierung.
Gesundung bedeutet in der Tiefenpsycholgie, dass es Übergänge gibt zwischen den verschiedenen Modi und eine Fixierung auf einen Modus allmählich aufgegeben werden kann.
Kritik am Modell der „korrigierenden Erfahrung“ in der Psychotherapie
Ein sehr popularisiertes Konzept in der aktuellen Psychotharepie ist das Konzept der „korrigierenden Erfahrung“. Manche Autoren schreiben darüber, als könne man dies quasi isoliert ermöglichen, wenn man einfach nur nett mit dem Patienten umgeht, damit er lernt, dass nicht alle Menschen so unnett sind, wie seine primären Bezugspersonen. Dieses Konzept, das sich bewusst nicht aus Ansätze von Bion (Lernen aus Erfahrung) herleitet, sondern eher von einem Konzept der Prägung ausgeht, unterstellt, dass die „korrigierende Erfahrung“ schon in der erste Stunde dem Patienten ermöglicht und durch das Verhalten des Psychotheraepeuten vorgeführt werden sollte. Es unterschlägt, dass Lernen aus Erfahrung zwar existiert, dass dies aber ein sehr sehr langwieriger, schmerzvoller und komplexer Prozess ist. Nicht umsonst spricht man ja auch in der Tiefenpsychologie von einem Prozess der Selbsterfahrung, was nicht pimär lernen am Modell meint, sondern das Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst meint. Dies noch mal zu Klarstellung. Wenn in diesem Beitrag von Erfahrung die Rede ist, dann ausdrücklich nicht in diesem verkürzten popularisierenden Konzept von verdinglichter „korrigierender Erfahrung“, dass ja auch irreführenderweise gerne den Aspekt der Einicht zu relativieren versucht.
Zusammenfassung
Der diesem Beitrag werdene die Modie Wissen, Verstehen, Erfahrung und Handeln nicht als lineare Stufen, sondern als miteinander verschränkte Funktionsmodi psychischen Erlebens und Handelns beschrieben. Jeder dieser Modi erfüllt eine eigenständige psychische Funktion: Wissen schafft Ordnung und Distanz, Verstehen ermöglicht Bedeutungsbildung und Beziehung, Erfahrung integriert affektive, leibliche und relationale Rückmeldungen, und Handeln bildet die Schnittstelle zur realen Welt.
Psychisches Leiden entsteht weniger aus einem Mangel an Information oder Einsicht, sondern aus einer strukturellen Fixierung auf einen dieser Modi und aus blockierten Übergängen zwischen ihnen. Wissen kann sich von Beziehung und Affekt abkoppeln und in Kontrolle erstarren. Verstehen kann sich sentimental verabsolutieren und die Offenheit für andere Perspektiven verlieren. Erfahrung kann fragmentiert oder unzugänglich bleiben, wenn sie nicht symbolisiert und relational eingebettet wird. Handeln verliert dann entweder seine Lebendigkeit oder seine innere Stimmigkeit.
Der therapeutische Prozess lässt sich entsprechend als ein Prozess der Reintegration und Durchlässigkeit verstehen. Ziel ist nicht die Dominanz eines „richtigen“ Modus, sondern die Beweglichkeit zwischen ihnen. Wissen darf Orientierung geben, ohne Beziehung zu ersetzen. Verstehen darf Sinn erzeugen, ohne sich sentimental zu verabsolutieren und ständig zu psychologisieren. Erfahrung darf sich bilden, ohne unreflektiert zu bleiben. Handeln gewinnt an Qualität, wenn es nicht nur regelgeleitet oder deutungsgeleitet, sondern erfahrungsbasiert und situationssensibel wird.
Die Fallvignette zeigt exemplarisch, dass nachhaltige Veränderung weniger durch zusätzliche Einsicht als durch korrigierende Beziehungserfahrungen entsteht. Erst dort, wo neue emotionale und relationale Erfahrungen gemacht und wiederholt integriert werden, reorganisieren sich implizite Handlungsmuster. Verstehen fungiert dabei als Übergangsraum, Erfahrung als eigentlicher Transformationsmotor.
Klinisch bedeutet dies, dass Therapeutinnen und Therapeuten ihre Interventionen nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell ausrichten müssen: Je nach Fixierung und Strukturniveau des Patienten kann es notwendig sein, Wissensdominanzen zu begrenzen, Verstehensprozesse zu vertiefen oder Erfahrungsräume aktiv zu ermöglichen. Pathologie erscheint in diesem Modell nicht primär als Defizit, sondern als Einseitigkeit und eingeschränkte Beweglichkeit im psychischen Funktionsgefüge.
Gesundung bedeutet demnach, dass Übergänge wieder möglich werden: zwischen Denken und Fühlen, zwischen Deutung und Erleben, zwischen innerer Organisation und äußerem Handeln. Psychotherapie schafft Räume, in denen diese Übergänge nicht nur verstanden, sondern erfahren und gelebt werden können.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht