Gedanken zur Neuverfilmung von „Der Fremde“ von Albert Camus — Darf man das Absurde Psychologisieren?

Einleitung

Gängigen Deutungschemata folgend wird Camus Antiheld auch bei Ozon (2025) stark psychologisierend gezeichnet, als schizoide Persönlichkeitl, emotionsloser Charakter etc. Was verlorengeht ist bei allem Verständnis für die Tendenz zum Psychologisieren die existenz-philosophische Dimension der Geschichte. Der Antiheld Meursault ist jemand, der in der Camusschen Versuchsanorndung mit der menschlichen Kultur und ihren Symbolsystemen insgesamt fremdeln soll. Insofern kann man auch den Tod der Mutter metaphorisch verstehen, als Hinausgestoßen-werden aus einem naturhaften animalischen Verhältnis zur Welt in ein kulturhaftes Sinnsystem, was Meursault aber verweigert. Der Roman erzählt die Geschichte dieser Verweigerung. Sie ist im Grund so etwas wie eine Versuchsanordnung im Sinne eines „Was wäre wenn?“ Oder anders gesagt: „Was würde möglicherweise passieren können, wenn jemand die Zugehörigkeit zu kulturellen Symbolsystem nicht als sinnhaft erleben kann und an einer Integration in sie scheitert?“ Um die Problematik zuzuspitzen, habe ich versucht, Camus‘ Ansatz mit der Kulturkritik Freuds in Zusammenhang zu bringen und Gemeinsamkeiten und Gegensätze zu beschreiben.

Camus’ Der Fremde und Freuds Kulturtheorie

Auf den ersten Blick scheinen Camus und Freud wenig gemeinsam zu haben. Hier der Existenzphilosoph des Absurden, dort der Begründer einer Tiefenpsychologie bzw. Psychoanalyse, die das Subjekt durch Triebe, Konflikte, Verdrängung und Wiedererinnern beschreibt. Und doch thematisieren beide – auf sehr unterschiedliche Weise – dieselbe Grunderfahrung der Moderne: dass der Mensch in der Kultur nicht wirklich zu Hause ist, sondern in ihr im Zustand der Entfremdung geradezu nur haust. Freuds Unbehagen in der Kultur und Camus’ Der Fremde sind zwei Antworten auf dieselbe Frage: Was kostet es, Mensch unter Menschen zu sein? Mit welchen Zumutungen und Konsequenzen ist dies verbunden. Was geht unweigerlich verloren im nicht reversiblen Übergang vom Tier zur menschlichen Existenz.

Kultur als notwendige Zumutung

Freud formuliert nüchtern: Kultur ist notwendig, aber sie macht unglücklich. Sie entsteht, um Gewalt zu bändigen, Lust zu regulieren, Sicherheit zu schaffen. Doch genau dadurch erzeugt sie Frustration, Schuld, Verzicht und innere eine Spannung zwischen Überich und Es. Der Mensch unterwirft sich den Forderungen der Kultur, weil es kein Zurück mehr gibt in den animalischen unentfremdeten Zustand, aus der er entstammte.

Camus teilt diese Diagnose, radikalisiert sie aber. In seinem Roman Der Fremde erscheint Kultur nicht nur als Einschränkung von Trieben, sondern als Sinnmaschine, die vom Individuum verlangt, die Zumutungen des Daseins symbolisch zu rechtfertigen und gutzuheißen. Dies verweigert Camus‘ Antiheld. An der Stelle wo Freud von Triebverzicht sprechen würde, deutet Camus Ablehnung der symbolischen Ordnung an: Meursault verweigert nicht Lust oder Aggression, sondern die kulturelle Pflicht, diesen Erfahrungen einen kulturellen symbolischen Bedeutungsrahmen zu geben.

Schuldgefühl versus Schuldanerkennung

Ein zentraler Gedanke Freuds ist, dass Kultur das Aggressionspotenzial des Menschen nach innen wendet und ihn damit neurotisch werden läßt. Aus äußerer Gewalt wird durch deren Verzicht daraus letztlich die innere Schuld. Das Über-Ich entsteht als verinnerlichte gesellschaftliche Instanz, die das Subjekt und vor allem sein Triebleben überwacht. Der Kulturmensch ist der normal-neurotische Mensch im Freudschen Sinne.

Camus konstruiert aber seinen Antihelden Meursault auf eine Art und Weise, dass er diesen Spielregeln nicht entsprechen soll. Camus Versuchsanordnung geht davon aus, dass Meursault ein solches Über-Ich nicht als legitim anerkennt. Daraus folgt: Er empfindet keine Schuld, obwohl er schuldig ist. Das ist der eigentliche Skandal des Romans.

Freudianisch gelesen wäre das ein Defekt: mangelnde Über-Ich-Bildung. Camus jedoch zeigt etwas anderes: Schuld ist keine natürliche Kategorie, sondern eine kulturelle Konstruktion. Sie funktioniert nur, wenn das Subjekt bereit ist, sie als Kategorie anzuerkennen und zu internalisieren.

Meursault wird nicht verurteilt, weil er getötet hat, sondern weil er nicht schuldeinsichtig im kulturellen Sinne ist, ja weil er die symbolische Ordnung der Kultur, in der erlebt, nicht anerkennt, weil er in ihr sich wie ein Fremder bewegt. Damit wird klar: Meursault ist kein naturalistisch nachvollziehbarer Mensch, sondern eine philosophische Konstruktion, die aus didaktischen Gründen eine menschliche Gestalt bekommt. Insofern muss diese Figur scheitern ähnlich wie Jesus auch scheitern muss, weil kein realer Mensch imstande wäre, aufgrund von dessen theologischen Prämissen zu überleben.

Der Trieb und das Absurde

Freud beschreibt den Menschen als Wesen widersprüchlicher Triebe: Eros und Thanatos, Lust und Zerstörung. Kultur ist der Versuch, diese Kräfte in erträgliche Bahnen zu lenken. Camus hingegen interessiert sich weniger für den Trieb als für das Scheitern der Sinngebung. Der Mord bei Camus ist kein Durchbruch des Todestriebs, sondern ein Moment, in dem die symbolische Ordnung kollabiert bzw. als nicht mehr existent betrachtet wird. Im Grunde knüpft Camus an Nietzsche an, der im 19. Jahrhundert aus der Säkularisierung die Konsequenz gezogen hatte: „Gott isst tot und wir haben ihn getötet.“ So könnte jetzt Camus nach der Erfahrung des 2. Weltkriegs und der in dieser Zeit verübten Greueltaten: „Die Kultur ist tot und wir haben sie getötet.“

Der Unterschied zwischen Freud und Camus ist subtil, aber entscheidend: Bei Freud ist Gewalt Ausdruck von zu viel ungehemmter Natur. Bei Camus ist Gewalt Ausdruck von zu wenig Bedeutung von Kultur und deren symbolischer Ordnung. Meursault mordet nicht, weil ein Trieb übermächtig wird, sondern weil kein Bedeutungsrahmen mehr erlebbar ist, der seinem Mord eine Symbolik zuordnen würde und damit hemmen oder verhindern könnte. Camus zeigt damit auch, wozu Menschen in rechtsfreien Räumen, z.B. im Krieg oder wenn sie über unendlich viel Macht verfügen, fähig sein können. Ein Mensch, der meint über dem Gesetzt zu stehen, würde handeln wie Meursault.

Ist Kultur eine Illusion?

Freud bleibt trotz aller Skepsis ein aufgeklärter Rationalist. Kultur ist unerquicklich, aber alternativlos. Der Mensch muss lernen, mit seinem Unbehagen zu leben. Das entspricht auch dem Programm der Psychoanalyse, die Triebunterdrückung erträglicher zu gestalten, wenn sie auch nicht ungeschehen gemacht werden kann.

Camus geht einen Schritt weiter: Er entlarvt nicht nur die Kosten der Kultur, sondern auch ihre Illusionsstruktur. Religion, Moral, Fortschrittsglaube – sie versprechen Sinn, wo keiner garantiert ist, insbesondere wenn sich Einzelindividuen nicht daran halten. Dies war auch schon Distojewskis Ansatz in „Schuld und Sühne“. Während Raskolnikow aber an seinen Schuldgefühlen scheitert, lehnt Meursault sie ab. Der Roman „Der Frende“ kann insofern als direkter Gegenroman zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gelesen werden.

In Der Fremde wird Meursault genau deshalb hingerichtet, weil er diese Illusionen, dass Kultur den Menschen bei ihrem Menschsein hilft, nicht teilt. Er glaubt nicht an jenseitige Gerechtigkeit, nicht an moralische Läuterung, nicht an psychologische Tiefe als Sinnquelle.

Freud hätte gesagt: Der Mensch braucht diese Illusionen, um nicht zu verzweifeln.
Camus antwortet: Der Mensch kann auch ohne Illusion leben, aber er wird dadurch zu einem Ungeheuer wie Frankensteins Monster, der auch dazu verdammt ist, keinen Anschluss in der menschlichen Gemeinschaft zu finden und sinnlos morden muss.

Homo homini lupus est?

Freud zitiert Hobbes zustimmend: Ja, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Aggression ist triebhaft, Kultur ein gegen sie aufgerichteter fragiler Damm. Camus zeigt die Kehrseite: Die eigentliche Sinnfrage liegt nicht in der unmittelbaren Gewalt, sondern in ihrer rationalisierten, moralisch legitimierten Form der Bestrafung. Das Gericht als Kulturinstanz ist mindestes so grausam wie der mordende Meursault, weil es dem Individuum versucht, einen Sinn aufzuzwingen, wo es keinen Sinn sieht und sehen will. Nach Freud wird der Mensch zum Wolf, wenn der Trieb durchbricht. Bei Camus wird der Mensch zum Wolf, wo er die kulturelle Ordnung willkürlich behauptet, der die Massen sich unterwerfen sollen, die aber von den Ausnahmepersönlichkeiten der Geschichte üblicherweise nicht akzeptiert werden. Das ist die eigentliche Sinnfrage des Absurden. „Warum dürfen die meistbewunderten Figuren der Geschichte die Kultur ignorieren, die untergeordnete Masse der einfachen Menschen aber nicht?“

Das Unbehagen ohne Tröstung

Am Ende bleibt bei Freud ein melancholischer Pragmatismus: Wir müssen Kultur ertragen, so unvollkommen sie ist. Bei Camus gibt es kein Heil, aber auch keine Resignation. Meursaults Akzeptanz des „zärtlichen Gleichmuts der Welt“ ist keine Lösung, sondern eine Haltung: das Leben ohne metaphysische Absicherung ohne eine abgesicherte, validierte Sinnhaftigkeit auszuhalten. Das Problem an dere Stelle ist: Es wird nicht ganz klar, ob Camus einen kulturfremden Menschen beschreiben möchte oder einen Über-Menschen aus seiner eigenen entfremdeten Perspektive heraus konstruiert?

Wenn Freud fragt: Wie viel Glück ist unter Kulturbedingungen möglich? Dann fragt Camus: Wie viel Aufrichtigkeit ist in unserer Kultur möglich? Und vor allem: wie gehen wir mit der Tatsache um, dass die meistbewunderten Gestalten der Geschichte, sich in der Regel an die symbolische Ordnung nicht gehalten haben und anlasslos mordeten. In disem Zusammenhang sollte auch die Frage erlaubt sein, ob nicht die Geshichte von Meursault, der nur seine Mutter lieben konnte und sonst niemanden, bewusst oder unbewusst eine Nacherzählung von Hitlers Geschichte ist, der sehr an seiner Mutter hing, aber darüber hinaus zu niemanden eine liebevolle Beziehung jemals einging und auch jemand war, für den Kultur keine Grund war, das Morden infrage zu stellen.

Das Ignorieren der Kultur ist heute keine Ausnahme mehr

In einer Zeit, in der Kriegsverbrechen an der Tagesordnung sind und das Völkerrecht pulverisiert wird. Muss man wahrscheinlich Camus als einen frühen Propheten dieser Entwicklung ansehen. Gerade nach dem 2. Weltkrieg, wo alle darauf gehofft haben, dass mit der Gründung der UNO die Unkultur überwunden wird, fragte Camus: Aber was ist, wenn die Ignoranz der Kultur zu einem Phänomen wird, was sich eher fortpflanzt und ausweitet als dass es eingedämmt werden könnte? insofern ist Camus heute aktueller denn je und Dostojewski als sein Antipode erscheint immer mehr als ein Träumer von Anstand und Moral.

Zusammenfassung

Freud analysiert die innere Zerrissenheit des kultivierten bürgerlichen Subjekts. Camus zeigt, was geschieht, wenn jemand diese Zerrissenheit nicht mehr psychologisch kompensiert, also quasi zu einem Raskolnikow ohne Schuldgefühle mutiert. Freud beschreibt in Das Unbehagen in der Kultur den Preis der Anpassung in Form der Neurose. Camus beschreibt in Der Fremde den Preis der Verweigerung der Teilhabe am kulturellen Kontext als Morden aus Gleichgültigkeit. Vielleicht ist es dass, was Hannah Arendt als Banalität des Bösen zu bestimmen versucht hat. Wenn man Meursault unbedingt psychologisieren wollte, dann sollte man ihn besser als Prototypen des Autokraten sehen, der sich über jegliches Gesetz erhebt, weil er davon ausgeht, dass die symbolische Ordnung der Kultur nur für die anderen, die einfachen Menschen gilt, aber nicht für ihn selbst.

Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht

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