Die Bewunderung von Schönheit und Luxus als Religion unserer Zeit und ihre Beziehung zu Narzissmus und Wohlstandsverwahrlosung

Einleitung

In diesem Beitrag über den Zusammenhang von Schönheit, Narzissmus und Wohlstandsverwahrlosung geht es um Gedanken, die durch die Arbeiten von John Calhoun zu seinem „Mäuseparadies“ inspiriert wurden, insbesondere durch seine Beschreiben der dort beobachtbaren „beautiful ones“. Calhoun beschreibt, wie eine Population unter Bedingungen mit maximaler Versorgung und vollständiger Bedürfnisbefriedigung nicht etwa stabil bleibt, sondern langfristig kollabiert. Calhouns auffällige Befunde bei einer Welt ohne äußere Korrektive, waren u. a.: Zusammenbruch der Mutter-Kind-Bindung, Vernachlässigung des Nachwuchses, Rückzug der „beautiful ones“ vom Sozialleben, Aggression als Selbstzweck ohne funktionale Rivalität, weitgehender Verlust sozialer Rollen im Sinne von kontextfreiem Verhalten.

Da dieses Experiment vielfach wiederholt wurde und stets zu ähnlichen Ergebnissen führte, lässt sich darin weniger ein Zufall als vielmehr eine innere Logik dekadenter Prozesse erkennen. Ein häufiger Einwand gegen die Übertragbarkeit von Calhouns Experimenten betrifft mögliche Effekte von Inzucht. Tatsächlich lassen sich genetische Degenerationen in isolierten Populationen nicht vollständig ausschließen. Sie erklären jedoch weder den zeitlichen Verlauf noch die spezifischen sozialen Pathologien des Experiments, die dem genetischen Verfall deutlich vorausgingen.

Die von Calhoune beobachtete Logik des sozial- degenerativen Prozesses ist komplex und entzieht sich einfachen Kausalzuweisungen. Sie lässt sich am ehesten phänomenologisch beschreiben – also über das Sichtbarmachen von Mustern, Konstellationen und strukturellen Verschiebungen, ohne vorschnell nach eindeutigen Ursachen zu suchen.

Als Einstieg in die weitergehenden Überlegungen soll das bekannte Lied „Summertime“ von Gershwin dienen.

„Summertime“ – ein Lied mit starker Symbolkraft

Summertime, and the livin’ is easy
Your daddy’s rich and your ma is good-lookin’
So hush, little baby, don’t you cry

Das Lied Summertime wird häufig als sanftes Wiegenlied gehört, als poetische Verheißung eines behüteten Anfangs. Psychologisch gelesen beschreibt es jedoch eine andere Szene: eine Welt ohne Mangel, ohne Sorge, ohne Zumutung. Alles ist bereits vorhanden. Das Leben ist leicht. Der Vater ist reich, die Mutter schön. Das Kind soll nicht weinen – nicht, weil sein Kummer verstanden würde, sondern weil es keinen Grund zum Weinen geben soll und kann.

Diese Szene markiert einen Zustand vollkommener Versorgung, aber zugleich auch vollkommener Stillstellung. Es gibt nichts zu begehren, nichts zu erringen, nichts zu verhandeln. Das implizite Versprechen lautet nicht Entwicklung durch Unterstützung bei Frustration, sondern Beruhigung im Kontext einer suggerierten perfekten Welt als paradiesischer Zustand. Nicht Werden, sondern Verbleiben. In diesem Sinn ist Summertime weniger ein Lied über Geborgenheit als über ein Paradies, in dem das Leben sediert bleiben muss, weil Spannungszustände und Herausforderungen gar nicht mehr vorkommen..

Zur Sozialpsychologie dekadenter Gesellschaften

Ähnliche Konstellationen finden sich in der Sozialpsychologie dekadenter Gesellschaften. Dort, wo Überfluss, Sicherheit und Optionen nicht mehr vermittelt, sondern vorausgesetzt werden, verschiebt sich der psychische Schwerpunkt. Bedürfnisse verlieren ihre Richtung, Wünsche ihre Spannung, Beziehungen ihre Notwendigkeit. An die Stelle von Auseinandersetzung, Konflikt und Entwicklung treten Ersatzformen von Sinn: Inszenierungen von Überlegenheit und Status, Präsentationen von Bewunderung und verführerischem Reiz.

Schönheit spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle – nicht als ästhetische Kategorie, sondern als soziale Funktion. Schönheit wird zum Luxusphänomen, nicht weil sie selten wäre, sondern weil sie auf natürliche Weise leicht bewundert werden kann. Sie verspricht Anerkennung ohne Leistung, Bedeutung ohne Geschichte, Wert ohne Risiko. Wo Schönheit diese Funktion übernimmt, wird sie mehr als ein Attribut: Sie wird zur Ersatz-Sinnstiftung, zu einem Sinnversprechen, das keine Zumutung kennt. Die Schönheit wird zur Transzendenz im Sinne einer maskierten und straff gezogene Oberfläche.

In solchen Milieus verschiebt sich die innere Ökonomie des Selbstwerts. Beziehungen, die Gegenseitigkeit, Frustrationstoleranz und Begrenzung erforderten, werden unattraktiv: Sie lösen eher Reflexe der Cancel Culture aus. Bewunderung hingegen wirkt schnell, eindeutig und konfliktfrei. Sie ist einseitig, reversibel und jederzeit steigerbar. Wo Bewunderung zum zentralen Regulationsmodus wird, tritt Beziehungsfähigkeit in den Hintergrund – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus innerer Logik.

Folgen der Fixierung auf Bewunderung von Schönheit und Luxus

Diese Dynamik findet sich nicht nur bei Einzelnen, sondern als kulturelles Muster. Ein Übermaß an Bewunderung – verstärkt durch Status, mediale Sichtbarkeit, Luxus oder auch durch Substanzen, die Intensität steigern und Grenzen senken – erzeugt eine Toleranzentwicklung. Es braucht mehr Reiz, mehr Spiegel, mehr Bestätigung. Gleichzeitig nimmt die Fähigkeit ab, Alltäglichkeit, Gleichwertigkeit und Abhängigkeit auszuhalten. Entwicklung wird ersetzt durch Selbstpflege, Weltbeziehung durch Selbstbezüglichkeit.

Zum Phänomen der Wohlstandsverwahrlosung

Hier berührt sich das Phänomen der Schönheit als Ersatzreligion mit dem der Wohlstandsverwahrlosung. Wohlstandsverwahrlosung entsteht nicht aus einem Mangel an Fürsorge, sondern aus einem Mangel an Zumutung. Sie tritt nicht im Kontext defizitärer Möglichkeiten auf, sondern in einem Kontext des Übermaßes an Optionen. Sie entsteht dort, wo Sorge ausgelagert, Verantwortung vorweggenommen und Konflikt vermieden wird. In solchen Konstellationen kann das Subjekt alles haben – außer jenem Halt, der aus der Auseinandersetzung mit realen Anforderungen des Lebens erwächst.

Narzissmus als Phänomen zwischen Bewunderung und Verachtung

Narzisstische Strukturen sind unter diesen Bedingungen keine Abweichung, sondern eine Anpassungsleistung. Sie stabilisieren das Selbst dort, wo vermittelnde Instanzen erodieren: Institutionen, Beziehungen und Grenzen nicht mehr als wirkmächtig erfahrbar werden. Der verführerische oder bewundernde Blick der anderen ersetzt das dialogische Gegenüber. Das Bewundertwerden ersetzt Anerkennung. Deren Kehrseite ist die Verachtung. Der schöne Schein ersetzt die konflikthafte, um Lösungen ringende Realität des Zusammenlebens.

Narzissmus erscheint so nicht als moralisches Versagen, sondern als psychologisch nachvollziehbare Antwort auf eine Kultur, die Bewunderung belohnt, Zumutung vermeidet und Verachtung zunehmend als kategorialen Affekt kultiviert, der stillschweigend die Stelle defizitärer Empathie einnimmt.

Das Problem der Ursachenforschung

Dieser Text versteht sich weder als Anklage noch als Kausaltheorie. Er ist der Versuch, Phänomene nebeneinander zu legen: Schönheit als Luxus, Bewunderung als Sinnersatz, Narzissmus als Struktur, Wohlstandsverwahrlosung als Entwicklungsform, Dekadenz als kultureller Rahmen. Wie bei einem Puzzle entsteht das Bild nicht aus einem einzelnen Teil, sondern aus ihrem Zusammenspiel.

Die Frage ist nicht, wer schuld ist. Die Frage ist, was verloren geht, wenn Bewunderung von Schönheit und Luxus Beziehung ersetzt – und was es braucht, damit aus Überfluss wieder Sinn entstehen kann.

Zur Möglichkeit eines Auswegs: Gibt es ein Entkommen aus dem verhängnisvollen Paradies?

Die hier beschriebenen Phänomene – Schönheit als Ersatzreligion, Bewunderung als Sinnersatz, Narzissmus als Anpassungsleistung und Wohlstandsverwahrlosung als Entwicklungsform – folgen keiner zufälligen Abfolge. Sie entspringen einer gemeinsamen inneren Logik: dem Verlust des Maßes und dem Zerfall vermittelnder Instanzen. Wo Schönheit und Luxus absolut gesetzt werden, geht das Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren. Steigerung wird zum Selbstzweck. Bewunderung wird zur Währung. Und wo Bewunderung Beziehung ersetzt, verliert Entwicklung ihren Boden.

Vor diesem Hintergrund erscheint Bescheidenheit nicht als moralischer Appell, sondern als möglicher Gegenentwurf auf struktureller Ebene. Bescheidenheit meint hier weder Selbstverkleinerung noch Verzicht, sondern die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung. Sie anerkennt, dass nicht alles, was möglich ist, realisiert werden muss; dass nicht alles Sichtbare Bedeutung trägt; dass nicht jede Form von Anerkennung inneren Halt erzeugt.

Als Tugend der Begrenzung wirkt Bescheidenheit der Logik der Ersatzreligion entgegen. Sie entzieht der Bewunderung ihre sakrale Überhöhung und führt Wert zurück in Beziehung, Handlung und Verantwortung. Bescheidenheit erlaubt, nicht im Zentrum zu stehen. Sie macht es möglich, Frustration, Unvollkommenheit und Abhängigkeit auszuhalten – jene Erfahrungen also, ohne die Entwicklung nicht stattfinden kann.

In einer Kultur des Überflusses ist Bescheidenheit keine Regression, sondern Reifung. Sie stellt das Maß wieder her zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Notwendigkeit, zwischen Selbstentwurf und gelebtem Leben. Wo sie fehlt, droht das Subjekt sich in Spiegelungen zu verlieren; wo sie vorhanden ist, kann es sich in Beziehung verorten.

Bescheidenheit steht damit in enger Verbindung zu dem, was hier als Zumutung beschrieben wurde. Beide verweisen auf dieselbe Einsicht: dass menschliche Entwicklung nicht aus Schonung entsteht, sondern aus der Auseinandersetzung mit Grenzen. Eine Kultur, die jede Zumutung vermeidet, produziert fragile Subjekte. Eine Kultur, die Bescheidenheit kultiviert, eröffnet hingegen Räume für innere Festigkeit, Urteilskraft und Verantwortung.

Fußnote: Vom Experiment zur Satire

Die in der Einleitung erwähnten Mäuseexperimente von John Calhoun lassen sich auch als eine Form eines radikalen wissenschaftlichen Gedankenexperiments lesen. Ähnlich wie in der KI-basierten Satire „DDR Mondbasis“ von Philipp Ladage, in der eine historisch gescheiterte Gesellschaftsform unter vollkommen künstlichen, von allen realen Zwängen entkoppelten Bedingungen auf dem Mond utopisch weitergeführt wird, so untersucht Calhoun nicht natürliche Lebenswelten, sondern bewusst konstruierte Extremräume in einem künstlichen Laboratorium.

In beiden Fällen geht es nicht um Naturalismus, sondern um Überzeichnung: Die Frage ist jeweils: Was geschieht, wenn Mangel, äußere Bedrohung oder innere Kritik, Konkurrenz und existenzielle Begrenzung vollständig suspendiert werden? Die Pointe liegt gerade darin, dass das Experimentelle – ob wissenschaftlich oder künstlerisch-satirisch – Strukturen sichtbar macht, die im Alltag oft verdeckt bleiben. Die künstliche Perfektion des Settings führt nicht zu Stabilität oder Reifung, sondern zur Groteske (Ladage) oder zu innerem Zerfall, Regression und Sinnverlust (Calhoun).

Calhouns „Mäuseparadies“ ist insofern weniger ein Modell der Natur als ein Spiegel kultureller Wunschphantasien – ähnlich wie die Satire „DDR-Mondbasis“ eine Fiktionalisierung der Idee ist, man könne Geschichte, Konflikt und Begrenzung durch saubere innere Einstellung, technische oder ideologische Perfektion einfach hinter sich lassen.

Zusammenfassung

Der hier entwickelte Gedankengang nimmt auch implizit Bezug auf den sogenannten Kardashian-Effekt, der kein Randphänomen, sondern ein Leit-Symptom des gegenwärtigen Zeitgeistes ist. Er zeigt in zugespitzter Form, wie Bewunderung zur Währung, Schönheit zur Ersatzreligion und Narzissmus zur kulturell belohnten Anpassungsleistung werden. Die Folgen sind bekannt: ein gesteigerter Hunger nach Selbstdarstellung, eine Fixierung auf Kosmetik und Schönheitschirurgie sowie Versuche der Selbstwertsteigerung über äußere Optimierung – begleitet von den negativen Konsequenzen eingeschränkter Beziehungsfähigkeit und defizitärer psychischer Entwicklung.

Die Frage, was aus einer Gesellschaft wird, die Schönheit und Luxus bewundert und Überversorgung als Selbstverständlichkeit ansieht, ohne begrenzende Herausforderungen zu betonen, ist daher keine ästhetische, sondern eine anthropologische. Die Antwort liegt nicht in neuen Idealen und nicht in weiteren Steigerungen optischer Präsenz, sondern in der Wiederentdeckung von Werten wie Bescheidenheit und Zumutung. Bescheidenheit verspricht dabei keine grundlegende Problemlösung. Aber sie ermöglicht etwas Entscheidendes: dass aus begrenztem Konsum und reduzierten Anspüchen wieder Sinn entstehen kann – durch bewusste Selbstbegrenzung und den Verzicht auf Überversorgung.

Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht

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