Finanzcoaching als Unterstützung zum psychologisch sinnvollen Vorgehen bei Anlageentscheidungen

Finanzcoaching ist angewandte Finanzpsychologie

Finanzcoaching als angewandte Finanzpsychologie adressiert das Problem, dass beim Umgang mit Geld häufig grundlegende Fehlannahmen vorhanden sind und im Zusammenhang damit auch fatale Fehlentscheidungen getroffen werden können, die in den Ruin führen, falls sie nicht rechtzeitig korrigiert werden. Zu möglichen Fehlannahmen und Fehlentscheidungen gehören:

  1. Es wird nicht genau genug zwischen konsumtiven Ausgaben, Investitionen, konservativen und spekulativen Anlagen unterschieden.
  2. Die unterschiedlichen Persönlichkeitsvariablen des Verantwortlichen werden nicht hinreichend als positive bzw. negative Voraussetzungen für die notwendigen Entscheidungsprozesse miteinbezogen.
  3. Die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen im Umgang mit Geld werden nicht berücksichtigt.
  4. Die eigene relative Unerfahrenheit mit Kapitalmärkten wird unterschätzt und die Fähigkeit sogenannter “Experten”, gute Empfehlungen für den Umgang mit Geld zu geben, wird überschätzt.
  5. Die naive Vorstellung, jemand anders werde schon besser wissen, wie mit dem eigenen Geld umzugehen sei, öffnet Betrügern Tür und Tor. Dass Fondsmanager wissen was sie tun, ist vermutlich eher auch die Ausnahme.
  6. Die unbewussten Bedeutungen des Geldes werden nur unzulänglich in ihrer Wirkmächtigkeit erkannt – insbesondere, dass der Umgang mit Geld starke irrationale Gefühle und Affekte auslösen kann (Angst, Gier, Angebertum, Neid, Konkurrenz, Rachsucht, Hoffnung, Sorglosigkeit, Selbstüberschätzung, Aufgeregtheit, Panik u.a.), was den rationalen Umgang mit dem Ersparten einschränkt.
  7. Beim Umgang mit Geld wirken sich häufig bestimmte Phänomene aus, die als kognitive Verzerrungen bekannt sind. Sie rühren nicht selten daher, dass unbewusste Motive rationale Gesichtspunkte überlagern und damit verzerren.

Persönlichkeitstypen im Umgang mit Geld

Der risikoaffine Konsumententyp will sich vor allem etwas gönnen und geht dabei sehr sorglos mit Geld um. Ersparnisse erachtet er als überflüssig und hält Ratenverträge für die beste Erfindung, die von der Finanzindustrie jemals erdacht wurde. Dieser Typ ist in großem Maße von Privatinsolvenz gefährdet.

Der Sparer- und zurückhaltende Konsumententyp legt alles zurück, was er entbehren kann und gönnt sich fast nichts. Er spart vielleicht, um sich später mal ein Haus kaufen zu können. Er unterliegt dem latenten Risiko, dass er den Umgang mit Geld nicht ausreichend übt, sondern eher vermeidet und in Zeiten mit extrem niedrigen Zinsen eher auf der Seite der Verlierer ist.

Der Sparer- und freigiebige Konsumententyp legt alles zurück, was er im Moment entbehren kann, um wieder genug Geld zusammen zu haben für eine große Reise oder ein schnelles Auto. Nach starken konsumtiven Ausgaben ist er erst mal wieder pleite oder hat sogar Schulden und muss mit dem Sparen wieder von vorn anfangen bis wieder alles auf einen Schlag ausgegeben werden kann. Dieser Typ kann trotz seiner intensiven Sparanstrengungen unmöglich zu nachhaltiger finanzieller Sicherheit gelangen.

Der Investor- und risikoaffine Konsumententyp ist zunächst am Aufbau eines eigenen Betriebs, einer Praxis oder einer Kanzlei interessiert und verwechselt dann aber Bruttoeinnahmen mit Nettoeinnahmen. Wenn es darum geht, am Ende des Jahres die Steuern zu bezahlen, muss er feststellen, dass er seine gesamten Bruttoeinnahmen für konsumtive Ausgaben, z.B. ein schnelles Auto, eine luxuriöse Fernreise oder teure Geschenke ausgegeben hat. Dieser Typ ist in großer Gefahr, trotz intensiver und harter Arbeit alles wieder zu verlieren und am Ende gezwungen zu sein, im Wohnwagen zu leben.

Der Investor- und Sparertyp ist auch am Aufbau eines eigenen Betriebs, einer Praxis oder einer Kanzlei interessiert, legt dann aber von dem was nach dem Bezahlen der Steuer übrig bleibt, alles auf die hohe Kante. Dieser Typ begibt sich in das Risiko, dass er trotz einiger Ersparnisse nur ein bescheidenes Leben führen kann, weil er Anlagemöglichkeiten nicht ausreichend erkundet hat. Das Risiko dieser Form von Mittelstandsverarmung wächst bei niedrigem Zinsniveau.

Der risikoaffine Anlegertyp will vor allem schnell reich werden. Er legt zu viel Geld in vermeintlich günstigen Situationen in wenigen Anlageklassen an, ohne sich mit den entsprechenden Anlagegütern intensiv genug beschäftigt zu haben. Er handelt vielleicht sogar nur aufgrund einer Empfehlung, eines heißen Tipps oder wird Opfer eines Anlagebetrugs. Dieser Anlegertyp kann ebenso wie der risikoaffine Konsumententyp in der Privatinsolvenz enden, wenn er nicht rechtzeitig gegensteuert und Risiken begrenzt. Handelt er zudem hektisch und ist von einer phlegmatischer Grundeinstellung beherrscht (entsprechend der Ideologie, „die Kapitalmärkte für sich arbeiten zu lassen“), ist ein Totalverlust nicht ausgeschlossen.

Der risikoaverse Anlegertyp strebt auf der Basis von kleinen Ersparnissen durch vorsichtiges und kluges Kaufen und gegebenenfalls auch Verkaufen von Anlagegütern nach finanzieller Sicherheit. Das Risiko dieses Typs ist, dass  er sich zu sehr auf einzelne Anlageklassen konzentriert und zu wenig diversifiziert. Darüber hinaus entscheidend für den Anlageerfolg dieses Persönlichkeitstyps in Finanzangelegenheiten ist nicht zuletzt seine mentale Einstellung  in Bezug auf gelassene Flexibilität, Hektik oder Phlegma bei Risikoentscheidungen.

Der risikobewusste Anlegertyp strebt auf der Basis von soliden Ersparnissen durch vorsichtiges und kluges Handeln  von Anlagegütern nach rationalen Kriterien. Seine mentale Einstellung  ist die einer gelassenen Flexibilität bei Risikoentscheidungen. Er ist bereit und fähig, Risiken bewusst und kalkuliert einzugehen und zu begrenzen, um sich seine finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit nachhaltig zu bewahren. Das Risiko hier ist, dass er sich als Trader zu wenig mit Tradingpsychologie beschäftigt und in Gefahr ist, sich in Ausnahmesituationen zu Risikoentscheidungen hinreißen zu lassen, die seinem Plan widersprechen.

Investieren und Spekulieren – Gegensatz oder Ergänzung?

Der investierende Anleger ist vor allem an passivem Einkommen interessiert, er kauft eine Immobilie und vermietet diese, um von Mieteinnahmen leben zu können. Ebenso kauft er vielleicht Aktien, die vor allem gute Dividenden einbringen. Der Nachteil dieser Methode besteht darin, dass Wertverluste nicht rechtzeitig genug zum Verkauf genutzt werden oder dass ein Wertverlust dazu führt, dass noch mehr vom vermeintlich jetzt billigeren Wert gekauft werden.

Im Gegensatz dazu ist der spekulative Anleger an meist kurzfristigen Wertveränderungen seines Basisinstruments interessiert und versucht durch Kaufen oder Verkaufen dieses Basisinstruments einen Gewinn zu erwirtschaften (z.B. durch Handel mit CFDs).  Der Nachteil dieser Methode, wenn z.B. nur auf Tagesbasis gehandelt wird ist, dass der Daytrader zuwenig seine Gewinne laufen lässt und Trends verpasst, die sich über viele Monate oder Jahre hinstrecken.

Wichtig ist es, Anlagen im investierenden langfristigen Bereich von spekulativen Anlagen klar voneinander zu trennen, entuell sogar in Form von verschiedenen Konten. Die praktische oder insbesondere auch die mentale Vermischung beider Anlagearten ist in der Regel ungünstig.

Beide Formen können auch miteinander kombiniert werden, indem z.B. zu investierenden Anlagezwecken dividendenstarke Aktien gekauft werden, die mittels Verkaufs von CFDs gegen Kursverluste besichert werden. So können Verlustrisiken kompensiert werden, ohne dass auf mögliche Dividendenzahlungen verzichtet werden muss.

Auch der Kauf einer Immobile auf der Basis von Hypothekendarlehen kann durch Absicherungsgeschäfte gegen steigende Zinsen in Form von spekulative Anlagestrategien (z.B. in den Bundfuture-Short) geschützt werden.

Defensive Strategien für ältere Anleger sinnvoll

Anleger im Alter von 50+ sollten langsam daran denken, sich in Bezug auf Anlagewerte allmählich defensiver aufzustellen. Generell gilt die Regel, man solle insbesondere in spekulative Aktien nur zu einem Prozentsatz = (100-Lebensalter) investiert sein. D.h., ein 55-jähriger sollte sein Vermögen nur noch bis maximal zu 45% in spekulativen Aktien anlegen. Dazu ist es ratsam, dividendenstarke Basiswerte zu bevorzugen, je älter man wird.

Beispiele für kognitive Verzerrungen bei entscheidungsrelevanten Wahrnehmungen

Unbewusste Prozesse und andere Faktoren können rationale Entscheidungen unbemerkt beeinflussen. Im folgenden sollen einige Beispiele für diese Effekte kurz angesprochen werden.

Optischer Effekt: steigende Preise werden unbewusst mit physikalisch aufsteigenden und möglicherweise absturzgefährdeten Massen und fallende Preise unbewusst mit physikalisch fallen und potentiell auftriebsfähigen Massen identifiziert. Inverse Charts können deshalb im Vergleich zu den Originalcharts bei jeweiligen Betrachtern konträre Gefühle auslösen, obwohl – rational betrachtet – die abgebildeten Informationen gleich sind.

Ankereffekt: Die Wahrnehmung einer Anfangssequenz, eines ersten Eindrucks, kann den Blick trüben für die Wahrnehmung der größeren Zusammenhänge sowohl in Bezug auf die Historie als auch auf die Komplexität der Preisentwicklung einer Anlage. Der Ankereffekt wirkt sich auch negativ aus, wenn der zufällige Einstiegspreis bei einer Anlage subjektiv eine übersteigerte Bedeutung erhält.

Rezenzeffekt: Die letzten Erfahrungen werden in der Regel überbewertet und damit ältere Erfahrungen überschrieben. Das zuletzt Erlebte wird häufig als wichtiger angesehen als frühere Erfahrungen. Dies behindert ein effektives Lernen aus Erfahrungen.

Bestätigungseffekt: In Konfliktsituationen sucht man selektiv nach Bestätigung  der eigenen Auffassung und ist weniger zugänglich für relativierende Informationen.

Rationalisierungseffekt nach einem Kauf/Verkauf. Nach einer möglicherweise falschen Anlageentscheidung immunisierte man sich gegen Zweifel.

Mitläufereffekt: Die Auffassungen anderer und deren Handlungen wirken unwillkürlich und unbewusst auf die eigenen Entscheidungen ein.

Verlustaversionseffekt: Wenn man einen Verlust erleidet, fühlt man sich in der Regel schlecht. Deshalb versucht man auch bei falschen Anlagen, Verluste nicht zu realisieren und läuft damit Gefahr, dass sie sich ausweiten.

Attributionsfehlereffekt: Positive Ergebnisse werden in der Regel eigenen Kompetenzen zugeschrieben, während negative Ergebnisse den Umgebungsvariablen angelastet werden.

Kontrollillusionseffekt: Auch in einer Situation, die man objektiv nicht beeinflussen kann, entsteht die irrige Vorstellung, sie durch Beratung, Berechnung etc. dennoch kontrollieren zu können.

Rückschaufehlereffekt: Im Nachhinein werden Ergebnisse häufig so erinnert oder nachvollzogen, als habe man die Entwicklung rechtzeitig kommen sehen oder als hätte man sie rechtzeitig kommen sehen können.

Sentimenteffekt: Anleger „verlieben“ sich in eine Vorstellung, wie die Märkte sich entwickeln sollten. Wenn rationale Gründe dagegen sprechen, können sie sich nur schwer von ihrer Auffassung lösen.

Kognitiver Dissonanz Effekt: Eine Überzeugung tritt in Widerspruch zu einer Wahrnehmung. Dies kann zur Folge haben, dass die Wahrnehmung verleugnet werden muss, um an der Überzeugung festhalten zu können.

„Blinder Fleck“-Effekt: Genereller Effekt, der sich prinzipiell immer dann auswirkt, wenn man irgendeinen Aspekt der Anlage nicht bedacht hat.

Ursachen für Sorglosigkeit in Finanzfragen

Als Ursachen für Sorglosigkeit im Umgang mit Geld können verschiedene Aspekte erwähnt werden. Zum einen gehört hierzu, dass sich der wohlhabende Anleger vermeintlich mit einem guten Finanzpuffer ausgestattet sieht und deshalb größere Risiken meint eingehen zu können oder auf gut Glück zu handeln bzw. einer Ahnung oder Tipp zu folgen. Es wird übersehen, dass selbst größere Beträge schnell zusammenschmelzen, wenn wiederholt falsche Entscheidungen getroffen werden.

Fatale Sorglosigkeit nach Anfängerglück

Ähnlich wirkt sich ein zufälliger satter Gewinn bei einer Geldanlage aus, der ebenfalls zu vermehrter Sorglosigkeit führen kann, wenn der Anleger irrtümlich den Erfolg seiner Person zuordnet und nicht seiner Methode. Unrealistische Anfangserfolge im Sinne einer „Einstiegsdroge“ sind meist auch die Ursache für die Entwicklung eines pathologischen Spielens anstelle eines rationalen Investierens bzw. einer auf strengen methodischen Regeln beruhenden Spekulation.

Sorglosigkeit aufgrund von irreführender Einpreisungsfiktion und vermeintlich ewigen Gesetzmäßigkeiten

Ein weiterer Grund für Sorglosigkeit ist die vermeintliche umfassende Kenntnis von der Anlage beim einzelnen Anleger bzw. die irreführende Vorstellung, dass alle Fakten bereits in den Preis eingeflossen sind. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Preisentwicklung einer Anlage von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist, die in ihrer Gesamtheit von niemandem vollständig übersehen werden können und die auch erst nach und nach dem größeren Publikum bekannt werden. Darüber hinaus werden Basiswerte nach regelbasierten Wenn-Dann-Beziehungen (Algorithmen) gehandelt und dies sowohl manuell als auch maschinell. Gerade auch der technisch angelegte Trendfolge-Ansatz führt zu Übertreibungen in die eine oder andere Richtung. Ebenso können Käufe oder Verkaufe, die dazu dienen, den jeweiligen Markt zu testen, Preise ermöglichen, die konträr zur Einpreisungsfiktion sind. Auch Gesetzmäßigkeiten für Anlageentscheidungen, die in früheren Zeiten immer sicher funktionierten, können in einer bestimmten Ausnahmesituation außer Kraft gesetzt werden (Black Swan Phänomen/Flash-Crash). Es ist deshalb wichtig, die Begrenztheit des eigenen Wissens und bisher mögliche unbekannten Faktoren in ihrer überraschenden Wirksamkeit mit einzubeziehen, um Sorglosigkeit zu vermeiden.

Gerade auch Erfolgsmenschen handeln oft sorglos

Sorglos verhalten sich auch häufig Anleger, die es in anderen Bereichen des Berufslebens zu großen Erfolgen gebracht haben und daraus irrtümlich schließen, dass ihnen die Wiederholung dieses Erfolgs im Finanzbereich ebenfalls leicht gelingen kann. Besonders fatal wirkt sich dieser Irrtum aus, wenn der bisherige Erfolg im Beruf insbesondere auf Charisma und Dominanz begründet war. Persönlichkeiten dieser Art verstehen oft lange nicht, dass sich die Finanzmärkte nicht so wie leichtgläubige oder untergebene Menschen beherrschen und beeindrucken lassen.

Marktpsychologie und Konjunkturzyklen

Sentimenteffekte verführen auch häufig zur Sorglosigkeit, wenn Investoren der festen Überzeugung sind, dass der bisherige Trend sich sicher fortsetzen wird oder umgekehrt, dass der bisherige Trend vermeintlich an sein vorläufiges Ende gekommen ist. Dies bedeutet: Konjunkturzyklen gehen häufig mit marktpsychologischem Sentiment einher. So ist es typisch für die letzte Phase in einer Hausse, dass allgemeine Euphorie ausbricht und sich die allgemeine Auffassung in Form einer unumstößlichen Gewissheit bei nahezu allen Marktteilnehern durchsetzt, dass jetzt die Bewertungen „durch die Decke“ gehen müssen und weitere Preissteigerungen unabdingbar sind. Wenn es dann zu ersten Rücksetzern kommt, setzt die möglicherweise falsche Gewissheit ein, dass bisherige Hochs bald wieder erreicht werden können. Bei weiteren Verlusten breitet sich Besorgnis aus. Aber erst wenn eine eindeutigen Kapitulation spürbar wird, besteht die Chance einer Bodenbildung und damit einer echten Erholung. Das Erspüren des Marktsentiment kann – vor allem in Kombination mit Technischer Analyse – ein wichtiger Indikator für Bewertungszyklen sein.

Fallstricke des Wertpapierhandels

  1. Finanzielle Abhängigkeit vom beabsichtigten erfolgreichen Wertpapierhandel. D.h., nur ein abgesichertes fixes Einkommen kann die Voraussetzung für risikobehaftetes Handeln sein.
  2. Die sogenannte „Verbilligung“ bei Verlustgeschäften. Der Preis läuft gegen die eingegangene Position, dennoch werden weitere Positionen eröffnet mit der Illusion, dadurch einen günstigeren Einstiegspreis erhalten zu können.
  3. Beim kurzfristigen Handel denkt der Akteur latent immer an die Möglichkeit, über längere Zeit eine Postion halten zu können. Dadurch werden mögliche Gewinne nicht gesichert. Die Positionen laufen immer wieder ins Minus.
  4. Stopps werden nicht rational gesetzt, sondern viel zu weit entfernt oder gar nicht oder sogar vom Preis wegplatziert, um nicht einen Verlust realisieren zu müssen.
  5. Schlechtes Moneymanagement: Nach Verlusten werden Positionen verdoppelt oder verdreifacht, um die  erlittenen Verluste vermeintlich schnell wieder kompensieren zu können.
  6. Schlechtes Risikomanagement. Wenn die tatsächlichen Verluste höher ausfallen als die tatsächlich realisierten, z.B. ein kalkulierter Verlust von einen halben Prozent wächst sich unversehens aus zu einem Verlust von fünf Prozent.
  7. Es wird nach Bauchgefühl (sentimentbasierte Prognose, Angst und Gier) gehandelt ohne erfolgversprechende und ausführlich getestete regelgeleitete Strategie.
  8. Die Marktstruktur wird nicht in Bezug auf die Anwendung unterschiedlicher strategische Aspekte berücksichtigt. Denn jeweils geeignete Strategien sind in Korrekturen, Trendbewegungen, Umkehrungen und Seitwärtsbewegungen anzuwenden.
  9. Es wird nicht suffizient zwischen Daytrading, Swingtrading und Positionstrading unterschieden.
  10. Es werden Handelssignale gekauft oder Tipps von vermeintlichen Experten eingeholt, ohne selbst ein eigenes Verständnis des Marktgeschehens zu entwickeln.
  11. Man konzentriert sich verbissen auf einen Markt, der vertraut erscheint, obwohl andere Märkte viel besser und effektiver handelbar wären.
  12. Sorglosigkeit nach Gewinnen und Überreaktion nach Verlusten.

Regressive Aspekte beim Umgang mit Geld

Beim Umgang mit Geld, sei es in Form berauschender konsumtiver Ausgaben, der klassischen Ansammlung des Geldes auf dem Sparbuch oder beim spekulativen Anlegen, immer können auch regressive, d.h. aus der Kindheit stammende Faktoren, unbewusst eine Rolle spielen. Hierbei kann es um die Realisierung kindlicher Wünsche gehen oder um den Zwang zur Kompensation von in der Kindheit erlittenen seelischen Verletzungen. Das sogenannte „innere Kind“ handelt meist unbemerkt mit und kann in vielen Fällen wichtige Finanzentscheidungen irrational und damit negativ beeinflussen. Die Klärung von unbewussten Phantasien mit derartigem Hintergrund bildet einen wesentlichen Aspekt von tiefenpsychologisch orientiertem Finanzcoaching so wie ich es in meiner Praxis anbiete.

Psychologische Herausforderungen beim spekulativen Anlegen

Beim Handeln von Werten, die im Preis starken Schwankungen unterliegen, werden üblicherweise technikbasierte Handelssysteme verwendet. Je nach dem in welcher Phase der Entwicklung sich ein spekulativer Anleger („Trader“) befindet, spielen unterschiedliche psychologische Herausforderungen eine Rolle. In einer ersten Phase, in der spekulative Anleger völlig emotional – quasi aus dem Bauch heraus – handelt, besteht die Herausforderung darin, sich mit der Notwendigkeit rational begründeter Risikoentscheidungen auseinanderzusetzen. In einer zweiter Phase, der Entwicklung und Erprobung von algorithmischen Handelsstrategien, besteht die psychologische Herausforderung in der Beschränkung auf minimale Einsätze bis die gewählten Handelsstrategien der jeweiligen eigenen Persönlichkeit entsprechen und zuverlässig erfolgreich gehandelt werden können. In der dritten Phase, nachdem zumindest eine erprobte Handelsstrategie entwickelt wurde, kann eine Herausforderung darin bestehen, dass der spekulative Anleger sich mit Disziplin und vor allem Geduld auf das Regelwerk seiner Handelsstrategien beschränkt und nicht impulsiv im Rahmen von vermeintlichen „Ausnahmesituationen“ davon abweicht.

Gibt es eine „goldene Regel“ bei der Anlagepsychologie?

Im Kern besteht die psychologische Herausforderung beim Anlegen darin, dass es nicht wirklich eine überschaubare einfache goldene Regel gibt, die zum Erfolg führt, sondern vielmehr beständig in jeder Situation aufs Neue eine Balance gefunden werden muss zwischen Überzeugung und Ratlosigkeit, Risikobereitschaft und Vorsicht, Veränderungsbereitschaft (Kreativität) und Vertrauen auf gesichertes Praxiswissen in der wiederholten Anwendung erprobter Erfolgsstrategien sowie der Unterscheidung von unkalkulierbarer Ungewissheit von wahrscheinlichkeitsbedingter Unsicherheit. In Bezug auf die vielzitierten Affekte „Angst und Gier“, die das Anlegerverhalten unterschwellig beeinflussen und sich negativ auf die Performance auswirken können, sei bemerkt, dass sich diese umso weniger auswirken sollten, je besser der Anleger kapitalisiert ist. Ein unterkapitalisierter Anlager, der auch noch dazu relativ unerfahren ist, wird erheblich leichter die negativen Auswirkungen dieser Affekte zu spüren bekommen. Verfügt ein Anlager jedoch über ein sehr umfangreiches Handelskonto und kann er dennoch seine Gier nicht zügeln, ist dies die Steilvorlage für ein Desaster.

Zu Vorbehalten gegenüber der Technischen Analyse

Die Technische Analyse steht im Kontrast zur Fundamentalanalyse und ergänzt diese üblicherweise. Im Gegensatz zur Fundamentalanalyse, bei der – anhand von Wirtschaftsdaten -versucht wird, intellektuell abzuleiten, was passieren sollte, beoachtet der Technische Analyst, was tatsächlich passiert. Vielfach findet man die Auffassung, dass die Technische Analyse als eine Art von Hokuspokus nicht in der Lage sei, Kursentwicklungen korrekt vorauszusagen. Wenn man Technische Analyse als Mittel der Prognose missversteht, erscheinen diese Vorbehalte durchaus nachvollziehbar. Dem steht entgegen, dass die Technische Analyse sehr wohl die Möglichkeit beinhaltet, die Verfassung eines jeweiligen Markt zu einem gegebenem Zeitpunkt zu bestimmen. Daraus können bestimmte Schlüsse, die den Regeln der Wahrscheinlichkeit folgen, abgeleitet werden, was nicht mit einer Prognose verwechselt werden sollte. Anders gesagt: Die Technische Analyse liefert Aussagen über die jeweilige Bedingung der Möglichkeit für eine Kursentwicklung. Weiterhin ist die Technische Analyse nützlich, wenn es darum geht, Gerüchten und Erwartungen frühzeitig zumindest indirekt auf die Spur zu kommen, bevor sie als gesicherte Fakten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden. Denn in der Regel wissen einige Marktteilnehmer früher und mehr als andere und positionieren sich entsprechend  zeitiger als solche, denen relevante Informationen erst später zugänglich werden. Dabei gilt häufig die Regel: „Erst bewegt sich der Kurs, dann kommt die Mitteiung.“ Wer sich mit der Technische Analyse eingehender beschäftigen möchte, sei zunächst auf die grundlegende Dow Theorie verwiesen. Denn die heute praktizierte Technische Analyse wurde von Charles Dow vor mehr als 100 Jahren begründet. Seine sechs Theoreme zur Charttechnik sind für Technische Analysten auch heute noch wegweisend.

Bedeutung der Angst beim „Stopp-Fishing“

Eine der wichtigsten Emotionen beim Handeln von Basiswerten ist die Angst, die ausgelöst wird, wenn vor einem Ausbruch in Trendrichtung ein oder mehrere Rücksetzer im Sinne von Korrekturen von den kapitalkräftigen Marktteilnehmern initiiert werden. Die dabei empfundene und zu bewältigende Angst, dass die eingegangene Position beim „Stopp-Fishing“ verloren gehen könnten, ist ein wesentlicher Aspekt des Handelns und sollte als wichtiger trendbestätigender Indikator mit berücksichtigt werden.

Unterschiedliche Arten von Verlusten

Verluste können systemimmanent notwendig sein, wenn sie auftreten z.B. weil sich die Marktsituation  geändert hat. Dies kann der Fall sein, wenn ein Aufwärttrend sich nicht weiter fortsetzt und eine Seitwärtsbewegung sich anschließt. Verluste können aber auch Folge von Fehler des Handels-Setups sein. In diesem Falle wären die Verluste Folge eines oder mehrer systematischer Fehler in der Handelsstrategie. Verluste können aber auch schlicht deshalb auftreten, weil die Transaktionskosten zu hoch sind oder ungeeignete Basiswerte gehandelt werden.

Depression und Suchtverhalten nach Verlusten

Schmerzliche finanzielle Verluste sind in der Regel mit depressiven Verstimmungen verbunden. Weiterhin kann aufgrund von Verlusten der intensive Drang entstehen, frühere erlittene Einbußen in möglichst kurzer Zeit wieder ausgleichen zu wollen. Dies führt unweigerlich zu zwanghaftem Anlegen bzw. Traden mit Suchtverhalten und ist häufig der Grund für noch größere Einbußen. Damit ist ein Teufelskreis verbunden, der über kurz oder lang in den finanziellen Ruin führen könnte. Eine Hilfe gegen Depression und/oder Suchtverhalten – vor allem, wenn sich Verluste oft wiederholen -, ist die Suche nach einem oder mehreren bisher unbekannten systematischen Fehlern, die bei falschen Anlageentscheidungen in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben könnten. Wenn Depression und/oder Suchtverhalten schon ausgeprägt sind, können auch Aspekte der klinischen Psychologie ins Finanzcoaching miteinbezogen werden.

Welche Ihrer Persönlichkeitszüge besser oder weniger gut zum effektiven Umgang mit Geld passen

In der Persönlichkeitspsychologie kommt man zur Konzeptualisierung verschiedenen Persönlichkeitstypen, indem man von dichothomisierten Eigenschaftspaaren ausgeht und dann ermittelt, welche Ausprägungen dieser Eigenschaftspaare in ihrer jeweiligen individuellen Kombination ein bestimmtes Profil ergeben. Mögliche dichothome Eigenschaftspaare, die im wirklichen Leben üblicherweise als Mischungsverhältnisse vorkommen, sind:

  1. Introvertiertheit versus Extrovertiertheit
  2. Entscheidung aufrund von detaillierter Einzelbeobachtung versus Entscheidung aufgrund von intuitiv ganzheitlicher Betrachtung
  3. eigenständiges Denken und Urteilen versus Rücksichtnahme auf die Gefühle der sozialen Gruppe im Denken und Handeln
  4. entscheidungswilliger Typ versus Typ des Informationssammlers
  5. psychische Instabilität versus psychische Stabilität
  6. paranoider (den Fehler bei anderen suchender) Typ versus depressiver (den Fehler bei sich selbst suchender) Typ
  7. intentionale Gerichtetheit versus Distanziertheit (negativ gefasst als schizoide intentionale Störung bzw. positiv gefasst als „Abgeschiedenheit/Being Detached“)
  8. im Umgang mit Stresssituationen Typ mit hohem Erregungspotential versus Typ mit geringem Erregungspotential
  9. Typ mit positiver Grundeinstellung versus Typ mit negativer Grundeinstellung
  10. dominanter Typ versus angepasster Typ

Die ersten vier Dichothomien stammen ursprünglich von C.G. Jung und wurden von Myers & Briggs zum Persönlichkeitstest ausgearbeitet, die sechste Dichothomie geht zurück auf Melanie Klein, die siebte auf den Philosophen Franz Brentano und den Neopsychoanalytiker Harald Schulz-Hencke bzw. Meister Eckart, die letzten drei Dichothomien wurden von Albert Merabian konzeptualisiert. Welche Ausprägungen bei Ihnen persönlich vorliegen, bestimmt u.a. auch ihren Umgang mit Geld bzw. Ihr Anlegerverhalten. Ein ausgearbeitetes Persönlichkeitsprofil kann in meiner Praxis erstellt werden. Im Anschluss daran lässt sich auch klären, welche Ihrer kombinierten Persönlichkeitszüge für ein von Ihnen favorisiertes Anlegerverhalten eher hinderlich und welche eher förderlich sein könnten.

Individuelle persönliche Stärken erfolgreich nutzen

Die Geldanlage kann aufgrund von verschiedenen  persönlichen Voraussetzungen erfolgreich sein. Insgesamt können vier Erfolgstypen unterschieden werden. A) Der kommunikative Anleger, der aus Gesprächen und Chats mit anderen wichtige Anregungen für die Bildung einer eigenen erfolgreichen Strategie extrahieren kann. B) Der individuell-kreative Anleger, der durch Intuition, Zufall oder Ausprobieren völlig neuartige erfolgreiche Strategien für sich entdeckt. C) Der regelbasierte Anleger, der vor allem durch disziplinierte Anwendung seiner Regeln erfolgreich ist. D) Der emotional stabile Anleger, der vor allem intuitiv und mit Gelassenheit seinen Plan verfolgt. Bei allen vier Typen kann es natürlich von Vorteil sein, wenn die Elemente der jeweils anderen drei Typn auch in Beimischung vorhanden sind. Dennoch ist es von Vorteil, sich der eigenen Hauptströmung bewusst zu sein, um sich selbst und den damit verbundenen eigenen Stil des Handelns besser einschätzen zu können.

Finanzcoaching in der Praxis

Ich biete Ihnen – wenn Sie speziellen Bedarf haben auch als Tradingcoach – eine praktische Anwendung der Finanzpsychologie im Finanzcoaching Beratungsgespräch in meiner Praxis in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Wenn Depression und Sucht als Folgen von wiederholt falschen Anlageentscheidungen bereits ausgeprägt sind, kann in meiner Praxis auch die klinische Psychologie neben der Finanzpsychologie miteinbezogen werden. Beim Finanzcoaching bzw. Tradercoaching werden die relevanten Problembereiche bei Entscheidungen rund um die Geldanlage einer detaillierten Analyse unterzogen, um in klärenden Gesprächen Lösungen für die Hindernisse zu finden, die Ihnen für einen rationalen und effektiven Umgang mit Geld bisher im Wege standen.

Ziele des Finanzcoachings in meiner Praxis sind:

  1. die Klärung der Frage, welcher Persönlichkeitstyp im Umgang mit Geld und Risikoentscheidungen Sie bisher waren und in Zukunft werden könnten oder möchten, und was Ihnen dabei im Weg steht
  2. die Stärkung des selbstverantwortlichen Umgangs mit dem eigenen Geld
  3. die Unterstützung für den Aufbau eines sinnvollen Risikomanagements bei Anlagen
  4. die Entwicklung von Lösungsstrategien für den sicheren Umgang mit Gefühlen und Affekten bei finanziellen Entscheidungen
  5. die umfassende Analyse möglicher kognitiver Verzerrungen in Entscheidungssituationen
  6. die Klärung, ob seelische Verletzungen in der Kindheit und/oder bestimmte Dispositionen wie Hochsensibilität oder ADS/ADHS  den Erfolg beim sinnvollen Umgang mit Geld beeinträchtigen könnten
  7. die Aufdeckung und der Abbau von Handlungszwängen, die z.B. in Form von schlechten Gewohnheiten zu systematischen Fehlern bei der Geldanlage führen

Bitte beachten Sie: Eine Anlageberatung findet im Rahmen des Finanzcoachings nicht statt und ebensowenig eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder anderen Finanzinstrumenten, die immer mit Risiken behaftet sind, was bei Fehlentscheidungen im schlimmsten Fall zu einem Totalverlust ihres Vermögens führen kann.

Eine Beratung zum weiteren Vorgehen ist in meiner Praxis online auch via Skype möglich.

Literatur zum Weiterlesen:

Gustave Le Bon: „Psychologie der Massen.“

Mark Douglas: „Trading in the Zone: Master the Market with Confidence, Discipline and a Winning Attitude.“

Gerd Gigerenzer: „Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft.“

Daniel Kahneman: „Schnelles Denken, langsames Denken.“

Jesse Livermore: „Das Spiel der Spiele.“

Charles MacKay: „Popular Delusions and the Madness of Crowds.“

Scott Plous: „The Psychology of Judgment and Decision Making.“

Brett Steenbarger: „Trading Psychology 2.0.“

Van K. Tharp: „Van Tharp on Systems & Trading Fundamentals.“

Joseph de la Vega: „Die Verwirrung der Verwirrungen.“

Dickson G. Watts: „Speculation As A Fine Art And Thoughts On Life.“

Weitere Buch-Empfehlungen

L. B. Raschke – 50 Time Tested Classic Stock Trading Rules

Dennis Gartman’s Trading Rules List

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