Unterschiedlicher Umgang der gesetzlichen Krankenkassen mit zu wenig freien Plätzen bei Kassentherapeuten (Systemversagen) seit April 2017

Mehrere Formen von Strategien, des Umgangs von gesetzlichen Krankenkassen mit dem Problem, dass zu wenig freie Plätze zu Verfügung stehen, sind zu unterscheiden.

Eine erste Strategie von Krankenkassen schließt zur Kompensation der Defizite im Bereich der Kassentherapeuten Separatverträge mit einzelnen Therapeuten in Privatpraxen ab. Die Patienten bei diesen Krankenkassen bekommen zwar eine schnelle Versorgung, die Separatverträge stellen aber eine weitgehende Einschränkung der freien Berufsausübung der betroffenen Therapeuten dar wie z.B. Überprüfung von Fortbildungen der Therapeuten, Verpflichtung zu einer Dokumentation des Behandlungsverlaufs im Sinne der Krankenkassen, willkürlich Leistungskürzungen ohne Bezug zur angewandten Methode etc.

Eine zweite Strategie von Krankenkassen geht davon aus, dass spätestens mit Einführung der neuen Psychotherapierichtlinien im April 2017 genügend Kapazitäten bei Kassentherapeuten vorhanden sind. Bei Anfragen von Patienten bei der jeweiligen Krankenkasse heißt es dann lapidar. „Wenden Sie sich an Ihre Kassenärztliche Vereinigung. Die machen das jetzt alles. Wir sind nicht mehr zuständig.“ Wenn dies im Einzelfall nicht zutrifft, muss über Einschaltung von Rechtsanwälten und Bemühungen von Sozialgerichten eine Verpflichtung der jeweiligen Krankenkasse zur Kostenerstattung erzwungen werden.

Eine dritte Strategien von Krankenkassen behandelt die nicht ausreichende Anzahl von Therapieplätzen als Systemversagen im Einzelfall und bewilligt ambulante Psychotherapie im Kostenerstattungsverfahren, wenn beim jeweiligen Einzelfall eine Vermittlung eines Psychotherapieplatzes bei einem Kassentherapeuten nicht möglich ist.

Bei einer vierten Strategie kommt es zu einer Vermischung der Strategien von zwei und drei.

Es wird offiziell die Linie der Kategorie drei vertreten aber hinter vorgehaltener Hand immer wieder durch Worte und Taten zum Ausdruck gebracht, dass die eigentliche Linie die der Kategorie zwei ist.

Die vierte Kategorie führt vor allem zu Zermürbung bei Therapeuten und Patienten und entspricht in etwa einem kontingenten Führungsstil d.h. weder Patienten noch Therapeuten können einschätzen wie die nächste Volte in den Anfragen bei der jeweiligen Krankenkasse ausfallen wird. Aussagen der Sachbearbeiter schwanken zwischen: „Reichen Sie bitte einen Antrag auf außervertragliche Leistungen ein.“ Im nächsten Schritt heißt es dann. „Außervertragliche Leistungen gibt’s nicht mehr.“ Oder „Außervertragliche Leistungen dürfen nicht mehr bewilligt werden.“ Darüber hinaus gibt es auch die Variante, dass Antragsunterlagen verschwinden und grundsätzlich mit Einschreiben per Rückschein eingereicht werden müssen. Eine Praxis, die vom Umgang der Jobcenter mit ihren „Kunden“ bekannt ist

Wolfgang Albrecht