Einleitung
In diesem Beitrag über Massenpsychologie möchte ich mich vor allem mit dem Mechanismus der Spaltung beschäftigen. Um dies besser einordnen zu können, möchte ich zunächst auf die wesentlichen -Autoren auf dem Gebeit der Massenpsychologie eingehen.
Die Massenpsychologie entwickelt sich im 19. und 20. Jahrhundert an der Schnittstelle von Philosophie, Soziologie, Psychologie und politischer Theorie. Ihr gemeinsames Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Frage, wie sich Individuen im Kollektiv verändern, welche affektiven Dynamiken in Massen wirksam werden und welche Rolle symbolische Autoritäten dabei spielen. Besonders prägend sind die Ansätze von Ludwig Feuerbach, Gustave Le Bon, Sigmund Freud und Elias Canetti.
Ludwig Feuerbach: Religionskritik als implizite Massenpsychologie
In Das Wesen des Christentums (1841) formuliert Feuerbach eine Religionskritik, die rückblickend als implizite Massenpsychologie gelesen werden kann. Sein zentraler Gedanke ist der Projektionsmechanismus: Der Mensch projiziert seine eigenen Wesenskräfte – Vernunft, Liebe, Macht, Unsterblichkeit – auf ein transzendentes Wesen, das ihm anschließend als fremde, überlegene Autorität gegenübertritt. Gott erscheint damit als kollektives Produkt menschlicher Selbstentäußerung.
Psychologisch betrachtet entsteht hier eine frühe Theorie kollektiver Affektbindung: Die Gläubigen bilden eine Gemeinschaft, die sich über die gemeinsame Ausrichtung auf eine übermächtige Führerfigur konstituiert. Gott fungiert als idealisierter Anführer, der Sinn, Ordnung und moralische Orientierung stiftet. Feuerbach liefert damit ein Grundmuster, das später in säkularer Form in politischen und sozialen Massen wiederkehrt: die kollektive Projektion eigener Wünsche und Ängste auf eine autoritative Instanz.
Gustave Le Bon: Die Psychologie der Masse
Mit Psychologie der Massen (1895) begründet Gustave Le Bon die klassische Massenpsychologie. Er beschreibt die Masse als psychologisch eigenständiges Gebilde, in dem das Individuum seine kritische Urteilskraft verliert. An ihre Stelle treten Suggestibilität, Affektivität und eine gesteigerte Neigung zu Extremen.
Zentral ist bei Le Bon die Vorstellung einer Regression: In der Masse sinkt das Individuum auf ein primitiveres psychisches Niveau zurück. Massen sind leicht beeinflussbar, irrational und besonders empfänglich für charismatische Führer, die einfache Bilder, starke Emotionen und klare Feindbilder liefern. Le Bon legt damit den Fokus auf die Gefahren der Masse und prägt nachhaltig politische Deutungen des 20. Jahrhunderts.
Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse
Freud greift Le Bons Beobachtungen auf, vertieft sie jedoch psychoanalytisch in Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921). Er widerspricht der Annahme, die Masse sei grundsätzlich primitiver als das Individuum, und erklärt Massenphänomene durch libidinöse Bindungen.
Im Zentrum steht die Identifikation: Die Mitglieder einer Masse identifizieren sich gegenseitig, weil sie alle ihre Libido auf dieselbe Führerfigur richten. Der Führer nimmt dabei die Position des Ich-Ideals ein. Diese Struktur erklärt sowohl religiöse Gemeinschaften als auch politische Bewegungen. Freud schließt hier explizit an das religiöse Modell an und bestätigt Feuerbachs Einsicht, dass kollektive Bindung über idealisierte Autoritäten vermittelt wird – nun jedoch mit den Mitteln der Tiefenpsychologie.
Elias Canetti: Masse und Macht
Einen radikal erweiterten Zugang bietet Elias Canetti in Masse und Macht (1960). Canetti löst sich von rein psychologischen oder psychoanalytischen Erklärungen und entwickelt eine anthropologische Theorie der Masse. Er unterscheidet verschiedene Massentypen (z. B. offene und geschlossene Massen) und analysiert die Dynamik von Wachstum, Entladung und Auflösung.
Zentral ist bei Canetti das Verhältnis von Masse und Macht: Macht entsteht aus der Fähigkeit, Masse zu binden, zu steuern und über den Tod zu verfügen. Besonders originell ist seine Analyse des Befehls und der Angst vor Berührung, die in der Masse aufgehoben wird. Im Unterschied zu Freud steht weniger der Führer als libidinöses Objekt im Vordergrund, sondern die strukturelle Logik von Macht und kollektiver Bewegung.
Zusammenfassung
Von Feuerbachs Religionskritik über Le Bons Massenpsychologie, Freuds psychoanalytische Vertiefung bis hin zu Canettis anthropologischer Großtheorie lässt sich eine klare Entwicklungslinie erkennen: Massen entstehen dort, wo Individuen ihre Autonomie zugunsten kollektiver Affekte, Identifikationen und symbolischer Autoritäten aufgeben. Die Massenpsychologie liefert damit nicht nur Einsichten in religiöse und politische Phänomene, sondern auch ein kritisches Instrument zum Verständnis moderner Gesellschaften.
Zum Mechanismus der Spaltung in der Massenpsychologie
Ausgangspunkt: Die Spaltung als psychische Notlösung
In Krisensituationen greift die menschliche Psyche bevorzugt auf einen einfachen, aber hochwirksamen Mechanismus zurück: die Spaltung. Diese wurden in einem psycho-dynamischen Kontext zuerst von Melanie Klien systematisch beschrieben. Komplexe, widersprüchliche oder bedrohliche Lagen werden entlang einer klaren Trennlinie organisiert – gut versus böse, hilfreich versus schädlich, rettend versus zerstörerisch. Diese Form der Reduktion ist kein kulturelles Artefakt, sondern eine basale psychische Operation, die Orientierung ermöglicht, wenn der Stress ansteigt und Ambivalenz kaum auszuhalten ist.
Spaltung muss nicht erfunden werden. Sie entsteht instinktiv, insbesondere dort, wo Ohnmacht, Abhängigkeit und Kontrollverlust erlebt werden. In diesem Sinn ist sie weniger Ideologie als Notprogramm. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Melanie Klein die Spaltung bereits im Zusammenhang mit der Projektion in ihrem Konzept der Projektiven Identifizierung beschrieben hat.
Das Paradigma der Gefängnissituation: Good Cop / Bad Cop
Das klassische Beispiel des Good-Cop–Bad-Cop-Arrangements illustriert diese Dynamik besonders klar. In einer Gefängnissituation – real oder psychisch – entsteht nahezu automatisch eine Differenzierung: Eine Figur wird als bedrohlich, strafend, unberechenbar erlebt (Bad Cop). Eine andere erscheint als verständnisvoll, lösungsorientiert, schützend (Good Cop).
Entscheidend ist: Dieses Arrangement funktioniert auch dann, wenn es nicht strategisch geplant ist. Die Psyche des Gegenübers produziert die Spaltung mit. Sie sucht nach einem Hoffnungsträger, nach einer Adresse für Zuversicht, nach einer Figur, an die Kooperation und Rettungserwartung gebunden werden können. Die Spaltung reduziert Angst, weil sie Handlungsperspektiven eröffnet – selbst wenn diese illusorisch sind.
Von der psychischen Organistion des Individuums zur Massenpsychologie
Was in der dyadischen Extremsituation geschieht, lässt sich auf kollektive Kontexte übertragen. Massen reagieren in Krisen nicht primär rational, sondern psychodynamisch. Je unübersichtlicher die Lage, desto größer die Tendenz, strukturelle Probleme zu personalisieren.
Systemische Schwächen – ökonomische, politische, institutionelle – sind schwer zu begreifen und noch schwerer zu verändern. Personen hingegen sind anschaulich. Sie lassen sich benennen, beschuldigen, entfernen oder idealisieren.
So entsteht ein psychologisch plausibles Muster: Das personalisierte Schlechte wird zum Bad Guy, es enthält die eigenen unsozialen Triebanteile aus dem Es. Die Hoffnung auf Ordnung und Lösung wird auf eine oberste Instanz projiziert – den Good Guy. Diese Inhalte entsprechen der Projektion des Ich-Ideal so wie es Freud bereits beschreiben hat.
Diese Spaltung und die Projektion des eigenen Ich-Ideal auf den „Good Guy“ und die Projektion der eigenen asozialen Triebe aus dem eigenen Es auf den „Bad Guy“ entlastet die Masse von der Aufgabe, die Struktur selbst in Frage zu stellen.
Psychologisierung als Verstärker
Die moderne Tendenz zur Psychologisierung verstärkt diesen Mechanismus. Wo Probleme primär als Ergebnis individueller Motive, Defizite oder moralischer Mängel verstanden werden, verschiebt sich der Fokus weiter weg von Systemfragen.
Strukturelle Dysfunktion wird dann nicht als Folge von Regeln, Anreizsystemen oder Machtverhältnissen betrachtet, sondern als: Inkompetenz einzelner Akteure, moralisches Versagen, Korruption, „Fehlverhalten“.
Psychologisierung macht Komplexität handhabbar – aber um den Preis, dass personale Schuld an die Stelle systemischer Analyse tritt.
Der „Good Guy“ als Projektionsfläche für das Ich-Ideal
Zur Stabilisierung eines Systems genügt es nun, Zuversicht nach oben zu projizieren. Der Good Guy muss nicht allmächtig sein, nicht einmal wirksam. Es reicht, dass er als prinzipiell wohlwollend imaginiert wird.
Charakteristisch ist die Vorstellung: Wenn er nur wüsste, was unten geschieht, würde er eingreifen. Damit wird die Spitze vom System entkoppelt. Kritik kann geäußert werden, ohne die Ordnung als Ganzes in Frage zu stellen. Die Loyalität bleibt intakt.
Warum Autokraten diesen Mechanismus nicht erfinden müssen
Ein zentraler Punkt ist: Autokraten oder Machteliten müssen diese Spaltungslogik nicht bewusst konstruieren. Sie können sie nutzen, verstärken oder ritualisieren – aber sie basiert auf anthropologischen Dispositionen.
Der Mensch in der Krise – und die Masse in der Krise – bringt diese Mechanismen bereits mit: den Wunsch nach klaren Schuldzuweisungen, die Sehnsucht nach einer rettenden Instanz, die Abwehr von Ambivalenz.
Macht stabilisiert sich dort besonders effizient, wo sie sich in diese psychischen Tendenzen einfügt, statt ihnen entgegenzuarbeiten.
Effizienz durch Einfachheit
Die Attraktivität der Good-Guy–Bad-Guy-Spaltung liegt in ihrer niedrigen energetischen Anforderung: Sie benötigt keine umfassende Ideologie. Sie funktioniert ohne permanente Repression. Sie erlaubt sogar begrenzte Kritik – solange diese nach unten gerichtet bleibt.
Das System erscheint lernfähig in Bezug auf untere Ebenen und einzelne Akteure, während es sich faktisch nicht verändert und die oberste Ebene vor Kritik geschützt bleibt.
Zusammenfassung
Die Illusion der Good-Guy–Bad-Guy-Spaltung funktioniert deshalb so zuverlässig, weil sie nicht gegen, sondern mit der menschlichen Psyche arbeitet. Sie ist kein Zeichen kollektiver Dummheit, sondern Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Ordnung in Situationen existenzieller Unsicherheit. Gerade deshalb ist sie so gefährlich – und so stabil.
Eine kritische Auseinandersetzung mit Macht beginnt dort, wo diese Spaltung nicht reflexhaft übernommen, sondern als das erkannt wird, was sie ist: eine psychische Vereinfachung, die kurzfristig entlastet, langfristig jedoch verhindert, dass Systeme als Systeme verstanden und verändert werden.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht