Angst im Zeitalter der hybriden Kriegsführung

Einleitung

Dieser Beitrag versucht aus psychologischer Sicht die Implikationen der modernen hybriden Kriegsführung besser einzuordnen. Dabei soll die Angst nicht als Nebenaspekt adressiert, sondern als wesentliches Ziel der hybriden Kriegsführung herausgearbeitet werden. Dementsprechend ist es von besonderer Bedeutung im Rahmen einer Verteidigung, die Resilienz demokratischer Gesellschaften im Umgang mit einer Eskalation der Angst zu verbessern.

Zum Begriff der hybriden Kriegsführung

Hybride Kriegsführung ist eine Kriegsform ohne klare Fronten, ohne formelle Kriegserklärung und ohne eindeutiges Ende. Sie operiert im Graubereich zwischen Frieden und offenem Konflikt und nutzt systematisch die Verwundbarkeiten moderner offener Gesellschaften aus. Sie ist nicht klar bestimmten Akteuren zuzuordnen. Die Urheber von Störungen könnten auch Kriminelle oder „Spinner“ sein, die sich nur wichtig machen wollen. Ihr zentrales Wirkmedium ist nicht die Waffe im klassischen Sinn, sondern Angst – individuell erlebt, kollektiv verstärkt und politisch instrumentalisiert. Wer kann schon genau sagen, auf wessen Konto Banküberfälle oder Anschläge auf Stromnetze einzahlen? Grundsätzlich gilt aber wohl, dass tendenzielle nicht militärische Ziele angegriffen werden, sondern Aspekte der kritischen Infrastruktur, sodass letztlich die Einwirkung von Terror auf die Bevölkerung die Botschaft der Akteure ist: „Kommt uns nicht in die Quere, sonst gehen demnächst noch mehr Lichter aus.“ Die betroffenen Bürger erleben dabei nicht nur die physische Beeinträchtigung, sondern vor allem, das die Politiker hilflos erscheinen, wortwörtlich im Dunkeln tappen und auf Bekennenschreiben hoffen, damit sie eine Idee bekommen, um welche Akteure des hybriden Krieges es sich wohl handeln könnte.

Angst als strategische Ressource

Angst ist kein Nebenprodukt hybrider Kriegsführung, sondern ihr eigentliches Ziel. Sie wirkt tiefgreifend, weil sie rationales Denken einschränkt, Vertrauen unterminiert und Menschen auf kurzfristige, oft polarisierende Lösungen zurückwirft. Während konventionelle Kriegsführung auf territoriale Gewinne abzielt, zielt hybride Kriegsführung auf die Erosion innerer Stabilität: Vertrauen in Institutionen, in Mitmenschen, in Zukunftsfähigkeit.

Dabei wird Angst nicht unbedingt durch spektakuläre Ereignisse erzeugt, sondern durch Dauerverunsicherung. Die Bevölkerung soll nicht wissen, was wahr ist, wer verantwortlich ist und ob der Staat noch handlungsfähig ist. Unsicherheit wird zum Normalzustand.

Ökonomische und finanzielle Destabilisierung

Ein zentrales Feld hybrider Kriegsführung ist das Finanz- und Währungssystem. Die Destabilisierung von Lokal- und Handelswährungen, gezielte Angriffe auf elektronische Bezahlsysteme oder die Erzeugung von Bargeldknappheit greifen direkt in den Alltag der Menschen ein. Geld ist nicht nur ein ökonomisches, sondern ein psychologisches Stabilitätssystem. Wenn es nicht mehr zuverlässig funktioniert, entsteht existenzielle Angst.

Hinzu kommt die Verunsicherung über die Sicherheit von Ersparnissen – etwa durch Zweifel an der Aufbewahrung von Bargeld in Schließfächern oder an der Stabilität von Banken. Der Effekt ist subtil, aber wirksam: Menschen beginnen zu hamstern, misstrauen Institutionen und einander, und wirtschaftliche Rationalität weicht Angstreaktionen.

Informationskrieg und kognitive Destabilisierung

Hybride Kriegsführung zielt nicht darauf ab, Menschen von einer bestimmten Wahrheit zu überzeugen, sondern sie in einen Zustand kognitiver Überforderung zu versetzen. Desinformation, widersprüchliche Narrative, Verschwörungserzählungen und die systematische Delegitimierung von Wissenschaft und Journalismus erzeugen ein Klima, in dem „man ja nichts mehr glauben kann“.

Diese Strategie untergräbt die Fähigkeit demokratischer Gesellschaften, kollektiv Entscheidungen zu treffen. Wenn Wahrheit relativiert wird, verlieren auch demokratische Verfahren ihre Grundlage. Angst entsteht hier nicht nur aus Bedrohung, sondern aus Orientierungslosigkeit.

Politische und institutionelle Erosion

Ein weiterer Schwerpunkt hybrider Kriegsführung ist die Destabilisierung politischer Systeme von innen. Dazu gehört die finanzielle oder ideologische Unterstützung legaler Parteien oder Bewegungen, die – offen oder verdeckt – Narrative des hybriden Aggressors verbreiten. Gleichzeitig wird das Vertrauen in etablierte Parteien und staatliche Institutionen systematisch untergraben.

Demokratien sind besonders verwundbar, weil sie auf Vertrauen, Transparenz und langsame Entscheidungsprozesse angewiesen sind. Hybride Angriffe nutzen diese Offenheit aus, indem sie Zweifel säen: Kann der Staat seine Bürger noch schützen? Ist die politische Elite korrupt oder inkompetent? Wird „das Volk“ überhaupt noch gehört?

Angriffe auf kritische Infrastrukturen

Anschläge oder Sabotageakte auf die elektrische Versorgung oder andere kritische Infrastrukturen wirken weit über ihren materiellen Schaden hinaus. Stromausfälle bedeuten in modernen Gesellschaften nicht nur Dunkelheit, sondern den Zusammenbruch ganzer Lebenszusammenhänge: vom E-Auto bis zur Mikrowelle, vom Smartphone bis zum GPS-Halsband, von der Wasserversorgung bis zur Heizung.

Solche Angriffe machen die totale Abhängigkeit des Alltags von funktionierenden Systemen sichtbar – und erzeugen ein tiefes Gefühl von Kontrollverlust. Angst entsteht hier aus der Erfahrung radikaler Verwundbarkeit.

Gesellschaftliche Spaltung als Multiplikator

Hybride Kriegsführung verstärkt bestehende Konfliktlinien: soziale Ungleichheit, kulturelle Identitätsfragen, Stadt-Land-Gegensätze, Generationenkonflikte. Sie erfindet diese Brüche nicht, sondern nutzt sie. Angst wird dabei kanalisiert – weg vom Aggressor, hin zu innergesellschaftlichen Gegnern. Polarisierung ersetzt Solidarität.

Resilienz demokratischer Gesellschaften

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie hybride Kriegsführung funktioniert, sondern wie demokratische Gesellschaften ihr begegnen können, ohne ihre eigenen Grundlagen zu zerstören. Resilienz ist dabei mehrdimensional:

1. Psychologische Resilienz
Demokratien brauchen Bürgerinnen und Bürger, die Ambiguität aushalten können – die akzeptieren, dass nicht alles sofort erklärbar oder kontrollierbar ist. Medienkompetenz, emotionale Selbstregulation und die Fähigkeit, Angst wahrzunehmen, ohne von ihr beherrscht zu werden, sind sicherheitspolitische Ressourcen.

2. Soziale Resilienz
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist der wirksamste Schutz gegen hybride Angriffe. Vertrauen entsteht nicht durch Propaganda, sondern durch Erfahrung von Fairness, Teilhabe und gegenseitiger Anerkennung. Wo Menschen einander als Mitbürger und nicht als Gegner erleben, verpuffen Spaltungsstrategien. Ein wesentlicher Aspekt der Spaltung in der Gesellschaft ist heute die Polarisierung zwischen Woke und Anti-Woke.

3. Institutionelle Resilienz
Transparente, lernfähige Institutionen, die Fehler eingestehen und erklären können, stärken Vertrauen. Resiliente Demokratien reagieren nicht mit autoritärer Verhärtung, sondern mit Klarheit, Rechtsstaatlichkeit und verlässlicher Kommunikation. Sie werden nicht Gefahren vertuschen, um reale Gefahren kleinzureden.

4. Ökonomische Resilienz
Diversifizierte Lieferketten, robuste Zahlungssysteme und soziale Sicherungsnetze reduzieren die Wirksamkeit ökonomischer Erpressung. Existenzielle Sicherheit mindert Angst – und damit die Anfälligkeit für Manipulation. Hierzu gehört heute die Infragestellung der Tendenzu zu immer mehr Digitalisierung. Diese muss auch unter dem Aspekt der Angreifbarkeit diskutiert werden. Zweifelsfrei erleichert die Digitalisierung nicht nur viele Prozesse, diese können auf dieser Basis auch effektiver gestört werden. Digitalisierung sollte nicht im Rahmen eines naiven Fortschrittglaubens angestrebt werden.

5. Kulturelle Resilienz
Demokratien müssen ihre eigenen Werte erzählen können, ohne naiv zu werden: Freiheit, Würde, Pluralität und Verantwortung. Wer weiß, wofür eine Gesellschaft steht, ist weniger anfällig für destruktive Gegen-Narrative.Hierzu gehören auch Aspekte der Akzeptanz von Stressfaktoren. Nicht jedem ist alles in einer Gesellschaft zuzumuten. Eine Reflexion über Akzeptanz von Stressoren, die noch mit gesamtgellschaftlicher Verantwortung hingenommen werden können, ist dringend erforderlich. Die kulturelle Resilienz kann nicht auf der Basis einer Fragmentierung der Gesellschaft in unüberschaubare Subkkulturen und Fixierung auf Klientelpolitik gefördert werden.

Zusammenfassung

Moderne hybride Kriegsführung ist ein Krieg um die innere Stabilität von Gesellschaften. Ihre wichtigste Waffe ist das Erzeugen von Angst, ihr wichtigstes Schlachtfeld ist das Vertrauen in das Funktionieren einer offenen Gesellschaft. Demokratische Resilienz entsteht dort, wo Angst nicht verdrängt, sondern verstanden wird – als Signal für Verwundbarkeit, aber auch als Ausgangspunkt für Solidarität, Reflexion und gemeinsames Handeln. In diesem Sinne ist die Verteidigung der Demokratie nicht nur eine militärische oder technische Aufgabe, sondern eine zutiefst mitmenschlich-psychologische und gesellschaftlich-kommunikative. Gerade im Zeitalter der hybriden Kriegsführung könnten Psychologen einen entscheidenden Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit leisten.

Weiterlesen: Psychotherapiepraxis in Berlin, Wolfgang Albrecht

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