Einleitung
Warten ist ein zentraler, oft unterschätzter Aspekt menschlicher Erfahrung. In der Psychotherapie ist es eine Schlüsselkompetenz: Sowohl der Therapeut als auch der Patient müssen die Fähigkeit entwickeln, Ambiguität auszuhalten, ohne vorschnelle Deutungen zu produzieren. Warten ist mehr als passives Abwarten: Es ist eine aktive Funktion des Ichs, die Reifung, Autonomie und innere Struktur ermöglicht. Dieser Beitrag untersucht die verschiedenen Formen des Wartens, abhängig vom Entwicklungsniveau des Kindes bzw. dem Strukturniveau des Erwachsenen und umreisst sie mit literarischen und kulturellen Beispielen.
Keats, Bion und die Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten
John Keats formulierte das Konzept der „Negative Capability“ als die Fähigkeit, „Ungewissheit, Zweifel und Unschärfe zu ertragen, ohne ständig nach Fakten oder rationaler Erklärung zu greifen.“ In der psychotherapeutischen Praxis findet diese Idee eine Entsprechung in Wilfred Bions Theorie des Containments. Bion unterscheidet zwischen Beta-Elementen, unverarbeiteten sensorischen oder emotionalen Eindrücken, und Alfa-Elementen, die vom Ego verarbeitet und in Bedeutung transformiert werden.
Warten bedeutet hier, nicht sofort oder vielleicht sogar nie zu interpretieren, sondern den ungeformten „Rohstoff“ emotionaler Erfahrungen innerlich auszuhalten. Der Therapeut dient als Containing-Objekt: Er nimmt die Unsicherheit, Konfusion, projizierten Selbst-Anteile des Patienten auf, hält sie aus, und gibt dem Patienten damit Zeit, selbst Struktur zu entwickeln. Dieses Warten des Therapeuten ist aktiv, kreativ und eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung einer reifen, eigenständigen Ich-Funktion auf seiten des Patienten.
Die entwicklungspsychologische Perspektive: Mahler und das Konzept von Separation und Individuation
Margaret Mahler beschreibt die kindliche Entwicklung in Phasen der Symbiose, Separation und Individuation. In der symbiotischen Phase erlebt das Kind sich und die Mutter als untrennbare Einheit. Warten ist hier kaum relevant; das Kind verlässt sich auf die ständige Präsenz des mütterlichen Objekts. In der Differenzierungs- und Übungsphase muss das Kind beginnen, sich selbst und die Welt eigenständig wahrzunehmen. Hier lernt es erste Formen des Wartens: Es akzeptiert, dass die Mutter nicht immer verfügbar ist, und beginnt, Frustration zu tolerieren. In der Wiederannäherungsphase und der Phase der Objektkonstanz entwickelt das Kind eine innere Repräsentanz der Mutter. Es kann warten, weil es die verlässliche Rückkehr des Objekts innerlich trägt. Erst in dieser Phase wird Warten zu einer mündigen, reifen Ego-Funktion – unabhängig von unmittelbarer äußeren Kontrolle. Damit wird deutlich: Warten ist nur dort möglich, wo emotionale Struktur, Objektkonstanz und Ego-Reife vorhanden sind.
Literarische Verarbeitungen der Thematik des Wartens
Der Froschkönig – Das pathologische Warten als Folge von Entwicklungsstörung
Im Märchen Froschkönig symbolisiert der Frosch die phase der Regression, in der ein Erschsener auf der Stufe eines Kindes in der Symbiose mit der Mutter „steckenbleibt“. Er muss versuchen, die mit der symbiotischen Regression verbundene Isolation in seinem Brunnenloch, in dem er steckt, zu überwinden. Die Prinzessin als mögliche soziale Bezugsperson fungiert als Katalysator für das Nachholen von Separation und Individuation. Der intensive Kontakt zwischen Frosch und Prinzession bewirkt, dass der Frosch seine Regression überwindet und die Gestalt eines Erwachsenen annimmt. Erst durch eine bedeutungnsvoll Objektbeziehung ist die Reifung und damit die Individuation und Überwindung der Regressison (Froschgestalt) möglich. Mit anderen Worten: Erst durch die Erfahrung von Frustration, Aggression und symbolischem Abstand wird Warten konstruktiv und strukturbildend.
Das Volkslied „Horch, was kommt von draussen rein …“ ein Beispiel für pathologisches Warten eines Illusionisten
Das Volkslied Horch, was kommt von draußen rein beschreibt einen Mann, der sein Leben lang auf eine Geliebte wartet, die nie existiert hat. Hier wird Warten pathologisch, da es nicht auf Realität basiert. Ähnlich wie bei Bion die Beta-Elemente unkontrolliert bleiben, fehlt hier die Fähigkeit, Ungewissheit zu strukturieren. Warten wird zur Fixierung, die zerstörerisch wirkt – vergleichbar mit endlosem Verharren in der Symbiose oder Psychose.
Der „September Song“ von Kurt Weill – über das Warten im Alter
Im September Song erleben wir das Warten als bewusste, reflektierte, aber zeitlich begrenzte Erfahrung. Anders als bei pathologischem Warten ist die Reife des Subjekts hier gegeben: Die begrenzte Lebenszeit schafft Dringlichkeit, das Warten zu begrenzen und damit Sinn zu stiften. Das Warten wird zu einem Teil des Lebensgefühls, nicht zur Falle oder zum Spiel.
Das Theaterstück „Warten auf Godot“ über das existenzielle Warten
Beckett zeigt zwei Figuren, die auf Godot warten, der möglicherweise nie kommt. Dieses Warten ist absurd, endlos, existenziell. Aus Bions Sicht fehlen hier Containment und strukturierende Ich-Funktionen völlig. Aus Mahlers Perspektive könnte man sagen, das Subjekt bleibt in einer regressiven, symbiotischen Abhängigkeit, ohne die Möglichkeit der Integration. Godot illustriert die Grenzen des Wartens ohne psychische Struktur und macht deutlich, warum therapeutisches Warten ein bewusstes, aktives Halten von Spannung sein muss. Bei Beckett wird das absurde Warten zumindest dadurch abgemildert, dass das Warten nicht in Isolation erfolgt. Das ist der wesentliche Unterschied zum Warten bei Froschkönig in seinem Brunnenloch und beim psychotischen Warten.
Klinische Aspekte des Wartens im kulturellen Kontext
Beim Warten oder Abwarten in der Psychotherapie muss vor allem der Therapeut die Fähigkeit entwickeln, Ambiguität zu halten, Emotionen zu halten, nicht ins Enactment zu verallen und dem Patienten Raum zu geben, im Laufe der Zeit selbst Struktur zu bilden.
Dem entspricht auf seiten des Patienten: Er muss auf Besserung warten und lernen, das Warten nicht einfach nur bedeutet Zeit vergehen zu lassen, sondern den Ich-Strukturen Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Dabei ists die Fähigkeit des Wartens selbst als eine wesentliche Ich-Funktion zu verstehen, ohne die Frustrationstoleranz nicht möglich ist. Mit anderen Worten: Patienten müssen Geduld entwickeln, Frustration ertragen und die symbolische Rückkehr des Objekts in Form der Objektkonstanz innerlich repräsentieren können. Dies unterscheidet das Warten in der Psychotherapie vom bloßen Abwarten oder Passivsein.
Interessant ist die literarische Verarbeitung des Wartens: Lyrik, Märchen, Theaterstück und Volkslied zeigen die Kulturelle Reflexion des Themas: Sie setzen sich auseinander mit der psychologischen und existenziellen Dimensionen des Wartens. Sie helfen, klinische Beobachtungen in einen breiteren kulturellen Kontext einzubetten und machen die Erfahrung für Patient und Therapeut in einem kulturellen Kontext verständlicher.
Zusammenfassung
Warten ist eine komplexe, vielschichtige Fähigkeit: Es kann pathologisch, reif oder existenziell sein. Keats’ „Negative Capability“, Bions „Containment“, Mahlers Konuept von „Symbiose, Separation und Individuation“ und die erwähnten literarischen Beispiele zeigen, dass Warten nur dort konstruktiv ist, wo psychische Struktur, Objektkonstanz und gereifte Geduld vorhanden sind. In der Psychotherapie ist Warten ein zentrales Thema und das Lernen zu warten eine essenzielle Erfahrung für Therapeuten und Patienten. Das Warten ist ein wesentlicher Aspekt, bei dem die Ich-Funktionen herausgebildet, gestärkt und eine unabhängige, reife Innenwelt ermöglicht wird. Das Warten-Können ist zugleich eine Voraussetzung für eine reife Objektbeziehung.
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