Psychotherapie bei Wohlstandsverwahrlosung in Berlin

Zur Einführung

Auf dieser Seite erhalten Sie im Rahmen meiner Behandlungsangebote für meine Praxis in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf Informationen über Aspekte der Wohlstandsverwahrlosung im Allgemeinen und über die Behandlung von psychischen Störungen von Erwachsenen insofern sie mit einzelnen Aspekten von Wohlstandsverwahrlosung im Zusammenhang gesehen werden können.

Zum Begriff der Wohlstandsverwahrlosung 

Wohlstandsverwahrlosung (oder auch Verwöhn-Verwahrlosung) beschreibt die mentale Haltlosigkeit und psychische Labiltität von Kindern, Jugendlichen, jungen oder älteren Erwachsener aus wohlhabenden Schichten. 

Der Begriff der Wohlstandsverwahrlosung ist im sozialwissenschaftlichem Diskurs seit Mitte der 90-er Jahre in Gebrauch z.B. bei E. Zöchling  „Verwahrlosungsprobleme bei Sekundarschülern.“  (1996). In diesem Werk werden „Psychische Verwahrlosung bzw. Vernachlässigung bei Kindern und Jugendlichen bei gleichzeitigem materiellen Überfluss beschrieben. Der Begriff der Wohlstandsverwahrlosung  wurde dann in ähnlicher Weise auch aufgegriffen bei U. Zöllner „Die armen Kinder der Reichen“ (1997).

Unterschiedliche Phänomene der Wohlstandsverwahrlosung 

Die Folgen und Ausprägungen von Wohlstandsverwahrlosung können sehr unterschiedlich sein. Hinweise auf Wohlstandsverwahrlosung finden sich, wenn z.B. Jugendliche und junge Erwachsene aus wohlhabenden Familien sich hyperaktiv-aggressiv oder passiv-gleichgültig ihrem eigenen Leben und dem anderer gegenüber verhalten, eine paranoid feindselige Einstellung gegenüber der eigenen Familie entwickeln, sich antisozial und verantwortungslos benehmen, Ladendiebstahl begehen, andere Menschen verletzen und verprügeln, Sachbeschädigungen betreiben, sich Sekten anschließen, Amok laufen, andere Menschen missbrauchen oder auch in sinnloser Langeweile enden, kein geregelten Lebens mehr führen und stattdessen z.B. exzessives Videospielen, übermäßigen Drogenkonsum betreiben.

Verleugnungstendenzen bei beginnender Wohlstandsverwahrlosung

Die Eltern können meist nicht nachvollziehen, weshalb ihre Kinder Anzeichen von Verwahrlosung zeigen und sind zunächst auch bestrebt, dies als Pubertätskrise rationalisierend kleinzureden. Die Verwahrlosungserscheinungen inmitten von materiellem Wohlstand oder sogar Luxus wirken wie ein Fremdkörper und ihre ersten Anzeichen werden häufig über längere Zeit verleugnet. Ein Kind, dem man alles gegeben hat, dem es nie an etwas fehlte, kann sich doch nicht derartig gegen die Familie stellen, aus dem Rahmen fallen, feindselige Haltungen einnehmen. Eltern und Pädagogen fragen sich: Was treibt ein Kind, das doch tendenziell eher verwöhnt, zumindest aber aufs Beste von seinen Eltern ausgestattet wurde, zu depressiver Gleichgültigkeit, sozialem Rückzug, endlosem Videospielen, chronischem Drogenkonsum, Schulabsentismus, Schulversagen, asozialen, destruktiven oder letztlich sogar zu kriminellen Handlungen?

 

Ursachen der Wohlstandverwahrlosung

Ursachen der Wohlstandsverwahrlosung können sein: Erziehung ohne Grenzen bezüglich materieller Voraussetzungen, zu viele unpersönliche Bildungsangebote, insgesamt zu viele Optionen, leistungsmäßige und emotionale Überforderung, mangelnde Konfrontation und Erfahrungen mit dem Problem der Existenzsicherung, Marginalisierung der Elternrolle durch elektronische Medien (das Googlen ersetzt das Befragen der Eltern), zu frühe Konfrontation mit sexuellen Reizen und emotionale Beanspruchung durch die Eltern (Parentifizierung), wenn z.B. die Tochter die beste Freundin für die Mutter sein soll. Die existenzielle Erfahrung, das Leistungsniveau der Eltern nicht mehr selbst erreichen oder sogar noch überbieten zu können. Die Eltern werden nicht mehr als Vorbilder wahrgenommen. Sie sorgen zwar noch für das materielle Wohl ihrer Kinder, es bestehen aber einerseits Defizite in der emotionalen Beziehung, insbesondere der Erfahrung, Grenzen von den Eltern gesetzt zu bekommen etc. und andererseits Defizite in der Motivation auf Seiten der Kinder, Anstrengungen auf sich zu nehmen, um an das Leistungsniveau der Elterngeneration anschließen zu können. Bei den späteren Erwachsenen fehlen am Ende dieser Entwicklung mentale Schwerpunkte, eine stabile Wertorientierung, innere Festigkeit der Persönlichkeit, klare Zielorientierungen, obwohl oder vielleicht gerade weil ihnen als Kindern und Jugendlichen vieles geboten wurde. Es ist eine Kluft festzustellen zwischen einem Anspruchsniveau in Bezug auf Lebensstandard und Geltungsbedürfnis und den Möglichkeiten, dies durch eigene Leistung noch legitimieren zu können.

Erziehung zur Sorglosigkeit

Wenn Eltern mögliche Mängel in dem Bereich der emotionalen Ansprache und Erziehung mit dem Abschieben des Kindes in Bereicherungsangebote (Musikunterricht, Ballett etc.) kompensieren, muss das Kind keine Sorge,  Verantwortungsbewusstsein und Realitätssinn entwickeln, da es nie in Situationen gerät, in denen es um seine Existenz kämpfen und für sich selbst sorgen muss. Da passiert es unversehens, dass das Kind sich in eine sorglose Phantasiewelt zurückzieht, frei von jeder Verantwortung, Konsequenzen und unangenehmen Lebensrealitäten. Die einseitige materielle Erziehung und Zuwendung vor allem mittels materieller Fürsorge und Verwöhnung, stellt eine ungewollte Erziehung zur Sorglosigkeit dar.

Die Sorge als eine zentrale Kategorie menschlicher Existenz (Heidegger) wird  unter den Bedingungen einer Wohlstandsverwahrlosung von den jungen Menschen gar nicht mehr erlebt. Dies kann sich sehr negativ auf die emotionale und soziale Entwicklung des Kindes auswirken. Die Eltern stellen ihren Kindern zwar alle Arten der materiellen Zuwendung und formalen Bildungsangebote zur Verfügung, das Kind wird quasi überfordert mit Luxus, Geld, Geniekult und Angeboten, elitärer Bildung etc. und andererseits erleben diese Kinder sich auf emotionaler Ebene als unauthentisch. Einerseits wurden sie mit den Anzeichen von Erfolg und Leistung ausgestattet, aber ihnen fehlt (noch) die dazugehörige Ethik, die für das Erreichen von einem Leben im Luxus aber erforderlich ist. Am Ende dieser Fehlentwicklung leben Kinder von wohlhabenden Eltern unter ungünstigen Umständen in einer fassadenhaften Existenz und empfinden sich dann von Beruf als „Sohn“ oder „Tochter“. Äußerlich sieht man scheinbar vorbildliche Bildungsverläufe, eine Bestausstattung an materiellen Dingen, innerlich sind die Betroffenen jedoch instabil, emotional unreif und neigen in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung dazu, sich gehen zu lassen und den familiären Rahmen gering zu schätzen oder als selbstverständlich im Sinne einer lebenslangen vorzeitigen Berentung beanspruchen zu wollen. 

Sorglosigkeit als anerzogene pathologische Angstfreiheit

Die Grundhaltung einer Sorglosigkeit kann auch verstanden werden als anerzogene pathologische Angstfreiheit in Bezug auf die Sicherung der eigenen Existenz. Dies steht in Verbindung mit einer zur Schau getragenen emotionalen Gleichgültigkeit der betroffenen jungen Erwachsenen. Die emotionale Gleichgültigkeit kann aus der Erfahrung resultieren, dass sie in ihrer Familie die Erfahrung gemacht haben, mit Geld seien alle Probleme lösbar. Den Satz „Geld ist kein Problem“ hört man in den Familien der Betroffenen nicht selten. Der emotionalen Gleichgültigkeit entspricht auf abstrakterer Ebene in der Regel auch die intellektuelle Gleichgültigkeit z.B. in Form der Vorstellung, es mache keinen Unterschied, ob man dies oder jenes tue oder nicht tue, ob man überhaupt lebe oder gelebt habe. Nihilistische Einstellungen gehen dabei einher mit Flucht in regressiven Rausch, Flucht in imaginäre Phantasiewelten (Science-Fiction, Video-Spiele).

       Video: Sexualisierung der Kindheit

Überstrapazierung der Begriffe Hochsensibilität und Hochbegabung

Häufig findet eine Idealisierung der Jugendlichen oder jungen Erwachsenen durch die Eltern statt: Das Kind bekommt oftmals zu hören, wie intelligent, hochsensibel, hochbegabt, genial und besonders es sei. Die Eltern verlassen sich mit einer gewissen Sorglosigkeit auf die offensichtlich überreich vorhandenen Talente ihrer Kinder, sodass eine Grenzen setzende, konfrontative und leitende Erziehung als überflüssig angesehen und gar nicht in Betracht gezogen wird. Die Fehlentwicklung beruht zumeist auf zwei irreführenden Fehlannahmen. Zum einen gehen Eltern davon aus, die scheinbare Hochbegabung und Genialität ihres Kindes bedürfe keiner elterlichen Führung, Erziehung und Formung und zum anderen übersehen sie ihre eigene Marginalisierung durch den Lebensstil der westlichen Welt. D.h. der geringe Einfluss heutiger Eltern auf die Entwicklung wird noch verschlimmert durch die Vorstellung, dass ein hochbegabtes Kind schon allein seinen Weg finden werde, wenn es nur bestmöglich mit Bildungsangeboten und sonstwie in materieller Hinsicht ausgestattet sei. Dabei wird der Begriff der Hochbegabung meist vorschnell ins Spiel gebracht und zumeist abgeleitet von einem hohen Wert in einem IQ-Test. Zur Hochbegabung gehört aber leider noch mehr als nur dies.

     Video: Depression als Kehrseite der Überflussgesellschaft

Irreführende wechselseitige Schuldzuweisungen

Ein weiteres Problem, was zu Verschlimmerung der Situation beitragen kann, ist die Schuldzuweisung in Richtung auf Schule und Lehrer. Häufig sagen Eltern von Kindern  mit Wohlstandsverwahrlosung, ihr Kind sei eigentlich hochbegabt, im Grunde ein Genie und beinahe ein Wunderkind, man könne das Schulversagen eigentlich nur verstehen aufgrund von Unterforderung, oder dass es die falsche Schule besucht habe, oder dass die Lehrer nicht imstande gewesen seien, auf das hochsensible und hochbegabte Kind angemessen einzugehen. Die übliche Erklärung überforderter Eltern mit ihrem wohlstandsverwahrlosten Kind ist meist die Vermutung, es sei aufgrund seiner Hochbegabung in der Schule unterfordert gewesen. Dies kann in besonderen Einzelfällen durchaus zutreffen, reicht aber als Generalerklärung für jegliches Versagen bei der Mehrzahl der Betroffenen nicht aus. Wenig hilfreich sind ebenso wechselseitige Schuldvorwürfe, wenn etwa die Lehrer bei den Eltern die Schuld suchen und umgekehrt die Eltern versuchen, den Lehrern die Schuld zu geben.

    Video: Kritik des Konsumismus

Hinweise auf  Wohlstandsverwahrlosung

Die hier aufgeführten Merkmale können auch Hinweise sein auf das Vorhandensein anderer psychischer Probleme oder Störungen. Selbst wenn ein Merkmal oder mehrere Merkmale zutreffen, kann daraus noch nicht sicher eine Wohlstandsverwahrlosung abgeleitet werden.

  1. psychische Instabilität
  2. starke Anspruchshaltung gegenüber den Eltern und Wünsche nach Versorgung durch die Eltern
  3. souveränes fassadenhaftes Auftreten nach außen bei latent paranoidem inneren Erleben
  4. dissoziatives Erleben des emotionalen Getrenntseins von wichtigen Bezugspersonen
  5. narzißtische Störung in Form von Unterlegenheits- oder Überlegenheitsgefühlen
  6. Schulabsentismus / Schulschwänzen / Schulverweis / Studienabbrüche / Zwangsexmatrikulation
  7. Schulversagen bei normaler oder überdurchnittlicher Intelligenz
  8. Sozialer Rückzug, autistische Züge
  9. Monothematische Beschäftigung mit einem Hobby (Musik, Videospiele) in Verbindung mit Größenphantasien
  10. Chaotische unaufgeräumte Wohnung, nicht entsorgter Abfall
  11. Psychosexuelle Retardierung und sexuelle Fehlentwicklungen
  12. Niedrige Frustrationstoleranz
  13. nur schwach ausgebildete Schuld- und Gewissensgefühle
  14. starke Fixierung auf außergewöhnliche Momente, Abhängigkeit von starken Reizen, Exotik
  15. Angst vor und Aversion gegen Routine und Alltagstätigkeiten
  16. Unsensibilität im sozialen Bereich, Missachten von Konventionen
  17. stark erhöhtes oder vermindertes Erregungspotential
  18. Vermeiden von Wettbewerb, Nicht-Verlierenkönnen
  19. bessere Beziehung zur Putzhilfe der Eltern als zu den Eltern selbst

Bitte beachten Sie: Zur Klärung des jeweiligen Einzelfalles ist eine professionelle Anamnese unerlässlich.

 

Krankheitswertige Störungen in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung – Teil 1

Affluenza – ein neues Krankheitsbild

Das Wort Affluenza setzt sich aus den beiden Begriffen „Influenza“ (Grippekrankheit ) und „Affluence“ (engl. für Wohlstand) zusammen. Mittlerweile hat sich die Diagnose Affluenza als eigenständiges Krankheitsbild durchgesetzt und wird teilweise schon als krankheitswertige Ausprägung von Wohlstandsverwahrlosung angesehen. Die von Affluenza Betroffenen sind meist zu früh zu „Erwachsenen“ gestylt worden, im Sinne von Begabtenerziehung, überfordernde Wissensvermittlung, Hobbies, Ansprüche an optimiertes Aussehen (kosmetische Operationen, aufwändiges Mode- und Hairstyling), bei gleichzeitiger Unterforderung in Bezug auf Übernahme eigener Verantwortung. Auch sind Beziehungen zu anderen Menschen meist geprägt durch das gemeinsame Genießen von materiellem Überfluss, ohne dass eine tiefergehende emotionale  Bindung hergestellt wird.

Durch zu viele Luxusgüter und den damit verbundenen Hobbies/ Aktivitäten etc. werden Langeweile, Stille und Ruhe oft nur als sinnlose Leere erlebt. Im Extremfall wird jede Form von Langeweile oder Frustration durch einen übermäßigen und wahllosen Reizhunger kompensiert. Eine bei Langeweile auftauchende Frage „Was könnte ich jetzt machen?“ wird reflexhaft durch das Online-Bestellen einer Pizza, einer neuen Modekollektion oder einer Dame vom Escort-Service ersetzt. Ein kreativer Umgang mit Langeweile wird damit obsolet.

Alles was mit der Lebensrealität und anstrengenden, negativen Pflichten des Lebens zu tun hat, wird vermieden. Anstrengungen und belastende Tätigkeiten erscheinen bedrohlich und nicht zu bewältigen. Dadurch entwickelt sich eine realitätsferne, verantwortungslose, desorientierte, latent aggressive und frustrierte Persönlichkeit heran, die unfähig ist, zu einer realistischen, vernünftigen und autonomen Selbstreflexion.

Anzeichen für Affluenza können sein: Innere Leere, Depression, Sinn-Krisen, psychotischen Episoden, Halluzinationen, Suizidalität, Drogensucht, Internetsucht, Porno- und Sexsucht, Videospielsucht, Risikosportarten, Autofahren mit überhöhter Geschwindigkeit, ohne Führerschein und unter Alkoholeinfluss  etc. Größenphantasien und Phantasien, überflüssig zu sein, wechseln einander ab oder existieren nebeneinander. Es fehlt den Betroffenen an Verantwortungsbewusstsein für das eigene Leben und an Empathie für das Leben anderer. Betroffene haben haben es schwer sich vorzustellen, dass sie für Folgen ihres Handelns selbst verantwortlich sein könnten.

Krankheitswertige Störungen in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung – Teil 2

Depressionen, Dissoziative Störungen, Sinnlosigkeitsgefühle

Folgen von Wohlstandsverwahrlosung in Familie und Gesellschaft müssen sich nicht in Formen einer äußerlichen Verwahrlosung in der Generation der Kinder zeigen. In vielen Fällen kommt es auch ohne Anzeichen von äußerlicher Verwahrlosung zu dem Auftreten von Depressionen, Dissoziativen Störungen, Sinnlosigkeitsgefühlen, dem Gefühl, ein unauthentisches Leben zu führen. Bei den Dissoziativen Störungen kann ein Gefühl des Unheimlichen oder das Gefühl, sich von anderen in unwirklicher Weise getrennt zu fühlen, vorherrschen. Diese Störungen können zurückgehen auf das Erleben von fordernden, perfektionistischen und emotional abwesenden Eltern, die z.B. nicht ihr Kind in seinen realen Lebensbezügen vor Augen hatten, sondern – fokussiert vor allem auf ihre eigene Karrieren – Vorstellungen vom zukünftigen Ruhm ihrer Kinder auf das kleine vermeintliche „Wunderkind“ projizierten und so an ihrem Kind emotional vorbei lebten un es im Leistungsbereich überforderten.

    Video: Affluenza

Krankheitswertige Störungen in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung – Teil 3

Andere schwere krankheitswertige Störungen in Verbindung mit Aspekten der Wohlstandsverwahrlosung

Sind in wohlhabenden Familien bestimmte problematische Anlagefaktoren von Bedeutung oder haben gravierende traumatisierende Lebensereignisse stattgefunden, können gravierende psychische Störungen in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung auftreten. Hierauf kann aus Platzgründen auf dieser Seite nicht weiter im Detail eingegangen werden. Benennen möchte ich zumindest stichwortartig einige solcher Problemfelder.

  1. Soziale Phobie in Verbindung mit Videospiel-Sucht, Drogenmissbrauch und Hochsensibilität.
  2. Hochsensibilität ist in vielen Fällen bei Überforderungserleben mitbeteiligt und wirkt sich bei Wohlstandsverwahrlosung in der Regel eher ungünstig aus, wenn positive Aspekte der Hochsensibilität nicht genutzt werden können.
  3. Sexueller und / oder emotionaler Missbrauch wirken sich generell sehr destruktiv auf Lebensläufe aus, in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung stellen sie eine besondere Herausforderung an die Psychotherapie dar.
  4. ADS/ADHS als Störung im zielorientierten Handeln und im fokussierten Wahrnehmen können in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung Schulversagen und andere Probleme verschlimmern.
  5. Talente in verschiedenen Bereichen, die zum beeindruckenden Dilettieren verführen, können in Verbindung mit Undiszipliniertheit und fehlendem Zwang zur Existenzsicherung eine Entscheidung zugunsten einer klaren Professionalisierung in einem Bereich verhindern und damit das berufliche Vorankommen gefährden. In diesen Fällen könnten Berufscoaching oder Psychotherapie hilfreich sein.
  6. Formen von paranoidem Erleben, Borderline-Störungen, hebephrene Psychosen etc. in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung sind komplizierte Fälle in der Psychotherapie und erfordern eine intensive Bearbeitung meist über mehrere Jahre.
  7. In einer Anzahl von Fällen kann Wohlstandsverwahrlosung auch einhergehen mit einer Vorgeschichte der Betroffenen als imitative oder koabhängige Kinder ihrer suchtkranker Eltern. Diese Aspekte sind bei einer Psychotherapie ebenfalls besonders zu berücksichtigen.
  8. Fälle von Hypochondrie als Folge von extrem divergierenden Erziehungsstilen der Eltern erfordern in der Regel längere psychotherapeutische Behandlungen.
  9. Wohlstand der Eltern kann bei deren Kindern zu einer Art Rentenneurose führen, z.B. in Verbindung mit dem Vorwurf eines angeblichen sexuellen Missbrauch in der Familie als Rationalisierung von Versorgungswünschen. Siehe hierzu auch die Seite über falsche Erinnerungen.
  10. Bei Asperger-Autismus in Verbindung mit Wohlstandsverwahrlosung sollte professionelle Hilfe in Betracht gezogen werden.

     Video: Überwindung der Sorglosigkeit

Wohlstandsverwahrlosung als psychosozialer Aspekt von Dekadenz

In einer erweiterten Betrachtungsweise könnten Phänomene von Wohlstandsverwahrlosung auch im Zusammenhang mit dem Dekadenzbegriff aus dem Bereich der Ästhetischen Theorie, der Geschichtswissenschaft etc. und seinem Gegenbegriff der Nachhaltigkeit gesehen werden. Das Problem dabei ist: Der Dekadenzbegriff wird heute zumeist abgelehnt, weil er in der NS-Zeit zur Verfolgung Andersdenkender missbräuchlich verwendet wurde (dekadent=entartet). Demgegenüber wird der Gegenbegriff der „Nachhaltigkeit“ in der Gegenwart extrem positiv konnotiert. Obwohl heutzutage eher verpönt, könnte ein nicht Ressentiment-geleiteter Dekadenzbegriff jedoch die Möglichkeit bieten, das Problem der Wohlstandsverwahrlosung auch in einem größeren kulturellen und historischen Kontext zu sehen und nicht nur im Rahmen von defizitären familiären Strukturen abzuleiten und somit nicht nur einseitig den Eltern der Betroffenen Schuld zuzuweisen.

Ein wesentliches Motiv für  Wohlstandsverwahrlosung  ist sicherlich auch die Vorstellung der Betroffenen, die Eltern – und in der erweiterten Form, den Lebensstil der westlichen Welt – nicht mehr in ihrer Leistung übertreffen zu können. Wenn die Eltern schon alles erreicht haben, sieht das Kind möglicherweise keinen Sinn mehr darin, überhaupt zu Schule zu gehen oder zu studieren. Zweifelhafte Bewältigungsformen der Dekadenz sind von ihrer Steigerungsform manchmal kaum zu unterscheiden: Zuflucht in transzendente, imaginäre, phantastische Welten, Experimente mit Drogen aller Art, Beschäftigung mit schöngeistigen Dingen, Studium der Kunstgeschichte, Zuflucht in die Normopathie von Psychotherapeutenverbänden, Aufstieg in die Welt des Adels und/oder der Superreichen oder in Form von globalisiertem Humanitarismus.

Historisch kann die europäische Aufklärung als Höhepunkt einer Entwicklung, die Romantik – spätestens seitdem sie sich mit Heilslehre und Ressentiment auflud – als Beginn der europäischen Dekadenz verstanden werden. Der Nationalsozialismus als selbsternannter Vorkämpfer gegen Dekadenz und als Projekt eines nachhaltig auf 1000 Jahre angelegten Projekts begonnen, ging dann schließlich in dekadenter Barbarei und irrationalen Handlungsstrategien bereits nach 12 Jahren unter. In der Nachkriegszeit sind als dekadente und massenhaft verkündete Heilslehre vor allem die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie zu nennen, die zu einer schleichenden radioaktiven Verseuchung für die nächsten ca. 20000 Jahre geführt hat und deren Eindämmung bis heute ungelöst ist.

In den Bereichen des Geisteslebens kann in diesem Zusammenhang erinnert werden an populäre historische Beispiele der Dekadenzkritik z.B in Form von Friedrich Nietzsches Kritik an dem Komponisten Richard Wagner im Antichrist (1988), bei der Nietzsche sich zugleich vermutlich gegen den eigenen geistigen Verfall, den eigenen beginnenden Wahn in projektiver Weise aufzulehnen versucht oder in Thomas Mann’s Dekadenzroman Buddenbrooks: Verfall einer Familie (1901) insbesondere in der Figur des Hanno Buddenbrook, in der russischen Literatur  bei Gontscharow  in der Figur des Oblomow  (1859).

Im Film werden Aspekte von Dekadenz bzw. Wohlstandsverwahrlosung abgehandelt z.B. in „Jenseits von Eden“ (1955) von Elia Kazan, in „Clockwork Orange“ (1971) von Stanley Kubrick, ebenfalls in mehreren Filmen von Luchino Visconti z.B. in „Die Verdammten“ (1969), von Paul Brickman in „Risky Business“ (1983), von Oliver Hirschbiegel in „Der Untergang“ (2004). Aus der jüngsten Zeit sei verwiesen auf „Was hat uns bloß so ruiniert“ (2017) von Marie Kreutzer.

Folgen von Wohlstandsverwahrlosung

Betroffene zeigen meist Formen von passiver Verweigerung und Antriebslosigkeit. Mangelndes Durchhaltevermögen und Motivationsschwäche verhindern in der Regel, dass sie etwas zu Ende zu bringen. Defizite im Antrieb und im emotionalen Erleben sind im Zusammenhang mit einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit zu sehen. Demgegenüber sind passive Befriedigunsformen ausgeprägt wie Reizhunger, permanente Urlaubswünsche und das Bedürfnis, endlos bespaßt zu werden. Fluchten in rauschhafte Zustände und in unendliche Weiten sorgen dafür, dass Betroffene stark drogengefährdet sind und leicht Opfer von Sekten oder sektenähnlichen Gruppierungen werden, weil sie es überdrüssig sind,  ein normales, langweiligen Alltagsleben zu führen und deshalb nach dem Außergewöhnlichen einem besonderen Kick lechzen. Bei Kindern ist Schulabsentismus ein erstes Anzeichen und auch in der Regel eine typische Folge von Wohlstandsverwahrlosung. Wenn es dann daraufhin zu Versetzung in ein Internat, Auslandsaufenthalten oder Studienreisen kommt, muss einbezogen werden, dass all dies mit dem angenehmen Nebeneffekt von gesellschaftlicher Akzeptanz verbunden ist und die bereits angelegte Prinzenrolle oder Prinzessinnenrolle damit weiter bestärkt wird. 
Betroffene verfügen über ein sehr instabiles Selbstwertgefühl und haben Schwierigkeiten, Sachverhalte realistisch einzuschätzen. Handlungen können dann mehr Wunschphantasien folgen und wirken auf Außenstehende ziellos. Wohlstandsverwahrloste entwickeln häufig eine fassadenhafte Als-Ob- oder Moment-Persönlichkeit. Es bestehen Defizite in der Fähigkeit und Bereitschaft, Verantwortung für Handlungen zu übernehmen. Beziehungsstörungen resultieren aus der Tatsache, dass soziale Beziehungen, Freundschaften, Ehen bei Wohlstandsverwahrlosten oftmals nur auf ihre momentane Nützlichkeit hin bewertet und impulsiv abgebrochen oder ausgetauscht werden, wenn ihr momentaner Nutzen nicht mehr empfunden werden kann. 

Prävention von Wohlstandsverwahrlosung

Typisch für die Entwicklung von Wohlstandsverwahrlosung ist, dass erste Anzeichen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Viel zu lange denken Eltern und Pädagogen, es sei eigentlich alles in Ordnung bis plötzlich wie aus heiterem Himmel der Schulverweis kommt. Um Wohlstandsverwahrlosung vorzubeugen, sollten sich Eltern darüber im klaren sein, dass sie vor allen durch ihre Vorbildfunktion auf die jüngere Generation Einfluss ausüben. Viele Eltern von wohlstandsverwahrlosten Kindern sind selbst in übertriebener Weise perfektionistisch und können und dürfen deshalb auch keinen Mangel an ihren Kindern wahrnehmen und ertragen. Ein pflegeleichtes Wunderkind ist aber die absolute Ausnahme. Die meisten Kinder sind nicht perfekt ebenso wie die meisten Eltern nicht perfekt sind und auch gar nicht sein sollten. Die eigenen Kinder auf ein sinnerfülltes Leben vorzubereiten, bedeutet vor allem auch damit aufzuhören, nach Perfektion zu streben. Es sollte für Eltern selbstverständlich sein, ihren Kindern einen sinnvollen Rahmen vorzugeben, in dem sie sich entfalten können. Dazu gehört aber auch, dass ihnen Grenzen gesetzt werden. Dem Kind wie einem Geliebten oder einer Geliebten jeden Wunsch von den Augen ablesen zu wollen, kann in die pädagogische Katastrophe führen. Eltern sollten sich vor allem nicht zuletzt auch mit der Marginalisierung der eigenen Elternrollen und überhaupt mit der Auflösung traditioneller Rollenschemata in der heutigen Kultur kritisch auseinandersetzen und nicht davon ausgehen, dass ihre Kinder ihren Weg schon irgendwie allein gehen werden.

Behandlungsangebote in meiner Praxis

In meiner Praxis biete ich vor allem Erziehungsberatung betroffener Eltern und Psychotherapie von betroffenen jungen oder auch älteren Erwachsenen an. Kinder und Jugendliche werden in meiner Praxis nicht behandelt. Die Methode der Wahl ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. In besonderen Fällen ist auch eine analytische Psychotherapie (Psychoanalyse) indiziert.

Ansatzpunkte für eine Erziehungsberatung/Psychotherapie sind z.B.

  1. Bearbeitung von Konflikten, die sich aus widersprüchlichen Erziehungskonzepten der Eltern ergeben
  2. narzißtische Störungen in Verbindung mit Arroganz, Prinzen-/Prinzessinnen-Rolle, Selbstidealisierung, Nihilismus, Gleichgültigkeit, Hypochondrie, Somatisierung
  3. Verbesserung von Übernahme eigener Verantwortung
  4. Verbessertes Ertragen von Langeweile
  5. Reduzierung der Versorgung mit Luxusgütern
  6. Verminderung der Abhängigkeit von Pornographie, Videospielen, Drogen
  7. Bearbeitung von Frustrationen und frustrierenden Beziehungserwartungen, die sich aus Auflösungstendenzen der traditionellen weiblichen und männlichen Rollen bei jungen Erwachsenen ergeben.
  8. Erarbeitung eines angemessenen Selbstbewusstseins durch Klärung von Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Begabungen und der jeweiligen eigenen Leistungsfähigkeit
  9. Bearbeitung von Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen bei Wohlstandsverwahrlosung
  10. Bearbeitung der unbewussten ambivalenten Fixierung auf den Tod der Eltern als Versorger und Verhinderer der eigenen Autonomie

Falls Sie selbst oder ihr Kind betroffen sein sollte, vereinbaren Sie bitte ein unverbindliches Beratungsgespräch in meiner Praxis, um die Situation besser einschätzen und Hilfsangebote einbeziehen zu können.

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