Forschungen außerhalb der akademischen Welt

Einleitung

„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Hauptstein geworden.“ Psalm 118, Vers 22

Die Geschichte der Wissenschaft und Kultur ist nicht nur eine Geschichte akademischer Institutionen, sondern auch eine Geschichte von Marginaslisierten, Außenseitern, Quereinsteigern, Praktikern und Autodidakten. Immer wieder haben Menschen unter widrigen Bedingungen, oft ausgeschlossen von Hauptströmungen akademischer Bildungslaufbahnen, bedeutende Beiträge zur Entwicklung des Wissens und der Künste geleistet, indem sie ihr Praxiswissen systematisiert haben. Vier eindrucksvolle Beispiele für solch schöpferische Umwege sollen hier beispielhaft erwähnt werden: Leonardo da Vinci, die Entstehung des Jazz in der afroamerikanischen Bevölkerung der USA, Charles Dow als Begründer der Finanzanalyse und Sigmund Freud als Begründer der Psychoanalyse. In allen diesen Fällen führten gesellschaftliche Randstellung und telweise Ausgrenzung nicht zur Aufgabe intellektueller Bestrebungen, sondern gerade zu alternativen, fruchtbaren Wegen des Forschens und Schaffens in der Rückbesinnung auf Praxiswissen und Betonung ästhetischer Aspekte des Handelns. So ist Trading im Sinne von Dow eine Kunst, ebenso wie die Handhanbung der Psychoanalyse nach Freud. Zeichnen und Malerei, sowie die Musik des Jazz beinhaltet ästhetische Prinzipien augenscheinlich.

Leonardo da Vinci – ein Lehrberuf auf dem Weg zur Kreativität

Leonardo da Vinci (1452–1519) gilt als eines der größten Universalgenies der Geschichte. Seine Genialität erstreckte sich über die Malerei, die Technik, die Anatomie, die Architektur und viele weitere Disziplinen. Doch sein Werdegang war keineswegs vorgezeichnet. Als unehelicher Sohn eines Notars und einer Magd hatte Leonardo im Florenz des 15. Jahrhunderts keinen Zugang zu den Universitäten oder klassischen Bildungseinrichtungen seiner Zeit. Statt einer akademischen Laufbahn stand ihm nur die handwerklich-künstlerische Ausbildung offen – er wurde Lehrling in der Werkstatt des Künstlers Andrea del Verrocchio.

Dieser scheinbare Makel erwies sich rückblickend als entscheidender Vorteil: Leonardo entwickelte eine eigenständige, weitgehend autodidaktische Methode der Naturbeobachtung. Er studierte Bewegungsabläufe, Wasserströmungen, das Flugverhalten von Vögeln, den menschlichen Körper. Seine zahlreichen Skizzen und Notizen zeugen von einer empirischen Herangehensweise, die ihrer Zeit weit voraus war. Ohne an eine akademische Disziplin gebunden zu sein, konnte er interdisziplinär denken und radikale Schlussfolgerungen ziehen – etwa zur Funktion des Herzens oder zur Wirkung des Lichts. Seine Forschungen außerhalb der akademischen Welt eröffneten ihm eine schöpferische Freiheit, die konventionellen Wissenschaftlern oft versagt blieb.

Jazz – Musik aus dem Schatten der Ausgrenzung und Rassentrennung

Auch die Entstehung des Jazz ist ein Beispiel dafür, wie Ausschluss zu Innovation führen kann. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei setzten in den Südstaaten der USA neue Formen der Rassentrennung und Diskriminierung ein. Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze verwehrten der afroamerikanischen Bevölkerung den Zugang zu höherer Bildung – auch zu musikalischen Ausbildungsstätten wie Konservatorien.

Afroamerikanische Musiker, die zuvor in Orchestern mit Weißen gespielt hatten und die in der Tradition von klassischer europäischer Musiktradition tätoig gewesen waren, bildeten informelle musikalischge Kontexte mit afroamerikanischen Musikern, die der ursprünglich afrikanischen Tradition enger verbunden geblieben waren. Viele dieser Musiker entwickelten eine hybride Musik aus dem Synergie von westlicher Musiktradition und afrikanischer Musiktradition auf der Basis einer Musik, die durch ehemalige Sklaven weitergetragen wurden. Der Blues wurde mit marschmusikartigen Elementen der europäischen Tradition verbunden. Der daraus entstehende Jazz war keine geplante Erfindung, sondern das Resultat einer kreativen Hervorbringung, in der Improvisation, synkopische Rhythmen und Call-and-Response-Strukturen zum Tragen kamen. Dies wurde Ausdruck einer neuen kulturellen Identität, die ihren Ursprung gerade außerhalb der offiziellen Musikwelt hatte.

Der Jazz entwickelte sich im Schatten der gesellschaftlichen Ausgrenzung – und wurde später zu einer der einflussreichsten Musikrichtungen des 20. Jahrhunderts. Auch dies zeigt: Innovation kann dort entstehen, wo akademische Anerkennung fehlt, aber lebendige Tradition, Austausch und Ausdruckskraft vorhanden sind.

Charles Dow — Ein Journalist begründete die Finanzanalyse

Charles Dow (1851–1902) war ein amerikanischer Finanzjournalist, Mitbegründer von Dow Jones & Company und Mitgründer sowie erster Chefredakteur des Wall Street Journal. Er gilt als einer der Pioniere der modernen Finanzanalyse. Besonders bekannt wurde er durch die Entwicklung des Dow-Jones-Index (1884 erstmals veröffentlicht) und die sogenannte Dow-Theorie, die bis heute Einfluss auf die technische Analyse von Finanzmärkten hat.

Die Dow-Theorie ist ein Konzept zur Analyse von Börsentrends, das auf den Artikeln basiert, die Charles Dow zwischen 1900 und 1902 im Wall Street Journal veröffentlichte. Die Theorie wurde später von anderen Autoren wie William Hamilton und Robert Rhea weiterentwickelt und systematisiert. Die 6 Grundprinzipien der Dow-Theorie:

Der Markt hat drei Trends. Primärtrend (langfristig, Monate bis Jahre): z. B. ein Bullen- oder Bärenmarkt, Sekundärtrend (mittelfristig, Wochen bis Monate): Korrekturen innerhalb des Primärtrends, Tertiärtrend (kurzfristig, Tage bis Wochen): tägliche Schwankungen

Trends bestehen aus drei Phasen. Akkumulationsphase: Informierte Investoren beginnen zu kaufen (noch wenig sichtbar), Partizipationsphase: Der breite Markt steigt ein, Medien berichten, Distributionsphase: Profis verkaufen, während die Öffentlichkeit noch kauft

Die Aktienindizes bestätigen sich gegenseitig. Dow betrachtete insbesondere den Industrie-Index und den Transport-Index. Ein Trend gilt nur als bestätigt, wenn beide Indizes in dieselbe Richtung tendieren.

Volumen bestätigt den Trend. Steigende Kurse sollten mit steigendem Volumen einhergehen. Ist das Volumen gering, ist der Trend möglicherweise schwach oder instabil.

Ein Trend gilt so lange, bis ein klarer Umkehrbeweis vorliegt. Trends neigen dazu, sich fortzusetzen. Ein Trendwechsel muss klar erkennbar sein (z. B. durch neue Hochs oder Tiefs).

Der Markt diskontiert alle Informationen. Alle bekannten und erwarteten Informationen sind bereits im Kurs enthalten – eine Grundannahme, die auch heute noch für viele Marktmodelle gilt.

Die Dow-Theorie war die Grundlage für die technische Analyse moderner Finanzmärkte. Auch wenn heute komplexere Methoden existieren, sind viele ihrer Grundprinzipien weiterhin Bestandteil der Marktanalyse – etwa das Denken in Trends, die Bedeutung von Volumen oder das Verhalten in Marktphasen.

Sigmund Freud – Vom antisemitischen Ausschluss zur professionalisierten Psychotherapie als Behandlungskunst

Sigmund Freud (1856–1939), Begründer der Psychoanalyse, war ursprünglich ein ausgebildeter Neurologe. Doch als Jude in Wien des späten 19. Jahrhunderts waren ihm viele wissenschaftliche Karrieren verwehrt – insbesondere in der akademischen Forschung. Trotz seiner Begabung und seiner frühen Beiträge auf dem Gebiet der Neurophysiologie blieb Freud der Weg in führende Positionen, namentlich eine Hochschulprofessur, versperrt.

Um finanziell unabhängig zu sein, ließ er sich als Arzt nieder und widmete sich der Behandlung sogenannter Hysterie-Patientinnen – Fälle, die von der etablierten Medizin oft als lügnnerische „nicht organisch Kranke“ und damit als einer wissenschaftlichen Methode nicht würdig abgetan und belächelt wurden. Doch gerade hier fand Freud sein Forschungsfeld. Er beobachtete, experimentierte mit Hypnose, entwickelte die Technik der freien Assoziation und entwarf schließlich eine tiefenpsychologische Theorie des Unbewussten, der Triebe und der Traumdeutung.

Freuds Arbeiten wurden nichtd nur anfangs sondern bis heute von der akademischen Welt mit Skepsis und Ablehnung betrachtet. Doch sie gewannen über die Jahrzehnte hinweg enorme kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung. Auch hier gilt: Nicht trotz, sondern wegen des Ausschlusses aus der etablierten Wissenschaft fand Freud einen neuen Erkenntnisweg.

Ausschluss von der akedemischen Welt als eine Voraussetzung für Innovation

Leonardo da Vinci, die afroamerikanischen Jazzmusiker, Charles Dow und Sigmund Freud zeigen, dass kreative, erkenntnisreiche Arbeit gerade auch außerhalb formalisierter akademischer Bildungswege entstehen kann – ja, vielleicht gerade dort, weil Erfahrungswissen in Vordergrund steht und nicht die Verwissenschaftlichung von prakatischer Vernuft. Insofern kann Marginalisierung und ausschluss von der akademischen Welt zur Entwicklung eigener Methoden und Perspektiven führen, die nicht durch akademische Standards und Konventionen begrenzt sind.

Diese Beispiele werfen auch heute die Frage auf, wie viel potenzielles Wissen und kulturelle Kraft in jenen Menschen und Gruppen steckt, die vom Zugang zu wissenschaftlicher oder akademisch künstlerischer Bildung ausgeschlossen sind. Forschungen außerhalb der akademischen Welt sind nicht per se weniger wert – sie eröffnen im Gegenteil oft neue Horizonte.

Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht

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