Finanzcoaching als Unterstützung zum psychologisch sinnvollen Umgang mit Finanzentscheidungen

Finanzcoaching ist angewandte Finanzpsychologie

Finanzcoaching als angewandte Finanzpsychologie adressiert das Problem, dass beim Umgang mit Geld häufig grundlegende Fehlannahmen vorhanden sind und im Zusammenhang damit auch fatale Fehlentscheidungen getroffen werden können , die in den Ruin führen, falls sie nicht rechtzeitig korrigiert werden. Zu möglichen Fehlannahmen und Fehlentscheidungen gehören:

  1. Es wird nicht genau genug zwischen konsumptiven Ausgaben, Investitionen und Anlagen unterschieden.
  2. Die unterschiedlichen Persönlichkeitsvariablen des Verantwortlichen werden nicht hinreichend als positive bzw. negative Voraussetzungen für die notwendigen Entscheidungsprozesse miteinbezogen.
  3. Die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen im Umgang mit Geld werden nicht berücksichtigt.
  4. Die eigene Unerfahrenheit mit Kapitalmärkten wird unterschätzt und die Fähigkeit sogenannter “Experten”, gute Empfehlungen für den Umgang mit Geld zu geben, wird überschätzt.
  5. Die naive Vorstellung, jemand anders werde schon besser wissen, wie mit dem eigenen Geld umzugehen sei, öffnet Betrügern Tür und Tor.
  6. Die unbewussten Bedeutungen des Geldes werden nicht in ihrer Wirkmächtigkeit erkannt – insbesondere, dass der Umgang mit Geld starke irrationale Gefühle und Affekte auslösen kann (Angst, Gier, Angebertum, Neid, Konkurrenz, Rachsucht, Hoffnung, Sorglosigkeit, Selbstüberschätzung, Aufgeregtheit, Panik u.a.), was den rationalen Umgang mit dem Ersparten einschränkt.
  7. Beim Umgang mit Geld wirken sich häufig bestimmte Phänomene aus, die als kognitive Verzerrungen bekannt sind. Sie rühren nicht selten daher, dass unbewusste Motive rationale Aspekte überlagern und damit verzerren.

Persönlichkeitstypen im Umgang mit Geld

Der risikoaffine Konsumententyp will sich vor allem etwas gönnen und geht dabei sehr sorglos mit Geld um. Ersparnisse erachtet er als überflüssig und hält Ratenverträge für die beste Erfindung, die von der Finanzindustrie jemals erdacht wurde. Dieser Typ ist in großem Maße von Privatinsolvenz gefährdet.

Der Sparer- und zurückhaltende Konsumententyp legt alles zurück, was er entbehren kann und gönnt sich fast nichts. Er spart vielleicht, um sich später mal ein Haus kaufen zu können. Er unterliegt dem latenten Risiko, dass er den Umgang mit Geld nicht ausreichend übt, sondern eher vermeidet und in Zeiten mit extrem niedrigen Zinsen eher auf der Seite der Verlierer ist.

Der Sparer- und freigiebige Konsumententyp legt alles zurück, was er im Moment entbehren kann, um wieder genug Geld zusammen zu haben für eine große Reise oder  ein schnelles Auto. Nach starken konsumtiven Ausgaben ist er erst mal wieder pleite oder hat sogar Schulden und muss mit dem Sparen wieder von vorn anfangen bis wieder alles auf einen Schlag ausgegeben werden kann. Dieser Typ kann trotz seiner intensiven Sparanstrengungen unmöglich zu nachhaltiger finanzieller Sicherheit gelangen.

Der Investor- und risikoaffine Konsumententyp ist zunächst am Aufbau eines eigenen Betriebs, einer Praxis oder einer Kanzlei interessiert und verwechselt dann aber Bruttoeinnahmen mit Nettoeinnahmen. Wenn es darum geht, am Ende des Jahres die Steuern zu bezahlen, muss er feststellen, dass er seine gesamten Bruttoeinnahmen für konsumtive Ausgaben, z.B. ein schnelles Auto, eine luxuriöse Fernreise oder teure Geschenke ausgegeben hat. Dieser Typ ist in großer Gefahr, trotz intensiver und harter Arbeit alles wieder zu verlieren und am Ende gezwungen zu sein, im Wohnwagen zu leben.

Der Investor- und Sparertyp ist auch am Aufbau eines eigenen Betriebs, einer Praxis oder einer Kanzlei interessiert, legt dann aber von dem was nach dem Bezahlen der Steuer übrig bleibt, alles auf die hohe Kante. Dieser Typ begibt sich in das Risiko, dass er trotz einiger Ersparnisse nur ein bescheidenes Leben führen kann, weil er Anlagemöglichkeiten nicht ausreichend erkundet hat. Das Risiko dieser Form von Mittelstandsverarmung wächst bei niedrigem Zinsniveau.

Der risikoaffine Anlegertyp will vor allem schnell reich werden. Er legt zu viel Geld in vermeintlich günstigen Situationen in wenigen Anlageklassen an, ohne sich mit den entsprechenden Anlagegütern intensiv genug beschäftigt zu haben. Er handelt vielleicht sogar nur aufgrund einer Empfehlung, eines heißen Tipps oder wird Opfer eines Anlagebetrugs. Dieser Anlegertyp kann ebenso wie der risikoaffine Konsumententyp in der Privatinsolvenz enden, wenn er nicht rechtzeitig gegensteuert und Risiken begrenzt. Handelt er zudem hektisch und ist von einer phlegmatischer Grundeinstellung beherrscht (entsprechend der Ideologie, „die Kapitalmärkte für sich arbeiten zu lassen“), ist ein Totalverlust nicht ausgeschlossen.

Der risikoaverse Anlegertyp strebt auf der Basis von kleinen Ersparnissen durch vorsichtiges und kluges Kaufen und gegebenenfalls auch Verkaufen von Anlagegütern nach finanzieller Sicherheit. Das Risiko dieses Typs ist, dass  er sich zu sehr auf einzelne Anlageklassen konzentriert und zu wenig diversifiziert. Darüber hinaus entscheidend für den Anlageerfolg dieses Persönlichkeitstyps in Finanzangelegenheiten ist nicht zuletzt seine mentale Einstellung  in Bezug auf gelassene Flexibilität, Hektik oder Phlegma bei Risikoentscheidungen.

Der risikobewusste Anlegertyp strebt auf der Basis von soliden Ersparnissen durch vorsichtiges und kluges Handeln  von Anlagegütern nach rationalen Kriterien. Seine mentale Einstellung  ist die einer gelassenen Flexibilität bei Risikoentscheidungen. Er ist bereit und fähig, Risiken bewusst und kalkuliert einzugehen und zu begrenzen, um sich seine finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit nachhaltig zu bewahren.

Beispiele für kognitive Verzerrungen

Unbewusste Prozesse und andere Faktoren können rationale Entscheidungen unbemerkt beeinflussen. Im folgenden sollen einige Beispiele für diese Effekte kurz angesprochen werden.

Ankereffekt: Die Wahrnehmung einer Anfangssequenz, eines ersten Eindrucks, kann den Blick trüben für die Wahrnehmung der größeren Zusammenhänge sowohl in Bezug auf die Historie als auch auf die Komplexität der Preisentwicklung einer Anlage.

Rezenzeffekt: Die letzten Erfahrungen werden in der Regel überbewertet und damit ältere Erfahrungen überschrieben. Das zuletzt Erlebte wird häufig als wichtiger angesehen als frühere Erfahrungen. Dies behindert ein effektives Lernen aus Erfahrungen.

Bestätigungseffekt: In Konfliktsituationen sucht man selektiv nach Bestätigung  der eigenen Auffassung und ist weniger zugänglich für relativierende Informationen.

Rationalisierungseffekt nach einem Kauf/Verkauf. Nach einer Anlageentscheidung immunisierte man sich gegen Zweifel.

Mitläufereffekt: Die Auffassungen anderer und deren Handlungen wirken unwillkürlich und unbewusst auf die eigenen Entscheidungen ein.

Verlustaversionseffekt: Wenn man einen Verlust erleidet, fühlt man sich in der Regel schlecht. Deshalb versucht man auch bei falschen Anlagen, Verluste nicht zu realisieren und läuft damit Gefahr, dass sie sich ausweiten.

Attributionsfehlereffekt: Positive Ergebnisse werden in der Regel eigenen Kompetenzen zugeschrieben, während negative Ergebnisse den Umgebungsvariablen angelastet werden.

Kontrollillusionseffekt: Auch in einer Situation, die man objektiv nicht beeinflussen kann, entsteht die irrige Vorstellung, sie durch Beratung, Berechnung etc. dennoch kontrollieren zu können.

Rückschaufehlereffekt: Im Nachhinein werden Ergebnisse häufig so erinnert oder nachvollzogen, als habe man die Entwicklung rechtzeitig kommen sehen oder als hätte man sie rechtzeitig kommen sehen können.

Sentimenteffekt: Anleger „verlieben“ sich in eine Vorstellung, wie die Märkte sich entwickeln sollten. Wenn rationale Gründe dagegen sprechen, können sie sich nur schwer von ihrer Auffassung lösen.

„Blinder Fleck“-Effekt: Genereller Effekt, der sich prinzipiell immer dann auswirkt, wenn man irgendeinen Aspekt der Anlage nicht bedacht hat.

Ursachen für Sorglosigkeit in Finanzfragen

Als Ursachen für Sorglosigkeit im Umgang mit Geld können verschiedene Aspekte erwähnt werden. Zum einen gehört hierzu, dass sich der wohlhabende Anlager vermeintlich mit einem guten Finanzpuffer ausgestattet sieht und deshalb meint, größere Risiken meint eingehen zu können oder auf gut Glück zu handeln bzw. einer Ahnung zu folgen. Es wird übersehen, dass selbst größere Beträge schnell zusammenschmelzen, wenn wiederholt falsche Entscheidungen getroffen werden.

Ähnlich wirkt sich ein zufälliger satter Gewinn bei einer Geldanlage aus, der ebenfalls zu vermehrter Sorglosigkeit führen kann, wenn der Anleger irrtümlich den Erfolg seiner Person zuordnet und nicht seiner Methode.

Ein weiterer Grund für Sorglosigkeit ist die vermeintliche umfassende Kenntnis von der Anlage. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Preisentwicklung einer Anlage von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist, die in ihrer Gesamtheit von niemandem vollständig übersehen werden können. Auch Gesetzmäßigkeiten für Anlageentscheidungen, die in früheren Zeiten immer sicher funktionierten, können in einer bestimmten Ausnahmesituation außer Kraft gesetzt werden (Black Swan Phänomen). Es ist deshalb wichtig, bisher mögliche unbekannten Faktoren in ihrer überraschenden Wirksamkeit mit einzubeziehen, um Sorglosigkeit zu vermeiden.

Gerade auch Erfolgsmenschen handeln oft sorglos

Sorglos verhalten sich auch häufig Anleger, die es in anderen Bereichen des Berufslebens zu großen Erfolgen gebracht haben und daraus irrtümlich schließen, dass ihnen die Wiederholung dieses Erfolgs im Finanzbereich ebenfalls leicht gelingen kann. Besonders fatal wirkt sich dieser Irrtum aus, wenn der bisherige Erfolg im Beruf insbesondere auf Charisma und Dominanz begründet war. Persönlichkeiten dieser Art verstehen oft lange nicht, dass sich die Finanzmärkte nicht so wie leichtgläubige oder untergebene Menschen beherrschen und beeindrucken lassen.

Sentimenteffekte verführen auch häufig zur Sorglosigkeit, wenn Investoren der festen Überzeugung sind, dass der bisherige Trend sich sicher fortsetzen wird oder umgekehrt, dass der bisherige Trend vermeintlich an sein vorläufiges Ende gekommen ist.

Depression und Suchtverhalten nach Verlusten

Schmerzliche finanzielle Verluste sind in der Regel mit depressiven Verstimmungen verbunden. Weiterhin kann aufgrund von Verlusten der intensive Drang entstehen, frühere erlittene Einbußen in möglichst kurzer Zeit wieder ausgleichen zu wollen. Dies führt unweigerlich zu zwanghaftem Anlegen mit Suchtverhalten und ist häufig der Grund für noch größere Einbußen. Damit ist ein Teufelskreis verbunden, der über kurz oder lang in den finanziellen Ruin führen könnte. Eine Hilfe gegen Depression und/oder Suchtverhalten – vor allem, wenn sich Verluste oft wiederholen -, ist die Suche nach einem oder mehreren bisher unbekannten systematischen Fehlern, die bei falschen Anlageentscheidungen in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben könnten. Wenn Depression und/oder Suchtverhalten schon ausgeprägt sind, können auch Aspekte der klinischen Psychologie ins Finanzcoaching miteinbezogen werden.

Finanzcoaching in der Praxis

Ich biete Ihnen eine praktische Anwendung der Finanzpsychologie im Finanzcoaching Beratungsgespräch in meiner Praxis in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf. Wenn Depression und Sucht als Folgen von falschen Anlageentscheidungen bereits ausgeprägt sind, kann auch die klinische Psychologie neben der Finanzpsychologie miteinbezogen werden. Beim Finanzcoaching werden die relevanten Problembereiche bei Entscheidungen rund um die Geldgeldanlage einer detaillierten Analyse unterzogen, um in klärenden Gesprächen Lösungen für die Hindernisse zu finden, die Ihnen für einen rationalen und effektiven Umgang mit Geld bisher im Wege standen.

Ziele des Finanzcoaching sind:

  1. die Klärung der Frage, welcher Persönlichkeitstyp im Umgang mit Geld und Risikoentscheidungen Sie bisher waren und in Zukunft werden könnten oder möchten, und was Ihnen dabei im Weg steht
  2. die Stärkung des selbstverantwortlichen Umgangs mit dem eigenen Geld
  3. die Unterstützung für den Aufbau eines sinnvollen Risikomanagements bei Anlagen
  4. die Entwicklung von Lösungsstrategien für den sicheren Umgang mit Gefühlen und Affekten bei finanziellen Entscheidungen
  5. die umfassende Analyse möglicher kognitiver Verzerrungen in Entscheidungssituationen
  6. die Klärung, ob bestimmte Dispositionen wie ADS/ADHS in der Kindheit oder mit Restsymptomatik im Erwachsenenleben den Erfolg im sinnvollen Umgang mit Geld beeinträchtigen könnten

Bitte beachten Sie: Eine Anlageberatung findet im Rahmen des Finanzcoachings nicht statt !

Eine Beratung zum weiteren Vorgehen ist in meiner Praxis online auch via Skype möglich.

Literatur zum Weiterlesen:

Mark Douglas: „Trading in the Zone: Master the Market with Confidence, Discipline and a Winning Attitude“.

Gerd Gigerenzer: „Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft.“

Douglas W. Hubbart: „The failure of Risk Management“.

Daniel Kahneman: „Schnelles Denken, langsames Denken“.

Jesse Livermore: „Das Spiel der Spiele“.

Roger Lowenstein: „When Genius failed“.

Nassim Nicholas Taleb: „Der schwarze Schwan“.

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