Einleitung
Dieser Beitrag ist in gewisser Weise eine Fortsetzung des Beitrags über Gründe für die zunehmnende Bevorzugung autokratischer Formen der Herrschaft.
Anläßlich der Veröffentlichung des Buches von Giuliano da Empoli Die Stunde der Raubtiere macht es Sinn über den Zusammenhang von politische Gegenwart, in der sich die Logik der Macht fundamental verändert hat, mit den Bedingungen von Psychotherapie nachzudenken. Empolis These: An die Stelle institutionell regulierter Entscheidungsprozesse treten zunehmend charismatische, oft autoritär agierende Akteure, die Macht über performative Sichtbarkeit, emotionale Mobilisierung und strategische Unberechenbarkeit ausüben. Diese neuen Machthaber operieren mit einem Stil, der durch eine Mischung aus narzisstischer Selbstinszenierung, technologischem Zugriff und kalkulierter Aggression gekennzeichnet ist. Ihre Fähigkeit, Wirklichkeit nicht nur zu interpretieren, sondern im öffentlichen Bewusstsein direkt zu formen, verleiht ihnen eine Realitätsmächtigkeit, die traditionelle demokratische Kontrollmechanismen unterläuft.
Die soziokulturelle Transformation
Dieser Wandel betrifft jedoch nicht allein das politische Feld. Er wirkt soziokulturell tiefgreifend und durchdringt, vermittelt über mediale Repräsentation, digitale Kommunikationsformen und soziale Unsicherheiten, die alltäglichen Muster von Identifikation und Sozialisation. Die neuen Machthaber fungieren als kulturelle Modelle, an denen sich Individuen orientieren, unabhängig davon, ob eine bewusste Zustimmung zu deren politischem Programm besteht. Sozialpsychologisch betrachtet ist Macht stets auch ein Attraktor: Menschen tendieren dazu, jene Figuren und Verhaltensweisen nachzuahmen, die in ihrer Kultur als erfolgreich, realitätsmächtig oder konfliktüberlegen gelten. Wenn nun autoritäre Führer, digitale Oligarchen oder populistische Provokateure das Bild des gesellschaftlich Wirksamen dominieren, entstehen Identifikationsprozesse, die auf der Übernahme bestimmter Interaktionsstile und affektiver Muster beruhen, lange bevor ideologische Überzeugungen greifen.
Der neue Sozialisationstyp: Der Westentaschen-Diktator
Diese Identifikationen formieren nach und nach einen neuen Sozialisationstyp. In ihm wird Selbstbehauptung gegenüber Kooperation privilegiert, affektive Intensität gegenüber rationaler Vermittlung, demonstrative Härte gegenüber Empathie. Realitätsdeutung erscheint zunehmend als performativer Akt, der weniger auf Perspektivenvielfalt und Dialog als auf Durchsetzung und Sichtbarkeit ausgerichtet ist. Die Figur des „Westentaschen-Diktators“ dient als Verdichtung dieses Phänomens: Sie beschreibt Menschen, die im Alltag jene Muster aufgreifen, die Empoli an den „neuen Fürsten“ beobachtet – narzisstische Überhöhung, Impulsivität, aggressive Kommunikation und die Tendenz, Konflikte nicht zu moderieren, sondern zu eskalieren, um sich effektiver durchsetzen zu können. Diese Mikroformen der Autokratie entstehen nicht zwangsläufig aus politischer Überzeugung, sondern aus einem psychosozialen Anpassungsdruck in einer Welt, in der Aufmerksamkeit zum zentralen Medium sozialer Wirksamkeit geworden ist und in der Unsicherheit durch offensive und radikale Selbstbehauptung kompensiert wird.
Folgen für demokratische Institutionen
Für demokratische Institutionen ergibt sich daraus ein bedeutsamer Konflikt. Demokratien beruhen strukturell auf Verfahren, Verzögerung, Pluralität und der Anerkennung legitimer Uneindeutigkeit. Wenn jedoch die kulturellen Leitbilder, an denen sich Individuen orientieren, diesen Prinzipien zuwiderlaufen, entwickeln sich demokratische Interaktionen zu Arenen affektiver Überbietung. Die Fähigkeit zur Kompromissbildung erodiert, weil Kompromiss als Schwäche wahrgenommen wird. Institutionelle Autorität verliert an Legitimation, wenn unmittelbare Durchsetzungskraft als einziger Maßstab politischer Realität gilt. Pluralismus wird nicht als Voraussetzung demokratischer Selbstorganisation verstanden, sondern als Irritation einer durchsetzungsorientierten Subjektlogik.
Folgen für den Alltag: Präsenz in digitalen Medien
Im Alltag führt dies zu einer Zunahme konflikthafter Interaktionen und zu einer Neuordnung sozialer Hierarchien, in denen Positionen weniger durch Kompetenz oder Verantwortungsbereitschaft als durch performative Dominanz und affektive Präsenz bestimmt werden. Dies betrifft vor allem auch die Präsenz in digitalen Medien wie z,B, TikTok, wo die Präsenz in Form von Likes der Nutzer auch real gemessen werden kann. Die subtilen Formen sozialer Regulation – etwa Scham, Empathie oder diplomatische Abstimmung – verlieren an Wirkung, weil sie mit dem hegemonialen Bild eines dreisten, erfolgreichen Subjekts unvereinbar scheinen. Die Folge sind instabile soziale Felder, in denen Konflikte schneller eskalieren, Kommunikationsräume polarisiert werden und Verantwortungsstrukturen erodieren. Peinlichkeiten werden in kauf genommen, wenn die Eigenwerbung der Ausübung sozialer Dominanz dient.
Folgen für die Psychotherapie
Für die Psychotherapie wird diese Entwicklung in mehrfacher Hinsicht relevant. Psychotherapeutische Arbeit begegnet zunehmend Patienten, deren psychische Konflikte nicht allein aus individuellen biografischen Belastungen entstehen, sondern aus der unbewussten oder teilweise bewussten Identifikation mit autoritär-narzisstischen Machtserzählungen. Diese Identifikationen dienen oft einer Abwehr von Ohnmachtsgefühlen in einer von Unsicherheit geprägten Lebenswelt. Sie bieten kurzfristige Stabilisierung, indem sie ein illusionäres Gefühl von Kontrolle oder immunisierter Selbstgenügsamkeit erzeugen, behindern jedoch langfristig die Entwicklung von reifenren Beziehungsmöglichkeiten, Selbstreflexion und ausbalancierter affektiver Regulierung. Psychotherapeuten stehen dadurch vor der Aufgabe, nicht nur intrapsychische Konflikte zu bearbeiten, sondern auch die internalisierten Muster einer gesellschaftlichen Machtästhetik zu erkennen und zu dekonstruieren, die sich gegen Verletzlichkeit und Abhängigkeit von Beziehungen richtet.
Folgen für die Theorie der psychotherapeutischen Praxis
Gleichzeitig erfordert diese Situation eine Erweiterung des therapeutischen Verständnisses von Subjektivität. Das Subjekt der Gegenwart ist nicht isoliert, sondern durchdrungen von kulturellen Skripten einer postdemokratischen Machtlogik. Psychotherapie muss daher nicht nur auf biografische oder familiäre Konstellationen Bezug nehmen, sondern auf die kollektiven Identifikationsangebote, die die psychosozialen Räume prägen. Die Herausforderung besteht darin, alternative Formen der Stärke zugänglich zu machen, die nicht auf Dominanz beruhen, sowie Räume zu schaffen, in denen Ambivalenz, wechselseitige Anerkennung und dialogische Aushandlung wieder als legitime Modi des Selbst- und Weltbezugs erfahrbar werden.
Zusammenfassung
Empolis Diagnose einer „Stunde der Raubtiere“ verweist somit auf tiefgreifende sozialpsychologische und psychotherapeutische Spannungen. Die politischen Realitäten, die er beschreibt, sind untrennbar mit den psychischen Realitäten jener verbunden, die in dieser Welt sozialisiert werden. Wenn die Identifikationsmacht autoritärer Führungsfiguren unhinterfragt bleibt, droht eine fortschreitende Erosion jener kulturellen und psychischen Bedingungen, auf denen demokratische Lebensformen und therapeutische Prozesse gleichermaßen beruhen. Die Zukunft demokratischer Gesellschaften wird daher wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, diesen Identifikationsdynamiken alternative Modelle des Menschlichen entgegenzusetzen: Modelle, die Stärke nicht mit Aggression verwechseln und Realitätsmächtigkeit nicht als Herrschaft über andere, sondern als dialogische Gestaltung einer gemeinsamen Welt begreifen.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht