"Falsche Erinnerungen" als Problem in der Psychotherapie

Weshalb „falsche Erinnerungen“ zu einem Problem in der Psychotherapie werden können

Seit eingen Jahrzehnten spielt das Thema „sexuelle Übergriffe“ und „sexueller Missbrauch“ in der Psychotherapie wieder einer größere Rolle. Dies auch zurecht. Denn in den Dekaden zuvor waren Missbrauchsopfer eher als kleine Verführerinnen stigmatisiert worden oder ihnen wurde schlichtweg nicht geglaubt. Die inflationäre Beschuldigung von angeblichen „Tätern“ – meist im Rahmen von Therapien,  die von Kurpfuschern und  unprofessionell arbeitenden Therapeuten durchgeführt wurden – hat im Gegenzug Glaubwürdigkeitspsychologen auf den Plan gerufen, um mit Gutachten einzuschreiten, wenn aufgrund von –  suggerierten oder „falschen Erinnerungen“ bzw. „Pseudoerinnerungen“ Angehörige in ungerechter Weise beschuldigt werden. Aber nicht nur in Fällen von Missbrauch, Übergriffen und den möglichen Folgen in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auch in vielen anderen seiner Arbeitsbereichen ist der Psychotherapeut mit dem Phänomen von suggestiv oder autosuggestiv gebildeten „falschen Erinnerungen“ konfrontiert. Deshalb im Folgenden einige klärende Worte zu diesem Thema.

Was sind Erinnerungen?

Echte Erinnerungen sind Inhalte des Gedächtnisses, die auf eine wahrnehmungsbasierte Erinnerungsspur zurückgehen und partiell dem Vergessen entzogen werden können. Beim Vergessen ist ein Verblassen von Erinnerungen zu unterscheiden von einer kompletten Löschung unwichtiger Inhalte sowie einer psychodynamischen Verdrängung von sehr bedeutenden aber unangenehmen Inhalten. Zu beachten ist hierbei, dass echte Erinnerungen auch auf Fehlwahrnehmungen beruhen bzw. auf Erzählungen anderer zurückgehen können. Insbesondere bei der Erinnerungen an früheste Lebensereignisse kann von Betroffenen nicht immer klar zwischen Selbsterlebtem und Erzähltem unterschieden werden. Bei einer glaubwürdigkeitspsychologischen Untersuchung sollte deshalb nicht die Glaubwürdigkeit der Erinnerung isoliert untersucht werden, sondern auch die Glaubwürdigkeit der ursprünglichen Wahrnehmung des Erinnernden. Wenn Erinnerungen auf Missverständnissen oder Erzählungen bzw. Interpretationen anderer beruhen, ist die Glaubwürdigkeit von Erinnerungen grundsätzlich infrage zu stellen, weil es sich beim Erinnerten dann um „falsche Erinnerungen“ handeln könnte.

Verschiedene Arten von Gedächtnis

Wenn von Gedächtnis gesprochen wird, muss zudem noch darauf verwiesen werden, dass es unterschiedliche Arten von Gedächtnissen gibt. Bei den Gedächtnissen werden verschiedene Arten von getrennt neuronal abgespeicherten Erlebnis-Inhalten und Lernvorgängen unterschieden. Die wichtigsten Bereiche sind das Sprachgedächtnis, das Handlungsgedächtnis und das autobiographische Gedächtnis. Die verschiedenen Gedächtnis-Strukturen existieren weitgehend unabhängig von einander und können in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt sein oder anlagebedingt ein gutes oder schlechtes Funktionieren aufweisen. Es wäre also besser zu sagen: Erinnerungen entstammen Inhalten im Sinne von Erinnerungsspuren von verschiedenen Arten von Gedächtnissen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt unter einer bestimmten Perspektive zugänglich sind und unter bestimmten Voraussetzungen und auf der Basis bestimmter Motive verbalisiert werden können oder die unter der Wirkung bestimmter Motive (kultureller Kontext, mangelndes Vertrauensverhältnis) auch verschwiegen werden können.

Was erinnern wir überhaupt?

Was wir subjektiv erinnern, ist jeweils eine Mischung aus Spuren von Inhalten dieser verschiedenen Gedächtnis-Strukturen und damit von der Funktion her bereits eine Konstruktion von Inhalten verschiedener Instanzen. Es gibt also nicht die Erinnerung, die neuronal so und nicht anders abgespeichert vorliegt, sondern Erinnerungen werden aus dem Zusammenwirken verschiedener neuronaler Instanzen aus dem zusammengestellt, woran sich jemand in einer bestimmten Situation erinnern kann, erinnern soll oder erinnern möchte. Zu unterscheiden sind also: Der Anlass der Erinnerung (Ort, Gerüche, Befragungssituation, Grund des Erinnerns), Erinnerungsspuren in verschiedenen Bereichen der neuronalen Instanzen, die Funktion der Erinnerung in der gegenwärtigen Lebenssituation und Möglichkeiten der psychodynamischen Aufhebung der Verdrängung unter bestimmten Voraussetzungen. Zu beachten ist ferner, dass sich das Selbstbild eines Menschen von der Situation der ursprünglichen Wahrnehmung hin zur Situation des Erinnerns häufig verändert und deshalb immer zu fragen ist, welche Funktion die Wahrnehmung im damaligen Selbstbild hatte und welche Funktion die Erinnerung zum Zeitpunkt des Erinners für das dann jeweils aktuelle Selbstbild hat.

Die Aufhebung der Verdrängung als Mittel der Psychotherapie

Insbesondere die Psychotherapie seit Freud hat sich zur Rekonstruktion von innerseelischen Bedeutungsstrukturen stark auf die Aufhebung der Verdrängung als Kampf gegen das Vergessen von Erinnerungen fokussiert. Obwohl es neben der Verdrängung noch weitere wichtige innerseelische Funktionen gibt, die das Ausbilden von angemessenen Bedeutungsstrukturen erschweren bzw. verhindern, ist in der Populärpsychologie die Aufhebung der Verdrängung das prominenteste Beispiel für die Aufgabe der psychotherapeutischer Arbeit geblieben. Dies muss jedoch durch zwei Aspekte eingeschränkt werden: Zum einen gibt es – wie bereits erwähnt – zahlreiche andere Funktionen, die ebenfalls die Ausbildung angemessener Bedeutungsstruktruren beeinträchtgen und sich mit der Verdrängung überlagern. Zum anderen richten sich Verdrängungen nicht nur gegen das Wiedererinnern von tatsächlichen Erlebnisse, sondern – wie Freud bereits erkannte – auch gegen das Wiedererinnern von Träumen, Erzählungen oder Phantasien.

Von welcher Qualität ist die Erinnerung, wenn die Verdrängung aufgehoben wurde?

Wenn also unter bestimmten Voraussetzungen eine Verdrängung aufgehoben wird und bisher nicht Erinnertes wieder erinnert werden kann, ist damit noch nicht gesagt, von welcher Qualität die Erinnerung tatsächlich ist. Es muss geklärt werden, ob es sich bei dem wiedererinnerten Inhalt um ein tatsächlich Erlebnis, eine Phantasie, eine Befürchtung, einen Traum, eine Erzählung Dritter etc. handelt. Von entscheidender Bedeutung ist einerseits die Fage, auf welche authentische Wahrnehmung die Erinnerungspur zurückgeht und wie die Betroffenen von den erinnerten Vorfällen berichten.

Pseudoerinnerungen

Wenn eine Erinnerung sich nicht auf eine tatsächliche Begebenheit bezieht, sondern andereren Ursprungs ist, sich  z.B. auf Fehlwahrnehmungen oder Erzählungen anderer bezieht, aus subjektiver Sicht des Patienten aber als wahr aufgefasst wird, kann man von Pseudoerinnerungen oder Scheinerinnerungen sprechen. Solche Pseudoerinnerungen sind also keine falschen Behauptungen oder Lügen, weil sie aufgrund von ursprünglichen Fehlwahrnehmungen, Suggestionen oder Autosuggestionen von den Begroffenen subjektiv als wahr empfunden werden, obwohl sie den Tatsachen nicht entsprechen.

Die Erinnerung ist eine Konstruktion

Wenn wir von der gesicherten Erkenntnis ausgehen dürfen, dass eine Erinnerung eine Konstruktion ist, die aus einem komplizierten Zusammenspiel seelischer Instanzen und aktueller Motivationslagen entspringt, so wird klar, dass wir es bei der Erinnerung insbesondere im psychotherapeutischen Setting mit einem sehr fragilen Gegenstand zu tun haben. Erinnerungen können sich aus verschiedenen Erinnerungsspuren aus unterschiedlichen Lebensaltern, vermischt mit kindlicher Phantasie zusammensetzen. Wer eine singuläre Erinnerung umstandslos als Abbild von früheren Geschehnissen ansehen möchte, handelt in der Regel fahrlässig und in wissenschaftlicher Hinsicht naiv. Um so schlimmer ist es, wenn Psychotherapeuten ihren Patienten, ausgehend z.B. von bestimmten Traumhandlungen, nahelegen, dass eine bestimmte Traumsequenz auf eine konkrete Begebenheit zurückgehen muss. Dieser Schluss ist immer zweifelhaft, weil er in der Regel nicht beweisbar ist. Obwohl es sicher viele Träume gibt, die durchsetzt sind von Erinnerungspuren. Dennoch ist eine Erinnerung oder auch ein Traum niemals ein konkretes Abbild von Geschehnissen, die sich so und nicht anders ereignet haben. Im manifesten erinnerten Traum werden auch immer Ängste und Wünsche des Träumenden sowie aktuelle Tagesereignisse mit Erinnerungsspuren vermischt.

„Falsche Erinnerungen“ behindern den psychotherapeutischen Fortschritt

Wie bereits oben ausgeführt, geht es in einer Psychotherapie um die Herstellung funktionaler Bedeutungsstrukturen für die Gegenwart und die nahe Zukunft, um Verstehensmöglichkeiten und Handlungsoptionen zu erweitern. Dem Patienten wird also im Rahmen einer Psychotherapie ermöglicht, sich und sein eigenes Unbewusstes – aber auch bedeutungsvolle Andere in seiner näheren sozialen Umgebung – besser zu verstehen. Dies zielt letztlich darauf ab, dass der Patient größere Handlungsspielräume bekommt, sich angemessener akzeptieren kann und effektiver mit anderen kooperieren kann bzw. sich besser von anderen abzugrenzen vermag. Hierfür ist es unerlässlich, dass das eigene Seelenleben transparent wahrgenommen werden kann und dass Verdrängungen keine große Rolle spielen sollten. Wenn sich jemand nicht gut an Inhalte des biographischen Gedächtnisses erinnern kann, ist seine Fähigkeit, Bedeutungsstrukturen aufzubauen mithilfe derer er sich befriedigend und effektiv Handlungsspielräume erschließt, zumindest eingeschränkt. Um so schwerwiegender ist es, wenn verzerrte oder falsche Erinnerungen zu Ecksteinen von Bedeutungsstrukturen werden. Dies ist vergleichbar mir Fehldarstellungen in der Geschichtswissenschaft, was zu Fehlentwicklungen hinsichtlich der Identität einer Nation und zu Fehlentscheidungen in Politik, Gesellschaft und Ökonomie führen kann. Die Geschichtswissenschaft ist die kollektive Analogie zur Psychotherapie des einzelnen. In beiden wird um den Aufbau von authentischen und effektiven Bedeutungsstrukturen gerungen, ohne die effektives Handeln nicht möglich ist. Für die Psychotherapie bedeutet dies, dass der Einbau von „falschen Erinnerungen“ in Bedeutungsstrukturen Heilung behindert und nicht fördert. Für die Geschichtswissenschaft und für ihre aktuellste Form den Journalismus bedeutet dies, dass systematische Fehldarstellungen von historisch bedeutsamen Ereignissen zu gravierenden Fehlentwicklungen führen können. Dies ist von Bedeutung, wenn wichtige historische Ereignisse durch die Kontrolle von Informationen und die Vernichtung von historischen Dokumenten nicht mehr adäquat dargestellt werden können und damit den auf „falschen Erinnerungen“ beruhenden historischen Mystifikationen den Charakter einer zweifelhaften Legitimation verleihen.

Fehlentwicklungen in der Psychotherapie

Je nach psychotherapeutischer Schulrichtung oder auch kultureller Ausprägung des Psychotherapie-Stils einer Epoche sind verschiedene Fehlentwicklung in der Psychotherapie zu beobachten.Die Anhänger der „Phantasie-Theorie“ erklären gerne alle aus der Verdrängung auftauchenden Erinnerungsinhalte zu Abkömmlingen von urprünglich kindlicher Phantasietätigkeit.  Die Anhänger der „Trauma-Theorie“ erklären gerne alle aus der Verdrängung auftauchenden Erinnerungsinhalte als möglichen Ausdruck von früheren Übergriffen, Missbrauchserlebnissen oder Misshandlungen. Die Anhänger der „Skeptischen Theorie“ wollen nur das gelten lassen, was sich im Hier-Und-Jetzt an emotionalem Erleben abspielt und sehen in jeder Art von Erinnerung nur ein Ablenkungsmanöver, das Abgleiten in eine zweifelhafte Scheinwelt.

Alle drei Positionen sind zu einseitig. Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. Es erfordert viel psychotherapeutische Erfahrung, mit Erinnerungen der Patienten so umzugehen, dass sie für den Patienten selbst den Charakter des Authentischen bekommen, ohne dass möglicherweise „falsche Erinnerungen“ zu Ecksteinen von Bedeutungsstrukturen werden.

Wie kann es zu falschen Erinnerungen kommen?

Betroffene von falschen Erinnerungen bezüglich der Missbrauchsthematik berichten häufig, sie seien nach  oder während des Zusammenseins mit Menschen, die viel von sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung etc.  berichtet hätten, darauf gekommen, dass sich bei Ihnen auch so etwas abgespielt haben könnte, an das sie sich aber nicht mehr genau erinnern können. Beeinflussungen dieser Art sind meist in Psycho-Sekten üblich. Vielfach kommen in diesen Fällen mehrere Faktoren zusammen: Gruppendruck, unbewusste Neigung zur Identifikation mit anderen (Suggestibilität), Hochsensibilität und psychische Labilisierung in einer prekären Lebensphase. In manchen Fällen spielt zusätzlich auch die Einwirkung von Rauschdrogen eine gewisse labilisierende Rolle. Dass manche Betroffene bei ihrem Glauben an ihre suggerierten „falschen“ Erinnerungen auch an einen Schadensersatz/Opferausgleich denken, den die meist wohlhabenden Eltern dann zu entrichten haben, wenn Klagen erfolgreich sind, ist leider eine traurige Wahrheit.

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