Die psychotherapeutische Behandlung von erwachsenen Kindern suchtkranker Eltern

Sind Sie in einer Familie mit suchtkranken Eltern aufgewachsen?

Auf dieser Seite erhalten Sie allgemeine Informationen über die Problematik von erwachsenen Kindern von suchtkranken Eltern und spezielle Informtionen über die psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten dieser erwachsenen Kindern in meiner Praxis in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf.

Fetale Schädigung und familiäre Schädigung durch suchtkranke Eltern

Zu unterscheiden ist eine organische Schädigungen schon während der Schwangerschaft durch Drogen- insbesondere Alkoholkonsum der Mutter des Kindes von einer psychosozialen Schädigung eines Kindes, das in einer Familie aufwächst, in dem ein Elternteil oder beide Elternteile Drogen bzw. Alkohol konsumieren.

FASD Fetal Alcohol Spectrum Disorder / Fetales Alkoholsyndrom (FAS) / Fetale Alkoholeffekte (FAE)

In Bezug auf mögliche hirnorganische Schädigungen während der Schwangerschaft bietet die Erforschung der fetalen Entwicklungsstörungen aufgrund von mütterlichem Alkoholkonsum einige Hinweise.

Die mit dem englischen Fachausdruck „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“ (FASD) bezeichnete Störung beschreibt eine Reihe von körperlichen, kognitiven und sozialen Entwicklungsstörungen des Kindes und späteren Erwachsenen, die ihre Ursachen im Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft haben können.

Es besteht schon bei kleinsten Mengen von Alkoholgenuss die Gefahr, dass der Fetus, das vorgeburtliche Kind, im gesamten Organismus geschädigt werden kann. Hierzu gehören z.B. körperliche Missbildungen, bzw. spezielle Merkmale im Äußeren wie etwa ein kleinerer Kopf, kurze flache Nase, schmale Oberlippe und kleine Augen.

Bei Schäden im Gehirn, dem Zentralnervensystem des Kindes, kann Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen, die später Entwicklungsstörungen im Denken und Verhalten zur Folge haben. Besonders hervorzuheben in diesem Zusammenhang sind Störungen im kognitiv-neurologischen Bereich, welche sich in vielfältigen Symptomen äußern können. Je nach Entwicklungsstand der Organe des Kind zum Zeitpunkt der Alkoholzufuhr durch die Mutter, sind die Störungen mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Beim Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) handelt es sich um das Vollbild der Erkrankung. Die abgeschwächten Ausprägung, bei der die körperlichen Missbildungen fehlen, bezeichnet man als Fetale Alkoholeffekte (FAE). Wenn nicht eindeutig genug festzustellen ist, welche Form vorliegt, spricht man zusammenfassend auch von „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“ (FASD).

Typische psychische Symptome der FASD sind:

  1. Entwickungsverzögerung, Unselbstständigkeit
  2. ADS
  3. Autismus
  4. verminderte Intelligenz
  5. Schwierigkeiten mit Konzentration, Logik, Lernen, Langzeitgedächtnis, Verständnis abstrakter Dinge, Zusammenhängen
  6. Probleme im mathematischen Bereich (z.B. Schwierigkeiten, Größenwerte von Zahlen zu vergleichen, wenn z.B. 17 als größer empfunden wird als 21)
  7. emotionale Instabilität, mentale Unausgeglichenheit
  8. unkontrolliertes Temperament
  9. Aggressivität
  10. Naivität
  11. Risikoaffinität
  12. verlangsamte Reaktion
  13. leichte Ablenkbarkeit (siehe auch ADS)
  14. Koordinationsschwierigkeiten in der Motorik
  15. Entscheidungsschwierigkeiten in Verbindung mit Impulsivität und Ungeduld
  16. Unflexibilität im Lösen von Problemen (immer die gleichen Strategien)
  17. Oppositionelle Grundhaltung und Dissozialität
  18. Kein realistisches Gefühl für Konsequenzen
  19. Schwierigkeiten, Mimik und Gestik richtig zu deuten
  20. Ermüdbarkeit
  21. Ängstlichkeit, Frustration
  22. unangemessenes Sozialverhalten

Menschen mit FASD haben zwar meistens einen durchschnittlichen IQ, und auch kaum körperliche Fehlbildungen, sind jedoch ihr Leben lang beeinträchtigt und ehaben es schwerer als andere, im Leben zurecht zu kommen. Solide Strukturen, konstruktive Rituale, funktionale Routinen, Aspekte von äußerer Sicherheit und soziale Geborgenheit sind deshalb als Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für eine gute Prognose bei einer Psychotherapie der Betroffenen sehr hilfreich.

Psychosoziale Ursachen von Beeinträchtigungen durch das Aufwachsen mit suchtkranken Eltern. Wie viele Menschen sind betroffen?

Nach Informationen aus dem Ärztblatt im Juni 2017 haben in Deutschland rund 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im Laufe ihres Lebens mit einem Elternteil zusammengelebt, die die Diagnose Alkohol­missbrauch oder -abhängigkeit hatten. Etwa 60.000 Kinder haben einen drogen­abhängigen (opiatabhängigen) Elternteil und rund 37.500 bis 150.000 Kinder haben glücksspielsüchtige Eltern. Diese Einschätzung ist offenbar konservativ. Denn es wird ausdrücklich vermerkt, die Dunkelziffer sei hoch. Vermutlich sind also noch viel mehr Kinder und später auch Erwachsene mit Spätfolgen betroffen.

Statistisches zu Spätfolgen

Bei Kindern aus Suchtfamilien findet man sehr häufig eine Übernahme (Transmission) von Störungen: als Erwachsene werden Kinder aus Suchtfamilien bis zu sechs mal häufiger abhängig als Erwachsene, die nicht aus suchtkranken Familien stammen. Außerdem neigen sie eher zu psychischen Leiden wie Angststörungen, Depressionen und diverse Persönlichkeitsstörungen. Rund 2/3 der Betroffenen erleiden im Erwachenenalter Spätfolgen der destruktiven Kindheit in einer drogenbelasteten Familie. Nur etwa 1/3 der Betroffenen schafft es, später ein unbelastetes Leben als Erwachsener zu führen. Auch zu bemerken ist die Tatsache, dass ca. 80% der Töchter von alkoholabhängigen Vätern später auch einmal mit einem suchtkranken Partner zusammen kommen. Die Problematik der früherworbenen Koabhängigkeit wird hier sehr deutlich.

Kindheit und Jugend von Betroffenen

Meistens liegt der Fokus der Helfer in suchtkranken Familien bei den drogenabhängigen Eltern und die Kinder werden eher vernachlässigt oder werden als nur indirekt betroffen betrachtet. Ihr später meist lebenslanges Leiden wird dabei meistens außer Acht gelassen. Betroffene Kinder und spätere Erwachsene sind zudem schwieriger und später als Geschädigte zu erkennen, da sie gelernt haben, Fassaden aufzubauen und Problemsituationen und Beschwerden zu vertuschen.

Koabhängige, indifferente und imitative Kinder

Zu unterscheiden sind zunächst koabhängige Kinder von Kindern, die das suchtkranke Verhalten ihrer Eltern entweder imitieren und damit fortführen oder aber dieses weitgehend ignorieren und sich dazu indifferent verhalten.

Bei den Kindern, die direkt in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, findet man eine Imitation des Verhaltens der suchtkranken Eltern. Diese Kinder sind eher aggressiv, fallen in ihrem Verhalten oft negativ auf und sind unangepasst, hyperaktiv und feindselig, gewaltbereit, lernunwillig, rebellisch und konsumieren in der Regel auch Drogen etc.

Die koabhängigen Kinder überfordern sich mit der Haushaltsführung, dem Übernehmen der Elternrolle und / oder Partnerrolle, was oft auch in Formen von sexuellem oder emotionalem Missbrauch endet. Sie lernen früh jobben, putzen, kochen etc. und stellen die eigenen Bedürfnisse über viele Jahre komplett zurück. Nicht das Kind bekommt von den Eltern Taschengeld, sondern das koabhängige Kind muss das beim Jobben selbst verdiente Geld zuhause bei den Eltern abgeben. So versuchen sie verzweifelt, den Schein einer normalen Familie aufrechtzuerhalten. Sie sind in der Schule oft leistungsstark und angepasst. Das gibt ihnen Lob und Anerkennung, und sie werden oft als „pflegeleicht“ und besonders artig wahrgenommen. In Wahrheit aber handelt es sich um um überforderte, verängstigte Kinder, die sich in sich zurückziehen, keine Freunde nach Hause einladen können, Konflikten aus dem Weg gehen, sich an alles, sei es auch noch so nachteilig, einfach anpassen und ihre Gefühle und Gedanken unterdrücken.

Koabhängige Kinder suchtkranker Eltern erleben ihre Eltern als unberechenbar, was zu einer starken Verunsicherung, extremen Ambivalenzerfahrungen und Loyalitätskonflikten beim Kind und späteren Erwachsenen führt. So wird der suchtkranke Elternteil einerseits sehr verachtet und gehasst, andererseits aber auch geliebt und umsorgt, nicht selten sogar idealisiert wegen seiner Unkonventionalität.

Bei indifferenten Kindern findet sich in der Regel die Konstellation, dass sich bereits ein koabhängiges Geschwisterkind um den suchtkranken Elternteil intensiv kümmert und dadurch das indifferente Kind von Aufgaben frei gestellt wird und sich deshalb auf den eigenen Lebensweg konzentrieren kann. Koabhängige Kinder empfinden es als besonders kränkend, wenn es später mit dem realativ erfolgreicheren indifferenten Kind in vorwurfsvoller Weise verglichen wird. Etwa in der Formel: „Warum machst du es nicht wie Dein Bruder / Deine Schwester, die schaffen es doch auch, erfolgreich zu sein und ein Leben ohne Katastrophen zu führen.“ Was dabei untergeht, ist die Tatsache, dass der vermeintlich gradlinige Weg des indifferenten Kindes nur durch die Opferrolle des koabhängigen Kindes ermöglicht wurde.

Defizite im Familiensystem und beeinträchtigte mentale Struktur

Alkoholkranke Familien schotten sich nach außen zumeist sehr stark ab, koabhängige Kinder erleben das als Isolation und Schamsituation. Diese rigide Abgrenzung steht im Gegensatz zu den innerfamiliären Grenzen, die sehr diffus und unklar werden, etwa wenn die Kinder die Partner- oder Elternrollen übernehmen müssen. Koabhängige Kinder suchtkranker Eltern sind oft krankhaft loyal, da ihnen sonst die Isolation und Ausschluss aus der Familie droht, was Kindern existenzielle Ängste bereitet. Es findet also ein trügerisches Gleichsetzen von Loyalität mit Liebe vor, denn weil sie ihre Eltern lieben, müssen sie sie schützen, unterstützen und Erklärungen finden, um sie weiterhin lieben zu können, trotz des emotionalen Missbrauchs.

Suchtkranke Eltern geben oft den koabhängigen Kindern die Schuld für alles, was schief läuft, da die Eltern nicht einsichtsfähig sind oder nur mangelhaft Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durchschauen können. Dieses Weltbild prägt auf fatale Weise die mentalen Strukturen von koabhängigen Kindern suchtkranker Eltern. Denn sie können sich schnell unbewusst mit der Strategie einer Externalisierung von Schuld identifiziert haben und suchen sehr einseitig in allen Konflikten die Schuld nicht bei bei den anderen sondern eher bei sich selbst. Dies bezeichnet man in der Psychologie als depressive Position. Wogegen die Haltung der Eltern, die Schuld bei anderen zu suchen als paranoide Position bezeichnet wird.

Suchtkranke Eltern und ihre koabhängigen Kinder nehmen also zueinander komplementäre psychische Positionen ein. Dieser Aspekt ist bei der Durchführung von Psychotherapien mit Erwachsenen, die einmal koabhängige Kinder waren, von besonderer Bedeutung.

Grundkonflikte

Bei koabhängigen Kindern häufig anzutreffen sind Gefühle der Ohnmacht, der Überforderung und ein übergroßes Verantwortungsbewusstsein. Auch verspüren sie als Opfer ihrer suchtkranker Eltern oft ein Leben lang Schuldgefühle, die durch die Eltern induziert wurden.

Das erwachsen gewordene koabhängige Kind kann und darf nur heimlich glücklich sein, es fällt ihm schwer, sich zu vergnügen, da es sich nie sicher fühlt. Es lebt nach der Formel: „Freu dich bloß nicht zu früh.“ So kann es nie unbefangen sein, da es immer in unbewusster Rufbereitschaft und latenter Erwartung der nächsten Enttäuschung, des nächsten Dramas ist. Es muss ständig mit schlimmen Situationen rechnen und darauf gefasst sein, dass eine Katastrophe eintritt.

Beschwerden, unter denen erwachsene Kinder suchtkranker Eltern häufig leiden

Erwachsen gewordene koabhängige Kinder suchtkranker Eltern sind oft Meister der Vertuschung und Verheimlichung, da sie in der Kindheit lernen mussten, eine Fassade aufzubauen, um jegliche Wahrnehmung von Problemen in der Familie unmöglich zu machen. Sie haben oft starke Peinlichkeits- und Schamgefühle und stellen sich z.B. als jemand anderen dar als sie tatsächlich sind. Kinder von suchtkranken Eltern haben oft Schuldgefühle und ein vermindertes Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich zeitlebens als Sündenböcke und Versager und haben im späteren Erwachsenenleben oft Beziehungsprobleme in Form von Bindungsstörungen- und Ängsten. Viele spätere erwachsene koabhängige Kinder suchtkranker Eltern leiden unter Depressionen und diversen Persönlichkeitsstörungen, Ekelgefühlen, Gefühlen der Leere und schwanken stark zwischen Gefühlen von Agonie und Überdrehtheit.

Spätfolgen

Erwachsene koabhängige Kinder suchtkranker Elternteile reagieren auf Veränderungen oft mit Panik, Angst und Hilflosigkeit. Großgeworden in Angst, Chaos, Unsicherheit, reagieren sie mit Schockstarre oder impulsiv in übertriebene Panik umschlagend. Jede Veränderung hat in der Regel dramatische Dimensionen, daher fällt es ihnen schwer, angemessene und rationale Erlebnisweisen und Verhaltensweisen zu entwickeln.

Unterdrückung von Gefühlen und Verleugnung von Wahrnehmungen

Spätfolgen im Leben der Erwachsenen resultieren aus dem, was Kinder in suchtkranken Familien erlebt haben: Die Kinder mussten ihre Gefühle und Wahrnehmungen unterdrücken oder verleugnen. Sie mussten sich um ihre Eltern kümmern , konnten nicht oder nicht genug Kind sein, hatten zuviel Verantwortung, ersetzten die Pflichten des suchtkranken Elternteils, was sie aber überforderte. Sie mussten zu früh zu viel Verantwortung für Eltern, Geschwister und sich selbst übernehmen. Im späteren Erwachsenenleben haben sie ein erhöhtes Risiko, selbst suchtkrank zu werden oder an anderen psychischen Störungen zu leiden. Insgesamt sind sie eher psychisch instabil und sie bekommen häufig Diagnosen in den Bereichen Angst, Depression, Zwang oder Essstörungen. 

Leistungseinbrüche in Schule und Studium

Während der Kindheit gab es meist im schulischen Bereich Leistungseinbrüche. Dies kann sich im Erwachsenenleben im Rahmen einer Ausbildung oder eines Studiums wiederholen. Die emotionale Bindung ist meist fragil, weil diese Kinder es gewohnt sind, immer auf plötzliche negative Veränderungen gefasst zu sein. Sie haben als Kinder und auch später als Erwachsene Probleme, über eigene Bedürfnisse zu reden, weil sie gelernt haben, dass es ihnen (vom suchtkranken Elternteil) vorgeworfen wird, eine eigene Meinung zu vertreten. Wenn sie eine eigene Meinung hatten, wurden sie möglicherweise von den Eltern bedroht, ausgeschlossen oder terrorisiert. Koabhängige Kinder aus suchtkranken Familien haben häufig Defizite, soziale Interaktionen realistisch einzuschätzen, da sie als Kind gelernt haben, sich offensichtlich schädliche, asoziale Situationen „schön zu reden“, oder zu verleugnen, um nicht verrückt zu werden.

Leben in Unsicherheiten ist geprägt von Hilflosigkeit

Koabhängige Kinder suchtkranker Eltern sind meist sehr labil, da sich ihr Leben und ihre Persönlichkeit in Konfrontation mit großen Unsicherheiten entwickelt hat. Auch als Erwachsener können sie später nicht gut einschätzen, was sie von der Welt, den Menschen etc. zu erwarten haben.

Vielen fällt es sehr schwer, an etwas dranzubleiben, Dinge durchzuziehen und sich nicht ablenken zu lassen, Es braucht sehr viel Energie, mit dieser extremen Unsicherheit, die sich durchs Leben gezogen hat bzw. noch immer zieht, umzugehen.

Viele erwachsene koabhängige Kinder suchtkranker Eltern führen unglückliche Partnerschaften, haben viele Trennungen, Scheidungen erlebt, sind bedroht von Arbeitsplatzproblemen. Sie fühlen sich  immer wieder Situationen und Menschen hilflos ausgeliefert.

Ansatzpunkte für eine Psychotherapie

Ein Ansatzpunkt für eine Psychotherapie bietet die Tatsache, dass etwa 1/3 der betroffenen Kinder gegen die negative Beeinflussung durch suchtkranke Eltern unempfindlich sind. Zu verweisen ist auf Erforschung von Kindern, die trotz stressreicher und traumatisierender Kindheit weitgehend psychische Stabilität aufweisen. Ein Kind mit suchtkranken Eltern wird nicht notwendig auch selbst suchtkrank oder koabhängig. Diese Widerstandsfähigkeit, Stresstoleranz und Fähigkeit zur selbstschützenden Anpassung sowie die Fähigkeit positive Entwicklungen trotz schlechtester Bedingungen bezeichnet man als Resilienz bzw. Stressresistenz. Die stressreiche Lebenssituation wird dabei als eine spezifische Herausforderung („challenge“) begriffen. Wolin & Wolin arbeiteten insgesamt sieben intrapsychische Resilienzen heraus, mit denen man sich vor der schädigenden und traumatisierenden Familie schützen kann:

Aspekte von Resilienz

  1. Einsicht, dass z.B. die durch Drogen belastete Familiensituation nicht zu ertragen und nicht in Ordnung ist
  2. Unabhängigkeit, z.B. sich psychisch abgrenzen zu können, um negative Beeinflussung zu verhindern
  3. Beziehungsfähigkeit, z.B. proaktiv Bindungen zu psychisch stabilen Menschen herstellen
  4. Initiative, z.B. Sport, Gruppenaktivitäten, Soziales Netz aufbauen
  5. Kreativität, z.B. Kunst als Verarbeitungsform
  6. Humor, z.B. in Form von Sarkasmus und Ironie als Methode der Distanzierung
  7. Moral, z.B. ein eigenes stabiles, an gesunden Menschen orientiertes Wertemodell

Resiliente Menschen haben das Gefühl, ihre Umwelt selbstwirksam gestalten und kontrollieren zu können (Selbstwirksamkeitserwartung), also das Gegenteil von Hilflosigkeit und Ohnmacht, das bei vielen Betroffenen vorherrscht. An dieser Stelle ist zu vermerken, dass schon verlässliche Rituale und eingeübte konstruktive Handlungsabläufe die Unsicherheit von Betroffenen eindämmen können.

Freisprechen von Schuld

Von besonderer Bedeutung ist, dass der spätere Erwachsene erkennt, dass Leben und Leiden in der suchtkranken Familie nicht hinnehmbar und zu rechtfertigen waren und dass die Betroffenen an dem Leiden der Eltern keine Schuld tragen. Diese Erkenntnisse sind der Ausgangspunkt für die Befreiung vom destruktiven Denken und Fühlen in der Herkunftsfamilie. Die Einsicht in diese Zusammenhänge kann die Betroffenen für eine gewisse Zeit in der Familie isolieren. Bei diesen Formen von Widerstand, Abgrenzung und Isolation sind stabile helfende Menschen in der sozialen Umgebung unabdingbar, um die Ablösung von der Familie in psychischer Hinsicht zu ermöglichen.

Behandlungsmöglichkeiten

Koabhängige Kinder suchtkranker Eltern möchten raus aus dem familiären Dschungel von Missbrauch, falscher Loyalität, Konfusion. Dabei kann eine Psychotherapie eine wertvoll Hilfe darstellen. Der Psychotherapeut sollte für den betroffenen Patienten eine starke, stabile Bezugsperson sein, damit sich der Patient im Laufe einer längeren Behandlung zu einem flexiblen, stabilen Menschen entwickeln kann, der lösungsorientiert denken lernt. Es ist naheliegend, dass für die Erreichung dieser Ziele meist eine klare Indikation für eine Langzeittherapie besteht und eine Kurzzeittherapie in der Regel kontraindiziert ist. Eine Langzeittherapie ist in meiner Praxis möglich in Form einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und in Form einer analytischen Psychotherapie (Psychoanalyse).

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