Arbeiten, Herstellen, Handeln – Ein Beitrag über Hannah Arendts Ideen vom tätigen Leben

Einleitung

In ihrem Buch „Vita activa“ (dt. 1960, zunächst 1958 in den USA unter dem Titel The Human Condition veröffentlicht) unternimmt Hannah Arendt (1906-1975) den Versuch, die menschliche Tätigkeit in ihrer Vielfalt neu zu ordnen. Sie entwickelt dafür eine Dreiteilung, die bis heute für politische Theorie, Sozialphilosophie und Anthropologie prägend ist: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Diese drei Tätigkeiten sind für Arendt nicht einfach verschiedene Arten des Tuns, sondern jeweils eigene Weisen, wie Menschen zur Welt stehen und in ihr wirken. Ihr Unterschied betrifft das Verhältnis zu Notwendigkeit, Weltlichkeit und Freiheit – und letztlich die Frage, wie wir unser gemeinsames Leben als Gesellschaft politisch gestalten.

Arbeiten – die Tätigkeit aus der Notwendigkeit

Arbeiten ist für Arendt die grundlegendste, aber zugleich die dringlichste Form des tätigen Lebens. Sie ist an die Bedürfnisse des Körpers gebunden und dient der Sicherung des biologischen Überlebens. Ackerbau, Kochen, Putzen oder jede Tätigkeit, die ihre Ergebnisse unmittelbar wieder verbraucht, gehören in diese Sphäre. Arendt spricht hier etwas abschätzig vom „animal laborans“, dem arbeitenden, lebenserhaltenden, sich reproduzierenden Menschen. Diese Wortwahl passt zu Arendt manchmal polemisch zugespitzter Sprache.

Charakteristisch ist der zyklische, nie endende Charakter der Arbeit. Weil ihre Arbeitsergebnisse verzehrt werden, verschieben sich ihre Resultate nicht in die Dauer: Morgen muss man wieder von vorn beginnen. Arbeit hält also das Leben am Laufen, aber sie baut keine Welt auf. Sie bleibt im Kreis der unmittelbaren Notwendigkeiten gefangen, gehört für Arendt in den privaten Bereich und ist nur am Rande mit dem öffentlichen, politischen Leben verbunden.

Herstellen – das Erschaffung einer dauerhaften Welt

Dem flüchtigen Charakter des Arbeitens stellt Arendt das Herstellen gegenüber. Hier tritt der Mensch als „homo faber“ in Erscheinung, als Gestalter und Erbauer der Welt. Durch planendes, zweckgerichtetes Tun schafft er Gegenstände, die Bestand haben: Häuser, Werkzeuge, Kunstwerke, Straßen, auch Institutionen. Das Herstellen folgt keinem Kreislauf, sondern einer Linie: von der Idee über den Entwurf zur Ausführung und zum fertigen Produkt.

Arendt zufolge verdankt die Menschheit ihre gemeinsame Welt der Dauerhaftigkeit solcher Werke. Sie überleben uns, sie strukturieren den Raum, in dem wir leben, sie schaffen Verlässlichkeit und Objektivität. Anders als die Arbeit, die dem Leben dient, dient das Herstellen der Welt. Doch auch der „homo faber“ bleibt für Arendt ambivalent: In seiner Tendenz, alles als Mittel für einen Zweck zu sehen, droht er auch Menschen in Werkstücke zu verwandeln – ein Impuls, der totalitären Versuchungen gefährlich nahekommen kann.

Handeln – die Verwirklichung menschlicher Freiheit in der Selbstverwirklichung als Teil einer Gemeinschaft

Die höchste Form der Vita activa ist für Arendt das Handeln. Hier steht nicht mehr die Sicherung des Lebens oder die Erzeugung von Dingen im Mittelpunkt, sondern das lebendige Zusammensein von Menschen. Handeln geschieht im öffentlichen Raum, in der Politik, im Sprechen miteinander. Es ist die einzige Tätigkeit, die unmittelbar zwischen Menschen als kommunikatives Handeln stattfindet, ohne ein materielles Werk zu hinterlassen.

Gerade deshalb ist das Handeln besonders: Es bringt etwas Neues hervor. Wer handelt, eröffnet etwas, setzt einen Anfang, wirkt frei und kreativ. Arendt betont die Pluralität als Voraussetzung dafür – erst im Miteinander verschiedener Menschen entfaltet sich die politische Realität. Handeln schafft Geschichten, Beziehungen und Ordnungen, die unser gemeinsames Leben prägen. Es ist unvorhersehbar und kann nicht vollständig geplant werden, denn Menschen antworten aufeinander, verändern Situationen und eröffnen Möglichkeiten.

Zur Sonderstellung der künstlerischen Arbeit zwischen Herstellen und Handeln

Hannah Arendt misst der künstlerischen Arbeit einen besonderen Rang zu. Zwar ordnet sie Kunst formal der Tätigkeit des Herstellens zu, doch fällt sie aus dieser Kategorie zugleich heraus. Kunst gehört für Arendt zur Sphäre des homo faber, des Menschen, der Dinge erschafft, die die Welt stabilisieren. Und doch ist ein Kunstwerk mehr als ein gemachter Gegenstand: Es besitzt eine Dauer, eine Zweckfreiheit und eine Bedeutungskraft, die es aus der Logik des bloßen Herstellens heraushebt. Arendt erkennt in der Kunst eine der wenigen menschlichen Hervorbringungen, die die Zeit überstehen und eine Welt bilden, die über das Leben einzelner hinaus Bestand hat.

Während die Arbeit lediglich den Kreislauf der Bedürfnisse bedient und ihre Produkte sofort wieder verbraucht werden, schafft das Herstellen Dinge, die bleiben sollen. Innerhalb dieser Welt der hergestellten Dinge nehmen Kunstwerke den höchsten Rang ein. Denn Kunst wird nicht wie ein Werkzeug benutzt, das seinem Zweck dienen muss. Sie existiert aus sich selbst heraus, nicht als Mittel für etwas anderes. Arendt betont an vielen Stellen, dass Kunstwerke „die weltlichsten aller Dinge“ sind – gerade weil sie dieser völligen Zweckfreiheit entspringen. Ein Gemälde, eine Skulptur, ein Gedicht oder ein Musikstück hat keinen instrumentellen Nutzen. Seine Bestimmung ist es, da zu sein, zu erscheinen und eine Welt sichtbar zu machen, die ohne es nicht existierte.

Diese Zweckfreiheit verbindet die Kunst auf überraschende Weise mit Arendts höchster Tätigkeit: dem Handeln. Auch politisches Handeln ist zweckfrei im Sinne eines offenen, nicht vorherbestimmten Anfangs. Es ist nicht berechenbar, nicht vollständig planbar, nicht auf einen festen Endzweck ausgerichtet. Dass Kunst und politisches Handeln beide der Zwecklogik entzogen sind, macht sie zu Verwandten, auch wenn sie völlig verschiedene Felder der Vita activa bilden. Während das Handeln Beziehungen stiftet und Geschichten hervorbringt, erzeugt Kunst eine Weltlichkeit, die dem Politischen erst einen Raum gibt, in dem es erscheinen kann.

Doch trotz dieser Nähe ist das künstlerische Schaffen für Arendt keine Form des politischen Handelns. Ein Künstler, der im Atelier arbeitet, handelt nicht politisch; er stellt her. Die politische Wirksamkeit des Kunstwerks entsteht erst dort, wo es in den öffentlichen Raum tritt, wo Menschen es sehen, über es sprechen, sich zu ihm in Beziehung setzen. Erst im Modus der Rezeption – nicht im Modus der Produktion – kann Kunst eine politische Dimension entfalten. Auf diese Weise ist Kunst doppelt verortet: Sie entstammt dem Herstellen, wirkt aber in den Raum des Handelns hinein, indem sie Erscheinungsräume öffnet, Deutungen provoziert und gemeinsame Weltlichkeit schafft.

Gerade diese Fähigkeit, eine dauerhafte Welt zu bauen, verleiht der Kunst ihre herausgehobene Stellung. In einer Moderne, die von Zweckdenken, Verwertungslogik und Beschleunigung geprägt ist, wirken Kunstwerke wie Ankerpunkte einer gemeinsamen, beständigen Welt. Sie entziehen sich der Flüchtigkeit, die Arendt an der modernen Arbeitsgesellschaft kritisiert, und eröffnen einen Raum, in dem Bedeutung und Erscheinung Bestand haben. In dieser Beständigkeit sieht Arendt eine geradezu weltrettende Funktion: Kunst bewahrt das Menschliche, indem sie eine Welt bereitstellt, in der wir uns verorten können – eine Welt, die uns überdauert und zugleich an unsere gemeinsame Herkunft erinnert.

So erscheint Kunst bei Arendt als ein Mittelweg zwischen dem technisch- funktionalen Produzieren und dem politischen Handeln. Sie ist ein Element der Weltlichkeit, das nicht verbraucht, nicht instrumentalisiert und nicht reduzierbar ist. In ihr findet die menschliche Fähigkeit zur Schöpfung eine Form, die weder in Notwendigkeit noch in Zweckrationalität aufgeht. Kunst schenkt der Welt Dauer – und eröffnet damit Räume, in denen Freiheit sichtbar werden kann.

Aspekte eines Gegenwartsbezugs

Arendts Kategorien lassen sich auf heutige Phänomene des tätigen Menschen übertragen: Care-Arbeit und die Unsichtbarkeit des Notwendigen: Pflege, Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit. Wie zu Arendts Zeiten sind sie strukturell unsichtbar, weil sie kein bleibendes Werk hinterlassen und im privaten Raum stattfinden. Die Pandemie hat gezeigt, wie unverzichtbar diese Tätigkeiten sind – und wie gering ihr politischer Rang bleibt.

Technologie, Design und digitale Weltgestaltung: Softwareentwicklung, Architektur, Produktdesign oder das Errichten digitaler Infrastrukturen sind moderne Formen des Herstellens. Hier entstehen neue Welten – nicht mehr aus Stein, Holz oder Metall, sondern aus Code. Die Frage, wem diese Welt gehört und wem sie dient, spiegelt Arendts Einsicht in die ambivalente Macht des homo faber.

Politische Teilhabe im digitalen Zeitalter: Politisches Handeln zeigt sich heute in Demonstrationen, Bürgerinitiativen, Klimabewegungen – aber auch in digitalen Räumen wie sozialen Netzwerken. Arendt würde soziale Medien nicht als Ort des eigentlichen Handelns verstehen, weil dort oft Anonymität und Konsum dominieren. Wirkliches Handeln entsteht erst dort, wo Menschen sich offen zeigen, Verantwortung übernehmen, Neues beginnen und gemeinsam Räume gestalten.

Die Krise des öffentlichen Raums: Arendt könnte als Kritikerin unserer Gegenwart gelesen werden: In vielen Gesellschaften verliert das politische Handeln an Bedeutung, während Arbeitszeit, Produktivität und Konsum in den Vordergrund rücken. Auch die algorithmisierte Welt – getrieben von Effizienz, Berechnung und Zweckrationalität – folgt eher dem Logikmuster des Herstellens als dem des gemeinsamen Handelns.

Zusammenfassung

Arendts Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln ist mehr als eine begriffliche Ordnung. Sie ist ein Weckruf und Vermächtnis. Denn moderne Gesellschaften drohen, im Kreislauf der Notwendigkeiten und in der Zweckrationalität des Herstellens gefangen zu bleiben. Dabei gerät das in Vergessenheit, was uns eigentlich politisch ausmacht: die Fähigkeit, in Freiheit gemeinsam zu handeln, etwas Neues zu beginnen und die Welt im Gespräch mit anderen zu gestalten.

Arendts Denken lädt dazu ein, sich bewusst zu fragen, welchen Raum wir in unserem eigenen Leben dem politischen und gemeinschaftlichen kommunikativen Handeln zugestehen. Es fordert uns heraus, nicht nur zu funktionieren oder zu produzieren, sondern teilzuhaben – an einer gemeinsamen Welt, die wir nur im Miteinander gestalten können. In Zeiten globaler Krisen, sozialer Spaltungen und digitaler Vereinzelung gewinnt dieser Gedanke eine neue Dringlichkeit. Wie Arendt hätte sagen können: Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Und sie beginnt dort, wo Menschen den Mut haben, miteinander vor allem auch kommunikativ zu handeln.

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