Einleitung
Wenn hier von Sentimentalität die Rede ist, so sind damit nicht Gefühlen im engeren Sinn gemeint, sondern Aussagen, die ein Gefühl reklamieren. Dies kann sich auch wie eine gefühlshafte Beschreibung anfühlen, ist aber so etwas wie ein designtes Gefühl und damit hat es in der Kommunikation eine andere Funktion als ein authentisch erlebtes Gefühl. Wir sprechen von sentimentalen Gefühlen, wenn es sich wie Gefühl anfühlt, sich auch so zeigt und so benannt wird, das aber die Funktion eines kalkulierten Risikos beinhaltet. Sentimentalität ist ein sterotypes als-ob-Gefühl. Sie ist das Erleben eines Gefühls unter der Voraussetzung, dass dieses Gefühl nichts verändern darf. Man ist angeblich berührt, aber nicht wirklich erschüttert. Man ist betroffen, aber nicht wirklich herausgefordert. Der sentimentale Mensch möchte sich als emotional erlebend zeigen, aber das so reklamierte Gefühl soll nichts verändern. Ganz im Gegenteil: Sentimentalität zielt darauf ab, dass alles so bleibt wie es ist. Begründet wird dies Beharren am status quo gerade mit der reklamierten emtionalen Betroffenheit wie sie als Gerührtheit oder Reue oder Empörung dargestellt wird. Das sentimentale Gefühl ist wie eine geprägte Münze, deren Wert man als gegeben hinnimmt, ohne ihn zu hinterfragen. Sentimentale Menschen sind in der Regel selbstgerecht und schätzen das Verhalten anderer Menschen häufig als unangemessen ein. Noch ein Hinweis: Dieser Beitrag bezieht sich implizit auf die Texte über das Gerede und über die Emotionen, Themen die an anderer Stelle jeweils ausführlicher besprochen wurden.
Die Verankerung des Sentimentalen in der Alltagskultur
Das sentimentale als-ob-Gefühl ist in unserer Kultur außerordentlich gut etabliert. Er wirkt vertraut, plausibel, moralisch anerkannt. Er ist leicht kommunizierbar, verständlich, anschlussfähig. Gerade deshalb bleibt er unverdächtig. Und gerade deshalb erfüllt er seine eigentliche Aufgabe so zuverlässig: Er verhindert, dass Erfahrung wirklich authentisch durchlebt und hinterfragt werden müsste.
Sentimentale Menschen sagen häufig Sätze wie: „Ich bin empört.“ Oder: „Ich bin sehr betroffen.“ Diese Sätze klingen zunächst offen, beinahe selbstoffenbarend. Tatsächlich bekräftigen sie ein Statement durch eine reklamierte Gefühlsbotscvhaft. Sie erklären das jeweilige Fühlen zur statischen Eigenschaft, machen es nicht verfügbar für einen Prozess des genaueren Hinschauens und Verstehens. Wer emotional ist, muss nicht mehr fragen, was er fühlt, warum er es fühlt oder was dieses Gefühl bewirkt. Das Gefühl wird zur unhinterfragten Unteermauerung einer Selbstbeschreibung, nicht zur Bewegung hin zum Ausgangspunkt weitergehender Betrachtungen.
Damit sind wir bereits bei einem zweiten Merkmal der Sentimentalität: ihrer konsequenten Selbstthematisierung. Sentimentalität richtet sich nicht auf die Welt, nicht auf den Anderen, nicht auf das Geschehen, sondern auf das eigene statische Erleben. Es geht nicht darum, was geschehen ist und darum, dies besser zu verstehen, sondern darum, wie sehr man davon betroffen ist. Das Leiden wird nicht untersucht, sondern präsentiert. Es wird nicht durchgearbeitet, sondern gezeigt. Der sentimentale Mensch präsentiert sich eigentlich immer als Opfer.
Man kann das im Alltag sehr gut beobachten. Jemand erzählt von einer Trennung, einem Verlust, einer Kränkung, und der Schwerpunkt liegt nicht auf dem Ereignis selbst, nicht auf der Beziehung, nicht auf der eigenen Beteiligung, sondern auf der Intensität des Gefühls. „Das hat mich so tief berührt“, heißt es dann, oder: „Ich habe unendlich gelitten.“ Diese Sätze erzeugen Nähe, aber sie verhindern Gespräche. Wer nachfragt, wer differenziert, wer Ambivalenz ins Spiel bringt, wirkt schnell kalt oder unempfindlich. Das sentimentale Gefühl fungiert wie eine weiche Hülle, die das Geschehen umgibt und gleichzeitig unzugänglich macht.
In diesem Sinne ist Sentimentalität nicht eingebettet in eine dialogisch angelegte Kommunikation. Sie sucht keinen Austausch mit Anderen, sondern Zustimmung. Sie ist weniger Mitteilung als Selbstbestätigung und zielt auf Selbstmitleid. Man spricht nicht, um verstanden zu werden, sondern um sich in seinem Betroffensein zu bestätigen. Deshalb ähnelt Sentimentalität dem Gerede. Sie kreist um bekannte Formeln, bekannte Affekte, bekannte Bilder. Sie sagt nichts Neues und will nichts Neues hören.
Sentimentalität in der Propaganda
Diese Struktur wird besonders deutlich, wenn man Sentimentalität im politischen Raum betrachtet. Politische Propaganda arbeitet seit jeher mit sentimentalen Mustern, aber in den gegenwärtigen medialen Formen ist diese Strategie perfektioniert worden. Bilder von leidenden Kindern, von weinenden Müttern, von unschuldigen Opfern erzeugen unmittelbare Betroffenheit. Man fühlt, und dieses Gefühl scheint bereits eine Haltung zu sein. Die Frage nach Kontext, nach Ursachen, nach Verantwortung wirkt dann beinahe zynisch. Das Gefühl steht über der Analyse.
Sentimentalität ersetzt hier politisches Denken durch moralische Rührung. Wer betroffen ist, fühlt sich auf der richtigen Seite. Das Gefühl wird zur Legitimation. Gerade dadurch wird politisches Handeln blockiert. Betroffenheit bleibt folgenlos. Sie entlädt sich in Empörung oder Mitgefühl ohne Konsequenz. Sentimentalität entpolitisiert, indem sie politische Kontexte, Interessengegensätze emotionalisiert, psychologisiert und damit verschleiert.
Sentimentalität in der Kunst
Eine ähnliche Dynamik lässt sich in der Kunst beobachten. Auch hier ist Sentimentalität weit verbreitet, und auch hier wirkt sie auf den ersten Blick wie emotionale Tiefe. Doch sentimentale Kunst wird selten als berührend im eigentlichen Sinn erlebt. Sie wirkt vielmehr häufig kitschig – und das ist kein Zufall, sondern Ausdruck derselben psychischen Struktur.
Sentimentale Kunst arbeitet mit vorgefertigten Gefühlen. Sie weiß im Voraus, was gefühlt werden soll, und organisiert ihre Mittel so, dass dieses Gefühl möglichst zuverlässig ausgelöst wird. Musik steigert sich an den erwartbaren Stellen, Bilder zeigen das Leid in ästhetisch erträglicher Form, Erzählungen führen zielsicher zur Rührung. Der Rezipient wird nicht eingeladen, etwas zu entdecken, sondern dazu gebracht, etwas zu fühlen, das bereits von Vornherein berechnet war und schon längst feststeht, bervor der Rezipient überhaupt das Feld betritt.
Kitsch entsteht dort, wo Gefühl nicht aus der Bearbeitung des Motivs selbst hervorgeht, sondern aufgesetzt und vorgefertigt ist. Das Kunstwerk nimmt dem Betrachter die Arbeit des Erlebens ab. Es lässt keine Leerstelle, keine Irritation, keine Zumutung. Alles ist bereits gedeutet, alles ist emotional markiert. Man weiß, wann man traurig sein soll, wann gerührt, wann hoffnungsvoll.
Gerade darin unterscheidet sich sentimentale Kunst von authentischer berührender Kunst. Letztere riskiert Unbehagen. Sie lässt Widersprüche stehen, sie verweigert emotionale Eindeutigkeit. Sie kann kalt, sperrig oder irritierend wirken, weil sie nicht vorgibt, wie man sich in der Konfrontation mit ihr zu fühlen hat. Sentimentale Kunst hingegen will gefallen im Wiedererkennen vor stereotypen Mustern. Sie sucht Zustimmung, nicht Auseinandersetzung.
Psychologisch betrachtet erfüllt sentimentale Kunst dieselbe Funktion wie sentimentales Erzählen im Alltag oder in der Therapie: Sie ermöglicht Gefühl ohne Konsequenz. Man fühlt sich bewegt, ohne dass sich im Erkennen in der Wahrnehmung etwas verschiebt. Die Rührung bleibt folgenlos, weil nur das schon Bekannte noch mal wieder bestätigt wird. Deshalb hinterlässt sentimentale Kunst oft einen schalen Eindruck. Man war berührt, aber nicht ernsthaft verunsichert und herausgefordert, sich mit dem Inhalt der Kunst persönlich auseinanderzusetzen. Man hat gefühlt, aber ist nicht herausgefordert, etwas Neues zu erfahren. Man könnte sagen sentimentale Kunst bietet die beste Voraussetzung dafür, einen politisch motivierten Kunstpreis einzuheimsen.
Sentimentalität im klinischen Kontext
Im klinischen Kontext begegnet uns Sentimentalität in subtilerer, oft irritierender Form. Eine Patientin erzählt von einer schweren Kindheit, von Vernachlässigung, von emotionalem Mangel. Die Geschichte erscheint nachvollziehbar und stimmig, berührend, sprachlich gut strukturiert. Es gibt Tränen, Pausen, leise Stimmen. Und doch fehlt etwas. Es fehlt die affektive Unordnung. Es fehlt der Zorn, die Scham, die Verwirrung. Alles ist an seinem Platz. Das Trauma wird erzählt, nicht im authentischen Sinne erinnert. Alle Details sind in ein Narrativ integriert, aber die Aktualisierung fehlt, das Narrativ wird affektiv unberührt und letztlich distanziert vorgetragen.
Oder ein Patient berichtet immer wieder von seinem Leiden in Beziehungen. Er sei immer der, der mehr fühlt, der mehr liebt, der mehr leidet. Die Erzählung ist konsistent, beinahe rührend. Was nicht vorkommt, ist die eigene Aggression, das eigene Begehren, die eigene Verantwortung und die eigene Widersprüchlichkeit, der eigene Konflikt. Das Leiden dient der moralischen Entlastung. Es schützt vor Schuld und vor Veränderung. Schuld haben immer die anderen.
Für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist Sentimentalität besonders herausfordernd, weil sie sich zunächst wie therapeutischer Fortschritt anfühlt. Es ist Gefühl im Raum, es gibt Nähe, Resonanz, scheinbare Tiefe. Die Gefahr besteht darin, diese emotionale Präsenz mit emotionaler Verarbeitung zu verwechseln. Man fühlt sich empathisch verbunden, aber es bewegt sich nichts. Die Geschichte bleibt gleich, das Gefühl bleibt gleich, die Struktur bleibt unberührt, das Erleben wird nicht ausdifferenziert. Lernen aus Erfahrung wird so ausgeschlossen.
Sentimentale Patientinnen und Patienten können therapeutische Räume emotional besetzen, ohne sich wirklich einzulassen. Sie bieten Gefühle an, die nicht infrage gestellt werden sollen. Jede Deutung, jede Präzisierung, jede Konfrontation wirkt dann wie ein Übergriff. Der Therapeut gerät in Versuchung, das Gefühl zu bestätigen, um die Beziehung nicht zu gefährden. So entsteht eine subtile Kollusion: Gefühlskonsens statt echte Einsicht in komplexere Zusammenhänge.
Die eigentliche therapeutische Aufgabe besteht in solchen Momenten nicht darin, das Gefühl weiter zu vertiefen, sondern es zu stören. Nicht durch Kälte oder Abwehr, sondern durch beharrliche Rückfrage. Was bleibt außerhalb dieser Erzählung? Welche Gefühle dürfen hier nicht auftauchen? Wo wird gerührt, um nicht verärgert zu sein, wo ist man betroffen, um nicht schuldig zu werden, wo ist man nur traurig, um nicht zu begehren?
Zusammenfassung
Sentimentalität sollte nicht mit Gefühlsarmut verwechselt werden. Sie ist eine hochentwickelte Form der Gefühlsvermeidung durch Einsatz designter Gefühle. Sie erlaubt zu fühlen, ohne sich verändern zu müssen. Sie schafft Wärme, ohne Nähe zuzulassen. Sie erzeugt Bedeutung, ohne Erfahrung zu riskieren.
Vielleicht ist das der Grund, warum Sentimentalität so attraktiv ist – individuell wie gesellschaftlich. Sie bietet Gefühl ohne echten Tiefgang und ohne Konsequenz. Und gerade deshalb ist sie für psychotherapeutisches Arbeiten so bedeutsam: nicht als Ausdruck von Bedeutung, sondern als Hinweis darauf, wo Tiefe und damit auch das Risiko einer authentischen Begegnung gerade vermieden wird.
Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht