Einleitung
Ukraines Präsident Wolodimir Selenski hat Europa in Davos gestern scharf kritisiert und seine Aussage als Weckruf formuliert. Dies sollte als Aufforderung verrstanden werden, sich mit der politischen und kulturellen Identität Europas im emphatischen Sinne auseinanderzusetzen und nicht gleich wieder zur Tagesordnung überzugehen.
Was Selenskyj inhaltlich gesagt hat
Er warf Europas Führung politische Untätigkeit, mangelnde Entschlossenheit und fehlende strategische Orientierung vor — insbesondere im Hinblick auf die Verteidigung, den Krieg in der Ukraine und die Notwendigkeit, globale Verantwortung zu übernehmen. Seine Kernpunkte waren:
„Europa sieht verloren aus“:
Zelenskyy sagte, dass Europa eher wie ein geographischer oder historischer Begriff wirke statt wie eine echte globale politische Macht. Dies bezog er darauf, dass viele europäische Staaten aus seiner Sicht eher darauf warten, dass die USA führen, anstatt selbst zu handeln.
„Groundhog Day“ — immer die gleichen Worte:
Er bezog sich auf den Film Groundhog Day und sagte, dass er vor einem Jahr dieselbe Botschaft formuliert habe – und ein Jahr später sei nichts Grundlegendes geändert worden. Das drückt seine Frustration über wahrgenommene mangelnde politische Initiative aus.
Abhängigkeit von den USA:
Selenski bemängelte, dass Europa immer wieder versuche, den US-Präsidenten zu überzeugen, anstatt eigene Antworten zu finden — beispielsweise in Fragen der Verteidigung oder wirtschaftlicher Instrumente wie Sanktionsdurchsetzung.
Forderung nach Einheit und Stärke:
Er rief Europa dazu auf, eine vereinte, starke politische und militärische Kraft zu werden, die nicht nur reagiert, sondern aktiv gestaltet.
Warum ist sein Ton so scharf?
Der Krieg in der Ukraine ist der wesentliche Grund hierfür: Der Konflikt dauert seit Jahren an und stellt für viele europäische Staaten eine strategische Zerreißprobe dar: energetisch, militärisch und wirtschaftlich. Selenskyj sieht, dass die Dringlichkeit bei vielen europäischen Entscheidungsträgern nicht die nötige Konsequenz findet, und macht das zum Thema seiner Kritik. Als Gründe hierfür benennt er mehrere Aspekte:
Unterschiedliche Erwartungen
Die Europäer haben unterschiedliche Erwartungen: Europa hat zwar umfassende Unterstützung geleistet (militärisch, humanitär, finanziell), aber nicht alle Staaten sind gleichermaßen engagiert, und es gibt unterschiedliche Innenpolitiken und Prioritäten. Das führt zu Fragmentierung und Debatten, die selenski als lähmend beschreibt, obwohl von führenden EU-Politikern intern über mehr Unabhängigkeit und Eigenständigkeit debattiert wird, wie etwa die Idee einer stärkeren europäischen Armee.
Die Frage nach der Identität
Zugespitzt fragt er danach geht es mehr um eine Frage nach der eigenen europäischen Identität oder sind alle diese Debatten letztlich nur Ausdruck von Orientierungslosigkeit? Im Grunde geht es um zwei zentrale Fragen für Europa: Einmal: Wie definiert sich Europa als Politik- und Verteidigungsraum? Und zum anderen: Ist es ein „Salat kleiner und mittelgroßer Staaten“, oder eine vereinte Kraft mit eigener strategischer Vision?
Die Frage nach der Verantwortung
Seiner Meinung nach, muss Europa klären, welche Rolle es global einnehmen will. Soll es weiterhin vor allem auf die USA schauen — oder eigene Verantwortung übernehmen? Seine Wortwahl und die Bezugnahme auf Groundhog Day zielen darauf ab, dass Europa nicht erneut politisch „die gleichen Schritte wiederholt“, sondern eine kohärente, entschlossene Antwort auf globale Herausforderungen findet.
Warum ist das relevant?
In Hinsicht auf politische und kulturelle Aspekte stellt sich jetzt die Frage: Warum das tatsächlich relevant ist. Denn Selenskis Rede setzt einen Akzent auf Identität, Verantwortung und gemeinsames Handeln. In der europäischen Öffentlichkeit und Politik werden diese Themen schon länger diskutiert: Viele europäische Länder streben nach mehr strategischer Autonomie — auch militärisch. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Ansichten über Europas Verhältnis zu den USA und zur NATO. Die aktuelle Rede verleiht diesem Diskurs zusätzliche Dringlichkeit und Kritik aus einer Perspektive, die als „direkter Betroffener“ spricht. Damit wird Europa nicht nur als geografische Entität, sondern als kulturell-politischer Raum mit Zukunftsfragen verhandelt — über Sicherheit, Solidarität, geopolitische Handlungsfähigkeit und Selbst-Definition.
Europa zwischen Idee und Erfahrung – Zur psychologischen Fragilität einer politischen Identität
Die gegenwärtige Irritation über Europas politische Schwäche verweist weniger auf ein technisches oder organisatorisches Defizit als auf ein tiefer liegendes psychologisches Problem: Europa existiert in erster Linie als Idee, nicht als gelebte Erfahrung. Für die meisten Menschen ist Europa kein emotional besetzter Erfahrungsraum, sondern eine abstrakte Konstruktion aus Institutionen, Verordnungen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und moralischen Selbstbeschreibungen. Man kennt Brüssel, den Euro, die Idee der offenen Grenzen und den normativen Anspruch auf Menschenrechte – aber kaum jemand erlebt Europa als ein innerlich verankertes Zugehörigkeitsgefühl.
Das Problem der fehlenden affektiven Öffentlichkeit
Was fehlt, ist eine gemeinsame affektive Öffentlichkeit. Es gibt keine europaweite Medienlandschaft, keine kollektive politische Dramaturgie, keine geteilten Erregungs- und Resonanzräume, in denen sich Empörung, Trauer, Stolz oder Verantwortung gemeinsam verdichten könnten. Nationale Öffentlichkeiten verfügen über solche emotionalen Infrastrukturen: gemeinsame Erinnerungen, Mythen, kollektive Kränkungen und historische Narrative. Europa hingegen bleibt kognitiv organisiert, technisch verwaltet und moralisch aufgeladen, aber emotional unterbelichtet. Von den Bürgern wird erwartet, sich mit etwas zu identifizieren, das sie kaum spüren können. In Krisensituationen zeigt sich dann regelmäßig, dass nationale Loyalitäten stabiler sind als europäische Solidarität.
Das Problem der europäischen Mehrsprachigkeit
Dieses Defizit wird durch strukturelle Unvollständigkeiten weiter verstärkt. Die europäische Mehrsprachigkeit verhindert die Herausbildung einer gemeinsamen politischen Sprache im psychologischen Sinn. Englisch fungiert als Verkehrssprache, aber nicht als Identitätssprache. Politische Debatten bleiben fragmentiert, Resonanzen bleiben lokal begrenzt, Verantwortlichkeiten diffus. Auch der Euro als gemeinsame Währung verbindet die Staaten ökonomisch, ohne sie emotional zu integrieren. Statt gemeinsamer Identifikation entstehen latente Spannungen zwischen Leistungs- und Transferländern, zwischen Disziplin und Abhängigkeit, zwischen ökonomischer Stärke und politischer Kränkung. Die ökonomische Verflechtung erzeugt Nähe, aber nicht Vertrauen.
Das Problem der klaren politischen Führung
Hinzu kommt das Fehlen einer klaren politischen Führung. Europas Entscheidungsprozesse sind von Konsenslogik, Kompromissmechanismen und institutioneller Streuung geprägt. Verantwortung wird verteilt, aber selten verkörpert. Dadurch entsteht der Eindruck permanenter Unentschiedenheit und Reaktivität. Europa wirkt häufig nicht als handelndes Subjekt, sondern als moderierende Instanz, die zwischen divergierenden Interessen vermittelt, ohne selbst eine klare Richtung zu repräsentieren. Psychologisch entspricht dies einer schwachen Ich-Funktion: Orientierung bleibt instabil, Handlungskraft fragmentiert, Verantwortung wird externalisiert.
Das Problem der ambivalenten Identitätsdynamik
Diese strukturelle Unsicherheit spiegelt sich in einer ambivalenten Identitätsdynamik. Einerseits besteht ein starkes Integrationsbedürfnis: Schutz durch Größe, ökonomische Stabilität, geopolitische Relevanz, moralische Selbstvergewisserung. Andererseits existiert eine ausgeprägte Angst vor Autonomieverlust, kultureller Entgrenzung und demokratischer Entfremdung. Diese Spannung erzeugt ein permanentes Schwanken zwischen Annäherung und Rückzug, zwischen Integration und nationaler Selbstbehauptung. Europa erscheint dadurch wie ein Bindungssystem mit unsicherer Bindungsorganisation: Nähe wird angestrebt, aber nicht wirklich ausgehalten; Kooperation wird idealisiert, aber Konfliktfähigkeit bleibt begrenzt.
Europa gefällt sich in einer Rhetorik der Harmonie und der Freundschaft
Nach außen hin wird diese Ambivalenz oft durch eine Rhetorik der Harmonie und Freundschaft überdeckt. Diplomatische Höflichkeit, moralische Selbstvergewisserung und symbolische Einigkeit kaschieren jedoch ein erhebliches Maß an gegenseitigem Misstrauen, verdeckten Rivalitäten und unausgesprochenen Ressentiments. In Krisenlagen brechen diese Spannungen regelmäßig auf und machen sichtbar, wie brüchig die vermeintliche Geschlossenheit tatsächlich ist. Europa leidet weniger an einem Mangel an Rationalität als an einem Defizit an Beziehungsreife. Konflikte werden vermieden statt integriert, Macht wird moralisch abgewehrt statt reflektiert, Abhängigkeiten werden verdrängt statt gestaltet.
Selenskyj spricht zu Europa wie zu einem adoleszenten noch nicht ganz Erachsenen
In dieser Perspektive lässt sich Europa fast wie ein spätadoleszentes Subjekt beschreiben. Es strebt nach Autonomie, scheut jedoch die damit verbundene Verantwortung. Es möchte moralisch überlegen sein, ohne die Realität politischer Macht anzuerkennen. Es wünscht sich Souveränität, bleibt jedoch in Abhängigkeiten verstrickt. Nicht selten wartet Europa auf äußere Führung – insbesondere durch die USA –, während es diese Abhängigkeit zugleich kritisiert und beklagt. Diese innere Ambivalenz erzeugt das Gefühl von Orientierungslosigkeit und struktureller Schwäche, das von außen zunehmend scharf wahrgenommen wird.
Gerade deshalb wirken Interventionen wie die Rede Selenskyjs so irritierend. Sie konfrontieren Europa mit einer Erwartung von politischer Subjektivität, die es innerlich noch nicht vollständig ausgebildet hat. Europa soll nicht nur reagieren, moderieren und appellieren, sondern Verantwortung übernehmen, Konflikte tragen und Macht gestalten. Psychologisch entspricht dies der Aufforderung zu einem Reifungsschritt: vom abhängigen System zur eigenständig handelnden Instanz.
Zusammenfassung
Man braucht sich also nicht zu wundern: Das gegenwärtige Bild Europas ist weniger das eines stabilen politischen Akteurs als das eines fluiden, konfliktscheuen Beziehungsraums mit hohem moralischem Anspruch und begrenzter Durchsetzungsfähigkeit. Ein Raum, in dem Vertrauen fragil bleibt, Identität unscharf und Verantwortung diffus. Dieses „wabernde Chaos“ ist keine polemische Überzeichnung, sondern eine realistische Beschreibung eines Systems im Übergang – zwischen Idee und Erfahrung, zwischen Anspruch und psychischer Reife, zwischen Integration und ungelöster Ambivalenz.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht