Einleitung
Dieser Blogbeitrag handelt vom Wert der Zumutung – Über Erziehung, Verwöhnung und die neue Verletzlichkeit der gegenwärtigen jugen Generation.
Traumatisierung und Heilung im Märchen „Tischlein deck dich“
Das Märchen „Tischlein deck dich“ erzählt von drei Brüdern, die vom Vater ungerecht behandelt werden. Ohne eigenes Verschulden des Hauses verwiesen, erfahren sie Kränkung und Entwertung. Heute würde man sagen: sie sind traumatisiert. Und doch erwächst aus dieser Ungerechtigkeit eine produktive Kraft. Jeder der Brüder zieht in die Welt hinaus, stellt sich den Widerständen, bewährt sich, und kehrt schließlich mit einem Wunderwerk zurück, das den Vater in Staunen versetzt. In dieser Wendung liegt die tiefe Einsicht des Märchens: Aus Verletzung kann Stärke entstehen; aus Kränkung schöpferische Selbstbehauptung.
In psychologischer Sprache heißt das: Nicht die Abwesenheit von Trauma fördert Entwicklung, sondern die Fähigkeit, es zu transformieren und damit zu bewälltigen. Traumatisierung kann, wenn sie durchgearbeitet und nicht verleugnet wird, zur Quelle von Selbstermächtigung werden. Eine Pädagogik, die jede Zumutung vermeiden will, verkennt diesen Zusammenhang. Sie verhindert jene Reibung, die notwendig ist, damit ein Mensch sich selbst erfährt – im Widerstand, in der Begrenzung, im eigenen Vermögen, Schwieriges zu bewältigen.
Kritik an der schwarzen Pädagogik
Die heutige Verwöhnpädagogik ist in Abgrenzung zur „schwarzen Pädagogik“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstanden. Jene zielte auf Gehorsam, Disziplin und Unterwerfung. Sie war von Härte und Angst geprägt. Die esrte Gegenbewegung – die antiautoritäre und später die laisez-faire Pädagogik – wollte befreien: von Zwängen, Schuld und Unterdrückung. Doch ihre späte Steigerung, die Verwöhnpädagogik unserer Tage, hat eine paradoxe Kehrseite. In ihrem Bemühen, jede Frustration zu vermeiden, nimmt sie Kindern die Gelegenheit, an Herausforderungen zu wachsen.
Folgen der Überfürsorglichkeit
Wo früher der Zwang herrschte, regiert heute die Überfürsorglichkeit. Beide Extreme verfehlen den Kern: Die schwarze Pädagogik erstickt das Selbst, die andere lässt es unentwickelt. Die Folge ist ein neuer Sozialisationstyp, der zugleich abwerchelns ängstlich und wütend-aggressiv ist – unfähig, mit Frustration kreativ umzugehen. Er sucht Halt in ideologischen Gruppenidentitäten, in moralischer Überlegenheit oder irreführend stabilisiernden Opferrollen.
So entsteht, was man eine Panideologisierung nennen könnte: Wer die „richtige“ Meinung vertritt, wird akzeptiert; wer abweicht, wird ausgegrenzt – das Phänomen der Cancel Culture als Symptom einer narzisstisch verletzlichen Gesellschaft. Wo früher Autorität durch Angst aufrechterhalten wurde, wird sie heute durch moralische Empörung ersetzt. Beides sind Formen der Unfreiheit.
Konkurrenzkampf im urbanen Mileu
Diese gesellschaftliche Stimmung prägt besonders urbane Räume, etwa Berlin, wo das Leben selbst zum Konkurrenzkampf geworden ist. „Sich durchkämpfen“ bedeutet hier, sich in einem Klima von Hektik, Aggression und Rücksichtslosigkeit zu behaupten. Wer sich nicht abgrenzt, wird hineingezogen in den Strudel von Hass und Gereiztheit. Umso wichtiger ist es, innezuhalten, zu reflektieren, die eigene Integrität zu bewahren – gegen die Verrohung wie gegen die Opferideologie.
Parallel dazu beobachten wir die Kultur der universellen Traumatisierung. Fast alle fühlen sich heute in irgendeiner Form verletzt, überfordert oder benachteiligt. Psychotherapie und psychosomatische Medizin – einst Orte der Selbsterkenntnis – tragen mitunter dazu bei, diese Haltung zu verstärken. Was als Heilung gedacht war, gerät zur Bestätigung von Schwäche. Der Gedanke, dass Schmerz eine unvermeidliche Dimension des Menschseins ist, wird verdrängt.
Ausblick auf eine Pädagogik der Zumutung
Doch Erziehung, verstanden als Vorbereitung auf das Leben, kann niemals ideal sein. Sie ist immer ein Versuch, eine Zukunft zu antizipieren, die anders verläuft als erwartet. Kinder sind notwendig fehlangepasst – weil sie in eine Welt hineinwachsen, die sich ständig verändert. Entscheidend ist daher nicht die perfekte Anpassung, sondern die Fähigkeit zur Anpassungskompetenz: die innere Beweglichkeit, Kritikfähigkeit und Urteilskraft, die es erlaubt, das Neue zu erfassen, ohne sich selbst zu verlieren.
Was unsere Zeit braucht, ist keine Pädagogik der Vermeidung, sondern eine Pädagogik der Zumutung. Sie lehrt, Widersprüche auszuhalten, Scheitern als Teil des Lebens zu begreifen, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst zu disziplinieren. Nur so entsteht jene innere Freiheit, die aus Selbstermächtigung erwächst.
Zusammenfassung
Der Mensch wächst nicht trotz seiner Verletzungen – er wächst zum Teil auch durch sie. Das Märchen „Tischlein deck dich“ erinnert uns daran, dass das Wunder des Lebens nicht darin besteht, dass uns alles zufliegt, sondern darin, dass wir fähig sind, das Unrecht und die Widrigkeit der Welt in etwas Eigenes, Sinnvolles zu verwandeln. Die möglichen Traumata in eine Inspiration zu mehr konstruktiver Selbstverwirklichung zu transformieren.
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