Das Schöne, das Hässliche, das Kitschige und die Psyche

Visuelle Reizverarbeitung

Was wir mit unserem Gesichtssinn in variantenreicher Weise als schön empfinden, ist seit mindestens der Steinzeit relativ konstant geblieben und basiert auf Gesetzmäßigkeiten, die teilweise aus der Biologie der visuellen Reizverarbeitung, teilweise aus den Grundprinzipien des Psychischen und teilweise aus den jeweiligen kulturellen Einflüssen und Moden abgeleitet werden können.

Gegenstände, die wir als schön empfinden, erscheinen uns als dem Zweck angemessen und wohlproportioniert. Sie enthalten oftmals einen fremdartigen oder überraschenden Impuls, der aber im Rahmen der Gesamtkonzeption (Komposition) des schönen Gegenstandes als ausbalanciert empfunden wird. Darüber hinaus erscheinen uns schöne Gegenstände als virtuell vollständig, d.h. nicht offensichtlich zerstückelt oder beschädigt. Sie erregen in uns das Verlangen zurückzutreten, um dem mit Wohlgefallen und Wertschätzung betrachtenden Auge einen besseren Eindruck und Überblick gewähren zu können.

Die Erscheinungsformen des Kitschigen orientieren sich zwar an einzelnen isolierten Aspekten des Schönen (z.B. an der Proportionalität des Dargestellten), lassen aber in der Regel einen lebendigen, einzigartigen oder individuellen Impuls und damit auch die Notwendigkeit des Ausbalancierens zwischen einander widerstrebenden Impulsen vermissen. Deshalb wirken diese kitschigen Werke auf den anspruchsvolleren Betrachter oft leblos, stereotyp und langweilig.

Die Erscheinungsformen des Hässlichen imponieren oftmals durch Aspekte des Unzweckmäßigen oder des Missbrauchs, der absichtlichen Beschädigung, Vernichtung oder Zerstörung des Gegenstandes.

Das Hässliche kann auch in der Art der Rezeption eines an sich schönen Gegenstandes ausgedrückt werden, wie z.B. in der aufdringlichen Nähe zum Gegenstand, seiner groben Zweckentfremdung oder seiner achtlosen Beseitigung bzw. seinem lieblosen Vergessen.

Groteske Kunst

Auf Sonderformen der Kunst - groteske Kunst, Konzeptkunst, Trash-Kunst etc.- kann hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden.

Psychodynamische Betrachtung von Kunstwerken

In der psycho-dynamischen Betrachtungsweise im Rahmen von psychotherapeutischen Prozessen kann man Zusammenhänge feststellen zwischen der Neigung zum Kitschigen im Kombination mit latenter Gewaltbereitschaft und andererseits der Neigung zum Hässlichen (bzw. der Fixierung auf eine Idealisierung des Hässlichen oder der Fixierung auf die Verletzung, Zerstörung des Schönen) mit einer manifesten Destruktivität, wie sie z.B. bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen vorkommt.

In der Psychotherapie mit Patienten und besonders in der tiefenpsychologisch fundierten Kunsttherapie können die oben genannten Überlegungen zum Schönen, Kitschigen und Hässlichen als handlungsleitende Konzepte eine wichtige Orientierungshilfe darstellen.

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Literatur zum Weiterlesen:

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  • Umberto Eco: Die Geschichte der Schönheit
  • Rudolf Arnheim, Entropie und Kunst. Ein Versuch über Unordnung und Ordnung


Siehe auch folgende Filme zum Thema:

  1. Werner Herzog: Die Höhle der vergessenen Träume.
  2. Michael Lindsay-Hogg: The Object of Beauty (dt. Titel: Verliebt, verwöhnt und abgebrannt).

 

 

Wolfgang Albrecht