Die spirituelle Dimension der analytischen Psychotherapie

Verschiedene spirituelle Dimensionen

Auf dieser Seite sollen einige Bemerkungen zur spirituellen Dimension der analytischen Psychotherapie bzw. der Psychoanalyse gemacht werden, so wie ich sie verstehe. Zunächst meine ich mit spirituell nichts Religiöses im herkömmlichen Sinne, sondern eine Betrachtungsweise, die eine umfassendere oder geistige Dimension in meine Arbeit miteinzubeziehen versucht.

Für meine psychotherapeutische Arbeit sind verschiedene Dimensionen des Menschen von Bedeutung:

  1. Die genetische Ausstattung des Einzelnen, die durch sein Verhalten, seine Handlungen und Zwänge ständig neu interpretiert wird und damit nicht als etwas völlig Unveränderliches anzusehen ist.
  2. Die Erfahrung vor, während und nach der Geburt, Erlebnisse mit den Eltern, Geschwistern und anderen Menschen in Schule und Beruf.
  3. Die Werte und sinnstiftenden Überzeugungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt. Hierzu gehören auch falsche Idealisierungen und Fehlorientierungen.
  4. Die Stoffwechselvorgänge, und was sie beeinflusst oder mit ihnen zusammenhängt: Ernährung, Verdauung, Drogenkonsum etc.
  5. Die Bewegung, Bewegungsmuster und Bewegungsabläufe. Das innere unbewusste Bild vom eigenen Körper in Ruhe und Aktion.

  1. Die Regulierung von Nähe und Distanz zu anderen Menschen. Die Fähigkeit oder Hemmung und Angst sich gegen Übergriffe, Verletzungen oder Kränkungen zu wehren bzw. abzugrenzen.
  2. Die Sexualität und damit in Verbindung stehende Körpervorgänge, Prägungen, Traumatisierungen, Verführungen, Erfahrungen, Phantasien etc.
  3. Erotische, sexuelle und soziale Beziehungen zu anderen Menschen und damit verbunden abhängige, dialogische oder autoritäre Formen der Kommunikation und der Beziehungsgestaltung.
  4. Die Einstellung zur Arbeit, die Bedeutung des Berufs und Tätigkeiten in der Freizeit.
  5. Kreative Entfaltungen, wie die Beschäftigung mit Musik und Kunst etc.
  1. Die sprachliche, soziale, räumliche Intelligenz und Neugierde, der Wunsch etwas zu lernen und zu verstehen.
  2. Das Niveau der Erregung (in den Bereichen von Wahrnehmung und Erotik), das ein Mensch für sich in unterschiedlichen Lebenssituationen anstrebt oder (im Rahmen von Zwängen) anstreben muss.
  3. Die sozial-integrative oder sozial-desintegrative Gestaltung von sozialen Beziehungen, die ein Mensch anstrebt oder (im Rahmen von Zwängen) anstreben muss und damit verknüpft: die Möglichkeit, Dankbarkeit zu empfinden und die Fähigkeit, sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, sowie die Fähigkeit zur Pflege gemeinsamer Erinnerungen.
  4. Die Neigung bzw. der Zwang, Ursachen für Spannungen und Konflikte eher bei anderen, bei sich selbst oder im Kontext der Beziehung zu suchen.

Es ist sicherlich schwer sich vorzustellen, dass alle biochemischen Vorgänge im Körper, unsere Ernährungsgewohnheiten, unser Fernsehkonsum, Erlebnisse in der Schule oder im Beruf, ein Geburtstrauma, Misshandlungen, Kränkungen, unsere Ziele, Zwänge, Neugierde, Krankheiten etc. eine Einheit bilden und in ihrer Gesamtheit so etwas darstellen wie einen spirituellen Fingerabdruck unserer jeweiligen Existenz.

Wenn ich davon ausgehe, dass eine derartige ganzheitliche Auffassung des Menschen nicht nur einer methodisch-integrativen Betrachtungsweise aller Lebensprozesse und Lebensattribute eines Menschen folgt, sondern dass diese Ganzheit in all ihren Aspekten und Verästelungen selbst Ausdruck einer spezifischen Energieverteilung und Formbildung ist, komme ich zu der Auffassung von einer spirituellen oder geistigen Dimension der analytischen Psychotherapie in ihrer Möglichkeitsform.

Diese erlangt sie dadurch, dass der praktizierende Psychotherapeut bereit und in der Lage ist, auf alle diese Aspekte in Form eines umfassenden Resonanzkörpers zu reagieren, sie als Ganzheit wahrzunehmen und zielgerichtet (d.h. lösungsorientiert) zu verstehen, um dem Patienten die Chance zu eröffnen, seinen Teil dieser Erfahrung zu verbalisieren und damit bewusst zu erleben.

Das Ziel der analytischen Psychotherapie in ihrer Möglichkeitsform wäre dann nicht ein vordergründiger Reparaturbetrieb der Seele, sondern der Versuch, dem Patienten zu ermöglichen, seinen eigenen spirituellen Fingerabdruck in Richtung auf mehr Selbstbestimmung, Gesundheit, Echtheit und Wachstum selbst positiv zu beeinflussen.
Die Auflösung pathogener Konflikte, die Verarbeitung von psychischen Traumatisierungen und die Überwindung von negativen Prägungen und Fehlorientierungen wäre dann nur ein Spezialfall einer umfassenderen spirituellen Neuorientierung, zu der die analytische Psychotherapie einen Beitrag leisten könnte.

Das könnte Sie auch interessieren:

Book

Wolfgang Albrecht