Darf man als Psychotherapeut Shakespeare zitieren?

Welchen Sinn kann es haben, im Rahmen einer analytischen Psychotherapie zur Vermeidung von Schweigen oder um das Risiko zu verringern, den psychotherapeutischern Dialog zum Entgleisen zu bringen, auf Assoziationen aus der Geschichte oder Literatur etc zurückzugreifen?

Lassen Sie mich von einem Beispiel ausgehen: In ihrem Buch “Blumen auf Granit” (1979) beschreibt die Autorin D.v. Drigalski eine Szene aus ihrer Lehranalyse. Sie habe von einer Wasserleiche geträumt, kurz darauf und eher unvermittelt wirft die Therapeutin ein, wenn das ihre unbewußte Vorstellung von einem männlichen Glied sei, müsse sie sich über ihre bescheidenen sexuellen Erfolge nicht wundern. Das klang vermutlich sehr hämisch, war kränkend und auch technisch gesehen ohne Anknüpfungspunkt . Es sind damit wichtige Kriterien einer Entgleisung des Dialogs an der Stelle erfüllt. Wenn die Patientin daraufhin mit Unverständnis reagiert, setzt sie sich dem Vorwurf aus, unanalysierbar, im Widerstand oder uneinsichtig zu sein. Eine besser angepasste und weniger querulatorisch veranlagte Patientin hätte sich vermutlich für die Deutung bedankt und sich insgeheim gedacht, dass ihre Therapeutin möglicherweise kränker ist als sie selbst.
Beim Lesen dieser Passage habe ich mich gefragt, was wohl passiert wäre, hätte die Therapeutin nach anfänglichen Erkundigungen bezüglich Einfällen zum Thema “Wasserleiche” aus dem Medizinstudium von sich aus nachefragt, ob der Patientin der Begriff auch aus Redewendungen (ins Wasser gehen) oder aus Filmen (Reichswasserleiche) oder gar im Rahmen der Figur der Ophelia in Shakespeares Hamlet bekannt seien. Hätte das einer intellektualisierenden Abwehr Vorschub geleistet? Oder: Hätte die Patientin sich womöglich intellektuell unterlegen gefühlt, weil diese Assoziationen ihr nicht geläufig waren? Oder: Hätte die Patientin sich noch mehr fremdbestimmt gefühlt durch noch mehr Assoziationen seitens der Therapeutin? Das sind alles ernst zunehmende Fragen und lassen zumindest die Möglichkeit offen, in bestimmten Situationen, auf historische oder literarische Assoziationen zu verweisen.

Nehmen wir an, die Therapeutin hätte von sich aus nichts dergleichen gesagt, aber wie durch einen Zufall hatte eine Taube draußen auf dem Fensterbrett etwas gegurrt, was für die Patientin so geklungen hätte wie “Ophelia”. Und sie hätte diese friedliche Souffleuse für sich verwenden können auf dem Weg zu weitergehenden Assoziationen. Wäre sie dann möglicherweise gelandet bei einem Bewusstseinsinhalt, den man in folgende Sätze hätte fassen können: “Ich habe im Rahmen dieses Traums vielleicht die Befürchtung, dass es mir hier in dieser Analytiker-Vereinigung so ergehen wird wie der Ophelia am Hof von Dänemark, an dem mörderische Zustände herrschen. Vielleicht bin ich eine der Ersten, die dem Anpassungsdruck nicht gewachsen sein und geopfert werden wird.”

Das ist hochspekulativ und ich möchte hier kein Dogma vertreten, nur die Frage stellen, inwiefern es Sinn machen kann, auf Inhalte aus dem Bereich des kollektiv Unbewussten in Form von z.B. literarischen Figuren hinzuweisen, um unmittelbar unter der Bewusstseinsoberfläche liegende Inhalte, Befürchtungen, Ängste zu aktualisieren und damit verstehbarer zu machen.

Anmerkungen

Zum besseren Verständnis der Hintergründe zum Thema “Wasserleiche” seien hier noch zwei Anmerkungen hinzugefügt:

Zu Ophelia und Hamlet: Beide Figuren sind in ihrer Konflikthaftigkeit m.E. tendenziell parallel zu verstehen. Beide bekommen von ihren jeweiligen Vätern Aufträge, die sie weder zurückweisen noch aber mit ihrer Persönlichkeit kompatibel bejahen können. Ophelia wird in ihrem Versuch, den Auftrag des Vaters Polonius, Hamlet auszuspionieren, geisteskrank und verliert ihre eigene Sprachfähigkeit, kann nurmehr Zitate aneinanderreihen, Hamlet entsprechend verliert – aufgrund seiner Unfähigkeit den Mord am Vater zielstrebig zu rächen – seine dialogisch angelegte Sprachfähigkeit und zieht sich zurück ins Monologisieren, Zweifeln, Zögern, wird ebenfalls geisteskrank oder spielt den Geisteskranken nur zum Schein, glaubt dann aber selbst an sein eigenes Spiel, endet in Konfusion. Beide sind nicht in der Lage, sich Mithilfe des dialogischen Sprachvermögens Verbündete zu suchen, schon gar nicht in einem gemeinsamen Dialog miteinander. Statt ein Bündnis einzugehen, entfremden sie sich voneinander. Gertrude, Ophelia und Hamlet sind nur Spielfiguren im Machtgefüge des Hofes, können nur reagieren, sind als Handelnde überfordert und damit den eigentlichen Machtmenschen wie Hamlet senior oder seinem Bruder Claudius unterlegen. Etwa´250 Jahre später greift Dostojewski das Thema des gescheiterten Machtmenschen in der Figur des Raskolnikov wieder auf. Dieser wäre gerne ein von Schuldgefühlen befreiter mordender Machtmensch (so wie Napoleon Bonaparte) gewesen, muss aber letztlich einsehen, dass er mit seinen Schuldgefühlen nicht fertig werden kann. Er hat sich damit wider Willen selbst bewiesen, dass er kein Machtmensch ist und wird demütig.

“Sich ertränken, ins Wasser gehen” war eine typische Form des Selbstmords von Frauen insbesondere auf dem Lande und wurde bis in die 50er-Jahre auch häufig im übertragenen Sinne gebraucht, mehr wie ein Stoßseufzer zu verstehen, weniger als konkrete Absicht. Bei Männern war und ist eher typisch der Tod durch Erhängen. Ein wichtiger Begriff in dem Zusammenhang ist auch “Reichswasserleiche” bersonders in und nach der der NS-Zeit. Die schwedische Schauspielerin Söderbaum war beim Publikum wie bei der nationalsozialistischen Führung gleichermaßen beliebt, entsprach sie doch sehr dem Idealbild der vorgeblich „arischen Frau“. Sie stieg zu einem Star des deutschen NS- Kinos auf. Ihr Tod im Wasser am Ende zweier ihrer melodramatischen Filme (Jugend und Jud Süß) brachte ihr den Spottnamen „Reichswasserleiche“ ein, der sie ihr ganzes Leben begleitete.

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