Einleitung
Das Inzesttabu gilt als eine der ältesten und universellsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Claude Lévi-Strauss sah in ihm den eigentlichen Gründungsakt von Kultur, Sigmund Freud deutete es als notwendige Antwort auf archaische libidinöse Wünsche. Weniger beachtet wird jedoch, dass das Inzestverbot nicht nur eine regulierende, sondern auch eine dynamische Funktion erfüllt: Es erzeugt Spannungen, die nach Abfuhr, Umlenkung und symbolischer Bearbeitung verlangen. In diesem Spannungsfeld lässt sich auch die bis heute rätselhafte Faszination des Krieges verorten.
Regulation des Inzestverbots im Tierreich und in der Kultur
Im Tierreich ist die Eindämmung von Inzest häufig biologisch organisiert. Geschlechtsreife männliche Jungtiere werden aus dem Verband vertrieben, bevor es zur Paarung mit Mutter oder Schwestern kommen kann. Die Brutgemeinschaft schützt sich so vor genetischer Degeneration, aber auch vor inneren Konflikten. Beim Menschen hingegen wird diese Trennung nicht biologisch erzwungen, sondern kulturell vermittelt – und genau darin liegt ihre psychische Ambivalenz. Die Trennung vom mütterlichen Ursprung ist kein bloßer Akt räumlicher Distanzierung, sondern ein komplexer Prozess der Ablösung von frühkindlicher Bindung, Begehren und Abhängigkeit.
Inzestverbot und die Verlockung zum Krieg
Hier kommt der Krieg ins Spiel. Kriegerische Auseinandersetzungen bieten – historisch wie psychologisch – ein wirkmächtiges Szenario, um diese Ablösung der männlichen Jugend von der Mutter zu vollziehen oder zumindest zu inszenieren. Der Krieg lockt mit der großen, gefährlichen Welt, mit Abenteuer, Bewährung und Überschreitung. Er verspricht dem jungen Mann – und kulturell ist Krieg lange vor allem ein männliches Initiationsfeld gewesen – eine radikale Loslösung vom häuslichen, mütterlich konnotierten Raum. An die Stelle der Mutter tritt die Kameradschaft, an die Stelle des Begehrens die Waffe, an die Stelle der Ambivalenz die klare Freund-Feind-Unterscheidung.
Der Krieg als kollektiver Abwehrmechanismus
Aus psychoanalytischer Perspektive lässt sich Krieg somit auch als kollektiver Abwehrmechanismus gegen inzestuöse Wünsche lesen. Der libidinöse Überschuss, der im engen familialen Raum entsteht und dort tabuisiert werden muss, wird nach außen verlagert. Aggression und Sexualität, bei Freud stets eng verschränkt, finden im Krieg eine scheinbar legitime Bühne. Die Begeisterung für den Kampf ist dann nicht nur Ausdruck eines „Aggressionstriebs“, sondern auch Resultat einer erfolgreichen Umwandlung verbotener Nähe in erlaubte Zerstörung und Eindringen in fremdes Territörium.
Über den Zusammenhang vom Eindringen in fremdes Territorium und Massenvergewaltigung
Dass Massenvergewaltigungen zu den wiederkehrenden Kriegsverbrechen zählen, ist in diesem Zusammenhang kein zufälliges Randphänomen, sondern ein düsterer Hinweis auf die unterdrückte libidinöse Dimension des Krieges. Die sexualisierte Gewalt richtet sich dabei fast immer gegen Frauen des „feindlichen“ Kollektivs – Frauen, denen zugleich jede legitime Subjektivität abgesprochen wird. In ihnen verschränken sich Mutter-, Beute- und Feindbild. Gerade weil der inzestuöse Wunsch im eigenen Kollektiv strikt verboten bleibt, wird er externalisiert und enthemmt am Körper der Anderen ausgelebt.
Der Feind selbst übernimmt dabei eine weitere zentrale psychische Funktion. Ihm wird häufig Illegitimität, Unreinheit oder Gesetzlosigkeit unterstellt. In dieser Zuschreibung spiegelt sich das Bild einer übermächtigen, strafenden Vaterfigur, die das Inzestverbot durchsetzt und die libidinöse Ordnung bewacht. Der Krieg erlaubt es, mit dieser imaginären Vaterinstanz zu rivalisieren, sie symbolisch zu töten oder zu demütigen. Der Vater wird zum Feind, der Feind zum Vater – ein klassisches Motiv ödipaler Konfliktdynamik, nun auf kollektiver Ebene ausgetragen.
Zusammenfassung
Vor diesem Hintergrund erscheint es verkürzt, kriegerische Handlungen ausschließlich als Folge unbefriedigter Aggression oder ökonomischer Interessen zu deuten. Ebenso unzureichend ist eine rein moralische Verurteilung, so notwendig sie politisch sein mag. Eine tiefere Analyse muss auch die verdrängten libidinösen, insbesondere inzestuösen Wunschstrukturen in den Blick nehmen, die im Krieg nicht verschwinden, sondern in transformierter Form wirksam werden.
Wenn Krieg als kulturell sanktionierter Ausweg aus der inzestuösen Verstrickung dient, dann stellt sich eine unbequeme Frage: Welche alternativen Räume bieten moderne Gesellschaften heute für Ablösung, Initiation und den Umgang mit verbotenen Wünschen? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, wird der Krieg – trotz aller Zivilisationsfortschritte – seine unheimliche Anziehungskraft behalten. Nicht, weil der Mensch „von Natur aus böse“ ist, sondern weil er Wege sucht, mit den gefährlichsten Impulsen seiner eigenen Herkunft umzugehen.
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