Kritische Betrachtungen zum Begriff „Künstliche Intelligenz“

Einleitung

In diesem Beitrag geht es um den Begriff „Künstliche Intelligenz“ aber darüber hinaus auch über Projektionen, Verdinglichung und die Suche nach einer angemessenen Sprache im Ungang mit diesem neuen Phänomen.

Zum Begriff „Künstliche Intelligenz “ (KI)

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ hat sich in den letzten Jahren nahezu unbemerkt in das Zentrum gesellschaftlicher Selbstverständigung geschoben. Kaum ein technologisches Thema wird politisch, medial und kulturell so aufgeladen diskutiert. Und doch bleibt bei näherer Betrachtung etwas Merkwürdiges zurück: Je häufiger von „KI“ die Rede ist, desto diffuser wird das Bild dessen, worüber eigentlich gesprochen wird.

Das liegt nicht daran, dass die zugrunde liegenden Technologien besonders geheimnisvoll wären. Es liegt vielmehr an der Sprache selbst. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist weniger eine Beschreibung als eine Projektionsfläche. Er ruft Vorstellungen hervor, die tief aus kulturellen Erzählungen stammen: die Idee eines denkenden Gegenübers, eines autonomen Akteurs, manchmal sogar einer überlegenen Instanz. In diesen Bildern schwingen alte Motive mit – vom allwissenden Beobachter bis zum bedrohlichen Kontrollapparat –, lange bevor eine konkrete technische Funktion überhaupt in den Blick kommt.

Die Tendenz zu einer schleichenden Verdinglichung des Phänomens „KI“

Aus diese technischen Gemengelage entsteht durch den Begriff „Künstliche Intelligenz“ eine Verdinglichung. Denn das komplexes Zusammenspiel aus Daten, statistischen Modellen und Rechenprozessen wird wie ein Wesen behandelt, dem man Absichten, Entscheidungen und Verantwortung zuschreibt. Psychologisch ist das verstädnlich. Wo Komplexität zunimmt, neigt der Mensch dazu, sie zu personalisieren. Ein Akteur ist leichter zu denken als ein System. Doch genau hier beginnt das Problem. Denn diese Personalisierung verschiebt die Aufmerksamkeit weg von den eigentlichen Fragen: Wer entwirft diese Systeme? Wer setzt sie ein? Wer profitiert von ihnen, und wer trägt Verantwortung für ihre Wirkungen?

Die gesellschafts-politische Auseinandersetzung mit „KI“

Im politischen Raum zeigt sich diese Verschiebung besonders deutlich. Wenn von „der KI“ gesprochen wird, klingt es oft, als handle es sich um eine eigenständige Kraft, der man ausgeliefert sei oder die man kontrollieren müsse. Damit geraten menschliche Entscheidungen, ökonomische Interessen und institutionelle Machtverhältnisse aus dem Fokus. Die Technik erscheint als Schicksal, nicht als gestaltbares Werkzeug. Diese Erzählung ist bequem – und gefährlich zugleich. Sie erzeugt Ohnmacht auf der einen Seite und entlastet Verantwortung auf der anderen.

Auch medial entfaltet der Begriff eine eigentümliche Dynamik. Er dramatisiert, vereinfacht und emotionalisiert. Zwischen Heilsversprechen und Untergangsszenarien bleibt wenig Raum für Nüchternheit. Der Diskurs wird schneller, lauter und zugleich unschärfer. Dabei wäre gerade hier sprachliche Präzision entscheidend. Denn Sprache ist nicht nur ein Mittel der Beschreibung, sondern ein Rahmen des Denkens. Wie wir etwas benennen, bestimmt, wie wir uns dazu verhalten.

Die Frage nach der Beziehungsgestaltung zwischen Benutzer und „KI“

Wenn wir ein System als „Intelligenz“ bezeichnen, verändern wir unmerklich die Beziehung zu ihm. Es wird vom Werkzeug zum Gegenüber, vom Hilfsmittel zum potenziellen Entscheider. Diese Verschiebung ist keine Kleinigkeit. Sie beeinflusst, wie wir Verantwortung wahrnehmen, wie wir Regulierung denken und wie viel Gestaltungsmacht wir uns selbst noch zutrauen.

Gibt es angemessenere Begriffe für das Phänomen „KI“?

Deshalb lohnt es sich, nach alternativen Begriffen zu suchen – nicht aus sprachlicher Pedanterie, sondern aus politischer und psychologischer Verantwortung. Begriffe wie „Denkpartner“ oder „kognitiver Assistent“ versuchen, die dialogische Dimension hervorzuheben, laufen aber Gefahr, erneut zu vermenschlichen. Technischere Bezeichnungen wie „Strukturassistent“ sind präziser, bleiben jedoch abstrakt und kühl.

Besonders überzeugend wirkt m.E. der Ausdruck „Digitaler Assistent“. Er ist unspektakulär, beinahe alltäglich, und gerade darin liegt seine Stärke. Er beschreibt kein Wesen, sondern eine Funktion. Ein Assistent unterstützt, ordnet, hilft – er entscheidet nicht aus sich selbst heraus. Der Mensch bleibt Subjekt, Zielsetzer und Verantwortlicher. Der digitale Assistent ist ein Werkzeug, das Denkprozesse strukturieren kann, nicht eine Instanz, die sie ersetzt.

Diese begriffliche Verschiebung hätte weitreichende Folgen für den gesellschaftlichen Diskurs. Sie würde Ängste nicht leugnen, aber entdramatisieren. Sie würde Machtfragen nicht verdecken, sondern sichtbar machen. Vor allem aber würde sie die Debatte vom Mythos zurück in die Realität holen – dorthin, wo Gestaltung möglich ist.

Inwiefern könnte ein digitaler Assistent einen konventionellen Psychotherapeuten ersetzen?

Ein bislang wenig beachteter Aspekt in der Diskussion um sogenannte „Künstliche Intelligenz“ betrifft nicht den Inhalt der Interaktion, sondern ihre Form: das Setting, in dem sie stattfindet.

Klassische psychologische Beratung und Psychotherapie sind an spezifische Rahmenbedingungen gebunden. Sie finden zu festgelegten Zeiten statt, an einem bestimmten Ort, in einem klar definierten Beziehungsrahmen. Diese Struktur wirkt auf den ersten Blick äußerlich, ist jedoch in ihrer Funktion zentral. Sie begrenzt den Zugriff, schafft Verlässlichkeit und erzeugt eine Spannung zwischen Alltagsleben und therapeutischem Raum. In dieser Spannung kann sich psychisches Material verdichten und in eine bearbeitbare Form übergehen.

Digitale Assistenzsysteme verändern diese Struktur grundlegend. Sie sind jederzeit verfügbar, ortsunabhängig und ohne feste zeitliche Begrenzung zugänglich. Der „Berater“ befindet sich gewissermaßen permanent in Reichweite. Was zunächst wie ein Vorteil erscheint – unmittelbare Verfügbarkeit, schnelle Reaktion, kontinuierliche Unterstützung – führt zu einer Verschiebung der Bedingungen, unter denen psychologische Prozesse stattfinden.

Mit dem Wegfall des Settings entfällt auch die Unterbrechung, die für viele psychische Prozesse konstitutiv ist. Es gibt kein Warten mehr, kein Hinarbeiten auf einen Termin, keinen Übergang in einen abgegrenzten Raum. An die Stelle eines gerahmten Geschehens tritt eine kontinuierliche Nutzung. Psychologische Reflexion wird damit tendenziell in den Fluss des Alltags integriert, anstatt sich von ihm abzuheben.

Diese Veränderung hat Folgen. Zum einen reduziert sie die Spannung, in der sich Erleben verdichten kann. Zum anderen erleichtert sie die unmittelbare Regulation von Affekten: Irritationen, Unsicherheiten oder Konflikte können sofort angesprochen und bearbeitet werden, ohne dass sie eine gewisse Zeit bestehen bleiben müssen. Was kurzfristig entlastend wirkt, kann langfristig dazu führen, dass Prozesse der inneren Verarbeitung verkürzt oder umgangen werden.

Darüber hinaus verändert sich die Beziehung selbst. Während das klassische Setting eine Begegnung zwischen zwei zeitlich und räumlich gebundenen Subjekten strukturiert, entsteht im digitalen Raum eine andere Form von Beziehung: ein jederzeit verfügbarer Resonanzraum ohne eigene Zeitlichkeit. Die Interaktion wird funktionaler, unmittelbarer und weniger durch Differenz geprägt.

Diese Verschiebung ist weder per se problematisch noch unproblematisch. Sie eröffnet neue Möglichkeiten, etwa niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützung. Gleichzeitig verändert sie jedoch die Bedingungen der Möglichkeit psychischer Veränderung. Der Wegfall des Settings erhöht strukturell die Wahrscheinlichkeit, dass Prozesse beschleunigt, verkürzt oder vorschnell abgeschlossen werden.

In diesem Sinne ist die Frage nach „Künstlicher Intelligenz“ nicht nur eine Frage nach Technik, sondern auch eine Frage nach Form. Nicht nur, was gesagt wird, ist entscheidend, sondern unter welchen Bedingungen es gesagt werden kann. Und diese Bedingungen verändern sich im digitalen Raum grundlegend.

Zusammenfassung

Am Ende geht es nicht nur darum, technologische Entwicklungen angemessen zu benennen oder begriffliche Unschärfen zu korrigieren. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist problematisch, weil er mehr suggeriert, als er beschreibt: Er personalisiert technische Systeme, verschiebt Verantwortlichkeiten und verstellt den Blick auf die tatsächlichen Bedingungen ihrer Entstehung und Anwendung.

Doch die Herausforderung liegt nicht allein auf der Ebene der Sprache. Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Assistenzsysteme verändern sich auch die Formen der Interaktion selbst. Insbesondere im psychologischen Kontext betrifft dies nicht nur den Inhalt von Beratung oder Unterstützung, sondern die Bedingungen, unter denen solche Prozesse stattfinden.

Das klassische Setting psychologischer Arbeit – zeitlich begrenzt, räumlich gebunden und relational strukturiert – stellt eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung und Bearbeitung psychischer Prozesse dar. Es schafft einen Rahmen, in dem sich Ambiguität entfalten, Spannung aufgebaut und Bedeutung schrittweise gebildet werden kann. Digitale Systeme hingegen tendieren dazu, diesen Rahmen aufzulösen und durch permanente Verfügbarkeit zu ersetzen. Dadurch verschieben sich die Bedingungen der Möglichkeit psychischer Veränderung: Prozesse werden unmittelbarer, aber auch flüchtiger; zugänglicher, aber zugleich weniger gerahmt.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es bei der Auseinandersetzung mit sogenannten „KI-Systemen“ nicht nur um ihre technischen Fähigkeiten geht, sondern um die Frage, wie sie in bestehende Formen menschlicher Praxis eingebettet sind – oder diese verändern. Eine präzisere Sprache kann helfen, diese Verschiebungen sichtbar zu machen. Sie ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, die strukturellen Bedingungen, unter denen solche Systeme eingesetzt werden, kritisch zu reflektieren.

Vielleicht ist es daher sinnvoll, nicht von „Künstlicher Intelligenz“, sondern von digitalen Assistenzsystemen zu sprechen – nicht, um ihre Bedeutung zu relativieren, sondern um sie in einen Rahmen zu stellen, der menschliche Verantwortung, Gestaltungsmacht und die Bedingungen psychischer Prozesse wieder in den Mittelpunkt rückt.

Denn letztlich entscheidet sich ihre Wirkung nicht nur daran, was sie leisten, sondern daran, unter welchen Bedingungen sie eingesetzt werden.

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