Die Persönlichkeit des Gewinner-Typs — Der Zwang zur permanenten Überlegenheit

Einleitung

Es gibt Persönlichkeiten, die Beziehungen, Konflikte und soziale Systeme nach einem einzigen, scheinbar simplen Prinzip organisieren: Es muss einen Gewinner und einen Verlierer geben – und sie selbst sind dabei grundsätzlich der Gewinner. Dieses Muster begegnet uns in Paarbeziehungen, in Familien, in Organisationen, in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Es handelt sich nicht um bloße Arroganz oder ehrgeizige Zielstrebigkeit, sondern um eine tief verankerte narzisstische Struktur, deren Stabilität vollständig davon abhängt, stets überlegen zu bleiben.

Im Folgenden soll dieses Persönlichkeitsmuster – ein narzisstischer Typus mit ausgeprägter Siegerfixierung – psychodynamisch beschrieben werden. Im Zentrum stehen dabei typische Beziehungs- und Organisationsverläufe sowie die strukturellen Bedingungen, unter denen dieses Muster langfristig bestehen kann.

Das innere Grundarrangement

Der narzisstische Gewinner-Typ hat früh gelernt, sein Selbstwertgefühl nicht aus Beziehung, Resonanz oder emotionaler Gegenseitigkeit zu beziehen, sondern aus Überlegenheit verbunden mit Bewunderung. Oft liegen reale Erfolgserfahrungen zugrunde: besondere Begabungen, soziale Privilegien, herausragende Leistungen. Diese Erfahrungen wurden jedoch nicht relativiert oder relational eingebettet, sondern absolut gesetzt. Erfolg wurde zur Existenzbedingung. So hört man häufig Sätze wie: „Ich habe doch schon im Chor die Solostimme gesungen.“ „Ich war doch immer die Klassenbeste.“ „Ich war doch immer die schnellste beim Schwimmen.“ „Ich hatte in der Schule immer nur Einsen.“ „Ich habe immer alle Preise gewonnen, die ich haben wollte.“

Daraus entsteht ein inneres Arrangement, in dem Gleichwertigkeit nicht als beruhigend, sondern als bedrohlich erlebt wird. Begegnung auf Augenhöhe erzeugt Unruhe, Zweifel, Kränkung. Sicherheit entsteht nur dort, wo asymmetrische Verhältnisse herrschen.

Typische Beziehungsverläufe

In Paarbeziehungen wirken diese Persönlichkeiten zunächst häufig faszinierend und werden bewundert. Sie treten souverän auf, sind entscheidungsfreudig, charismatisch, leistungsstark. Zu Beginn entsteht oft das Gefühl, an der Seite eines außergewöhnlichen Menschen zu stehen. Die Gewinner-Attitüde kann sich im Extremfall im Don Juanismus erschöpfen, dem Zwang jede Frau (oder jeden Mann) erobern zu können und damit seine Überlegenheit erfolgrerich unter Beweis gestellt zu haben.

Wenn es aber darüber hinaus geht, gilt für den Gewinner-Typ: mit zunehmender Nähe beginnt die Dynamik sich ztu verschieben, man bekommt zunehmend Angst vor ihnen, vor ihren Launen, ihrer Ungehaltenheit und Gereizheit. Unterschiedlichkeit wird nicht mehr als Ergänzung erlebt, sondern als Konkurrenz. Andere Menschen werden systematisch verachtet und entwertet. Konflikte werden nicht dialogisch bearbeitet, sondern einseeitig entschieden. „Es gibt viele Geiger, aber nur einen Kapellmeister.“ Der Partner oder die Partnerin erhält implizit die Rolle desjenigen, der sich anpassen, nachgeben und letztlich sowieso verlieren muss.

Typisch ist ein schleichender Prozess der Entfremdung der Partner von Gewinner-Typen: Eigene Bedürfnisse werden relativiert, Kritik wird vermieden, um Eskalationen zu verhindern. Gleichzeitig bleibt das Versprechen unausgesprochen bestehen, dass Anerkennung und Nähe möglich seien, wenn man nur „richtig“ sich verhalte. Diese Anerkennung tritt jedoch nie dauerhaft ein, da sie die Gleichwertigkeit bestätigen würde.

Langfristig entstehen emotionale Erschöpfung, Selbstzweifel und ein zunehmender Verlust der eigenen inneren Autorität und Vertrauen auf die eigene Subjektivität beim Gegenüber. Der narzisstische Gewinner-Typ hingegen erlebt die Beziehung paradoxerweise oft als enttäuschend und unerquicklich – weil sie trotz aller Dominanz keine echte innere Sicherheit und liebende Bestätigung erzeugt, sondern mehr auf einseitiger Bewunderung und Angst aufgebaut ist. Fatelerweise erzeugt diese Dynamik in der Regel bei den Partnern des Gewinner-Typs eine Art von Co-Abhängigkeit vom grandiosen Leben, das der Gewinner-Typ um sich herum inszeniert.

Der Gewinnertyp in der Familie

In Familien organisieren diese Persönlichkeiten häufig ein implizites Rangsystem. Kinder werden entweder als narzisstische Erweiterung instrumentalisiert – als Beweis eigener Überlegenheit – oder als Konkurrenz erlebt. Besonders problematisch wird es, wenn ein Kind beginnt, eigene Autonomie oder eigene Erfolge zu entwickeln, die nicht kontrollierbar sind.

Emotionale Nähe ist möglich, solange sie nicht mit Infragestellung einhergeht. Kritik, Widerstand oder eigenständige Perspektiven werden schnell als Illoyalität oder Undank interpretiert. Auch hier gilt: eine kontrollierbare Beziehung wird mit Mühe ertragen, kontingente Gleichrangigkeit nicht.

Der Gewinnertyp in Organisationen

In Organisationen sind narzisstische Gewinner-Typen häufig zunächst ausgesprochen erfolgreich. Sie übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen, treiben Prozesse voran. In frühen Phasen werden sie nicht selten als idealtypische Führungspersönlichkeiten wahrgenommen.

Mit zunehmender Macht verdichtet sich jedoch das strukturelle Problem. Organisationen werden nicht mehr als kooperative Systeme erlebt, sondern als Arenen. Mitarbeitende dienen der Bestätigung der eigenen Überlegenheit oder werden zu potenziellen Bedrohungen. Kritik wird entwertet, Loyalität mit Nähe verwechselt, Kompetenz mit Gefolgschaft. Wenn ein Mitarbeiter eine neue Idee äußert, heißt es: „Ist ja schön, dass Sie endlich auch drauf gekommen sind. Das ist mir schon lange klar.“

Besonders typisch ist eine Atmosphäre latenter Konkurrenz. Da nur einer gewinnen kann, entsteht Angst. Kreativität, Fehlerkultur und kollegialer Austausch verkümmern. Nur der Gewinner-Typ darf kreativ sein. Alle anderen müssen seine genualen Gedanken naachbeten. Gleichzeitig bleibt die Organisation nach außen oft erfolgreich, was das Muster zusätzlich stabilisiert.

In wissenschaftlichen Kontexten zeigt sich dies etwa in der Besetzung von Herausgeberpositionen, Gutachtergremien oder Leitungsfunktionen. Kontrolle über Publikationswege und Bewertungsmaßstäbe ermöglicht es, das eigene Sieger-Selbstbild institutionell abzusichern. Widerspruch wird nicht offen bekämpft, sondern formal delegitimiert, wenn der Gewinner-Typ erst einmal das Institut formal oder faktisch leitet.

Der Gewinnertyp benötigt Überlegenheit als Notwendigkeit seiner Selbstakzeptanz

Die Fixierung auf das Gewinner-Selbstbild kann nur bestehen, wenn reale Macht vorhanden ist. Macht schafft Distanz, verhindert Korrektur und ersetzt innere Stabilität. Geld, Status, institutionelle Autorität oder militärische Mittel fungieren als äußere Stützen eines fragilen Selbstwertgefüges.

Solange Macht akkumuliert wird, bleibt das System stabil. Machtverlust hingegen wirkt hochgradig desorganisierend. Er konfrontiert die betroffene Person mit genau dem, was sie lebenslang zu vermeiden versucht hat: Begrenztheit, Abhängigkeit, Austauschbarkeit. Der Übergang zum malignen Narzissmus ist fließend: Denn im Fall von Nichtbestätigung des Gewinner-Narrativs kann sich das Muster verändern und in offene Feindseligkeit, paranoide Deutungen oder – bei entsprechender Persönlichkeitsstruktur – in malignere Formen des Narzissmus mutieren.

Die eingeschränkte Kreativität des Gewinnertyps

Gewinnertypen zeichnen sich meist durch kontraphobisches Verhalten aus. Sie trauen sich etwas, was andere sich so ohne weiteres nicht trauen würden. Dadurch gelingen ihnen manchmal überraschende Wendungen, die aber mehr von glücklichen Umständen abhängen und deshalb nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt sind. Auf einen Blitzkrieg kann beim Wiederholungsversuch ein Desaster das Ergebnis sein. Gewinnertypen sichern sich meist ab und versuchen eine schon von anderen ausgedachte bestehende Idee auf einen anderen Bereich zu übertragen oder im Größenverhältnis zu skalieren. Wenn etwas in den USA funktioniert hat, warum nicht auch in Deutschland? Oder; Warum muss man Eisenbahnen so schmal bauen, ginge es nicht ein bisschen breiter? Das struktukrelle Grundproblem bei dieser reduzierten Form von Kreativität ist, dass echte Kreativität zwar leicht aussieht, aber immer mit dem Risiko des Scheiterns vorbunden ist. Der kreative Mensch muss also von vornherein sein mögliches Scheitern mitbedenken. Dies kommt für den Gewinnertyp nicht infrage. Er wird sich immer nach allen Richtungen hin absichern, um gerade das zu verhindern. Die Risiken, die er eingeht, sind kalkuliert und haben meist etwas mit dem Überraschungsmoment zu tun. Folgen also dem Motto: „Ich mache etwas, was andere mir nicht zugetraut hätten, dass ich mich das traue“. Das ist aber meist das einzige Risiko, das er bereit ist einzugehen. Deshalb sind die Strategien des Gewinnertyps letztlich so strukturiert, dass man sie zufassen könnte in dem Motto: „Ich will das machen, was andere schon gemacht haben, aber größer und mehr davon.“ Diese Fixierung auf das Quantitative schränkt die Kreativität letztlich sein. Wenn man nur darauf stolz ist, dass man mehr Hasen schießen kann als andere Jäger, ist das nicht wirklich eine kreative Leistung. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis des Erfolgs eher darin, dass niemand dem Gewinnertyp Konkurrenz machen wollte und er deshalb wieder mal der Gewinner sein musste und durfte.

Dekompensationsformen des Gewinner-Typs

Kann der Gewinner-Typ den Pfad seines Erfolgs nicht fortsetzen, drohen selbstverständlich Abstürze, die in Richtung psychosomatischer Dekompensation gehen können, weil für das Aufrechterhalten des inneren Grundarrangements und des überzogenen Selbstbildes stets zusätzlche Energie aufgewendet werden muss, die dann an anderer Stelle fehlen wird. Darüber hinaus kann bei Nichtbestätigung des Erfolgs sehr viel Wut freigesetzt werden, die sich gegen andere aber auch gegen die eigene Person richten kann. Deshalb sind schwere depressive Verläufe mit Suizidalität nicht ausgeschlossen.

Der Übergang zum malignen Narzissmus

Im Unterschied zum malignen Narzissmus ist der narzisstische Gewinner-Typ zunächst einmal nicht primär auf Zerstörung und Vernichtung anderer Menschen ausgerichtet. Die Schädigung anderer ist zunächst kein Selbstzweck, sondern eine strukturelle Folge seiner Maßnahmen, sich immer in den Vordeergrund zu schieben. Andere Menschen werden nicht primär gehasst, sondern funktional gebraucht.

Der Übergang zum malignen Narzißmus erfolgt häufig erst dann, wenn das Gewinner-Selbstbild nicht mehr sicher aufrechterhalten werden kann. Dann kann aus dem Zwang zu siegen der Zwang entstehen, andere aktiv zu entwerten, offen zu bekämpfen bzw. aus Rachsucht oder Sadismus zu vernichten. Polemische Äußereungen, Spott und Häme sind dann an der Tagesordnung und werden immer selbstverständlicher, wenn der Übergang zum malignen Narzissmus ersteinmal erfolglt ist.

Zusammenfassung

Der narzisstische Gewinner-Typ ist kein Randphänomen, sondern eine gesellschaftlich hochfunktionale Persönlichkeit – solange Erfolg, Macht und Überlegenheit belohnt werden. Seine innere Logik ist einfach, seine Folgen sind komplex.

Beziehungen werden asymmetrisch, Organisationen vergiften sich schleichend, und echte Entwicklung wird verhindert, weil sie Gleichwertigkeit voraussetzt. Für die Betroffenen selbst bleibt trotz aller Siege eine innere Leere bestehen, die durch keinen äußeren Erfolg dauerhaft gefüllt werden kann. Vielleicht liegt die eigentliche Tragik dieses Persönlichkeitstyps darin, dass er alles gewinnen kann – außer Beziehung, die auf wechselseitigem Respekt aufgebaut sind und nicht nur auf Angst und Bewunderung.

Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht

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