Einleitung
Freud bezeichnete das Regieren, das Erziehen und das Therapieren als die drei „unmöglichen Berufe“, weil in ihnen das menschliche Bemühen an Grenzen stößt: an die Grenzen des Verstehens, der Einflussnahme und der eigenen narzisstischen Bedürftigkeit. Gerade weil diese Tätigkeiten in einem Spannungsfeld aus Verantwortung, Unvorhersehbarkeit und Macht stehen, eignen sie sich in besonderem Maße für Menschen, die Empathie nicht leben, sondern imitieren. Die Maskierung einer empathischen Haltung funktioniert in diesen Berufen besser als in fast allen anderen, und das erklärt, warum gerade dort so viele „erfolgreiche“ Individuen zu finden sind, denen das Schicksal der ihnen Anvertrauten gleichgültig ist.
Gründe für die Maskerade
Der Grund dafür liegt zu einem großen Teil in der symbolischen Macht, die mit diesen Tätigkeiten verbunden ist. Wer regiert, erzieht oder therapiert, verfügt über andere: über Entscheidungen, über Entwicklung, über Deutungshoheit. Menschen, die Anerkennung, Einfluss oder moralische Dominanz suchen, fühlen sich von solchen Positionen angezogen. Eine empathische Attitüde ist in diesen Feldern ein idealer Karrierebeschleuniger. Sie erzeugt sozialen Kredit, schafft Vertrauen und immunisiert gegen kritische Nachfragen. Gleichzeitig besteht in diesen Berufen stets eine Wissens- und Machtasymmetrie. Der Politik wird zugeschrieben zu wissen, was für die Gesellschaft gut ist; der Pädagogik, wie ein Kind sich entwickeln sollte; der Therapie, wie innere Konflikte zu deuten sind. Diese asymmetrische Struktur macht es leicht, Empathie glaubwürdig zu spielen, denn wer aus einer höheren Position spricht, kann schwerer überprüft werden. Je größer die Hierarchie, desto stärker die Möglichkeit der Maskerade.
Hinzu kommt, dass Empathie als performative Fähigkeit selbst zu einem beruflichen Werkzeug werden kann. Echte Empathie ist anstrengend, weil sie Berührbarkeit bedeutet. Maskierte Empathie dagegen ist steuerbar, trainierbar und in hohem Maße darstellbar. Gerade narzisstisch strukturierte oder machtbewusste Persönlichkeiten sind geübt darin, den gewünschten Eindruck zu erzeugen: Sie wirken verständnisvoll, obwohl sie es nicht sind; sie erscheinen interessiert, obwohl sie in Wahrheit emotional unbeteiligt bleiben. Mit dieser Distanz können sie oft sogar souveräner wirken als jene, die wirklich mitfühlen. Die paradoxe Folge ist, dass nicht Empathie selbst belohnt wird, sondern ihre Simulation. Und je mehr eine Profession auf symbolische Kommunikation angewiesen ist, desto effektiver kann diese Simulation werden.
Fehlende Erfolgsparameter
Freuds Gedanke der „Unmöglichkeit“ spielt hier eine weitere entscheidende Rolle. Regieren, erziehen und therapieren sind Tätigkeiten ohne klar messbare Erfolgsparameter. Der Politiker kann symbolische Gesten setzen und gilt als sozial engagiert; der Pädagoge kann pädagogisch sprechen, ohne je echte Beziehungsgestaltung zu leisten; der Therapeut kann die Form der Empathie beherrschen, ohne sie zu fühlen. Niemand kann überprüfen, was in seinem Inneren geschieht. In dieser Unmessbarkeit liegt der vielleicht wichtigste Grund dafür, dass die Maske so erfolgreich sein kann. Die Struktur der Berufe selbst bietet eine Bühne, auf der man authentisch wirkt, ohne es zu sein.
Historische Beispiele
Historische Beispiele verdeutlichen diese Dynamik. In der Politik zeigt sich die Diskrepanz zwischen empathischer Attitüde und tatsächlicher Rücksichtslosigkeit besonders drastisch. Robespierre etwa inszenierte sich als unbestechlicher Vertreter des Volkes und moralischer Hüter der Gerechtigkeit, leitete aber zugleich eine Terrorherrschaft, die im Namen des Gemeinwohls unzählige Opfer forderte. Lenin begründete sein Handeln mit der Befreiung der Arbeiterklasse, war jedoch bereit, politische Gegner rücksichtslos auszuschalten und die Macht mit allen Mitteln zu sichern. Schon die römischen Kaiser, darunter Nero und Domitian, präsentierten sich als gütige Herrscher, während sie hinter dieser Fassade Grausamkeit und Repression ausübten.
In der Pädagogik findet man ähnliche Muster. Der Schweizer Pädagoge Johann Caspar Lavater trat nach außen als moralischer Seelenführer auf, doch seine pädagogischen Praktiken dienten häufig der Manipulation und Festigung von Machtstrukturen. Auch in vielen viktorianischen Waisenhäusern trat das Muster offen zutage: Philanthropische Selbstdarstellung und öffentliche Nächstenliebe standen im brutalen Kontrast zu den tatsächlichen Bedingungen in den Einrichtungen, in denen Zwang, Disziplin und seelische Härte herrschten.
Selbst im Feld der Psychotherapie, das von sich behauptet, das Innerste des Menschen zu schützen und zu heilen, ist die Gefahr der maskierten Empathie systemimmanent. Freud selbst warnte früh vor Personen, die sich zur Psychoanalyse hingezogen fühlen, weil sie sich an der narzisstischen Befriedigung erfreuen, die ihnen die Rolle des Deuters fremder Seelenkonflikte verschafft. Carl Rogers bemerkte später, dass sein personzentrierter Ansatz häufig von Menschen kopiert wurde, die lediglich die Technik der Empathie erlernten, nicht aber ihre Haltung verinnerlichten. Auch in der religiösen Seelsorge finden sich zahlreiche Figuren, die sich als Beschützer der Seele inszenierten, während sie in Wahrheit Macht ausübten und Menschen normierten oder unterdrückten.
Zusammenfassung
Aus all dem ergibt sich ein Bild, in dem die Erfolgsmechanismen der maskierten Empathie nicht auf individuelle Charakterfehler zurückzuführen sind, sondern auf strukturelle Bedingungen. Empathie als attitüdenhafte Darstellung ist leicht imitierbar, sozial hoch geschätzt und nur schwer überprüfbar. Die drei „unmöglichen Berufe“ bieten den idealen Resonanzraum für Menschen, die durch Darstellung mehr erreichen wollen als durch Beteiligung, weil echte Empathie verletzlich macht, während ihre Imitation kalkulierbar bleibt. Die Bühne dieser Berufe bevorzugt daher jene, die ihre Rolle perfekt spielen, und gerade das erklärt den Erfolg derer, die die Maske der Empathie beherrschen, ohne sie zu fühlen.
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