Einleitung
Anläßlich seines bevorstehenden Rüpckzugs aus dem operativen Geschäft gibt Warren Buffett seinen Nachfolgern einige Ratschläge mit auf den Weg: die nachfolgernde Generation solle vermeiden, Chefs zu ernennen, die das Ziel hätten, mit 65 Jahren in Rente zu gehen, mit ihrem Reichtum anzugeben oder eine Dynastie zu begründen. Welches Weltbild und Menschenbild steckt in diesen Empfehlung Buffets?
Das Maß der Dinge – Warren Buffetts stilles Weltbild
Manchmal verraten die einfachsten Sätze die tiefsten Überzeugungen. Wenn Warren Buffett empfiehlt, man solle keine Unternehmensführer ernennen, deren Lebensziel darin besteht, mit 65 in Rente zu gehen, mit Reichtum zu prahlen oder eine Dynastie zu begründen, dann spricht darin kein nüchterner Kapitalstratege, sondern ein Moralist des Alltags. Seine Worte atmen ein Weltbild, das Arbeit, Bescheidenheit und Verantwortung zu tragenden Säulen des Lebens erhebt – und das in seiner stillen Strenge an eine vergangene Zeit erinnert.
Glaube an Haltung
Buffetts Denken ist kein lauter Glaube an den Markt, sondern ein stiller Glaube an Haltung. Arbeit ist für ihn kein notwendiges Übel, das man irgendwann hinter sich lässt, sondern ein Stück gelebte Identität. Wer auf den Ruhestand hinarbeitet, hat, in seinen Augen, schon aufgehört zu leben, bevor die Arbeit endet. Das Ziel ist nicht die Ruhe, sondern die Wirksamkeit. In dieser Haltung klingt die alte puritanische Vorstellung vom „Beruf“ nach – jenem Wort, das im Englischen calling heißt und zugleich „Ruf“ bedeutet. Für Buffett ist Arbeit ein Ruf, kein Vertrag.
Ethisch vertretbarer Umgang mit Reichtum
Sein Misstrauen gegenüber der Schaustellung des Reichtums entspringt derselben Quelle. Reichtum ist für ihn ein Nebenprodukt gelungener Arbeit, nicht ihr Ziel. Der Mensch, der mit seinem Besitz prahlt, beweist nur, dass er nicht verstanden hat, was Besitz bedeutet. Hier spricht ein Stoiker des 20. Jahrhunderts: Maß, Zurückhaltung und innere Ruhe sind für ihn Zeichen von Stärke. In einer Welt, die den Erfolg in Quadratmetern und Klickzahlen misst, ist das beinahe eine subversive Haltung.
Kritik des dynastischen Denkens
Noch radikaler ist seine Ablehnung der „Dynastie“. Buffetts Ethos ist das Gegenteil des Erbadels. Er glaubt an das Individuum, nicht an die Blutlinie. Jeder soll sich selbst beweisen dürfen – nicht durch Herkunft, sondern durch Charakter. In einer Gesellschaft, die sich gern auf „Familienwerte“ beruft, ist dies ein stiller, aber entschiedener Bruch mit jeder Form von Erbdenken. Buffetts Ideal ist die Meritokratie, verstanden nicht als kalter Leistungswettbewerb, sondern als moralische Gerechtigkeit: Der Mensch soll nach dem beurteilt werden, was er tut, nicht nach dem, was er besitzt oder vererbt.
Religionsphilosophischer Bezüge
In all dem schwingt ein säkularer Calvinismus, befreit vom religiösen Pathos, aber erfüllt vom gleichen Ernst gegenüber der eigenen Existenz. Der Mensch ist berufen, tätig zu sein, nicht um sich zu bereichern, sondern um seiner Verantwortung gerecht zu werden. Erfolg ist erlaubt, ja notwendig – aber er verliert seine Würde, sobald er zum Selbstzweck wird.
Buffetts Weltbild steht damit quer zu den großen Versuchungen der Moderne: dem Konsumismus, der Leistung nur als Vorwand für Besitz versteht, und dem Nihilismus, der in der Arbeit keine Berufung mehr sieht. Es ist ein Gegenentwurf ohne Pathos – leise, unaufgeregt, von der Art, die nur noch selten vorkommt.
Zusammenfassung
Vielleicht liegt in dieser Schlichtheit seine Modernität. In einer Zeit, die sich nach Sinn sehnt und ihn doch im Überfluss sucht, erinnert Buffett daran, dass Maß, Arbeit und Verantwortung keine alten Tugenden sind, sondern die Grundformen menschlicher Würde. Wer sie ernst nimmt, braucht keine Dynastie, keinen Ruhestand, kein Prunk. Es genügt, gut zu tun, was man liebt – und darin den Sinn zu finden, den keine Summe der Welt kaufen kann.
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