Einleitung
Selbstreferenzielle und konkretistische Sprache begegnen uns im Alltag oft, ohne dass wir sie bewusst unterscheiden. Dennoch formen sie auf subtile Weise, wie wir Beziehungen gestalten, Konflikte verhandeln oder uns selbst verstehen. Ein Blick auf typische Alltagssituationen zeigt, wie verschieden Menschen Wirklichkeit sprachlich konstruieren – und wie stark Sprache dabei selbst zum Gegenstand wird.
Der Sprechende hört sich selbst zu
Selbstreferenzielle Sprache tritt immer dann auf, wenn wir nicht nur etwas sagen, sondern zugleich darüber sprechen, wie wir es sagen, was es für uns bedeutet oder wie es wirkt. Es setzt voraus, dass wir uns beim Sprechen selbst genau zuhören. Sie richtet den Fokus nach innen und schafft einen metakommunikativen Raum. In einer Partnerschaft etwa sagt jemand: „Ich merke, dass ich mich gerade schwer tue, dir das zu erklären.“ Der Inhalt des Problems tritt kurz in den Hintergrund, während die eigene Sprechsituation zum Thema wird. Oder ein Freund beginnt ein Gespräch mit: „Ich weiß nicht, ob ich das richtig ausdrücke, aber ich habe das Gefühl, dass wir aneinander vorbeireden.“ Hier entsteht ein Moment des Innehaltens, eine Beobachtung des eigenen Ausdrucks, die die Beziehung ebenso strukturiert wie der eigentliche Sachverhalt. Auch im Berufsalltag finden sich solche Formen: „Vielleicht interpretiere ich das falsch, aber deine Rückmeldung verunsichert mich.“ Die Aussage beschreibt weniger ein objektives Ereignis als die subjektive Bedeutungszuweisung und reflektiert damit den eigenen Wahrnehmungsprozess.
Der Sprechende teilt vermeintliche Fakten mit
Konkretistische Sprache hingegen orientiert sich nicht am Sprechen selbst, sondern an dem, was unmittelbar beobachtbar ist oder worauf man den anderen hinweisen möchte. Dies kann ein Schmerz sein, eine Anweisung oder ein Befehl. Sie bleibt im faktischen Rahmen dessen, was sich sinnlich wahrnehmen oder direkt beschreiben lässt. Ein Familienmitglied sagt beim Abendessen: „Du hebst schon seit Minuten die Augenbrauen und schaust auf den Tisch.“ Die Bemerkung enthält keine Interpretation, keine symbolische Bedeutung, sondern nur den Hinweis auf das, was visuell präsent ist. Ein Kollege im Büro beschreibt eine Situation konkretistisch, wenn er sagt: „Du bist zehn Minuten später gekommen als vereinbart, und die Unterlagen lagen noch nicht bereit.“ Auch in einer Auseinandersetzung zwischen Freunden kann diese Form auftauchen: „Du hast mich gestern nicht zurückgerufen, obwohl wir verabredet waren.“ Es ist eine Sprache der feststellbaren Vorgänge, frei von metaphorischer oder emotionaler Färbung, obwohl sie mit einem deutlichen Affekt z.B. Ausdruck von Ärger einhergehen kann, der aber implizit bleibt.
Metaphorik und Symbolik
Der Unterschied zeigt sich besonders deutlich, wenn Menschen Metaphern verwenden. Ein selbstreferenziell sprechender Mensch sagt vielleicht: „Ich habe das Gefühl, dass eine gewisse Schwere zwischen uns liegt.“ Ein konkretistisch orientierter Gesprächspartner könnte darauf antworten: „Ich sehe keine Schwere. Wir sitzen einfach hier und reden.“ Während der eine die Atmosphäre beschreibt – ein symbolischer, innerer Zustand –, verweist der andere auf sichtbare Tatsachen und lehnt die metaphorische Ebene ab oder kann damit nichts anfangen. Ein ähnliches Muster findet sich, wenn jemand sagt: „Es entsteht Druck, wenn du so mit mir redest.“ Die selbstreferenzielle Form benennt einen psychischen Zustand, während konkretistische Sprache stattdessen körperliche oder beobachtbare Aspekte anführt: „Mein Hals fühlt sich eng an, und ich spreche leiser.“
Wahrheitsgehalte in beiden Sprachformen
Interessant ist, dass beide Sprachformen ihre eigene Wahrheit haben. Selbstreferenzielle Sprache öffnet Räume für Reflexion, Intimität und Beziehungsgestaltung, während konkretistische Sprache versucht, Klarheit zu schaffen und Missverständnisse zu minimieren. Im Alltag pendeln wir oft unbewusst zwischen beiden Ebenen hin und her. Wenn wir streiten, greifen wir auf konkrete Fakten zurück; wenn wir versöhnen wollen, benennen wir unsere innere Haltung oder die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen. Es ist ein Wechselspiel zwischen Innen- und Außenperspektive, zwischen subjektivem Erleben und objektiven Feststellungen.
Zusammenfassung
Gerade in komplexen Beziehungen – seien sie privat oder beruflich – lohnt es sich, beide Sprachformen zu erkennen. Wer versteht, dass eine Bemerkung wie „Ich fühle mich nicht gehört“ eine selbstreferenzielle Aussage ist, wird anders reagieren als auf „Du hast mich gerade zweimal unterbrochen“. Die erste Aussage lädt zur Reflexion ein, die zweite zu einer Klärung von Sachverhalten. Im Alltag bedeutet dies, sensibel dafür zu werden, ob ein Gespräch von innerer Erfahrung oder äußerer Beschreibung von vermeintlichen Fakten bestimmt wird – und wie wir durch bewusste Wortwahl eine Verbindung herstellen können, die sowohl präzise als auch empathisch ist.
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